Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

14. April 2019
von Michael Scheuch
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Meine Doku-Playlist I

So, hier meine Dokuempfehlungen der Woche:

Das vergessene Amerika – am Beispiel Dayton Ohio wird gut erklärt, was Globalisierung ist und wie es im Rust Belt zugeht – und warum dort Trump gewählt wurde:

Pros: Einblick ins Leben der Menschen, historischer Rückblick, der chinesische Milliardär

Öl, Macht und Religion – Die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und dem Iran seit 1979.

Pros: Martin Shmith hat hochkarätige Gesprächspartner, viel historischer Überblick, immer mit Gegenwartsbezug.

Rotes Gold – Die Geheimnisse der Tomatenindustrie

Auch hier: die Globalisierung im Supermarktregal. Eine Spurensuche und ein guter Überblick.

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7. April 2019
von Michael Scheuch
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Studies from hell: Wir werden alle sterben!

Zumindest das ist, auch wenn man das bedauern mag, unbestreitbar.

Obwohl: ich habe manchmal bei Studien zu „Todesursachen“ und deren Wahrnehmung den Eindruck, man könne, indem man, sagen wir, irgendeinen Lebensfaktor streicht, Trinken, Rauchen, Essen, gar nicht mehr sterben.

Die aktuelle „Studie“ sagt: ungesunde Ernährung tötet mehr Menschen als das Rauchen. Beispielhaft der Artikel bei der Süddeutschen, aber wie bei jeder derartigen Studie gibt es großes Hallo in allen Redaktionen:

Auf Kosten schlechter und unausgewogener Ernährung geht demnach jeder fünfte Todesfall weltweit. Das Ausmaß des Leidens summiert sich damit auf jährlich ungefähr elf Millionen Tote und 255 Millionen beeinträchtigte Lebensjahre rund um den Globus.
„Die Studie bestätigt, was wir lange vermutet haben“, sagt Christopher Murray vom Institute of Health Metrics und Evaluation von der University of Washington, das federführend an der Auswertung beteiligt war. „Schlechte Ernährung fordert weltweit mehr Tote als jeder andere Risikofaktor.“

https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/ernaehrung-risikofaktor-todesfaelle-1.4396727

Ich darf also wieder Rauchen gehen.

Die Wissenschaftler hatten 15 Faktoren ausgewertet, mit denen sich die Qualität der Ernährung gut erfassen lässt. Gesundes Essen zeichnet sich demnach dadurch aus, dass es viele Früchte, Vollkorn, Nüsse und Samen sowie ausreichend Obst und Gemüse enthält und nicht so viel rotes Fleisch, Salz und gesüßte Getränke konsumiert werden. Außerdem sind mehrfach ungesättigte Fettsäuren zu empfehlen, wie sie in fettem Seefisch und vielen Pflanzenölen enthalten sind.

https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/ernaehrung-risikofaktor-todesfaelle-1.4396727

Das ist naturgemäß wieder ganz tückisch, weil 1. die Menschen Auskunft über ihre Ernährungsweise über einen langen Zeitraum geben müssen und es traditionell schwierig ist, ob die ihren Konsum auch richtig angeben. Und 2. hier schon Vorannahmen getroffen werden, was „gut“ und was „schlecht“ sei.

Ich danke Richard Friebe vom Tagesspiegel, der mit der gebotenen gesunden Skepsis an die Veröffentlichung herangeht. Das Problem ist nämlich gerne, dass die Studien sich auf einen Faktor, hier die Ernährung, konzentrieren und andere, Lebensstandard, Luftqualität etc, außer acht lassen, und, wie immer, wird aus Korrelation gerne Kausalität.

