Merkliste Corona I – China

Wenn Corona Alltag geworden ist, wenn wir in unserem doch sehr feinen Land wieder über anderes reden, wenn es daran geht, es aufzuarbeiten, dann müssen wir ein paar Sachen bewahrt haben und mitnehmen. Ein Merksatz für mich:

Lasst China nicht so davon kommen

November 2019: es gibt die ersten Meldungen v über eine beunruhigende Epidemie. Im Dezember berichtet der Arzt Li Wenliang über den Ausbruch einer neuen Lungenkrankheit. Er wird verwarnt, bedroht, stirbt später an den Folgen der Infektion.

Das angeblich so knallharte und vorbildliche System schließt erst am 23.1. den Flughafen von Wuhan, zuvor sind viele Menschen fürs chinesische Neujahrsfest durch das Land gereist. Chinesen und Ausländer in alle Teile der Welt.

Und eigentliche Versäumnisse liegen Jahre zurück: die chinesischen Wet-Markets, auf denen Wild- und Stalltiere lebend angeboten und dann geschlachtet werden, waren schon lange als Risikoquelle identifiziert.

Seit dem Hoch der restriktivsten Maßnahmen sind die Zahlen in China angeblich gefallen. Extrem. Kaum noch Neuinfektionen, kaum Tote. Insgesamt nicht zu viele Opfer.

Doch es gibt tapfere Augenzeugen und ihre Berichte:

Li Zehua machte heimlich Aufnahmen von einer langen Reihe von dröhnenden Öfen, die damals bereits länger als einen Monat Tag und Nacht in Betrieb waren. Li Zehua sagte: Innerhalb von 38 Tagen wurde die offizielle Zahl von verstorbenen Lungenpatienten in Wuhan mit durchschnittlich vierzig pro Tag angegeben. Es waren aber 74 Krematoriumsöfen in Betrieb, das müsste auch bei zehnmal mehr Toten reichen. Wieso brauchte man dann aber noch Überstunden und zusätzliche Arbeitskräfte?

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wahrheit-von-wuhan-wieso-gibt-s-ueberstunden-im-krematorium-16665632.html

Li Zehua ist verschwunden, nach einer Verfolgung durch die Sicherheitsbehörden. Er ist nicht alleine.

Auch der Video-Blogger Fang Bin wurde festgenommen, nachdem er mit dem Handy dramatische Szenen vor und in Krankenhäusern in Wuhan gefilmt hatte. Ebenso der Anwalt und Bürgerjournalist Chen Qiushi. Er hatte aus Wuhan berichtet und ist verschwunden.

https://www.wiesbadener-kurier.de/politik/deutschland/gastbeitrag-von-christian-nurnberger-nichts-als-lugen-aus-peking_21507764

Dem Artikel von Christian Nürnberger kann ich nur vollumfänglich zustimmen:

Die EU, die Medien, die Demokraten dieser Welt können Chinas Dreistigkeit nicht unterbinden, aber effektiv parieren durch ganz einfaches, beharrliches Fragen: Wo ist Li Zehua? Was ist mit Fang Bin? Wie geht es Chen Qiushi? Was ist mit all den anderen Journalisten, die nur deshalb in Chinas Gefängnissen sitzen, weil sie ihren Beruf ausüben wollten? Und: Li Wenliang werden wir nicht vergessen. Schließlich wäre China noch zu sagen: Gerade in Zeiten wie diesen, in denen es auf Nachrichten ankommt, nach denen man sich als Bürger wirklich richten kann, sind Demokratien mit einer freien Presse jeder Diktatur überlegen.

ebd.

