Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

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10. Februar 2019
von Michael Scheuch
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Meine Leseliste 19 (1): Parteien, Journalismus

Ein bisschen als Bookmark für mich, aber auch als Lesetipps für Euch da draußen: was ich mit Gewinn gelesen habe:

Parteien

Das Interview mit Gesine Schwan in der taz trifft meinen Eindruck von der verfahrenen Lage der Sozialen Domkraten gant gut:

Die SPD hat zur Hochzeit des Neoliberalismus zu unkritisch marktradikale Positionen übernommen. Viele Sozialdemokraten haben mit Verve kommunales Eigentum privatisiert. Dann stehen wir natürlich in Konkurrenz zu Parteien, die es zu Willy Brandts Zeiten nicht gab. Wenn Sie SPD, Grüne und Linke zusammenzählen, ist das Potenzial ähnlich wie damals. Ich hielt es auch für einen Fehler, dass die SPD-Führung unter Sigmar Gabriel 2013 nicht den Mut für Rot-Rot-Grün aufbrachte.


Ob ich die Einschätzungen von Peter Unfried zum Parteiensystem teile, das weiß ich nicht. Interessant bis witzig sind sie:

Die Frage ist, ob, wie und mit welcher Sprache man die ressortübergreifende sozialökologische Politik im gesellschaftlichen Gespräch etabliert. Die Scheuers und Lindners müssen ja auch deshalb herumschreien wie kleine Kinder, weil die erwachsenen Grünen kaum oder nur ganz behutsam darüber sprechen.

Medien

Zwei Dinge, die nachdenklich machen: wie soll denn in Zukunft Journalismus bezahlt werden oder überhaupt stattfinden? Hans Hoff knöpft sich die Funke-Mediengruppe bei DWDL vor, toller Titel: Funkes „agile Ticker“: Die Nebelbomben der Verlage

Dort gibt es jetzt eine „Stabsstelle Digitale Transformation“. Die soll, wieder mal, Wunder bewirken. „Hier geschieht nicht weniger als eine Kulturrevolution: Die Standorte entscheiden und priorisieren gemeinsam, was wann wie geschieht, und liefern dann schnell Resultate. Das ist eine Blaupause für uns: 2022 soll die gesamte Mediengruppe agil ‚ticken'“, sagt Ove Saffe, der für das Zeitungsgeschäft zuständige Geschäftsführer.

Wer schreibt dem so etwas in die Pressemitteilung? Solch einen gequirlten Hühnerbrei. Wie soll irgendjemand, der diesen Dünnpfiff liest, annehmen, dass die Manager, die so etwas durchgewinkt haben, zu mehr fähig seien als den Hof zu fegen?

Und die Hoffnung der Branche, die neuen jungen Angebote? In der taz die Bestandsaufnahme. Bumm. Krach. Schepper:

Was Buzzfeed, Vice und Co falsch gemacht haben? Darauf findet man unterschiedliche Antworten. Vielleicht haben sie zu viel versprochen, ihre Möglichkeiten überschätzt. Vielleicht war es falsch, von ständigem Wachstum auszugehen in einem Markt, der sich weiter fragmentiert.

Insgesamt eine deprimierende Lektüre für ein Wochenende.

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19. Januar 2019
von Michael Scheuch
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Journalismus 2019 – und hier die Vorschau

Welches werden die Themen sein, die im laufenden Jahr Journalisten reizen? Es sind größtenteils dieselben wie im vergangenen Jahr. Und dem Jahr davor. Mehr, mehr mehr und immer mehr davon. Das Problem sind meist nicht die Artikel selbst. Manchmal ist es die Frage, mit welchem Themen man sich deshalb nicht beschäftigt:

