Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

8. August 2018
von Michael Scheuch
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Klimawandel – Für Springer kein Grund zur Aufregung

Es ist ja schon viel geschrieben worden zur „herrlich“ „absurden“ Kolumne des immer mehr abdrehenden Ex-Berzirks-Bürgermeisters von Neuköln Heinz Buschkowsky. Hier, hier oder als Thread

Im Kern: früher war es angeblich die Atombombe, heute ist es der Fleischesser, aber das läßt sich einer wie Buschkowsky gar nicht erst einreden, nein, er weiß Bescheid.

Ihm Ignoranz zu unterstellen ist fast zu schwach.

Doch was wir Normalmenschen durchaus als Klasse-Sommer empfinden, ist angeblich der Niedergang des Planeten. So predigen es uns jetzt sich selbst so empfindende Experten.

Wir, die Normalmenschen. „Empfundene Experten“. Also Klimaforscher, Menschen mit Examen, wissenschaftlicher Arbeitsweise und Kenntnis. Alles Spinner, im Vergleich zu dem Mann mit der Wurst.

Buschkowsky kokettiert mit seiner intellektuellen Schlichtheit:

Also früher war am Klimawandel ja die Atombombe schuld. Das war einfach. Danach kamen die Autos und die alten Glühbirnen. Schon schwieriger. Dass es jetzt aber mein Kotelett sein soll – kaum noch zu verstehen …

Wenn er Dinge nicht vesteht – dann können die ja nur falsch sein.

Im Visier: die Veganer. Ganz schlimm.

Jetzt mal ehrlich: Es kann doch einfach nicht sein, dass man als ganz normaler Mensch für den Satz: „Was für ein schöner Sommer, heute Abend werfe ich ein Steak auf den Grill“ von den selbst ernannten Weltverbesserern gegrillt wird.

Rhetorisch alles richtig gemacht: Ehrlichkeitsanspruch, Aufrichtigkeit, Authentizität geheuchelt. Als „ganz normaler Mensch“ (ich würde bei Buschkowsky widersprechen wollen: die Menschen sind nicht so). Und angeblich wird er von „selbst ernannten Weltverbesserern“ gegrillt. Das überhöht den Hinweis darauf, dass Fleischkonsum keine gute Klimabilanz hat, auf einen körperlichen Angriff. Wie Gaga kann man sein.

Wer Springer liest und sich für BILD zu schlau hält, der landet dann bei der Welt. Dort gibt es, großartigerweise, einen Chefkommentator. Und auch der hat Buschkowskyhafte Qualitäten. Natürlich auf „gehobenem“ Nievau. Oder nicht?

Deutschland hat kein Hitzeproblem – sondern ein Hysterieproblem

Um die 40 Grad bei 95 Prozent Luftfeuchte sind in weiten Teilen Chinas die Regel. Auch viele Amerikaner können ein Lied davon singen, wie sich ein echter Sommertag anfühlt – ein Tag, an dem schon morgens der Dunst schwer über der Straße hängt, das Thermometer nachts kaum unter 30 Grad sinkt und die Hausmauern mittags so viel Hitze abstrahlen wie ein Backofen.

Deswegen nennt man die Gegenden, von denen er spricht, auch Subtropen. Schon mal von Klimazonen gehört? Hier eine Karte.

Doch so lässt sich der studierte Historiker und Sinologe nicht von eiskalten Klimaargumenten abbringen.

Immerhin erkennt er an:

manche deutsche Gegenden haben seit Ende April erstaunlich wenig Regen abbekommen.

Ach.  Es ist ja auch die Dürre, die schlecht ist für die Landwirtschaft, nicht die heißen zwei Wochen. Das haben viele Journalisten erstaunlich wenig verstanden. Krauel auch. Und in manchen Gegenden dürfte eine Formulierung wie „erstaunlich wenig“ auch sauer aufstoßen, „gar kein Regen“ seit April ist im Osten nicht selten.

Jetzt erinnert sich der Chefkommentator an vergangene Sommer, in denen es auch schön warm war. Er erinnert sich selig an die Sommer 1963, 1958 und auch an 1939. Grandiose Leistung.

Auch hier schlägt die intellektuelle Stärke zu:

Es hat Sommer gegeben, da regnete es im Juli bei zwölf Grad. Es hat Sommer gegeben, da konnte man kaum je die Windjacke ablegen.

Was könnte das bedeuten?

Und wer ist an der „Hysterie“ schuld?