Es ist nicht die einzige Beschränkung solcher Berechnungen. Der Hauptkiller, den die Studienautoren um Christopher Murray von der University of Washington ausgemacht haben, ist bei Fachleuten höchst umstritten. Drei Millionen Todesfälle soll allein zu hoher Salzkonsum pro Jahr verursachen. Jüngere Studiendaten und neue Auswertungen existierender Studien legen aber etwas anderes nahe: Tägliche Salzmengen von sechs Gramm oder ein bisschen mehr, die die Autoren der Lancet-Studie bereits als problematisch einstufen, scheinen Personen ohne spezielle Vorerkrankungen jedenfalls gar nichts auszumachen. Es mehren sich vielmehr die Hinweise, dass die empfohlenen geringen Mengen von gut drei Gramm sogar ungesund sein könnten

https://www.tagesspiegel.de/wissen/ungesunde-ernaehrung-nur-killer-auf-dem-teller/24183518.html

Irritierend mag für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, von mir gerne als Ökotrophologen-Taliban bezeichnet, das hier sein:

Zu viel Fleisch und Softdrinks hatten jedoch im Vergleich zu den zuvor genannten Faktoren weniger nachteilige Effekte. „Im Mittelpunkt der politischen Debatten standen in den vergangenen Jahrzehnten Fett, Zucker, Salz, dabei zeigt unsere Erhebung, dass der Mangel an gesunden Nahrungsmitteln ein größerer Risikofaktor ist“, sagt Murray.

https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/ernaehrung-risikofaktor-todesfaelle-1.4396727

Das würde ich aber gerne auch unter: kann sein, kann auch nicht sein, abbuchen.

Die Frage ist, was ist denn die häufigste Todesursache, wenn wir alle Studienergebnisse ernst genommen haben und das Leben aller Menschen radikal geändert haben? Oder sterben wir gar nicht mehr?

Noch ein Lesetipp von mir zum Thema „Modeerscheinungen beim Essen“: der radikale Udo Pollmer zur Zwangs-veganen Ernährung von Schweinen:

Natürlich liegt die miese Fettqualität auch daran, dass der Gesetzgeber eine artgerechte Fütterung verboten hat. Den Schweinen wird heute eine strikt vegane Kost mit viel Soja verabfolgt, obwohl dies den Tatbestand der Tierquälerei erfüllt. Denn eine vegane Fütterung ist bei Allesfressern nicht artgerecht – stört aber keinen Tierschützer. Begonnen hatte der Irrsinn mit der Idee vom fettarmen Schwein. Die Ärzteschaft drohte damals der Bevölkerung mit dem Herztod durch Cholesterin, die Metzger reichten die Forderung an die Mäster weiter und diese an die Züchter. Heraus kam ein Borstenvieh, das wider seine Natur schlank war und – krank. Die Tiere waren so stressanfällig, dass sie krepierten, wenn bloß eine Stalltür zuflog.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/udo-pollmers-mahlzeit-veganes-futter-fuer-schweine-ist.3522.de.html?dram:article_id=445612

Photo by George Zvanelli on Unsplash

5. April 2019
von Michael Scheuch
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Unbehagen

Ich will nur kurz ganz meinem Unbehagen darüber Ausdruck verleihen, dass Jasper von Altenbockum von der FAZ im Umgang mit der extremen Rechten alle die verunglimpft, die sich dem Kuschelkurs der AFD gegenüber verweigern. Etwa im Kommentar „Widersinnige Ausgrenzung“ zur Nicht-Wahl einer AfD Vertreterin zum Bundestagspräsidium:

Die Ausgrenzung, die sie praktizieren, ist, was die Integrationskraft des Parlaments angeht, selbstzerstörerisch.

https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kommentar-zu-afd-politikerin-mariana-harder-kuehnel-widersinnige-ausgrenzung-16124684.html

Ist es Aufgabe des Bundestages, Integrationsleistungen zu erbringen? Davon habe ich nichts gehört. Und wie der Versuch, Rechte zu „integrieren“ und damit zu normalisieren aussehen kann, dazu gibt es Vorbilder. Und das mit dem „aus dem Bundestag ausziehen“ haben andere vorgemacht

Er warnt die „Weltöffentlichkeit“, dieses Parlament noch ernst zu nehmen und droht den Vertretern des Zentrums wörtlich: „Es kommt der Tag, und er kommt sehr bald, an dem Ihnen für Ihr schamloses Verhalten die Quittung ausgestellt werden wird, die Sie verdienen! Wir verlassen zum Protest gegen Ihre Handlungsweise den Saal.“ Während die von Stöhr geführten Abgeordneten aufstehen, rufen sie „Heil!“ und singen die NS-Hymne, das Horst-Wessel-Lied.