  • Plastikmüll. Egal, ob es etwas neues zu berichten gibt: Plastik geht immer. Klickt online super. Bilder von verendeten Meerestieren gehen immer. Egal, wie viel Plastik aus Deutschland im pazifischen Ozean landet. Beispiel gefällig? Der aktuelle Teasertext bei SPON zum Thema: „Die Deutschen gelten als Weltmeister der Wiederverwertung. Tatsächlich tragen wir eine erhebliche Mitschuld daran, dass die Welt am Plastikmüll erstickt – weil viel weniger Plastik recycelt wird, als wir denken.“
    Problem nur: Ja, die Recycling-Quote ist gering, und wahrscheinlich wirklich geringer als offiziell angegeben. Nur heißt es im Artikel dann: „“In der ersten Stufe des langen Recyclingprozesses, dem Sammeln, seien die Deutschen noch sehr gut, sagt Wilts.“ Ja, stimmt. Danach wird vor allem verbrannt. Das ist ineffektiv und Quatsch. Aber an verbranntem Plastik erstickt die Welt nicht. Kein einziges Meerestier hat verbranntes Plastik im Bauch.
    Egal: Plastikmüll und der Jubel über das Strohhalmverbot werden auch 2019 prägen – auch weil es in Social Media geklickt und kommentiert wird wie blöd. Themen wie etwa die Berichterstattung über die Ökodesignrichtlinie werden weiter untergehen – obwohl sicher umweltpolitisch ähnlich relevant, nur leider etwas komplizierter. Wer jetzt sagt: „Ökodesignrichtlinie? Nie gehört!“ tja, dann Q.E.D. Ich finde dazu nur dreiArtikel aus dem vergangenen Jahr, zweimal in der taz und einmal in der WELT.
  • Pornos von Frauen. Ist klar, warum das immer wieder auftaucht.
  • Der Dorfladen. Entweder das Aussterben oder die Rückkehr.
  • Fahrradfahren. Rettet die Welt, meistens.
  • Joggen, laufen, rennen. Körperliche Fitness ist Journalisten wichtig, und in jedem Jahr berichten ein bis vier Exemplare dieser Gattung über ihren Weg zum ersten Marathon. Gähn.
  • Veganes Leben. Vegetarisches Leben. Finden urbane Journalisten wichtig. Allerdings: anscheinend wächst weder die Zahl der Veganer noch der Vegetarier signifikant. Rund ein Prozent sagen von sich, dass sie vegan leben, zwischen vier und sechs Prozent bezeichnen sich als Vegetarier. Es kann aber dennoch sein, dass der Fleischkonsum zurückgeht. Wenn die Fleischesser eben weniger Fleisch essen.
  • Tiny Houses. Ich bin nicht ganz sicher, ob dieser Berichterstattungstrend von 2018 einfach so weiter geht. Halte es aber für möglich.

Ich habe das ein oder andere sicher vergessen, das trage ich nach.

 

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13. Januar 2019
von Michael Scheuch
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Studies from hell: Veganismus und Männlichkeit

Zum Jahreswechsel als Meldung in meinem Lokalblatt,  aber auch darüber hinaus:

Veganismus und Männlichkeit: Studie an der TU Darmstadt

Sorgte früher Fleisch für den nötigen Bizeps, liegen heute vegane Produkte mit möglichst viel Proteinen, denen man eine ähnlich stärkende Wirkung zuschreibt wie Fleisch, voll im Trend – auch bei Männern.

Voll im Trend. Vegan ist klasse. Männer wollen Bizeps, aber mit Tofu. Oder so.

Zu dieser Studie eben mit dem Titel „Ernährungskulturen und Geschlecht. Eine empirische Untersuchung von Männlichkeitskonstruktionen am Beispiel Fleischkonsum und Veggie-Boom“, die es allerdings leider weder im Volltext noch als Abstract auf der Webseite der TU Darmstadt zu lesen gibt, geben die Soziologin Tanja Paulitz und ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter Martin Winter hier ein Interview. Da heißt es:

Spannend sind die Zahlen: Nur ein Prozent der Deutschen ernährt sich aktuell vegan, etwa zehn Prozent vegetarisch.

Nach dem zuletzt veröffentlichten Nahrungsmittel-Report (Volltext) der Bundesregierung, einer repräsentativen Telefonumfrage, sind es allerdings nur sechs Prozent (S.8), die angeben, sich vegetarisch zu ernähren.

Es geht eher um die Frage: Wie ernähre ich meinen Körper gut und richtig? Vielen Menschen scheinen vegane Fleischalternativen die richtige Antwort zu sein. Die Produkte kommen Fleisch optisch und geschmacklich sehr nahe. Kulturell ist bedeutsam, dass die symbolisch an Fleischkonsum gekoppelte Vorstellung von Männlichkeit gewahrt werden kann. Denn vegane Produkte setzen auch auf viele Proteine, denen eine vergleichbar stärkende Wirkung wie Fleisch zugeschrieben wird.

