Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

22. Februar 2018
von Michael Scheuch
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Stimmungsmache gegen die Umwelthilfe

Am 25. Juli 2017 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein „aufklärerischer“ Text zur Deutschen Umwelthilfe, die allen voran die Aufarbeitung des Diesel-Skandals vor sich hertreibt und ein Interesse daran hat, dass die gesetzlichen Grenzwerte zur Luftreinhaltung auch eingehalten werden. Dieser Text hat viele Kolleginnen und Kollegen schwer beeindruckt, der Tenor: Ei Padauz, diese Saubermänner in Sachen Umweltschutzt sind anscheinend selber nicht ganz sauber.

Mich dagegen hat dieser Artikel nicht sehr beeindruckt. Die unterschwellige Botschaft, dass da irgendwelche dahergelaufenen Umweltschutzfanatiker unsere schöne Automobildinstrie kaputt machen wollen, irritiert mich sehr – mit irgendwelchen Scoops zum Thema Abgasbetrug ist mir davor die FAZ nicht aufgefallen. Der Verdacht, es handele sich um eine weitere Verteidigungsschrift der deutschen Automobilindustrie liegt nahe.

Mächtiger Verband

Zu Beginn wird ersteinmal klargestellt, wie sehr der FAZ-Autor davon irritiert ist, dass auch das grün regierte Baden-Württemberg von der DUH verklagt wird. Ich fände es viel skandalöser, wenn gerade dieses Bundesland aufgrund der Parteizugehörigkeit seines Ministerpräsidenten von der DUH geschont wird. Rüdiger Soldt stellt dann fest:

Der Umwelthilfe ist es seit Jahrzehnten egal, was ihre Forderungen für Arbeitsplätze oder die Weiterentwicklung einer Technologie bedeuten; sie führt einen regelrechten Kreuzzug gegen den Diesel-Motor. Wenn VW die Abgaswerte seiner Diesel-Motoren mit einem Software-Update endlich verbessert, klagt der Verein gegen die KfZ-Zulassungsstellen, weil ihrer Auffassung nach die Typzulassung damit unzulässig wird.

Wie toll dieses Update ist, das hören wir aus dem Bundesumweltministerium, und die Behörden in den USA lassen sich mit einem einfachen Patch schon gar nicht abspeisen. Aber warum soll das einer Organisation, die für Umweltschutz eintritt, nicht auch egal sein können? Der Autoindustrie scheint ja auch egal, dass ihre Schummeleien das Ansehen aller deutschen Industriezweige schwer beschädigt.

Anschließend wird geraunt „Mächtiger als ein Landesparlament“ und die These aufgestellt, die DUH sei politisch stärker als Parlamente und habe erreicht

Die Frage, welche Zukunft bestimmte Fahrzeugtechnologien haben sollten, wird inzwischen nicht mehr abschließend in den Parlamenten, an den Kabinettstischen oder in Konzernzentralen verhandelt, sondern oft vor Gericht.

Ja. Aber was kommt vor Gericht? Verfahren aufgrund von Gesetzen oder Verordnungen, die vorher Regierungen und Parlamente beschlossen haben. Das demokratische Prinzip wird doch nicht dadurch ausgehöhlt, dass es Verbände gibt, die auf die Einhaltung von Vorschriften dringen und das dann auch vor Gericht durchsetzen? Welches Rechtsstatsverständnis dringt da durch? Vielleicht „Okay, es mag Gesetze geben, aber wenn man sich nicht daran hält, dann ist das halt so.“ Das mag jahrzehntelang gut gegangen sein, aber dann kommen Spielverderber daher, die das, was Politiker beschließen, auch wirklich umgesetzt sehen wollen. Weiterlesen →

19. Februar 2018
von Michael Scheuch
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Rechts lügt. Am Beispiel „Warum die Mainstreammedien wohl nicht berichten“ #fakerechts

Max Otte war vor rund 10 Jahren begehrter Gesprächsgast, da er sehr früh auf dem Zettel hatte, dass das Finanzsystem überhitzt ist und sich eine schwere Bankenkrise abzeichnet. Sein Buch „Der Crash kommt“ wurde als Ausweis für vorausschauende Weisheit interpretiert.