https://www.swr.de/swr2/wissen/archivradio/der-reichstag-vor-hitler-1931-nsdap-droht-und-verlaesst-das-parlament-und-singt-horst-wessel-lied/-/id=2847740/did=21050146/nid=2847740/a5ppyw/index.html

Noch bedenklicher finde ich allerdings, dass JvA alle Erkenntnisse über die Frage der Toleranz gegenüber Intoleranten fahren lässt, wenn er die SPD auffordert, Thilo Sarazzin weiterhin eine Bühne zu bieten:

Über die Thesen Sarrazins lässt sich trefflich streiten. Was ist aber aus der SPD geworden, dass sie dazu weder in der Lage noch willens noch fähig ist? Man fragt sich: Was ist intoleranter, die Islam-Feindschaft Sarrazins oder die Sarrazin-Feindschaft der SPD?

https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/thilo-sarrazin-mit-rest-afd-im-blut-kommentar-16119320.html

Erstens: es lässt sich nicht mehr trefflich streiten, denn alle Argumente sind ausgetauscht, seine falschen und irreführenden „Fakten“ aufgedeckt. Das muss man nicht wieder und wieder tun, auch zu seinem neuen Buch wurde, auch in der FAZ, alles gesagt. Und zum Thema Toleranz gegenüber den Feinden der Toleranz auch. Karl Popper:

Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.


https://www.welt.de/print-welt/article154640/Karl-Popper-ueber-Toleranz.html
https://www.welt.de/print-welt/article154640/Karl-Popper-ueber-Toleranz.html

Damit stellt sich die Frage nicht.

[Update 5.4.]

Die Reaktionen der AFD zeigen nur, dass man sie nicht eher nicht normalisieren sollte:




Lesenswert:

Vielen ging der „Vogelschiss“ des Parteivorsitzenden zu weit. Wer wie Alexander Gauland die deutsche Geschichte zu relativieren sucht, wer nicht in der Lage oder nicht Willens ist, den nationalistischen rechten Flügel zu bändigen oder Rechtsaußen wie Björn Höcke aus der Partei zu schmeißen, braucht sich über den heutigen Protest nicht zu wundern.

https://www.deutschlandfunk.de/wahl-zur-bundestagsvizepraesidentin-das-nein-fuer-harder.720.de.html?dram:article_id=445517

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28. März 2019
von Michael Scheuch
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To-Do Liste für die EU

Okay, jetzt haben wir diese „Urheberrechtsreform“, die ja keine echte ist, sondern nur versucht alles so zu lassen, wie es schon immer war. Sascha Lobo hat das ausreichend beschrieben.

Ich persönlich bin sauer, weil wohl zukünftig meine VG Wort-Einnahmen beschnitten werden, danke, ihr Streiter für Kreative und Urheber, für gar nichts. Ich teste gerade WEME.com als Facebook Ersatz, und die Usability ist wirklich gut, aber: es fehlen halt leider die User. Doch wie wird dieses Netzwerk, dass sich Privatsphäre auf die Fahnen geschrieben hat, mit den neuen Uploadfiltervorgaben umgehen? Sehr spannend. Oder auch nicht.

Aber, jetzt wo die EU Parlamentarier so tapfer gegen die Großmächte aus den USA gekämpft haben und dabei Kollateralschäden in Kauf nehmen, gäbe es doch noch so viel zu tun.

Es ist übrigens ein, von Voss & Co. genährter Irrtum anzunehmen, dass die, die Artikel 13 katastrophal fanden automatisch alles gut finden, was Google, FB und die anderen anstellen. Das ist, wirklich, nicht so. Aber es nutzt ja nix, so lange man als Bot dargestellt wird, oder als von bösen Mächten verführter und manipulierter Idiot.

Eprivacy

Nach der enorm misslungenen DSGVO, die unterschiedslos Klein und Groß gleich behandelt hat, wäre es eigentlich an der Zeit für die Eprivacy-Richtlinie gewesen, Regelungen, die Nutzern die Kontrolle über die Datensammelwut im Netz zurückgeben, und etwa festlegen, dass „Do Not Track“ im Netz einfach wirklich „Do Not Track“ bedeutet.