Aber über 2018 klagt man mancherorts wie bei Weltuntergangspredigern. Er sei die größte Anomalität seit Beginn der Aufzeichnungen. Das Wasser wird knapp. Der Meeresspiegel steigt. Esst vegan, sonst geht das immer so weiter.

Die Veganer! Buschkowsky lässt Grüßen. Diese ewigen Spaßverderber haben das doch bestellt.

Großzügig der Satz:

Es ist nicht falsch, Risiken zu benennen und zu bewerten.

Warum macht der „Chefkommentator“ das dann nicht?

Auf diesem Nievau können Frau von Storch, Herr Buschkowsky und Herr Krauel noch Jahre weiterkrakelen. Ich gehe davon aus, dass ihnen furchtbar egal ist, wie die Welt in 30-50 Jahren aussieht. Schade eigentlich. Jetzt warte ich noch auf die launige „die Veganer sind schuld“-Bilderstrecke bei Focus Online.

Immerhin: in der Welt auch dieser Artikel.

8. August 2018
von Michael Scheuch
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Lokaljournalismus: Klimawandelfrage geklärt

Mein Lokalblatt hat zum Glück auch in einem Artikel zu den Überschwemmungen in meinem Wohnort nebenbei die Frage nach dem Klimawandel geklärt:

Ob die Unwetter Vorboten des Klimawandels sind? „Wir sind Überschwemmungen gewohnt. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Das gab’s schon immer“, sagt J. H. (Kürzung von mir) aus der Schloßstraße.

Danke, Lokaljournalismus.

27. Juli 2018
von Michael Scheuch
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Nicht so einfach mit dem Wissen wissen

In der vergangenen Woche beschäftigte mich die Frage, ob es denn eine Chance gibt, Falschnachrichten und -informationen jemals wieder einzuholen. Das ist übrigens kein Problem, das durch das Internet verschärft wurde, eigentlich hat das Internet einen Beitrag dazu geleistet, dass häufig Fehler schneller erkannt werden müssten.

Vergangene Woche in meinem Lokalblättchen unter der Rubrik

 

Darmstädter Echo v. 21.7.18

findet sich ein launiger Beitrag von Malte Blumberg

Darmstädter Echo v. 21.7.18

in dem es um Innovationsfreude gehen soll, ein „mach einfach mal“ positiver Appell. Allerdings: hier wird wieder einmal von einem Journalisten die Geschichte von der Hummel, die nicht fliegen können sollte erzählt. Und die ist jetzt wirklich – falsch. Kurz gesagt: die Hummel ist nunmal kein Flugzeug. Nachzulesen:

Warum die Hummel fliegen kann – Wissen vor acht

Sind Hummeln wirklich zu dick zum fliegen? Spektrum

Der Mythos um die Hummel, die eigentlich nicht fliegen dürfte, es aber irgendwie doch tut, geht auf den französischen Entomologen Antoine Magnan zurück. 1934 verwies er in seinem Buch „Der Flug der Insekten“ auf Berechnungen des Mathematiker André Sainte-Laguë. Demnach könne eine Flugzeugtragfläche in der Größe eines Hummelflügels mit Hummelgeschwindigkeit nicht fliegen. Die Aussage stimmt bis heute. Nur haben Hummelflügel und Flugzeugflügel eben nicht viel miteinander gemein, außer eines: wie sie Auftrieb erzeugen.

Weiterlesen →

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20. Juli 2018
von Michael Scheuch
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Großartiger Föderalismus: #DSGVO, Vereine und der Datenschutzbeauftragte

Hurra, wir haben eine europaweit einheitliche Regelung zum Datenschutz.

Hurra, wir haben Föderalismus.

Das bedeutet: in jedem Bundesland gibt es Datenschutzbeauftragte, und die reden zwar miteinander, publizieren aber auch durchaus getrennt. Etwa die Handreichungen zur DSGVO für Vereine. (Genervt von der DSGVO? Ich bin es auch)

Dass das ineffektiv und teuer ist: geschenkt. Das bin ich im  Föderalismus gewöhnt. Keine Überraschung ist es dann auch, dass die einzelnen Behörden sich möglicherweise nicht ganz einig sind, wie das denn mit der Auslegung einzelner Abschnitte der DSGVO ist. Blöd, wenn man denkt, man hat sich schlau gemacht, dann aber die Behörde eines anderen Bundeslandes anders denkt.

Ein Beispiel ist die Frage, ob ein Verein einen Datenschutzbeauftragten braucht.