Heute gehört Otte ausweislich seines Twitter-Accounts inkl. haufenweise Erika Steinbach-Retweets zu den „Besorgten Bürgern“ mit ausgeprägtem Rechtsdrall, ein bisschen „seriöser“ a la Tichy, aber im Zweifel lieber rechts als seriös. Das ist sehr schade. Seine Sympathien für die AFD sind überdeutlich, seine Denkmuster dieselben, etwa wenn er im Grunde die Besserungshaft für Deniz Yücel ganz knorke findet:

Widerlich? Irgendwie schon.
Was mich aber wirklich aufgeregt hat, das ist dieser Tweet. Er steht typisch für Propaganda von Rechts (und auch die Linken können das), dass nämlich Sachverhalte durch die so genannten „Mainstreammedien“(wie auch immer die definiert werden, gemeint sind wohl die Medien mit hoher Verbreitung und Akzeptanz, unterstellt wird aber deren Gleichschaltung durch wen auch immer (Merkel, Rothschild, Echsenwesen)) unterdrückt werden.

https://twitter.com/maxotte_says Screenshot v. 19.2.18

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19. Februar 2018
von Michael Scheuch
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Meine #Leseliste (18/5)

Schulz

Der Satz, den Hans-Martin Tillack für seinen Artikel auf stern.de als Überschrift gewählt hat, ist wirklich wichtig: Warum wir Journalisten den Schulz-Hype aufarbeiten müssen.   Hier fühle ich mich vom „wir“ mal angesprochen. Denn er konstatiert ja zu Recht:

(..) einer, den seine Glaubwürdigkeit auszeichne. So las man es von „FAZ“ bis „SZ“. „Dass er aus dem Material ist, aus dem man Kanzler macht, ist keine Laune der Geschichte“, huldigte ihm gar ein früherer Brüsseler Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ in einem Buch: „Schulz verkörpert eine unter Politikern seltene, komplette Glaubwürdigkeit.“

Eine komplette Glaubwürdigkeit! Noch vor ein paar Tagen fragte ein Kollege angesichts des strauchelnden Parteichefs, warum der denn entgegen früherer Versprechen partout Minister werden wolle – und damit ausgerechnet sein größtes Kapital gefährde, nämlich die „Glaubwürdigkeit“.

Journalismus-Ikonen wie Heribert Prantl jubelten über den Europapolitiker: „Schulz hat, was Merkel fehlt“ heißt es in der Süddeutschen:

Die Leidenschaft, wie sie zu diesem Mann gehört, ist ganz und gar unbürokratisch.

Wow.

Schon mir als nur halbherzig am Brüsseler Politikbetrieb interessierten hätte auffallen müssen, dass sich das gar nicht so sehr mit meinen Eindrücken deckt – aber auch ich nahm mal den Pressemainstream hin. Ich war nur einmal kurz zu einer Pressereise in Brüssel, damals machten die Auseinandersetzungen zwischen Schulz und dem querulatorischen Parteienforscher von Arnim gerade keine Schlagzeilen mehr. Ein strenger Beobachter der EU, seiner Bürokraten und Parlamentarier war Tillack über lange Jahre, und so wundert er sich Anfang 2017 und auch heute über die Urteile über Schulz:

Da gab es Leute, die nicht hören wollten, dass es normal sei, dass jemand anfangs gute Umfragewerte hat, der zuvor nicht Teil der polarisierten deutschen Debatte war. Und über den damals anfangs fast nur freundlich berichtet wurde. Weshalb auch die Frage kaum diskutiert wurde, ob ein Europapolitiker aus dem Brüsseler Kungelsystem für die hiesige Konkurrenzdemokratie gerüstet ist, in der man zum Beispiel Themen erkennen und besetzen muss. Und ob einer wie Schulz dem medialen Druck gewachsen ist, der in Brüssel mangels ständigem Parteienkampf und dank häufig wohlgesonnener Berichterstatter nur gering ausfällt. Weswegen man sich als Politiker in Brüssel übrigens eine Dünnhäutigkeit leisten kann, mit der man in Berlin zwar eine Weile durchkommen kann. Aber nicht auf Dauer.