Hier wird es zu einer Allianz der bisher verfemten Googles & Co. mit den mächtigen Verlegern kommen: denn den Nutzer auszuspionieren, das scheint irgendwie Common Sense zu sein. Springer und Döpfner haben sich schon positioniert. Und alles dafür getan, dass sich da nix tut.

Und da den Verlagen das nicht passt, wird im Gegensatz zur Urheberrechtsreform sicherlich in der veröffentlichen Meinung schnell wieder von „Regelungswut“ und „EU soll sich da raushalten“ die Rede sein.

Aber am liebsten wollen die entsprechenden Lobbygruppen von Marketingverbänden, Verlagen, Datensammlern, Google, Facebook, Amazon und so weiter das Ganze bis zum Sankt Nimmerleinstag verschieben

Biometrie

Die EU muss alle Fragen rund um Gesichts- und Spracherkennung dringend klären. Die Menschen müssen die Kontrolle darüber behalten, wer biografische Daten über sie speichert, und nicht nur, indem sie irgendeiner der AGB-Änderungen so nebenbei zustimmen. Alle schauen nach China und finden das Social Score-System erschreckend, aber hierzulande und in der ganzen Welt werden entsprechende Systeme gebaut. Das darf nicht sein. Biometrische Daten eines Menschen sind etwas sehr Intimes, wenn es in einem Bereich informationelle Selbstbestimmung braucht, dann hier. Also: schlagt den Konzernen die Biometrie aus den Händen (und regelt das für Staaten mit größtmöglicher Zurückhaltung.

Demokratie gegen Kampagnen schützen

Keine Idee von mir:

Alle sozialen Netzwerke müssen gezwungen werden, jede geschaltete Werbung in einer Datenbank verfügbar und durchsuchbar zu machen, zusammen mit den Informationen, wer, wann und für welche Zielgruppen die Anzeige geschaltet hat. Nur so lassen sich Kampagnen entdecken, die sich Beispielsweise nur an radikale Rechte wenden. Diese Anzeigen bekommt ja sonst weder ein Journalist oder auch ein Staatsanwalt zu sehen.

Das ist alles andere als unzumutbar, würde dagegen helfen, dass in den kommenden Jahren wieder und wieder Kampagnen laufen, die das demokratische System bedrohen.

Die Aufzählung ist unvollständig. Es gibt systemkonforme Regulationsansätze, die das Internet nicht kaputt machen, aber Probleme adressieren. Wenn nur endlich mal jemand auf entsprechende Wissenschaftler hören würde, denn es gibt noch viele Felder, auf denen intelligente Ansätze verfügbar sind.

[Minor Update]: Was Facebook da freiwillig macht ist natürlich zu wenig: die Datenbanken müssen offen, durchsuchbar, mit validen Meta-Daten versehen sein.

[Major Update]

Besteuerung

Während die EU sagt, dass man in Sachen Datenschutz und „Leistungsschutzrecht“ weltweite Standards setzen möchte, ist man bei Digitalsteuern für Konzerne, so etwas wie Steuergerechtigkeit, mehr als zögerlich. Selbst wenn die oft gescholtene EU-Komission Vorschläge macht – den Mitgliedsstaaten und allen voran Deutschland ist das unangenehm.

Hier, nicht etwa beim Copyright, wird auf den Sankt Nimmerleinstag bzw. auf irgendwann:

Vernünftiger sei hier der Schulterschluss mit den USA, machte unter anderem Bundesfinanzminster Olaf Scholz (SPD) deutlich – und schiebt damit eine Entscheidung nur auf. Sollte sich lediglich bis 2020 keine globale Lösung abzeichnen, hält der Minister einen europäischen gemeinschaftlichen Weg für vertretbar. 

https://t3n.de/news/digitalsteuer-scholz-grossen-1123165/

Was an Olaf Scholz noch sozialdemokratisch sein soll gehört zu den am Besten gehüteten Geheimnissen der SPD.

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17. März 2019
von Michael Scheuch
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Meine Leseliste 2019 (2) – Hannibal – Neuseeland – KI

Rechtes Netzwerk

Ich weiß auch nicht genau, woran es liegt: die Recherchen der taz zu merkwürdigen Netzwerken auf rechter Seite, in denen“Elite“-Soldaten, Polizisten etc. auf den „Tag X“ warten oder als Söldnertruppe auftreten wollen, stoßen nicht auf übergroße Resonanz. Der aktuelle Artikel dazu in der taz: Hannibals Reisen.

