Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

18. Februar 2017
nach Michael Scheuch
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Schwarzer Tag für CDU / CSU – und schlau eingetütet

Der vergangene Donnerstag (16.2.) kann als Tag des geschickten politischen Timings in die Geschichte eingehen, denn der CDU/CSU ist es tatsächlich gelungen, an diesem Tag drei Regierungsmitglieder in drei Untersuchungsausschüssen aussagen zu lassen. Das ist deswegen geschickt, weil an einem „normalen“ Nachrichtentag jede einzelne dieser Aussagen die Top-Schlagzeile gewesen wäre. Da es definitionsgemäß nur eine Top-Schlagzeile gibt, tja, da musste man sich entscheiden. Und „natürlich“ für die Aussage von Bundeskanzlerin Merkel vor dem NSA-Untersuchungsausschuss.

Dass hier am allerwenigsten rumkommen würde, das war abzusehen. Der Auftritt der Kanzlerin, die von allem nichts oder viel zu spät gewusst haben will, war ähnlich lähmend wie ihr Auftreten inzwischen Allgemein wahrgenommen wird. Entsprechend auch die Bewertungen in der Presse (Zusammenfassung inforadio rbb). Etwa in der Süddeutschen:

Der NSA-Ausschuss blickt in einen Abgrund von Unwahrhaftigkeit – und der Blick auf den Boden des Abgrunds gelingt nicht, weil die Regierung vieles getan hat, um den Blick zu versperren. Die angebliche Aufklärung der Affäre begann mit der Lüge der Regierung Merkel II, dass man nun dabei sei, ein No-Spy-Abkommen mit den Amerikanern zu schließen, eine Art geheimdienstlichen Nichtangriffspakt. Solche Verhandlungen hat es, wie man heute weiß, nie gegeben.

Heribert Prantl ist sauer:

Man weiß nach diesen vielen Verhandlungstagen nicht, ob man lachen, weinen oder schreien soll.

Na gut, kein Wunder, das schmale schmale Ergebnis. Und schön die Schlagzeilen gemacht. Erfreulich aus Sicht der CDU ist sicher auch, dass das Thema dem gemeinem Wahlvolk ziemlich am Allerwertesten vorbeigeht, Snowden schon lange kein echtes Thema mehr ist und „das machen doch alle“ als Argumentationslinie gut verfängt. Und Merkel hat es geschickt vermieden, irgendeinen Satz wie „geht gar nicht“ loszulassen, den man ihr bei der nächsten Gelegenheit vorhalten könnte. „Glaubwürdiges Dementi“ als Strategie, indem Informationen von der Kanzlerin ferngehalten werden, kennen wir aus „Independece Day“ in Bezug auf den Präsidenten und die Area 51. Punktsieg CDU.

Am gleichen Tag, anderer Untersuchungsausschuss: Alexander Dobrindt darf sich die Welt so malen, wie er will. Im VW-Skandal darf er recht dreist Aussagen treffen wie, dass niemand seinem Ministerium etwas in Sachen tatkräftiger Krisenbewältigung vormachen könne (NOZ-Artikel):

„Keine andere europäische Regierung hat so eine Vielzahl von Messungen veranlasst.“

Tja. Und Konsequenzen daraus?

Dobrindt bekräftigte seine Forderung, die europäischen Vorschriften zu Abschalteinrichtungen der Abgasreinigung strenger zu fassen.

Das ist das praktische an dieser EU – dass man sie dafür verantwortlich machen kann, nix zu tun. Schließlich ist Deutschland ja auch kein wichtiger Player, der so etwas einbringen und durchdrücken könnte. Weiterlesen →

3. Februar 2017
nach Michael Scheuch
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Gute Vorsätze – think and share [Update]

So, Trump ist vereidigt und Theresa May hat das Brexit-Szenarion ein wenig konkretisiert.

Was tun?