Tatsächlich kann man im EU-Parlament nur mit Kompromissfähigkeit und einem Hang zu Kungelei erfolgreich sein, wenn die beiden größten Fraktionen im Parlament das Geschehen dominieren. Und das tatsächlich meist unter dem Radar der Medien, denn Europageschichten „laufen nicht“, sagt sich der Blatt- oder Fernsehmacher in der Heimat. Und liegt damit ja nicht falsch.

Ansonsten habe gar nicht alles lesen können, was SPIEGEL, ZEIT u.a. zum Thema SPD zu schreiben haben. Das hätte ich allerdings gerne getan

Italien

Ausland kommt bei Online-Medien nicht soo kontinuierlich vor, vor allem braucht man Korrespondenten vor Ort, Kenner des Landes, kurz: eine Infrastruktur oder zumindest einen freien Mitarbeiter, der Geld kostet. In der ZEIT Beppe, Giggino und viel Frust (Z+ Artikel) über die bevorstehenden Wahlen in Italien und die Fünf Sterne Bewegung.

Die Fünf Sterne seien die einzige Bewegung, die Gesetze für Menschen mache, nicht für Banken. Sie richte sich an gewöhnliche Leute. Jahrelang hätten korrupte Politiker das Volk betrogen. „Schauen Sie“, sagt Di Pillo und deutet auf ihren Schreibtischstuhl, „dort wurde mein Vorgänger festgenommen.“ Die Einwohner hätten ein Recht darauf, an die Institutionen zu glauben. „Die Fünf Sterne werden diesen Glauben wiederherstellen.“

Vier Tage nach ihrer Ankündigung flimmert erneut ein Video aus Ostia über italienische Fernsehbildschirme. Diesmal ist darauf der Bruder von Roberto Spada zu sehen, ebenfalls Mafioso. Er steht im Boxstudio, scherzt vertraut mit einem Mann. Wie sich herausstellt: ein Parteifreund Di Pillos.

Es scheint so, als habe sich das politische System Italiens zwar gehäutet, aber richtig viel geändert hat sich nicht.

Als Raggi 2016 Bürgermeisterin wurde, versprach sie Fortschritte auf allen Ebenen, sie wollte Transparenz ins Rathaus bringen, das Müllproblem lösen, den Nahverkehr verbessern. Knapp zwei Jahre nach all den schönen Worten läuft man durch die Altstadt und sieht alle Abfalleimer überquellen. Man wartet auf Busse, die einfach nicht kommen. Man steht am Hauptbahnhof, wo angespülte Flüchtlinge und abgehängte Römer eine Elendsgemeinschaft bilden. Raggi wurden in ihrer kurzen Dienstzeit bereits Amtsmissbrauch und Falschaussage vorgeworfen. Sie musste, in 14 Monaten, 16-mal ihr Kabinett umbilden. Eine Beraterin wurde verhaftet.

Noch aber scheint in Italien die Sehnsucht nach Veränderung größer als jede Furcht vor Enttäuschung.

Optimistisch für Europa stimmt mich das alles nicht.

 

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12. Februar 2018
von Michael Scheuch
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Meine #Leseliste (18/4)

Die Woche kommt spät in die Puschen

Fakt oder Fake

Aus der wirklich lesenswerten Rubrik bei der ZEIT diesmal: Wird jeder Zehnte arbeitslos?

Vorbildlich wird da mal wieder einer „Studie“ (der Pest des 21. Jahrhunderts), die dick und fett Schlagzeilen gemacht hat, auf den Grund gegangen. Eigentlich müssten das noch viel mehr Journalisten jeden einzelnen Tag machen, wenn wieder eine Studiensau durchs Dorf getrieben wird. Diesmal, und wirklich sehr beliebt, die Frage, ob und wie viele (und vielleicht auch welche) Arbeitsplätze durch die Digitalisierung gefährdet sind. Die Faz macht in PErson von Julia Löhr, Berlin daraus: JEDER ZEHNTE BALD ARBEITSLOS:Digitalisierung zerstört 3,4 Millionen Stellen. Das fügt sich ein in die Schreckensmeldungen allerorten. Allerdings scheint da das Ergebnis einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom etwas übergeigt:

Nein, erklärt der Pressesprecher, so wie es die FAZ berichtete, habe der Verband und dessen Präsident Achim Berg das nicht behauptet. Die Zahl von 3,4 Millionen potenziell gefährdeten Jobs sei richtig, aber das sei keine eigene Prognose, sondern beruhe auf einer Umfrage. Und auch der Zeitraum von fünf Jahren, in denen die Jobs wegfallen könnten, stamme nicht von Bitkom. Im Übrigen habe man jetzt eine Presseerklärung veröffentlicht, um die Dinge richtig einzuordnen. Sie trägt eine Überschrift, die nach dem kompletten Gegenteil der FAZ-Meldung klingt: „Berg: Wir werden digitale Arbeit im Überfluss haben“.

Diesmal war weniger die Umfrage fragwürdig (okay, die auch) sondern vor allem das, was die FAZ daraus gemacht hat. Huhu.

Rechte Netzwerke

Interessant finde ich die „Getarnt als Gamer“ Geschichte bei netzpolitik.org zu den Meme-Bastlern der neuen Rechten – nicht dumm organisiert:

Für Twitteraktivitäten von eigenen Accounts und Sockenpuppen existiert ein eigener Meme-Manager. Er ist mit dem Lambda-Logo, dem Erkennungszeichen der Identitären Bewegung, gekennzeichnet. Auf diesem kann man sich per Twitter einloggen und auf einen großen Fundus rechter und rechtsextremer Meme zurückgreifen sowie selbst Memes hochladen.

netzpolitik.org kann man mit Spenden unterstützen. Die sind steuerlich absetzbar!

Ich zweifle inzwischen daran, dass Twitter a) ein vernünftiger Kommunikationsweg ist, zumindest wenn man versucht, Diskussionen zu folgen und b) noch lange existiert, denn von den Trollhorden kann man ja nicht leben. Die Anzahl der in meiner Timeline eingespülten Werbung ist drastisch zurückgegangen – mit mir zu tun, im Sinne von vernünftigem Targeting – hatte die eh selten. [aber dann kommt diese Meldung, Twitter habe zum ersten Male Gewinne erzielt. Ich zweifle.]

Groko

Am Freitag haben mich die Analysen in der gedruckten SZ (online pay) auf den Seiten zwei und drei überzeugt – ich denke, es ist nach wie vor ein großer Journalistenvorteil, wenn Menschen sich geraume Zeit mit einem Thema, und sei es auch „nur“ die Berichterstattung aus einer Partei, beschäftigen.

In Genosse Freundchen wird von Christoph Hickmann das Verhältnis Schulz, Gabriel, Nahles analysiert und mit Hintergrund angereichert, in Vom Heilsbringer zur Reizfigur (am 9.2. frei) wird das Murren der Basis angesichts des Außenministermoves deutlich, und „Schweigen, Nichts als Schweigen“ berichtet aus der letzten Verhandlungsnacht, als die CDU beim Miniteriumsgeschachere den kürzeren zog

Aus „Vom Heilsbringer zur Reizfigur“:

(…) in Rheinland-Pfalz herrscht, wie in Hessen auch, große Erleichterung über die Ablösung von Martin Schulz an der SPD-Spitze. Einer von ihnen fasst die Lage so zusammen: „Die Geschichte von Schulz und der SPD war ein großes einjähriges Missverständnis.“

Es geht rund in Berlin …

Und dass sich dann an diesem Tag die Ereignisse in Berlin ein wenig überschlugen: war nicht schlecht, diese Artikel als Hintergrund gelesen zu haben

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5. Februar 2018
von Michael Scheuch
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Was ich gewinnbringend gelesen habe (18/3)

Viele Leseeindrücke sind in dieser Woche in diesen Beitrag gewandert: Nazis

Leeramt

Ratlos zurückgelassen hat mich der Artikel Wie sollen Lehrkräfte vermitteln, was sie selbst nicht können? 