Das liegt vielleicht daran: selbst die taz versteckt das auf ihrer Startseite, heute, am Sonntag. Wer auf das zugehördende Foto klickt, der landet in der Inhaltsübersicht und von dort führt kein Link auf den Artikel.

Sieht aus wie ein Link zum Artikel
Ist es aber nicht!

Wenn schon die taz das so versteckt, dann wundert die mangelnde Wahrnehmung nicht. Dazu kommt: gut geschrieben ist der Artikel nicht. Das passiert häufig, wenn Autoren zu dicht am Thema und Stoff und tief verheddert in ihre Recherchen sind. Das ist schwer zu lesen, faktenreich mit Orts- und Datumsangaben, Rückbezügen auf vergangene Berichterstattung, aber irgendwie gar nicht auf den Punkt, manchmal verwirrt dieses Datums/Orts-Gedöns mehr als es hilft.

Die taz braucht dringend einen Partner, der mitrecherchiert und publiziert. Man mag von den Rechercheverbünden halten was man will: den Aufwand für Investigatives kann kaum noch ein Medium alleine leisten. Und mehrere Plattformen entwickeln auch mehr Wucht.

Trotzdem: bitte lesen.

Neuseeland

Ach, es ist widerlich. Müssen wir nicht mehr drüber reden. Nur zwei Hinweise: Das Schweigen der Afd bei n-tv.

Und zwei, die üblicherweise zu den schnellsten gehören, wenn es darum geht, Nachrichten, die das Narrativ der AfD erfüllen, zu verbreiten, halten beim Anschlag in Neuseeland bis jetzt an ihrem Schweigen fest: Beatrix von Storch und Stephan Brandner.

https://www.n-tv.de/politik/politik_kommentare/Das-Schweigen-der-AfD-ist-nicht-zu-ueberhoeren-article20911085.html

Und während BILD mit den Bildern des Schützen Geld zu machen versucht, mühsam als journalistische Einordnung verbrämt, sind andere Medien, und die Hamburger Morgenpost fällt da nicht zum ersten Mal positiv auf, reflektierter.

Und was eben wichtig ist: Den Opfern die Aufmerksamkeit geben, die sie verdienen. Der NZ Herald macht das.

https://www.nzherald.co.nz/nz/news/article.cfm?c_id=1&objectid=12213358

KI

Nach Blockchain rockt gerade AI und KI die Vorstellungskraft des Publikums, und der Journalisten. Ich empfehle mal heise.de: Studie: 50 Prozent der Systeme für „Künstliche Intelligenz“ schummeln.

Und was den Arbeitsplatzverlust durch Digitalisierung angeht:

https://youtu.be/_h1ooyyFkF0

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6. März 2019
von Michael Scheuch
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Tapfere taz

Ich habe die taz im Wochenendabo, unter der Woche als E-Paper (und leider häufig ungelesen). Ich unterstütze das Projekt nachhaltig, finde, dass da meist guter Journalismus geleistet wird. Was ja nun auch nicht bedeutet, dass ich mit den Autoren immer einer Meinung bin.

Und jetzt muss man die taz dafür loben, dass sie sich des Themas Homöopathie angenommen hat. Kritisch. Aber eigentlich auch nüchtern.

Placebo? Selbstheilung? „Wer heilt, hat recht?“

Tapfer finde ich das vor allem deswegen, weil es die Redaktion den geldbringenden „Verlagssonderseiten“ das Leben schwer macht. Was für redaktionelle Unabhängigkeit spricht. Denn dort wird anthroposophisch-esoterisches gerne mal eingebunden und dient als Werbumfeld, und die Klientel für derartiges hat die taz nun mal.

Besonders bei den GRÜNEN. Die eine “ Kandidatin für die Europawahl 2019″, die andere „Feministin #Grüne MdB #Frauen #Queer* #Lesben #LGBTI Niederrhein #Krefeld #Moers #bundestag #kultur

Wenn Frau Schauws mal belegen könnte, dass #bayer irgendwie hinter irgendeiner Kampagne steckt, warum die Globuli-Unternehmen keinerlei finanzielle Interessen haben können und warum die taz keinen kritischen Journalismus macht. Ja dann.