Die Ausbildung bestimmter Mengen und Formen an Muskeln an den ‚richtigen‘ Stellen sichert gesellschaftlich die Differenzierung gegenüber Weiblichkeit ab. Dies ist bedeutsam, da genau diese Differenzierung ja nicht mehr wie früher institutionell und formal erfolgt, sondern die Partizipation von Frauen in der Gesellschaft unübersehbar ist. Zur Abgrenzung spielen Essen und seine Inhaltsstoffe sowie Sport eine wesentliche Rolle. Künstliches Fleisch mit viel Protein folgt damit derselben Logik wie ‚echtes‘ Fleisch. So wird es auch vermarktet und in der Öffentlichkeit rezipiert. Wir nennen das eine „Koproduktion von Fleisch, Wissen und Körpern“.

Und so weiter.

Die spannende Frage ist: wie kommen die beiden zu ihren Studienergebnissen, wenn sie „vielen Menschen“ (scheint) oder andere Verhaltensweisen „der Menschen“ beschreiben? Hier das Untersuchungs“design“:

Der Studie liegen qualitative Analysen veganer Kochbücher, Feldstudien im Rahmen von Fachmessen in den Bereichen Lebensmittel, Metzgerei sowie Tierzucht- und Agrartechnik so­wie Interviews mit NGOs und Ernährungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern zugrunde.

Nochmal um das wirken zu lassen, was das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst so fördert: das Lesen von Kochbüchern. Den Besuch von Messen, bei denen mit Anbietern gesprochen wird, die uns alle schon das mit „dem Veganen“ auf anderen Kanälen als das „große Ding“ verkaufen, dann NGOs, wahrscheinlich Vegetarierverbände und Veganer-Aktivisten, und, auch klasse, Ökotrophologen. Meine Lieblingswissenschaftlergattung knapp vor den Soziologen.

Also eher eine Meta-Meta-Meta-Studie, in der Marketingfuzzis und enthusiastische Laien ihren Blick auf unsere Lebensmittelwelt zum Besten geben. Kann eine „Studie“ trauriger sein? Das Jahr fängt ja gut an.

 

 

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16. Dezember 2018
von Michael Scheuch
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Apple Pay und der lange Text der ZEIT

Okay, man kann enthusiastisch den Eintritt in ein neues Zeitalter des Mobile Payment bejubeln, oder nüchtern darüber berichten, dass jetzt endlich Apple Pay in Deutschland verfügbar ist. Da sich Apple viel Zeit gelassen hat, sein System an den Start zu bringen, sind immerhin schon viele, viele NFC-taugliche Kassensysteme montiert. 820.000, etwa 80 Prozent aller Kartenterminals.

Das ist kein Verdienst von Apple, sondern die Kreditkartenanbieter, die Girokartenanbieter, und Apps wie Google Pay und Payback setzen schon seit geraumer Weile auf die Technik und kontaktloses Zahlen. Nur iPhone-User waren bisher draußen, weil das Unternehmen den Zugriff auf seine NFC-Zahlfunktion der Geräte beschränkt hat.

Kurz und gut: Apple Pay ist in Deutschland weder innovativ noch herausragend „neu“. Mein Rossmann unterstütz seit einem Jahr angeblich sogar Alipay und andere Exoten.

Dennoch erschütterten multiple Orgasmen der Apple Fanboys meine Timeline. Na gut.

Man kann jetzt relativ sachlich die Systeme einander gegenüberstellen: T3n zu Apple vs. Google . Oder man kann das wahnsinnig beliebte Mittel des „Selbstversuchs“ wählen. Was die ZEIT gemacht hat. Ein wahnwitzig langer Text, der zwar eine Menge über den Lebensstil von ZEIT-Journalisten verrät (Cafe besuche nicht zu knapp, Freitags frei, Nach Malle fliegen weil ein Freund da Geburtstag feiert). Nicht schlecht, das ZEIT-Journalistenleben.

Aber was will mir ein Text sagen, bei dem ich auf Seite 3 erfahre, dass der Kollege den Selbstversuch … gar nicht beherrscht:

Als ich mein Handy ans Gerät halte, gibt die Kassiererin mir den goldenen Tipp: „Anders herum.“ Ich drehe das Handy so, dass die Rückseite nach unten auf das Bezahlterminal zeigt. Und siehe da: Es vibriert und piept – Google Pay meldet Vollzug. Endlich! Ich hatte es bei den ersten Versuchen einfach falsch herum gehalten. Wie peinlich!

Vorher jammert er über seine schlechten Erfahrungen.