Die Texte, die sie von Studierenden zu Gesicht bekommen, lösen bei ihnen zum Teil Erschrecken aus, sagen sie. Voßkamp hat das Thema erst neulich in einer seiner Lehrveranstaltungen zur Sprache gebracht. In einigen Texten hätte es von Zeichensetzungsfehlern, lexikalischen und grammatikalischen Fehlern sowie erheblichen Defiziten in der Kasusbildung und Flexion gewimmelt. Grundlegende Sprachregeln würden nicht beherrscht. „Im Prinzip werden hier Standards nicht erfüllt, die am Ende der Sekundarstufe I – und eigentlich schon nach der 6. oder 7. Klasse – erfüllt sein müssen“, sagt er und fügt hinzu: „Und das im Lehramtsstudium im Master im Fach Deutsch.“ Dabei handele es sich nicht um Einzelfälle. Allein in seinem Seminar seien ihm in drei Texten erhebliche Sprachdefizite aufgefallen. „Es ist ein gravierenderes Problem, als man anfänglich denkt“, so Voßkamp.

Stress

Ein interessantes, auf ordentlichem Reflexionsniveau geführtes Interview mit Naika Foroutan „Deutschland steht unter erheblicher Spannung“:

Wovor genau fürchten sich die Menschen?

Es ist eine emotionale, affektive Unruhe, die viele Menschen erfasst hat. Es gibt Leute, die haben zwei Flat-Screens, zwei Autos und ein Eigenheim, das sie abbezahlen können, weil sie einen sicheren Job zum Beispiel in der Sparkasse haben. Sie sind angesehen. Wenn wir sie fragen, warum sie sich eigentlich bedroht fühlen, dann merken wir, dass die objektiven Parameter, die wir für Angst kennen – also die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust oder dem Verlust des eigenen Status – in Wahrheit gar nicht der Punkt sind. Ein kluger Autor hat das neulich mit dem Zauberberg von Thomas Mann verglichen: Zanksucht, kriselnde Gereiztheit und namenlose Ungeduld hat die Menschen eingenommen, die vorher vielfach eine Leere gespürt haben und das Gefühl der Stagnation. Das Gefühl, dass es sich in Deutschland nicht wirklich weiterentwickelt.

Da helfen kleine Großkoalitionäre, die 2018 „die Digitalisierung“ entdecken und sich über teure Rentenoperationen freuen, nicht weiter. Weiterlesen →

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1. Februar 2018
von Michael Scheuch
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Nazis

Okay, man sollte nicht zu lange zusehen.

Wir haben wieder Nazis im Land. Und im Nachbarland. Und sie geben sich kaum noch Mühe, das zu kaschieren.

Da ist dieser Albrecht Glaser, den die AFD eigentlich zum Bundestagsvizepräsident machen will. Beim Neujahrsempfang seiner Partei in Zwingenberg ist er unter Gleichgesinnten und legt los, so das Darmstädter Echo:

Den Euro, die – wie er es nannte – Migrationskrise, den Islam und die Kriminalität sieht er als Gefahren, die nur mit einer starken AfD gebannt werden könnten. Er sieht darin eine „schicksalhafte Aufgabe“, die Hingabe und Leidenschaft erfordere, „um die Zerstörung Deutschlands zu verhindern“. Es lohne sich, „noch einmal die Stiefel anzuschnallen und den Revolver auszugraben“, wie er sich ausdrückte. Für seine Worte erhielt Glaser viel Beifall.

Frankreich sieht er nicht als Verbündeten, sondern nach wie vor als Rivalen. Naturvölkern schreibt er einen durchschnittlich niedrigen Intelligenzquotienten zu, der „genetisch bedingt“ sei. „Alles, was wahr ist, kann nicht rassistisch sein“, fügte er hinzu. Glaser gab selbst die Antwort auf die Frage, warum ihn die etablierten Parteien als Vizepräsidenten des Bundestages verhindern wollen: „Ich würde dort genauso reden wie hier“, sagte er in Zwingenberg.

Das wird man doch nochmal sagen dürfen.

Wie Björn-Bernd Höcke die Sprache der Altvorderen spricht, das hat Jasmin Schreiber sich genauer angesehen: Weiterlesen →

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28. Januar 2018
von Michael Scheuch
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Was ich gewinnbringend gelesen habe (18/2)

Zwei interessante Artikel fand ich in der Wochenzeitung Kontext, die zur taz am Wochenende gehört.