Dazu heißt es in der DSGVO §38 (1):

Ergänzend zu Artikel 37 Absatz 1 Buchstabe b und c der Verordnung (EU) 2016/679 benennen der Verantwortliche und der Auftragsverarbeiter eine Datenschutzbeauftragte oder einen Datenschutzbeauftragten, soweit sie in der Regel mindestens zehn Personen ständig mit der automatisierten Verarbeitung personenbezogener Daten beschäftigen.

Der wichtige Teil „mindestens zehn Personen ständig“.

Nun gehen Vereine an mehr Stellen, als sie vielleicht denken, mit Daten um, vor allem wenn es innerhalb des Vereins mehrere Gruppen, etwa Mannschaften oder Orchester oder Abteilungen gibt. Denn die organisieren sich meist selbst, und schon wenn diese ein Telefonverzeichnis anlegen: „Verarbeitung personenbezogener Daten“.

Oder?

Jetzt helfen uns die Datenschutzbeauftragten, etwa in Hessen:

Ausschnitt Broschüre „Datenschutz im Verein“ https://datenschutz.hessen.de/sites/datenschutz.hessen.de/files/20180522_Datenschutz%20im%20Verein.pdf

Ach naja, das klingt mal sehr weitgehend, und das scheint sich auch auf Gruppen im Verein und deren Leiter zu beziehen.

In diese Richtung geht auch der Datenschutzbeauftragte in Baden-Württemberg:

Ausschnitt aus der Broschüre „Datenschutz im Verein nach DS-GVO / PRaxisratgeber“ https://www.baden-wuerttemberg.datenschutz.de/wp-content/uploads/2018/05/Praxisratgeber-f%C3%BCr-Vereine.pdf Seite 6

Ausschnitt aus der Broschüre „Datenschutz im Verein nach DS-GVO / PRaxisratgeber“ https://www.baden-wuerttemberg.datenschutz.de/wp-content/uploads/2018/05/Praxisratgeber-f%C3%BCr-Vereine.pdf Seite 6

„Ständig ist also auch dann erfüllt, wenn die Aufgabe selbst nur gelegentlich anfällt (..)“

Das merke ich mir mal.

Denn kommen wir nun zu den neuen Hinweisen des Bayerischen Landesamtes für Datenschutzaufsicht, die versuchen, die FAQs durchaus webgerecht ein bisschen aufzubereiten:

Screenshot https://www.lda.bayern.de/de/faq.html am 20.7.2018

Den Satz finde ich toll:

da hier zwar eine wiederkehrende und häufige, aber keine ständige Datenverarbeitung vorliegt

Also: glasklar in Baden-Württemberg: „Ständig ist also auch dann erfüllt, wenn die Aufgabe selbst nur gelegentlich anfällt (..)“.

Glasklar in Bayern: „Im Verein können daher ohne Weiteres auch mehr als 10 Personen regelmäßig Zugriff auf die Datenbestände der Vereinsmitglieder nehmen (beispielsweise zur Organisation von wöchentlichen Proben, Trainingseinheiten, Spielen oder Veranstaltungen), ohne dass deshalb ein Datenschutzbeauftragter bestellt werden müsste, da hier zwar eine wiederkehrende und häufige, aber keine ständige Datenverarbeitung vorliegt. “

Und jetzt darf sich ein Vereinsverantwortlicher aussuchen, welche Auffassung er umsetzt – wenig überraschend neige ich zur bayerischen Interpretation des „Ständig“.

Großartige DSGVO. Vor allem für Nicht-Juristen.

 

Photo by nikko macaspac on Unsplash

 

 

18. Juli 2018
von Michael Scheuch
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Steuerzahler(bund)-Gedenktag: PR at it’s best

Es gibt nichts besseres für einen Interessenverband als ein Anlass, sich jährlich in die Schlagzeilen zu drängeln, mit irgendwelchen „Tagen“ oder irgendwelchen „Studien“ oder irgendwelchen „Auszeichnungen“. Großartig macht das seit Jahren der Bund der Steuerzahler – mit dem angeblichen Tag, bis zu dem der arbeitende Teil der Bevölkerung angeblich in einem Jahr nur für „den Staat“ gearbeitet hat.