Ein fester Vorsatz von mir ist: beim Teilen von Inhalten in Sozialen Netzen vorsichtiger zu sein, mehr nachzudenken und vor allem die Quellen noch mehr und mehr zu beachten denn je.

Warum? Weil ich fürchte, ein Opfer meiner Reflexe zu werden. Das betrifft Tweets wie diesen:


Denn er gefällt mir so gut.

Bevor ich zukünftig einen Inhalt teile, muss ich mir aber Gedanken machen: Stimmt das, was die Bilder suggerieren? Oder bin ich Opfer meines Wünschdirwas?

Eine Möglichkeit für eine Verfälschung des so genannten Bildbeweis: wurden beide Bilder zu vergleichbaren Stadien rund um die Inauguration aufgenommen, also zu vergleichbaren Uhrzeiten? Was ist die Quelle – kann ich sicher sein, dass diese keine Bildmanipulation vorgelegt hat? Ich muss also, bevor ich Retweete oder Share überprüfen: was weiß ich über diesen Inhalt wirklich?

Denn nur so gibt es eine Chance, gegen die „Lügenpresse“-Schreihälse und die Fans autoritärer Systeme anzukommen. Dabei dürfen in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten nicht viele Fehler passieren – denn jeder Fehler ist nur Wasser auf die Mühlen derer, die eine unfaire Kampagne gegen Trump, Le Pen, AFD oder „Die Besorgten Bürger“ und die „Schweigende Mehrheit“ konstruieren wollen.

In oben genanntem Beispiel hilft schon der Link zu vox.com sehr gut weiter, denn dort wird brav auch die Uhrzeit dazugesagt, zu der die beiden Aufnahmen entstanden sind. Hinzu kommt die Aufzählung weiterer Quellen, die die Behauptung stützen, dass nur vergleichsweise wenige Menschen an der Amtseinführung von Trump teilhaben wollten. Das ist vorbildlich.

But aerial shots of the National Mall from President Barack Obama’s 2009 inauguration and today show that isn’t likely. Here’s an image taken at about 11:30 AM ET in 2009: (..) And here’s what it looks like today as of 11:04 AM ET.

Beide Bilder versehen mit sehr ordentlichen Credits, und dann wird das daraus:

Montage: Vox.com http://www.vox.com/policy-and-politics/2017/1/20/14332462/photos-crowd-trump-inauguration-vs-obama?utm_campaign=vox&utm_content=entry&utm_medium=social&utm_source=twitter

Und auch die BBC geht einigermaßen sorgfältig den Behauptungen nach, dass Trump „unfair“ behandelt würde.

Und vorbildlich mal wieder der Guardian.

Allerdings sind das ja ganz schöne Hürden, bevor man Dinge weiterleitet oder shared. Aber die Mühe muss man sich machen. Sonst geht man unter gegen die „Social-Media-Profis“ der Dunklen Seite.

UPDATE 3.2.17: Stefan Niggemeier hat für uebermedien.de die Bildergeschichte tiefgreifender analysiert. Auch sein Fazit:

Es ist ärgerlich, wie fahrlässig viele Medien in dieser Sache agieren. Ich habe jetzt viele, viele traurige Stunden damit zugebracht, Livestreams durchzusehen, mich bei Google zu verlaufen, Bilder zu suchen und zu vergleichen. Denn an so vielen Stellen, wo Aufnahmen der beiden Amtseinführungen verglichen werden, fehlen diese elementaren Informationen: Wann genau wurden sie gemacht?

Entweder fehlen sie ganz, oder sie sind so vage und ungenau, dass man erst recht Verdacht schöpft – und teilweise scheinen sie auch falsch zu sein. Die Tatsache, dass es ein Foto gibt, das unzweifelhaft während Trumps Antrittsrede entstanden ist, geht dabei völlig unter.