Wenn ihr keinen Journalismus mehr machen wollt, dann sagt mir das doch vorher.

 

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24. November 2018
von Michael Scheuch
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Rezension: Bob Woodward: Furcht

Das zweite Buch, dass sich mit dem „Alltagsleben“ im Weißen Haus beschäftigt, und Woodward enttäuscht mich sehr: gegenüber „Fire & Fury“ fällt sein Werk klar ab, auch wenn er teilweise dieselben Gesprächspartner hat – vor allem Bannon und Priebus, aber auch Porter und Cohen. Die erste Erkenntnis: das erste Drittel des Buches handelt noch von der Wahl bis zur Inauguration – mithin alles Schnee von gestern, und in Michael Wolff’s Buch ausreichend behandelt. Und dann sind viele Ereignisse aus dem ersten Amtsjahr bis zum Ausscheiden Bannons geschildert, und vieles unterscheidet sich nicht, fügt leider dem zuvor erschienenen Buch auch nichts Wesentliches hinzu. Allerdings wird klar, warum Woodward Ex-FBI-Chef Comey für einen Schaumschläger hält, und da kann etwas dran sein.
Aber im Gegenteil: die Analyse von Javankas (Jared und Ivanka) Rolle im Weißen Haus fällt bei Wolff präziser aus (vielleicht weil Bannon die beiden so sehr hasst). Auch andere Konstellationen werden klarer. Die Verknüpfung mit Rupert Murdoch und die Rolle der Reichen fehlt fast vollkommen. Bei Woodward wird es zunehmend erratischer, es werden Episoden erzählt, nicht aber die Machtverhältnisse selbst, und auch über Trump erfahren wir sehr viel weniger.
Da Woodward vor allem in Geheimdienstkreisen gut vernetzt ist, spielen diese Themen eine Rolle, vor allem die Außenpolitik, der Nahe und Mittlere Osten, Afghanistan, Korea, China. Überraschenderweise muss ich feststellen, dass Trump grundsätzlich mal die richtigen Fragen stellt, etwa „Was wollen wir da?“, dann aber natürlich nicht nachhaltig an einer Zielvorstellung arbeitet.
Woodward wechselt spontan an 3-4 Stellen ins „Ich“-Format, aber eigentlich nur um zu zeigen, was für ein toller Journalist er doch ist. Peinlich.
Vom ehemaligen Watergate-Aufdecker, dessen Buch zur Reagans Iran-Contra-Affäre ich vor Jahrzehnten richtig gut fand, habe ich mehr erwartet. Vor allem die letzten anderthalb Stunden rund um seinen Rechtsberater John Dowd, der schildern darf, wie klasse er mit Ermittler Mueller umgeht, sind ermüdend, und einzelne Sequenzen stehen zusammenhangslos im Raum. Manchmal ohne Punkt und Komma durchgelesen springt die Schilderung hin und her.

Das war nix.

Ich hörte die 13+x Stunden Hörbuchfassung von Bob Woodward: Furcht – Trum im Weißen Haus. Sprecher: Richard Barenberg. Argon Verlag.

 

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12. November 2018
von Michael Scheuch
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Grüne Europawahl: nicht wählen

Ich bin gerne nachtragend. Ein Thema: Das „Urheberrecht“ und das „Leistungsschutzrecht“, dass via Europa das Internet kaputt machen soll.

An diesem Wochenende haben die Grünen ihre Wahlliste für die Europawahl 2018 aufgestellt, Ska Keller und der durchaus von mir geschätzte Sven Giegold führen die Liste an.

Aber dann: Listenplatz Nummer 4 für Reinhard Bütikofer.

Ziehen wir mal die Abstimmungsliste der „Partei“ zu rate:

Bütikofer war bei denen, die für die Vorlage des „Happy Voss“ stimmten. Auf Platz 6 Martin Häusling, gleiches Abstimmungsverhalten.

Immerhin sind Harms und vor allem Trüpel nicht mehr dabei, aber als Partei, die auch nur den geringsten Schimmer von Digitalisierung hat, empfiehlt sich „Die Grünen“ nicht. Und Bütikofer war schon immer mehr ein Ärgernis denn ein ernstzunehmender Grünen-Politiker.

Nicht gesondert erwähnen muss ich übrigens die gleichermaßen unwählbare SPD. Ich hatte „meinem Abgeordneten“ Herrn Bullmann in der Sache geschrieben – keine Antwort, nicht mal Standard/Floskeln/irgendwas. Tja, dann nicht.