Danke, taz. Und zur Europawahl dran denken: Grüne nicht wählen.

3. März 2019
von Michael Scheuch
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Der Kampf gegen das Plastik – Satire Edition

  • heute-show vom 1.3.19

Es ist halt Mainstream: Plastik ist Schlimm. Und „wir“, die Deutschen, sind die schlimmsten Verbrecher in Sachen Plastik.

Das bekommen „wir“, gerne auch mit der falschen Zahl zum Thema Verpackungsmüll, um die Ohren gehauen. Ich spreche jetzt mal von einem Narrativ, einer erzählten Geschichte. Und immer und immer wieder erzählten.

Also dann auch Herr Welke:

Dabei sind wir Deutschen die europäischen Spitzenreiter beim Plastikmüll.

Ach was.

Nach Eurostat liegen vorne Irland (2016: 57,94 kg Plastikmüll pro Kopf) und Estland (49,1 kg Plastikmüll). Deutschland liegt bei 37,62 Kilo pro Kopf. Bei allen Zahlen gilt: das ist gewerblicher und privater Müll umgerechnet pro Kopf.

Ist ja nur Satire? Satire darf alles? Ja, eigentlich alles, nur nix Falsches erzählen.

Es ist einfach die stille Übereinkunft. Plastik böse, Deutsche am Schlimmsten. Nur: Zwischen wem eigentlich?

2. März 2019
von Michael Scheuch
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Von Gutem Willen geleitet – Update

Ich habe mich ja wieder ein klein wenig aufgeregt, wie in einem umfangreichen Artikel in der Süddeutschen Zeitung aus der rein rechnerischen Größe Verpackungsmüll pro Kopf das hier wird:

220 Kilo Plastikverpackungen wirft jeder Deutsche im Jahr in die Tonne. Das ist absurd viel. 

Per Twitter bat ich sowohl SZ als auch Autorin um Erklärung, woher die Zahl stammt. Vergeblich. Dann habe ich über die HP „Fehler melden“ zu diesem Artikel genutzt, die Antwort kam auch wirklich sehr schnell:

Sie haben natürlich vollkommen recht, ich habe den ärgerlichen Fehler im Text umgehend korrigiert.

E-Mail vom 25.2. 20:45

Und so steht da jetzt:

220 Kilo Verpackungsmüll fallen in Deutschland jedes Jahr pro Kopf an. Das ist absurd viel.

Und unter dem Artikel:

Korrektur: In einer früheren Version des Textes hieß es, „220 Kilo Plastikverpackungen wirft jeder Deutsche im Jahr in die Tonne“. Die Zahl bezieht sich jedoch auf das Aufkommen von Verpackungsmüll, verteilt auf die Bevölkerung in Deutschland.


Alles gut? Mitnichten.

Denn obwohl sich ja auf einmal die Zahlengröße verändert hat, die anscheinend Anlass für den Artikel war, bleibt der Artikel so wie er ist. Es geht vor allem um Plastikmüll und wie „wir“ da etwas selbst tun müssen, damit im Pazifik keine Plastikstrudel entstehen.

[Und in der gedruckten Ausgabe und handelsüblichen Pressedatenbanken bleibt der Ausgangstext übrigens stehen.]

Dabei bleibt es doch dabei, dass die „22 Kilo Verpackungsmüll“ für sich genommen keine Handlungsanweisung an die Privathaushalte in Sachen Plastikmüll bedeuten muss. Nochmal die Fakten aus der Mitteilung des Umweltbundesamtes zu den Zahlen 2016 – und das Amt selbst ist ja mit seinem Alarmismus und der Umrechnung auf „pro Kopf“ an der großen Verwirrung in den Medien schuld.