30. Januar 2017
nach Michael Scheuch
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Alternative Fakten

„Mögest Du in interessanten Zeiten leben“ wird als chinesischer Fluch gehandelt, und sicherlich leben wir in interessanten Zeiten. Denn überm Atlantik hat ein Regime den Kampf um die Fakten und die Deutungshoheit aufgenommen, ohne Rücksicht auf Verluste. Und hierzulande sind viele Journalisten und Medien in berechtigter Aufregung darüber.

Mit „Alternativen Fakten“ haben wir es aber auch immer wieder hierzulande zu tun, kein Wunder, denn im September wird der Bundestag gewählt, und davon das ein oder andere Landesparlament, am Wichtigsten sicher das in NRW.

In einem Kommentar am 23.1. in der FAZ und verkürzt im Netz mahnt FAZ-Redakteur Reinhard Müller vor dem Erstarken der Rechtpopulisten. Online heißt es

 (Die „sprechende“ URL verrät übrigens, dass der Autor seinen gereckten Zeigefinger eigentlich nur der SPD hinstrecken wollte – WordPress-Besitzer, die nachträglich die Überschrift ändern, kennen das:

)

Zurück zum Thema. Müller kann nur schwer verstehen, weshalb Rechtspopulisten Zulauf haben, und sieht an und für sich Deutschland sicher gegenüber einer Trumpisierung, denn in Deutschland fehle es an den Voraussetzungen „eines solchen Siegeszugs“ nämlich einer „tief gespaltene(n) Gesellschaft und eine(r) skrupellose demagogische Führungsfigur.“

Es ist paradox: Der insgesamt recht große Wohlstand und die relativ geringe Ungleichheit, also die gesellschaftliche Stabilität, führt zum Ruf nach einem „Erwachen“ aus der angeblich gleichgeschalteten politischen Landschaft.

Hallo? Die relativ geringe Ungleichheit?

Die Zeiten, in denen geleugnet wurde, dass die deutsche Gesellschaft sich in einer bedrohlichen Schieflage befindet, sollten doch vorbei sein. Selbst in der FAZ, wenn auch nur in einem „Gastbeitrag“ ist das Thema doch angekommen:

In den letzten 15 Jahren hat sich nicht nur das Produktionsmodell in der deutschen Hochproduktivitätsökonomie verändert, es ist auch ein neues Proletariat in Deutschland entstanden. Die politische Maxime, jede Arbeit ist besser als keine Arbeit, hat zusammen mit dem Kostenreduktionsmodell der Fremdvergabe einfacher Dienstleistungen dazu geführt, dass 12 bis 14 Prozent der Beschäftigten in Dienstleistungsjobs ohne Aufstiegsmöglichkeiten und mit geringer Bezahlung tätig sind.

(Heinz Bude: „Die neue soziale Spaltung„)

Dass das DIW unter Marcel Fratzscher das Thema in den Ökonomen-Mainstream getragen hat, ist bemerkenswert. Und interessant zu sehen, dass zwar die Ungleichheit von anderen Ökonomen nicht wirklich bestritten wird, wohl aber dessen Auswirkungen – so sind es wohl nicht gerade die abgehängten Armen, die Trump gewählt haben (oder hierzulande AFD wählen). Allerdings ist kaum zu bestreiten, dass die Abgehängten eher gar nicht wählen gehen. Und das ist demokratietheoretisch eher bedenklicher als die Stimmabgabe für Populisten.

Auch wenn die Mahnung der OECD diskutiert wird, Deutschlands Vermögensverteilung sei ungerecht, dann geht es häufig darum, ob das denn wirklich so schlecht sei. Und nicht um die Tatsache an und für sich. (Darum geht es in dem reißerisch betitelten Artikel der FAZ „IW Köln widerlegt OECD Studie zu Ungleichheit“.  Widerlegt wird nicht die Feststellung der Ungleichheit bei Einkommensentwicklung und Vermögen, „widerlegt“ wird die Annahme, dass das Wirtschaftswachstum kosten könne. Dass es die Zustimmung zu demokratischen Parteien und zum Wirtschaftssystem an sich kosten könnte, war nicht Gegenstand des Interesses des arbeitgebernahen Instituts

Je nach statistischer Schätzmethode lasse sich für Deutschland sogar ein positiver Zusammenhang zwischen steigender Ungleichheit und dem Wirtschaftswachstum zeigen, legte Hüther dar.