Mafia

Nach den Schlagzeilen kommt das Schweigen. Das passiert bei kurzen Berichterstattungswellen, etwa den Mafia-Festnahmen und -Durchsuchungen im Januar. Mit Das Böse in der Nachbarschaft
Von Sandro Mattioli wird drangeblieben. Großer Vorteil der Mafia: sie ist wandlungs- und lernfähig:

Um weitere Morde wie 2007 in Duisburg zu verhindern, hat man neue Strukturen geschaffen, die auch funktionierten, wie eine Auseinandersetzung zweier Clans aus dem schweizerischen Frauenfeld und dem baden-württembergischen Singen zeigt, die friedlich in Kalabrien gelöst wurde. (…)

In Deutschland gibt es 60 Locale der ‚Ndrangheta, eine Art Ortsverein, und damit mehr als in Norditalien. Diese Zahl nannte der Staatsanwalt Nicola Gratteri, einer der absoluten Experten für die ‚Ndrangheta in Deutschland und der Mann, der mit seinen Ermittlungen jetzt den jüngsten Schlag auslöste. Jedes Locale hat mindestens 49 Mitglieder, macht also fast 3000 Mitglieder der ‚Ndrangheta. Dazu kommen noch die anderen Mafia-Organisationen.

NSU-Untersuchungsausschuss

Und einen zweiten Artikel fand ich hilfreich: der dubiose NSU-Mord an der Polizistin in Heilbronn ist weiter dubios. Allerdings nicht mehr so dubios, wie noch in meinem Langzeitgedächtnis verortet, wenn man sich den aktuellen Stand vor dem entsprechenden Untersuchungsausschuss im Stuttgarter Landtag ansieht. Der Hauptbelastungszeuge und seine Aussagen zur Geheimdienstbeteiligung fällt inzwischen unter F wie fadenscheinig . Er ist inzwischen Mitarbeiter der AFD-Fraktion:

In der Beschlussbegründung, Kiefer nicht weiter als Zeugen anzuhören, werden zahlreiche andere Widersprüche angeführt, etwa zur Anwesenheit von Geheimdiensten auf der Theresienwiese, zu früheren Aussagen oder dass sich Kiefer fälschlich als „Sonderermittler des NSU UA Stuttgart“ ausgab. „Dem Zeugen war vor Fassung dieses Beschlusses Gelegenheit gegeben worden, etwaige Korrekturen an seiner bisherigen Aussage vorzunehmen“, heißt es weiter. Dieser habe sich aber innerhalb der gesetzten Frist nicht geäußert. Dennoch wird die AfD ihren Mitarbeiter weiter beschäftigen. Er besitze eine „gewisse Eignung“, so die Obfrau im Ausschuss Christina Baum.

Das bedeutet aber auch, dass die STERN-Geschichten zu diesem Mord in sich zusammenfallen. Schon 2012 hielt die taz fest: Keine Sternstunde für den „Stern“

Solarindustrie in den USA

Langsam beginnen ja einige die Handelspolitik von Trump zu loben. Der Dow Jones erreicht Höchststände, die Arbeitslosigkeit niedrig, und, wie gewollt, der Dollar schwach (wie das zusammenpasst, vor allem da das Zinsniveau in den USA höher ist als in Europa, das hat mir noch keiner erklärt).

Gut, wenn da mal jemand in der ZEIT hinter die Kulissen der Strafzölle für Solarpanels schaut: um wie viele Arbeitsplätze geht es da – unterschieden nach „Produktion“ und „Installation“. Und siehe da:

Bis zu 23.000 Arbeitsplätze sind laut amerikanischem Solarindustrieverband in Gefahr. Denn von den 38.000 Beschäftigten sind gerade einmal 2.000 in der Modul- oder Zellherstellung tätig. Der überwiegende Teil sind Handwerker, Installateure oder Facharbeiter in der Zuliefererindustrie. „Ich verstehe wirklich nicht, warum ein US-Präsident freiwillig gerade den am schnellsten wachsenden Wirtschaftszweig bewusst zerstören will“, sagt Tony Clifford, Chef-Entwickler der Firma Standard Solar, der für den amerikanischen Solarverband spricht.