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11. November 2018
von Michael Scheuch
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Studies from hell: Schulessen

Ein unglaublicher Propagandaerfolg der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE): die Studie zu Schulverpflegung und Kosten, bezahlt vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Denn dusslig, wie Journalisten nunmal manchmal sind, heißt dann häufig die Überschrift wie etwa bei n-tv: Besseres Schulessen kostet nur Cents mehr.

Das ist nicht die Aussage, denn: was ist Besser, was ist Schlechter? Schmackhaftes Essen ist besser, oder, wie die Studie untersucht, das sklavische Abarbeiten der Empfehlungen der (Achtung, Überraschung) DGE für Schulverpflegung? Natürlich wurde nur letzteres untersucht, und dann gleichzeitig beklagt, dass die Akzeptanz für das Schulessen so gering sei.

Aber zum über zitierten „Fazit“ der „Studie“:

Gesünderes Schulessen könnte häufig bereits für vier Cent zusätzlich zubereitet werden.

Hurra.

Allerdings unter diesen Voraussetzungen, so die FAZ:

Demnach muss ein gesundes Mittagessen nach den DEG-Qualitätsstandards für Schulverpflegung kaum teurer sein als ein anderes. In einer Grundschule mit 200 ausgegebenen Essen betrüge der Unterschied laut Modellrechnungen nur vier Cent pro Mahlzeit.

Hätte, wäre, Fahrradkette. Denn die DGE-Ernährung, so jubeln es gesundheitsbewusste Journalisten hoch, bedeutet Weiterlesen →

1. November 2018
von Michael Scheuch
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Meine Leseliste (18/14): Klassenunterschiede, Plastik

Kommunikationsdifferenzen im Journalismus
Lesenswert ist der Blogpost von ORF-Journalist Armin Wolf „Demokratischer Diskurs ist kein safe space“ der sich aufgehängt am angeblichen Phänomen „Political Correctness“ zu Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Politikern, aber vor allem auch Journalisten und Bürgern äußert:

Die meisten Journalisten finden zum Beispiel die „Ehe für alle“ gut, ich lese jedenfalls wenige Kommentare dagegen. Alle Journalisten, die ich kenne oder lese, meinen auch, dass man Homosexuelle oder Transgender-Personen nicht diskriminieren soll. Aber ich vermute, dass es gar nicht wenige Leserinnen und Seher gibt, die noch immer finden, irgendwie sei das nicht ganz „normal“.

Nun meine ich keineswegs, dass man dem nachgeben soll. Es gibt ein Menschenrecht darauf, für sein Geschlecht, seine sexuelle Orientierung und ethnische Herkunft nicht diskriminiert zu werden. Aber derartige Unterschiede zwischen den Werthaltungen etablierter Medien und Teilen der Bevölkerung produzieren eine gewisse Kluft – und möglicherweise auch eine Entfremdung.

Ich weiß dafür keine Lösung, aber mich beschäftigt dieses Problem.

Eine mögliche Erklärung dafür wäre, dass es in den Redaktionen – jedenfalls der nationalen Leitmedien – relativ wenig Diversität gibt. Dort arbeiten mittlerweile zwar – glücklicherweise – immer mehr Frauen, auch in führenden Positionen, aber die meisten Redakteure sind heute urbane Akademikerinnen und Akademiker mit sehr ähnlicher Herkunft und Ausbildung, die in ähnlichen Gegenden wohnen und sich in einem ähnlichen sozialen und kulturellen Umfeld bewegen.
Tatsächlich stellt er zu recht fest: Journalist zu werden, dass muss man sich erstmal leisten können:

oft braucht es dafür die Unterstützung gut situierter Elternhäuser. Und man muss es sich leisten wollen, weshalb es Absolventen aus Jura-, Wirtschafts- oder Technikstudien, die oft auch politisch konservativer sind, meist in besser bezahlte Berufe zieht.
Aber diesen Hinweis finde ich am wertvollsten:

Der britische Autor David Goodhart sieht die wesentliche kulturelle Konfliktlinie unserer Gesellschaften ja zwischen jener Bevölkerungsgruppe, die er die Somewheres nennt und den Anywheres. Als Anywheres bezeichnet er Menschen mit Uni-Abschluss, urban, kosmopolitisch und mobil, die sehr viel Wert auf Autonomie und Offenheit legen. Die Somewheres sind Menschen, die an einem Ort verwurzelt sind, eine weniger gute Ausbildung haben und für die Sicherheit und Tradition wichtig sind. Das sind keineswegs nur Arbeiter, sondern auch Gewerbetreibende, Landwirte, Hausfrauen, Beamte.