Hier tauchen wir aber tief ab in die Ökonomen-Trickkiste.)

Hier nochmal ein Überblick zum Thema Ungleichheit und mangelnde Aufstiegschancen.

Zurück zu „Alternative Fakten“. „Relativ geringe Ungleichheit“ attestiert Müller in seinem Meinungsartikel zu Populismus. Man darf sich nichts vormachen: wer es nicht einmal schafft, die Ausgangslage richtig dazustellen, der wird keine Rezepte gegen Populismus finden. Journalisten müssen ihr Weltbild immer mal wieder in Frage stellen – das gilt auch für diejenigen, die ausschließlich soziale Ungleichheit unter der Prämisse des berühmten dramaturgischen „immer mehr“ betrachten.

16. Dezember 2016
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#keingeldfürrechts und die Heuchelei der FAZ

Ist es denn nicht die banalste Weisheit der liberalen Welt, dass Unternehmen alleine entscheiden können, ob, wie und bei welchem Werbeträger sie Reklame für ihr Geschäft machen? Oder gibt es jetzt eine Vorschrift, nachdem sie ihre Werbetöpfe gleichmäßig über alle Plattformen auszustreuen hätten? [Hintergrund ist die Aktion #keingeldfuerrechts, bei der ein Werbe-Stratege Firmen empfahl zu überlegen, ob sie auf Seiten wie „Breitbart“ wirklich werben wollen – was Kellog’s wohl nicht mehr tun mag. Ein Taz-Artikel hier. Mit erschreckenden Einblicken in die Wirkmächtigkeit der Broders und Tichys dieser Welt – wir brauchen kein Breitbart hierzulande, alles schon da.)

Den Eindruck bekommt man, wenn man den FAZ-Artikel von Michael Hanfeld „Wirb nicht bei den Schmuddelkindern“ liest – das sind ungewohnt sozialistische Töne für das Blatt. Okay, die Begründung lautet:

Ein Werbeboykott ist übrigens nicht nur ein Mittel gegen vermeintlich gefährliche (Meinungs-)Blogs und Netzportale, sondern vor allem gegen kritische Presseberichterstattung. Wer auf so etwas setzt, erst recht als Stratege einer Werbeagentur, bringt wirtschaftliche Macht gegen die Meinungsvielfalt und die Pressefreiheit in Stellung.

Wow. „kritische Presseberichterstattung“ „Meinungsfreiheit“ „Pressefreiheit“ in Gefahr, wenn Unternehmen von ihrem Recht Gebrauch machen sollten, keine rechten Krawallmacher zu finanzieren. (Bei Tichy gab es schon Fake-News bevor es den Begriff gab)

Den hehren Anspruch würde ich Hanfeld vielleicht abnehmen – wenn er denn irgendwann mal bemerkt hätte, dass das alles nichts Ungewöhnliches ist. Was etwa ein Blick in die taz verrät, die ich Wochenends abonniert habe: denn da sieht man den Werbeboykott. Unmengen an Firmen haben entschieden, in der taz nicht zu werben – denn Anzeigen veröffentlichen würde die taz schon machen wollen (wie die Bundeswehr-Werbung plus zugehörige Debatte gezeigt haben).

2,3 Millionen Euro hat die die taz im Jahr 2014 an Erlösen durch die Veröffentlichung von Anzeigen eingenommen. Eine ganz schöne Menge, wenn man bedenkt, dass allein die Position Redaktionskosten, in denen Text- und Bildhonorare, Reise- und Agenturkosten undsoweiter addiert werden, im selben Zeitraum 2,7 Millionen Euro betrugen.