Das bedeutet: mit dem Importzoll wird die amerikanische „Energiewende“ abgewürgt, weil im Land ohnehin kaum Solarpanels gefertigt werden. Dass deren Zahl enorm steigen wird ist fraglich, denn das chinesische Preisniveau werden die Inländer nicht erreichen – entsprechend langsamer kommen Solaranlagen auf Dächer oder Gelände. Schlau, schlau.

 

 

 

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20. Januar 2018
von Michael Scheuch
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Was ich gewinnbringend gelesen habe (18/1)

Ich will 2018 mal sammeln, was mir im Laufe der Woche und vor allem des Wochenendes an interessanten Artikeln und News über den Weg gelaufen ist. Auch als Impuls, der oder die ein oder andere möge sich die veröffentlichenden Medien auch mal anschauen, auch unter dem Blick, ob es sich lohnt, für Journalismus Geld auszugeben.

Ein Jahr Trump – schlimm genug. Diese Analyse in der taz So anormal wie möglich kommt meiner eigenen Fernsicht sehr nahe, interessant vor allem der Blick auf die Demokraten. Er kommt von Bill Scher, der für das amerikanische Onlineportal Politico schreibt.

Obwohl sich der politische Wind ein wenig zu ihren Gunsten gedreht hat, sieht sich die Demokratische Partei hausgemachten Problemen gegenüber: Wie es aussieht, gehen sie bei den Präsidentschaftswahlen 2020 ohne einen Kandidaten ins Rennen, der alle Parteiflügel hinter sich weiß, souverän die Parteiführung für sich reklamieren könnte und in der Lage wäre, bestehende innerparteiliche Meinungsverschiedenheiten beizulegen.

Ich habe den Krautreporter Newsletter abonniert, was ich nur empfehlen kann, und in dieser Woche ist mein kostenloser Artikel Du denkst, du hast Bitcoin verstanden? Dann lass uns mal über einen Crash nachdenken. Ein spannender Einblick in den Hype, von dem ich denke, dass die Masse der Journalisten gar nicht verstanden haben, worum es geht. Die Propagandisten der Blockchain jubeln über dispruptive Technologie, aber auch bei denen sehe ich wenig Verständnis für Strukturen und Logik hinter Bitcoin & Co.

Als in der Woche vor Weihnachten Bitcoin von einem Höchststand nahe 20.000 Dollar auf bis zu 11.000 Dollar einbrach, konnten Millionen Kunden von Coinbase stundenlang ihre Accounts nicht öffnen, angeblich weil die Server der Seite nicht ausreichten, um mit den massenhaften Anfragen umzugehen. Die Technik kann schuld gewesen sein.

Allerdings gibt es noch eine andere Möglichkeit, die die Marktplätze öffentlich nur unter großem Druck diskutieren würden. Im Fall extremer Kurssprünge – vor allem nach unten – könnten sie nicht genug Geld haben, um all jene auszuzahlen, die bei ihnen Bitcoins halten und sie abziehen wollen. Oder anders formuliert: Die Marktplätze können genauso pleitegehen wie Banken.

[Krautreporter: noch kann ich mich nicht zum Abo für 5 Euro/Monat überwinden, denn die Beispielartikel im Newsletter schrecken mich eher ab: Reportagen zu sozialen Themen bekomme ich auch woanders, Erklärartikel die sich aber dann doch an Einzelbeispielen entlanghangeln, Themen, die mich schlicht nicht interessieren („Wie kann man beim Bund Arbeit und Beruf miteinander vereinbaren“) sowie Kolumnen, Kommentare, Meinungsartikel – das bekomme ich auch für ohne Geld. Gehört vielleicht zu einem journalistischen Angebot dazu, wäre aber für mich nie Grund, für ein Medium Geld auszugeben. Ich würde den og. Artikel jetzt bei Blendle, Laterpay oder per Flattr zahlen.] Weiterlesen →

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13. Januar 2018
von Michael Scheuch
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Mustertimeline eines besorgten (Reichs-)bürgers

Soziale Netzwerke bedrohen den Zusammenhalt der Gesellschaft – denn ich lerne dort Menschen kennen, in deren Gesellschaft ich mich wirklich nicht befinden möchte, und der Gedanke daran, Gemeinschaftsaufgaben zu finanzieren, von denen auch diese Menschen profitieren, ist mir unangenehm.