Und jährlich muss man wohl daran erinnern, was das für ein Quatsch ist. Etwa Peter Bofinger:

Und auch Stefan Bach bleibt nur, auf seinen Artikel in der ZEIT vom Vorjahr zu verweisen:

„Vulgärokonomischer Populismus“, anders wird man es nicht sagen können, was die Interessenvereinigung der Besserverdienenden (Soli abschaffen, warum das unsozial ist hier) da jedes Jahr spielt. Und die Medien spielen mit, mit, mit:

Screenshot news.google.de 18.7.2018

Aus dem oben genannten Zeit Artikel, der nachweist, dass die Bezugsgröße falsch ist, Sozialabgaben auch Versicherungsleistungen sind und selbst der Staat Steuern zahlt – und „Durchschnitte“ ohnehin problematisch sind:

Trotz all dieser Unzulänglichkeiten kommt der Steuerzahlergedenktag gut an. Er appelliert an die diffusen Überlastungsgefühle. Dabei wird ignoriert, dass seit zwanzig Jahren nur noch die Reichen nennenswert reicher werden und zugleich steuerlich entlastet wurden, während die Mittelschichten nur noch mit mickrigen Einkommenszuwächsen vorliebnehmen mussten, die von steigenden indirekten Steuern und der Einkommensteuerprogression aufgezehrt wurden. Außerdem verfällt die öffentliche Infrastruktur und die staatlichen Leistungen sind schlechter geworden.

Seine Feststellung gilt:

Steuern und Sozialbeiträge sind das Geld der Gesellschaft. Damit finanziert der Staat die öffentlichen Güter und Leistungen, die für das Funktionieren einer modernen Volkswirtschaft und den sozialen Ausgleich unabdingbar sind. Insoweit bekommen Bürger und Unternehmen das Geld wieder zurück.

Effizienzgewinne sind möglich, manches Geld wird verschwendet, falsch ausgegeben, und fehlt an anderer Stelle. Dafür kann man Politiker wählen oder abwählen. Von einer Welt ohne Steuern hätte wahrscheinlich niemand etwas. Noch nicht mal die Superreichen.

 

Bild von Martin Fisch die stehen unter Creative Commons“ (CC-BY-SA)

15. Juli 2018
von Michael Scheuch
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Meine Leseliste (18/13): China

Ich empfehle jetzt mal zwei Bücher:

Stefan Baron, Guangyan Yin-Baron: Die Chinesen: Psychogramm einer Weltmacht
2018, 448 Seiten, Econ

Stefan Baron, Guangyan Yin-Baron: Die Chinesen: Psychogramm einer Weltmacht

Stefan Baron, Guangyan Yin-Baron: Die Chinesen: Psychogramm einer Weltmacht

Ich verstehe nun wirklich besser, wie dieses China funktioniert. Ein wahrer Rundumschlag, den Stefan Baron da hinlegt, mit historischen und geistesgeschichtlichen Grundlagen, die beim Lesen klar machen, warum es ein Problem ist, wenn wir versuchen, aus zentral-mitteleuropäischer Sicht China zu verstehen. Denn es spielt am Ende doch eine Rolle, in welcher Tradition man aufwächst. Das beginnt beim Rechtssystem und der Bedeutung von Gesetzen, Verträgen und der Dritten Gewalt. Und endet nicht bei den Früchten der Aufklärung, aber auch den Traditionen katholischer oder protestantischer Soziallehre. China ist anders, das macht das Buch enorm deutlich.
Und wird es wirklich so sein, dass sich der westlich-liberale Lifestyle mit der Öffnung der Chinesen für Handel und kulturellen Austausch durchsetzt? Es spricht nicht sehr viel dafür.
Die Bewunderung für das Land und seine Bewohner ist dem Buch anzumerken, und lange beschäftigt sich Baron auch damit, wie das Ausland immer auf China geblickt hat – mal bewundernd, dann zunehmend abschätzig und verächtlich. Und was dieser Blick in China selbst bewirkt hat.
Umfassend, umfangreich, spannend und für die Zukunft wirklich wichtig.
Ein paar blinde Flecke gibt es. Erklärt mir bitte das chinesische „Sozialsystem“ – denn da kann sich viel Sprengstoff ansammeln, wenn Eltern zum einen horrendes Geld für die Ausbildung ihrer Kinder ausgeben müssen, umgekehrt aber auch für das Alter der eigenen Eltern zahlen müssen. Entsteht eine kapitalgedeckte Altersvorsorge? Wie funktioniert das Gesundheitssystem?
Und, wenn China zuförderst als außenpolitisch nicht aggressiv geschildert wird: was ist mit Tibet.