Die meisten Journalisten – jedenfalls in den großen, nationalen Medien, vielleicht weniger in den Lokalredaktionen – sind prototypische Anywheres. Aber ein Großteil unseres Publikums sind Somewheres.
Mal drüber nachdenken: kennt ihr hauptsächlich „Anywheres“ oder „Somewheres“? Und wie sieht es bei Journalisten aus? Weiterlesen →

28. September 2018
von Michael Scheuch
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„Reform“pädagogen schlagen zurück

Niemand kann mir die Befriedigung nehmen, mit der ich die Ergebnisse einer Studie zur Kenntnis genommen habe, nach der die Methode „Lesen durch Schreiben“ keine besonders guten Ergebnisse im Aneignen von Schreibfähigkeiten aufweist.

Meine Elternerfahrungen mit dieser Methode sind verheerend. Denn wenn der Nachwuchs dicht an LRS chargiert, dann hilft das orientierungslose vor-sich-hin-schreiben nicht, es verunsichert. Und das vor allem dann, wenn man noch das Gefühl haben muss, auch die Lehrkräfte sind damit überfordert. In unseren Elternabend wurde dringend darauf hingewiesen, wir sollten die Kinder ja nicht korrigieren.

Das Ergebnis der Studie ist für die „Reform“-Pädagogik ein einigermaßen schwerer Schlag. So dass man zum Gegenschlag ausholen muss. Stellvertretend etwa der Artikel bei Zeit Online „Die Fibel macht es auch nicht bessa“.  Das ist „lustig“. Oder?

Mich kotzt es an. Parvin Sadigh schwingt die ganz überhebliche Keule:

Leider hat die Studie nämlich nicht danach gefragt, welche Methode Lust auf Schreiben und Lesen macht. Auch nicht danach, wer später Texte besser versteht und sich schriftlich frei ausdrücken kann.

Ja, aber leider scheint Frau Sadigh auch keine Studie anführen zu können, die in diesen Fragen Lesen durch Schreiben vorne sieht, mit dieser „leider“ Formulierung wird zwar unterstellt, dass da die Reformpädagogik die Nase vorne hat, aber leider – ist das eine Unterstellung.

Ja, vielleicht wurde eine Zeit lang Rechtschreibung nicht ernst genug genommen. Aber wie viel Kreativität würde wieder verloren gehen, wenn man die Zeit zurückdreht? Wenn nur noch gepaukt und nicht mehr ausprobiert wird? Wer weiß das?

Ja, lustig, was? Keiner weiß das! Frau Sadigh auch nicht. Es wird einfach unterstellt.

Das Wort „pauken“ wird mehrfach abwertend im Artikel benutzt, darf man da von Framing reden? Oder ist das links vorbehalten, wenn man rechts kritisieren will?

Außerdem kommt die Studie zu spät, denn die Schreiben-nach-Gehör-Methode wird nur noch selten dogmatisch angewandt. An manchen Schulen durften Lehrerinnen und Eltern bei deren Einführung den Schülerinnen und Schülern bis zum Ende der zweiten Klasse nicht verraten, dass die Wörter eigentlich anders geschrieben werden – um die Kinder nicht zu demotivieren.

Tja, auch das weiß Frau Sadigh nicht, ich kann nur sagen: vor fünf bis sechs Jahren war das bei uns noch so.

Und der Satz ist großartig:

Migration und Inklusion sind wahrscheinlich die Hauptursachen für die schlechteren Leistungen in der Grundschule.

Huh. Darf man das schreiben? In der ZEIT? Ist Lesen durch Schreiben doch eine elitäre, weiße, Oberschichtsunterrichtsform?

Zur Verteidigung der Reformpädagogik wird dann noch eine Binse bemüht:

Studien haben längst gezeigt: Auf die Methoden kommt es weniger an als auf engagierte Lehrer, die sich Zeit nehmen können für jedes einzelne Kind.

Ach. Kleinere Klassen, mehr Lehrer, wenig Unterrichtsausfall. Das ist wirklich immer gut. Egal nach welcher Methode. Aber vielleicht mit der klassischen doch ein bisschen besser. Originell aber ist das nicht.

 

 

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