Zweite Beobachtung: selbst wenn die Beteiligten das nicht „wollen“, so gibt es doch diese „Querfront“.

Dritte Beobachtung: gibt es wirklich ein Special Interest Magazin „Compact Geschichte“?

Frage: Warum kostet der SPIEGEL-Artikel zu Jürgen Elsässer bei Blendle 0,79 EUR, per Laterpay auf der Seite nur 0,39 EUR?

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11. Januar 2018
von Michael Scheuch
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Bares für Rares, bräsiger Medienjournalismus und Geschmacksfragen

So ist es halt, dieses Internet. Wenn einem was nicht gefällt, dann schreibt man das hier rein. So ist es nunmal, und das hat möglicherweise therapeutischen Wert, scheint aber auf jeden Fall so etwas wie ein Grundbedürfnis zu befriedigen. Das nennt man neulandisch „Rant“, schimpfen übersetzt, und so ein kleines Donnerwetter schadet ja auch selten. Man rantet, und alles ist wieder gut. Mach ich das auch mal.

Stefan Niggemeier findet „Bares für Rares“ (für das mein Arbeitgeber verantwortlich zeichnet) „onkelhaft“ „bräsig“ und kurz und gut: es sagt ihm gar nicht zu. Das steht ihm zu, und das wäre in seinem alten Blog ja auch ok gewesen. Doch nun veröffentlicht er seinen Beitrag auf der Seite uebermedien.de , einer Seite mit dieser Selbstbeschreibung:

Übermedien ist kein Hobby und kein Blog, sondern ein professionelles Angebot von ausgebildeten Journalisten, finanziert vom Publikum. Wir machen das nicht nebenbei vom Sofa aus. Wir sitzen auf Stühlen an Tischen, wir gehen raus, berichten, reportieren, analysieren.

Daher denke ich, dass dieser meinungsfreudige Beitrag im Gegensatz zu einem privaten Rant kritisierbar ist, am eigenen Anspruch qualitativ ernstzunehmender Medienbeobachtung gemessen werden  kann. Und da passt dann alleine die Überschrift so gar nicht: „Wie das ZDF seine Programme mit altem Trödel vollrümpelt“.

„Beweis“ für die Überschrift ist eine Grafik, in der die Anzahl der Sendestunden von Bares für Rares aufgeführt wird, schick gemacht, Balken und was man so braucht. Die Feststellung:

So hat sich „Bares für Rares“ in den vergangenen Jahren in den Programmen ZDF und ZDF neo ausgebreitet, bis hin zu der Gesamtdauer von über fünf Wochen und fünf Tagen 2017:

Das klingt ja dramatisch. Allerdings: wir haben es hier mit zwei TV-Sendern zu tun, die 24 Stunden sieben Tage die Woche ausstrahlen, jeweils 52 Wochen im Jahr, zusammengerechnet also: 104 Wochen. Dagegen stehen die fünf Wochen und fünf Tage aus der tollen Grafik.

 

Screenshot: https://uebermedien.de/24095/wie-das-zdf-seine-programme-mit-altem-troedel-vollruempelt/ 10.1.

Anders: Pro Sender 365*24=8760 Stunden, zusammen also 17.520 Stunden. Die 952 Stunden Bares für Rares sind: rund 5,4 Prozent des Sendevoluments.

Stellen wir uns jetzt mal einen Kellerraum mit 100 Quadratmetern Grundfläche vor. Das wünscht sich jeder, wette ich. Einen Kellerraum, in dem Dinge gelagert werden. In diesem Kellerraum ist ein Wandschrank, sagen wir mal, 5 Meter lang, ein Meter tief. Und der ist voller Plunder. Oder eine Vitrine von 2*2,5 Metern. Da lagern wir all das Zeug, das wir nicht wegwerfen wollen. Weiterlesen →