So bleiben dennoch Fragen offen. Die Lektüre lohnt sich dennoch sehr

 

Wolfgang Hirn: Chinas Bosse: Unsere unbekannten Konkurrenten
2018, 284 S., Campus

Wolfgang Hirn: Chinas Bosse: Unsere unbekannten Konkurrenten 2018, 284 S., Campus

Wolfgang Hirn: Chinas Bosse: Unsere unbekannten Konkurrenten 2018, 284 S., Campus

Über weite Strecken ist „Chinas Bosse“ ein Nachschlagewerk zu den aktuellen chinesischen Firmen, beschreibt aber auch sehr gut, welche Arten von Unternehmen es in der Volksrepublik gibt. Wer wissen will, welche Unternehmen sich hinter vielen Sponsoren-Namen bei der WM verbergen: hier ist man richtig. Und richtig sensibel macht einen das für den sagenhaften Aufstieg der chinesischen Unternehmen. An ZTE, Xiomi und Huawei lässt sich das ja etwa auf dem Smartphonemarkt nachvollziehen: vor zehn Jahren unbekannt, vor fünf Jahren die „billigen“ Chinesen, und heute teilweise technologisch an der Spitze mitspielend – man denke an das Huawei P20.
Es geht um Indus

triepolitik, den Staat, die Politkader in den Unternehmen, über einen Haufen Tellerwäscher-Karrieren. China befindet sich da, wo sich der Westen in der Sturm- und Drangzeit der Industrialisierung befand, nur techologisch und unternehmerisch im 21. Jahrhundert. Der Staat läßt in vielen Bereichen die Zügel locker, setzt aber anderswo Prioritäten, und niemand sollte sich wagen, sich den Plänen der Staatsführung in den Weg zu stellen. Das wissen die Manager hinter Tencent, Baidu, Alibaba. Das bekommen die Merkwürdigen Vier, auch „die Nashörner“genannt HNA(u.a. Aktionär bei der Deutschen Bank), Wanda, Fosun und Anbang zu spüren. Der Staat stützt sie, bremst aber auch ihren ungeheuren Einkaufshunger bei westlichen Firmen aus.
Wer „Chinas Bosse“ gelesen hat, bleibt bei aktuellen Wirtschaftsnachrichten auf dem Laufenden, denn wenn etwa CATL eine Batteriefabrik in Thüringen plant, wo BMW einsteigen will, dann ist hier der Hintergrund zu Unternehmen und Strategie.
Es ist wichtig, diese neuen Firmengeschichten genau so zu kennen wie die Erfolgsstorys von Amazons Jeff Bezos, Apples Tim Cook, Elon Musk, Zuckerberg. Wir sollten Ma Huateng alias Pony Ma, Jack Ma, Robin Li, Wang Jianlin genau so auf dem Zettel haben.
Manchmal nervt ein wenig der etwas zu euphorische Stil des Autors, wenn er über die Innovationen der Unternehmen spricht – es ist doch klar, in einem Land ohne Girokontensystem und Kreditkarteninfrastruktur setzt sich digitales Bezahlen nunmal schneller durch. In vielen Bereichen hat China die Chance, Entwicklungsschritte zu überspringen – und tut das auch, etwa bei der E-Mobilität.
Und der Epilog mit einem beinahe verzweifelten Appell an die Europäer, bitte endlich gezielte Industriepolitik zu betreiben, gehört wahrgenommen. Die „Liebe zum freien Markt“, die Deutschlands Spitzenökonomen so vor sich hertragen, wird gegenüber der merkwürdigen Kombination aus Steuerung und Markt „Made in China“ über kurz oder lang ins Hintertreffen geraten. Und China hat Großes vor bis 2049, wenn sich die Gründung der Volksrepublik zum 100. Mal jährt. Das muss nicht schlecht sein für die Welt, für die Europäer. Nur ein naives Weiterwurschteln wird nicht helfen.

 

 

12. Juli 2018
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Is there anybody out there: meine Fragen zur #DSGVO

Is there anybody out there: meine Fragen zur #DSGVO

Die Datenschutzgrundverordnung ist vor allem für Ehrenamtliche in Vereinen ein steter Quell der Freude. Und der Fragen. Wenn schon deren Initiator auf seiner Webseite nicht auf Anhieb ordentlich Auskunft geben kann, wer dann?

Natürlich die hauptberuflichen Datenschützer. Und, hurra auf den Föderalismus, davon haben wir in der Bundesrepublik ja auch reichlich, denn auch europäisch vereinheitlichter Datenschutz ist, natürlich, Ländersache.