Auch die ZEIT konstatiert: „Ein krankes System“:

In wenigen Tagen müssen mehr als ein Dutzend China-Korrespondenten der New York Times, der Washington Post und des Wall Street Journal das Land verlassen. Es sind gerade diese Zeitungen, die am gründlichsten und besten aus der Volksrepublik berichten, über die Korruption in höchsten Parteikreisen, die Verfolgung von Menschenrechtsanwälten, die Internierungslager in Xinjiang – und über den Ausbruch des Coronavirus. Ohne sie und die wenigen anderen Medien ihres Ranges wüssten wir nicht halb so viel über das wahre China.

https://www.zeit.de/2020/14/china-coronavirus-aussenpolitik-meinungsfreiheit-pressefreiheit

Der Ausblick, den Sebastian Heilmann gibt, muss Sorgen machen:

Heilmann: Sofern es keine neuen Infektionswellen in China gibt und es in den USA chaotische Zustände geben sollte, werden Xi und die KP definitiv gestärkt aus der Pandemie hervorgehen. Wenn die amerikanische Wirtschaft und der US-Dollar infolge der Pandemie schwer beschädigt werden, dann wird China als Gewinner aus dem Systemvergleich hervorgehen. Wenn es so kommt, werden wir danach auf einem anderen Planeten leben, mit gänzlich anderen politischen und wirtschaftlichen Kräfteverhältnissen als vor der Pandemie.

https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/china-coronavirus-propaganda-epidemie-wirtschaft-usa/komplettansicht

Es ist aber auch denkbar, dass die ökonomischen Folgen andere sind: die Frage, ob es eine gute Idee war, China als Werkbank der Welt zu nutzen, wird zu stellen sein. im Makronom-Magazin wird über Schlussfolgerungen diskutiert:

Das Ausmaß der internationalen Arbeitsteilung wird zurückgehen. Die bisherige internationale Arbeitsteilung basiert stark darauf, Produktionsorte dort anzusiedeln, wo die Kosten am niedrigsten sind. Theoretisch ergibt sich aus den damit verbundenen Effizienzüberlegungen für jedes Land ein optimales Ausmaß der internationalen Arbeitsteilung. Die Corona-Pandemie wird die Grundlagen der entsprechenden Entscheidungen – sowohl aus Sicht der Unternehmen als auch aus Sicht der gesamten Gesellschaft – verändern und das optimale Ausmaß der internationalen Arbeitsteilung für Länder wie Deutschland verringern. (…)

Die voraussichtliche Folge: Das Reshoring, die Rückverlagerung von Produktionsschritten aus Niedriglohnländern in Hochlohnländer, nimmt zu.

https://makronom.de/fuenf-moegliche-auswirkungen-der-corona-krise-auf-die-internationale-arbeitsteilung-35554

Das wird China nicht mehr zu hart treffen, da das Land inzwischen selbst zum Hochtechnologie-Standort geworden ist. Aber etwa die Skepsis gegenüber Zulieferern wie Huawei bei 5G wird noch weiter steigen, auch wenn das Land derzeit alles tut um als hilfsbereiter, treuer Handelspartner dazustehen: wir haben es mit einer Diktatur mit angeschlossener Marktwirtschaft zu tun. Nichts passiert ohne das Wohlwollen der Führung in Peking.

Ich bin nicht immer, eigentlich sogar eher selten mit Josef Joffe einer Meinung, aber hier hat er recht:

Demokratien mögen blind, blöd und wankelmütig sein, aber sie haben einen kostbaren Vorteil. Totalitäre wie Hitler und Stalin mobilisieren die Körper, Demokratien die Köpfe – was man „Partizipation“ nennt. Der freie Widerstreit der Interessen und Ideen produziert in der Krise lebensrettende Erkenntnisse und Techniken. Milliarden aus öffentlicher Hand sind zwar unabdinglich, aber die liefert der freie Staat genauso großzügig wie der autoritäre. Den Preis der Unterwerfung müssen die Demokratien nicht zahlen.

https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-04/coronavirus-china-demokratie-diktatur

Wir dürfen Sie nicht davonkommen lassen.

Foto: Photo by Li Yang on Unsplash