  1. Gezählt werden 18,16 Mio. Tonnen Verpackungsmüll in Deutschland.
  2. Das sind rechnerisch zwar 220,5 Kilogramm pro Kopf.
  3. Aber: „Der Anteil von privaten Endverbrauchern an der Gesamtmenge betrug 47 Prozent (insgesamt 8,52 Millionen Tonnen)“
  4. Und: “ Immerhin: Der Verbrauch von Kunststoffverpackungen der privaten Endverbraucher nahm minimal ab von 25 kg auf 24,9 kg pro Kopf. Dafür wurden mehr Glas- und Aluminiumverpackungen verwendet, was darauf schließen lässt, dass diese Kunststoffverpackungen ersetzen.
  5. Und: „Glas und Aluminium sind in der Herstellung jedoch sehr energieintensiv.“

Liebe Journalisten: denkt bei Plastik an 24,9 kg pro Kopf. Streicht die 220 kg, denn die sind ja u.a. darauf zurückzuführen, dass es in diesem Land eine starke Industrie gibt, die ihre Produkte auch verpackt. Pappe und Papier sind schwerer als Plastik. Glas erst recht.

Wer übrigens journalistisch was aus der UBA-Meldung machen möchte, was ich wirklich nirgendwo gelesen habe, der schaue sich das mal an:

in einem Sonderkapitel dem Anteil von Neodymmagneten, die immer häufiger in kurzlebigen Verpackungen zu finden sind. Die Magnete werden vor allem als Verschluss in Schachteln verwendet und stellen bei der Entsorgung einen Störstoff in der Pappe- und Papierfraktion dar. Neodym gehört zu den seltenen Erden und wird als kritische Ressource eingestuft. Im Jahr 2017 sind in Deutschland ca. 4,5 Tonnen neodymhaltige Magnete als Verpackungsabfall angefallen, davon sind rund 1,5 Tonnen reines Neodym. Bisher wird keine Rückgewinnung von Neodym aus Verpackungen durchgeführt – das seltene Metall endet somit in der Eisenschrott-Fraktion und geht verloren.

Da bin ich mir jetzt ganz sicher, dass sich diese Art der Verpackung problemlos ersetzen ließe. Am Ende vielleicht durch Klettverschlüsse. Die allerdings aus dem bösen Plastik sind.

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24. Februar 2019
von Michael Scheuch
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Von Gutem Willen geleitet

Meine Journalismusvorschau ist übrigens bisher voll aufgegangen.

Neuester Text: Schluss mit dem Konsum für die Tonne! von Vivien Timmler auf Webseite der Süddeutschen Zeitung – sicher auch im Blatt selbst. im zweiten Absatz eine, unbestreitbar, Tatsachenbahauptung.

Deutschland ist Europameister im Wegwerfen. 220 Kilo Plastikverpackungen wirft jeder Deutsche im Jahr in die Tonne. Das ist absurd viel. Und es wird nicht weniger, im Gegenteil: Die Flut an Verpackungsmüll schwillt weiter an.


Wow. Was für eine Zahl. Im vorliegenden Text werden eine Menge Dinge verlinkt, nicht aber die Quelle für diese Zahl.

Liebe SZ, liebe Frau Timmler: Wo kommt diese Zahl her?

Die 220 kg pro Kopf-Zahl, die ich kenne, stammt aus der PM „Verpackungsverbrauch in Deutschland“ des Bundesumweltamtes zu den Zahlen von 2016 (neuere habe ich auch keine gefunden).

Hier heißt es (ich schreibe das nicht zum ersten Mal):

In Deutschland fielen 2016 insgesamt 18,16 Millionen Tonnen Verpackungsabfall an. Das ist ein Anstieg um 0,05 Prozent gegenüber 2015, so der aktuelle Bericht des Umweltbundesamtes (UBA) zu Aufkommen und Verwertung von Verpackungen in Deutschland. Dies entspricht 220,5 kg Verpackungsabfall pro Kopf.

https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/verpackungsverbrauch-in-deutschland-weiterhin-sehr

Ein Unterschied: Verpackungsabfall. Nicht Plastikabfall. Und, vielleicht auch nicht unwichtig:

Der Anteil von privaten Endverbrauchern an der Gesamtmenge betrug 47 Prozent (insgesamt 8,52 Millionen Tonnen). Das sind 103,5 kg pro Kopf.

Oh. Wie sollen wir denn dann die im Artikel genannten 220 kg. Plastik pro Jahr wegwerfen?