Also wende ich mich vertrauensvoll an unsere Profis. Die ja klar gesagt haben: Jetzt geht’s los, ihr hattet alle zwei Jahre Zeit, Euch auf die DSGVO einzustellen. Das besonders liebenswerte Exemplar der Gattung Datenschützer Lutz Haase, seines Zeichens im wundervollen Freistaat Thüringen für den Schutz der Bits und Bytes zuständig, hat es unnachahmlich so formuliert:

Es gibt nach zwei Jahren Übergang keine Schonfrist mehr, bei Verstößen sind regelmäßig Bußgelder fällig.

Genau. Wo kommen wir denn hin, wenn man zwei Jahre lang Zeit hatte, sich auf die Situation vorzubereiten.

Die hatten allerdings auch die Landesdatenschützer. Und jetzt das: Datenschutzbeauftragte klagen wegen Überlastung.

„Wir nennen uns nur noch Call-Center“, sagte eine Sprecherin des hessischen Datenschutzbeauftragten Michael Ronellenfitsch. „Die Zahl der Anfragen ist extrem hoch. Vor allem bei Firmen, Kommunen und auch bei Vereinen herrschen große Unsicherheiten.“ Auch Privatleute wenden sich mit ihren Fragen an den Datenschutzbeauftragten und sein Team. Wie viele formale Beschwerden unter den Anfragen sind, konnte die Sprecherin nicht beziffern.

In Thüringen dagegen gab es nach Angaben des Datenschutzbeauftragten Lutz Hasse keinen signifikanten Anstieg von Beschwerden im Zusammenhang mit der Datenschutzgrundverordnung. „Allerdings haben sich die Eingangszahlen auf bis zu 500 pro Tag deshalb stark erhöht, weil sehr viele Fragen – auch von Unternehmen – zur DSGVO gestellt werden“, erklärte Hasse. „Das ist sehr schön, drückt unsere Behörde aber kapazitätsmäßig ganz schön in die Knie.“

Och. Keine zwei Jahre Zeit genutzt, sich auf diese Fragen vorzubereiten?

Auch in Bayern und Baden-Württemberg hat man wohl viel zu tun. Hier meine beiden Anfragen an die Ämter. Weiterlesen →

Photo by Patrick Brinksma on Unsplash

5. Juli 2018
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Meine Leseliste (18/12): Kriminalstatistik / Dicke Eltern / Irland und die Demokratie / Wohlfühlindustrie

Meine Leseliste (18/12): Kriminalstatistik / Dicke Eltern / Irland und die Demokratie / Wohlfühlindustrie

Ich finde es immer großartig, wenn andere einen Blick hinter vielzitierte statistische Zahlen werfen. Und lerne niemals aus

Kriminalstatistik

Zum Beispiel, dass ein Flugzeugabsturz Zahlen ganz schön nach oben treiben kann und dass in der PKS Zahlen erst in dem Jahr auftauchen, in dem ein Fall ausermittelt ist.

Tagesschau – Faktenfinder: Die Krux mit den Statistiken

Wissenschaftler des Instituts für Kriminalwissenschaften der Universität Münster analysierten für den ARD-faktenfinder die Entwicklung der Zahl der polizeilich registrierten Opfer eines vollendeten vorsätzlichen Tötungsdeliktes (Mord und Totschlag). Diese Zahl stieg demnach im Jahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr deutlich an: von 589 Opfern auf 876.

Wie kommt es zu diesem starken Anstieg? Die Statistik für 2016 führt die 149 Opfer der Germanwings-Katastrophe aus dem Jahr 2015 auf (IMK-Bericht, Seite 33). Denn die komplexen Ermittlungen zu dem gezielten Absturz waren erst 2016 beendet. Dazu kamen noch 72 Opfer eines Krankenpflegers, dessen Mordserie nach und nach ausermittelt wurde.

Aha. Wir haben tatsächlich, im Gegensatz zu dem, was Krimis und hervorgehobene Berichte über Gewaltverbrechen suggerieren, eine so geringe Zahl an Opfern aus Mord und Totschlag, dass sich die Statistik leicht verzerren lässt.

Dicke Eltern

taz: Deutschland wird immer fetter

Studien sind ja ein PR-Instrument, diesmal für die AOK. Ergebnisse: manchmal lau. Findet diesmal sogar die taz.

Doch die Autori*nnen der Familienstudie machen es sich zu leicht, fassen sie doch zusammen: „Wenn Eltern sich viel bewegen und mit ihren Kindern viel unternehmen, wirkt sich das positiv auf die Entwicklung und die Gesundheit der Kinder aus. Sie haben weniger Beschwerden und sind besser drauf.“ Doch wie gut drauf eine Person ist, hängt von deutlich mehr Komponenten ab als davon, wie übergewichtig jemand ist oder wie viel Zeit am Smartphone verbracht wird.

Danke. (Ich empfehle ein taz-WE-Abo)

Irland und die Demokratie

Ich glaube ja schon nicht so wenig zu lesen, aber am Ende dauert es dann manchmal Monate, bis ich wieder ins SZ-Magazin reinblättere. Das lohnt sich oft, wenn auch nicht immer. Diesmal hat es sich gelohnt. Denn es ist eine Geschichte, wie man Demokratie retten könnte, wenn man das nur wollte. Eine Geschichte über Homophobie und Politiker, die erst lernen müssen, sich mit dem Volk an einen Tisch zu setzen – was aber am Ende dazu führt, dass man sich gegenseitig besser versteht. Stochastokratie, die Herrschaft des Zufalls, kann durchaus eine Ergänzung zur Demokratie sein: Laien, Bürger und Experten und Politiker arbeiten an der irischen Verfassung. Ein Mammut-Projekt, das vielleicht nicht konsequent zu Ende geführt wurde. Aber zeigt, dass es jenseits vom Geschrei nach „Volksabstimmungen“ noch andere Beteiligungsformen geben kann.

Die Story heißt Ich und der ganz andere (Pay, kostenloser Testzugang, Tagespass 1,99 EUR, Blendle 0,79 EUR) und handelt von zwei Männern, die kaum unterschiedlicher sein könnten, aber die Geschicke des Landes maßgeblich geprägt haben.

Strahlen nach Zahlen

Aus dem gleichen Heft: Strahlen nach Zahlen (Pay, kostenloser Testzugang, Tagespass 1,99 EUR, Auch bei Blendle für 0,79 EUR). Köstlich geschrieben, so wie im Anreißer geht es weiter:

Was früher eine banale Gewohnheit war, kann morgen ein kommerzieller Trend sein: Das Frühaufstehen etwa wird jetzt als „Miracle Morning“ vermarktet. So erobert die Wohlfühl-Industrie die letzten Ruhezonen des Alltags.

Ein Blick auch auf den Ratgeberalltag deutscher Verlage. Und Trends, die sie dann übermorgen auch im TV sehen.

 

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marfis75 on flickr

4. Juli 2018
von Michael Scheuch
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Unwählbare Grüne und die digitale Welt

Nachdem sich schon der Grüne Jan Albrecht mit seiner DSGVO bei mir herzlich unbeliebt gemacht hat zeigt heute in der FAZ (nicht online bisher) die EU-Abgeordnete Helga Trüpel, dass mit dieser Partei in Sachen Digitales und Freiheit kein Staat zu machen ist. Ihr Beitrag lautet „Von der Freiheit der Internetgiganten“ und im Großen und Ganzen schlägt sie in die Anti-Google/Apple/Amazon/Facebook-Kerbe, was sicher in der grünen Zielgruppe ihres Jahrgangs unheimlich gut ankommen wird. Sie erläutert, warum sie der großartigen Urheberrechts-Vorlage zustimmen wird. Hintergründe:

Heise de: EU-Copyright-Reform: Auch beim Leistungsschutzrecht Vorwürfe gegen Kritiker

Netzpolitik.org: EU-Innenminister fordern Uploadfilter gegen Hass und terroristische Handlungen

In ihren länglichen Auslassungen vermengt sie eine Menge Dinge mit der Argumentation pro Upload-Filter und LSR, die sich zwar gegen die großen Firmen richten, mitnichten aber durch diese Regelungen beseitigt werden. Sie jammert etwa darüber, dass die Algoritmen der Firmen etwa bei Suchfunktionen etc. nicht offen liegen. Das wird durch das Urheberrecht sicherlich gelöst werden (?). Dann findet sie es blöde, dass die Unternehmen nicht angemessen besteuert werden. Genau: das wird diese Urheberrechtsreform sicherlich lösen (?).

Sie folgt dann der Argumentation der Verlage, dass sich aus der marktbeherrschenden Stellung etwa die Pflicht für Google ergibt, die Inhalte der Verlage auffindbar zu machen. Auf der anderen Seite dann aber auch dafür zahlen zu müssen.

Das typische Grünenblabla erspart sie uns nicht:

Progressive Politik sollte diesen Problemen mit der notwendigen Kraft für gesellschaftliche Erneuerung und politische Aufklärung begegnen.