Und es gab gute Nachrichten:

Immerhin: Der Verbrauch von Kunststoffverpackungen der privaten Endverbraucher nahm minimal ab von 25 kg auf 24,9 kg pro Kopf.

Damit wären wir bei 24,9 kg die „jeder Deutsche im Jahr in die Tonne wirft“.

Das mit den guten Nachrichten war übrigens schon immer so eine Sache:

Dafür wurden mehr Glas- und Aluminiumverpackungen verwendet, was darauf schließen lässt, dass diese Kunststoffverpackungen ersetzen. Glas und Aluminium sind in der Herstellung jedoch sehr energieintensiv. Maria Krautzberger: „Kunststoff durch andere Verpackungsmaterialien zu ersetzen ist nicht immer ökologisch sinnvoll. Besser ist es, weniger Verpackungsmaterial zu nutzen und die Verpackungen weniger aufwändig zu gestalten.“

Okay, soweit meine Quelle. Aber welches ist Eure, SZ?

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10. Februar 2019
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Meine Leseliste 19 (1): Parteien, Journalismus

Meine Leseliste 19 (1): Parteien, Journalismus

Ein bisschen als Bookmark für mich, aber auch als Lesetipps für Euch da draußen: was ich mit Gewinn gelesen habe:

Parteien

Das Interview mit Gesine Schwan in der taz trifft meinen Eindruck von der verfahrenen Lage der Sozialen Domkraten gant gut:

Die SPD hat zur Hochzeit des Neoliberalismus zu unkritisch marktradikale Positionen übernommen. Viele Sozialdemokraten haben mit Verve kommunales Eigentum privatisiert. Dann stehen wir natürlich in Konkurrenz zu Parteien, die es zu Willy Brandts Zeiten nicht gab. Wenn Sie SPD, Grüne und Linke zusammenzählen, ist das Potenzial ähnlich wie damals. Ich hielt es auch für einen Fehler, dass die SPD-Führung unter Sigmar Gabriel 2013 nicht den Mut für Rot-Rot-Grün aufbrachte.


Ob ich die Einschätzungen von Peter Unfried zum Parteiensystem teile, das weiß ich nicht. Interessant bis witzig sind sie:

Die Frage ist, ob, wie und mit welcher Sprache man die ressortübergreifende sozialökologische Politik im gesellschaftlichen Gespräch etabliert. Die Scheuers und Lindners müssen ja auch deshalb herumschreien wie kleine Kinder, weil die erwachsenen Grünen kaum oder nur ganz behutsam darüber sprechen.

Medien

Zwei Dinge, die nachdenklich machen: wie soll denn in Zukunft Journalismus bezahlt werden oder überhaupt stattfinden? Hans Hoff knöpft sich die Funke-Mediengruppe bei DWDL vor, toller Titel: Funkes „agile Ticker“: Die Nebelbomben der Verlage

Dort gibt es jetzt eine „Stabsstelle Digitale Transformation“. Die soll, wieder mal, Wunder bewirken. „Hier geschieht nicht weniger als eine Kulturrevolution: Die Standorte entscheiden und priorisieren gemeinsam, was wann wie geschieht, und liefern dann schnell Resultate. Das ist eine Blaupause für uns: 2022 soll die gesamte Mediengruppe agil ‚ticken'“, sagt Ove Saffe, der für das Zeitungsgeschäft zuständige Geschäftsführer.

Wer schreibt dem so etwas in die Pressemitteilung? Solch einen gequirlten Hühnerbrei. Wie soll irgendjemand, der diesen Dünnpfiff liest, annehmen, dass die Manager, die so etwas durchgewinkt haben, zu mehr fähig seien als den Hof zu fegen?

Und die Hoffnung der Branche, die neuen jungen Angebote? In der taz die Bestandsaufnahme. Bumm. Krach. Schepper:

Was Buzzfeed, Vice und Co falsch gemacht haben? Darauf findet man unterschiedliche Antworten. Vielleicht haben sie zu viel versprochen, ihre Möglichkeiten überschätzt. Vielleicht war es falsch, von ständigem Wachstum auszugehen in einem Markt, der sich weiter fragmentiert.

Insgesamt eine deprimierende Lektüre für ein Wochenende.

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