Amen, Schwester. Das wird durch Upload-Filter und das LSR sicher geschehen. Es sind die alten Industrien Europas, die den Anschluss verpasst haben, die jetzt ihr Heil in der Regulierung des Netzes suchen.

Beim LSR bin ich mir sicher: Epoch Times, Tag24, Tichys Einblick, Knopp und wie sie alle heißen werden sicherlich gerne einen Vertrag mit Google machen, dass man ihre Inhalte finden darf, ohne das Google dafür zahlen muss. Und die glorreichen Verleger werden dafür ausgelistet. Das wird unserer Demokratie sicher „progressiv“ weiterhelfen.

Und nach hinten raus kommt dann noch diese abstruse Idee wieder hochgepoppt:

In der Diskussion stehen außerdem eine Öffnung der Datenberge der Internet-Monopole für Mitbewerber …

W T F.

Erst soll ich per DSGVO zu jedem Scheiß eine möglichst weitgehende Einverständniserklärung abgeben, wenn ich Dienste nutzen will, und dann will Helga Trüpel, dass meine Daten auch noch weitergegeben werden – ohne dass ich etwas davon habe? Da würden sich Arvato und Springer aber freuen, wenn sie „anstrengungslos“ meine bei Google gespeicherten Daten bekommen. Ich bekomme bei Google teilwese großartige Gegenleistungen, etwa das Navigationssystem, Google Drive, Google Foto. Dass das Unternehmen dafür Daten hat: klar. Aber die „Datenberge“ in die Hände anderer versetzen?

Ich habe gelesen, dass Trüpel in der grünen Fraktion eine Minderheitsposition vertritt. Untypisch für den digitalen Analphabetismus der Partei scheint mir das aber nicht zu sein.

Übrigens auch nicht für die SPD. Ihre Chefin reitet ja auch irgendwas mit Digitalkapitalismus (pfui):

Nahles schlug vor, zu überlegen, ob beispielsweise die großen Plattformen im Internet ab einer bestimmten Größe ihre Datenmengen mit den Wettbewerbern teilen müssten. „Die Daten würden somit zu einem Gemeinschaftsgut.“

W T F.

 

 

Bild: marfis75 on flickr

 

28. Juni 2018
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Uploadfilter, der DJV und alternative Fakten

Uploadfilter, der DJV und alternative Fakten

Kurz: im EU-Parlamentsausschuss passierte eine Vorlage, die Uploadfilter und ein europaweites LSR vorsieht. Um das ganze noch durchs Parlament zu bringen lobbyieren, nach eigener Aussage,

alle(r) Akteure der Kultur und Medienwirtschaft

in einem Brief an die Abgeordneten. Heise berichtet hier. In der illustren Runde finden sich auch Verdi und der Deutsche Journalistenverband DJV. Unmissverständlich stellt sich der Brief komplett hinter die im Ausschuss gemachte Vorlage an das Parlament.

Doch der DJV hat alternative Fakten:

Die angegebene Webseite enthält den Text:

„Wesentliche Forderungen von uns werden in dem Beschluss widergespiegelt“, erklärt DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. Dazu gehöre etwa, dass Content-Plattformen zukünftig Verantwortung für die Nutzung der urheberrechtlich geschützten Werke übernähmen. Überall: „Wir wollen, dass es zu vertraglichen Regelungen mit den Rechteinhabern kommt, am besten über Vereinbarungen mit den Verwertungsgesellschaften.“ Das sei ausdrücklich kein Votum für die umstrittenen Upload-Filter.

Äh. Doch. Sonst müsste das ja im Appell der „Kultur- und Medienwirtschaft“ drinstehen, so „wir finden das gut, wollen aber keine Upload-Filter“. Der Text ist so angenehm kurz, dass man schnell feststellt: das steht da nicht.

Also fordert der DJV von den EU-Abgeorndeten auch die Upload-Filter durchzuwinken.

Ge“klärt“ ist gar nichts. Höchstens dass die Mediengewerkschaften in der verzweifelten Hoffnung, es mögen ein paar Brosamen für die „Urheber“ und nicht nur die „-Wirtschaft“ abfallen, alles mittragen, was die Verlegerverbände so haben wollen. Gruselig.

(dass die Deutsche Fußball-Liga DFL zu den Medien- und Kulturschaffenden zählen soll: auch gruselig)

 

Photo by Jamison Riley on Unsplash