Ganz schön wenig, wenn man feststellt, dass damit der Anteil an den gesamten Umsatzerlösen nicht einmal 9 Prozent beträgt. Und erst recht, wenn man diesen Anteil ins Verhältnis setzt zu den marktüblichen 33 Prozent*. Wir spüren dies Monat für Monat an den traditionell niedrigen taz-Gehältern, die wir uns auszahlen können.

Hat denn jemals die FAZ die Beschneidung der Möglichkeit „kritischer Presseberichterstattung“ „Meinungsfreiheit“ „Pressefreiheit“ durch den Werbeboykott gegen die taz beklagt?

Also.

Fragt sich dann, warum die FAZ  glaubt, für die Einnahmen der kruden Publikationsplattformen achgut und tichyseinblick in die Bresche springen zu müssen.

Muss ich nochmal drüber nachdenken.

 

Übrigens kaufe ich auch deshalb gerne bei Fielmann, weil die Kette seit Jahren schon ihre Anzeigenkampagnen ganz selbstverständlich auch in der taz schaltet.

 

 

marfis75 on flickr

9. November 2016
nach Michael Scheuch
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Deja Vu und wieder eine neue Welt

Ich hatte das in diesem Jahr schon einmal. Eine Abstimmung, man geht ins Bett und wacht in einer anderen Welt auf. Diesmal ist es der vorhergesagte klare Erfolg für Hillary Clinton, der sich dann doch in einen klaren Erfolg für Donald Trump verwandelt. Und wieder ist das Vertrauen in die menschliche Intelligenz, das demokratische System, die Aussagekraft von Umfragen und die Einschätzung kundiger Beobachter des politischen Prozesses tief erschüttert.

Was nicht so schlimm wäre. Immerhin haben das andere kluge Menschen auch kommen sehen. Etwa dieser Michael Moore. Ganz überrascht kann ich also nicht tun …

Es gibt aber ein paar Gedanken, die sich jetzt im mir breit machen, vor allem nach den Post-Brexit-Erfahrungen.

    • Es wird ein „Weiter so“ geben. Nach dem Brexit-Votum haben viele gesagt, getan, geschrieben als müsse man jetzt „endlich“ mal ganz neu an die europäische Frage, die europäischen Institutionen und alles mögliche herangehen. In Wirklichkeit haben aber eigentlich alle, die ich wahrgenommen habe, danach nur gesagt und geschrieben, was sie vorher auch gesagt und geschrieben haben. Das gilt für die Europapolitiker von Juncker bis Schulz, die als Antwort eigentlich nur ein engeres, schnelleres, effektiveres Zusammenwachsen hatten – eigentlich dieselbe Position wie zuvor. Die EU-Zerstörer sahen sich eh bestätigt und sagen „Weiter so“. Und das gilt aber auch auf der Seite der linken Europakritiker – von Linkspartei bis Nachdenkseiten, eigentlich wurde dann auch wieder nur alles gesagt und geschrieben, vielleicht ein bisschen verbalradikaler. Und alle, wirklich alle Seiten, legitimierten das durch den Brexit. Doch wenn alle sagen, ein „Weiter so kann es nicht geben“ und dann einfach weitermachen, ohne auch nur ein Jota die eigene Position zu überdenken – dann passiert eben nichts. Das „Weiter so kann es nicht geben“ richtete sich immer an „die anderen“. Tja, und da stehen wir jetzt. Übrigens wird sich das in den „Brexit heißt Brexit“-Verhandlungen auch zeigen: bewegen müssen sich immer die anderen. Das wird ein Spaß.
      Die liebe Sahra Wagenknecht macht schon mal vor, wie das so geht:

Es könnte sich zu einem lustigen Mythos wandeln, wenn man davon ausgeht, dass Bernie Sanders gegen Trump bessere Chancen gehabt hätte – ganz ehrlich: das ist doch eher unwahrscheinlich. Ja, in den Städten hätte Sanders ein paar frustierte Junge mehr geholt, aber die Mobilisierungsrate bei den Konservativen hätte nochmal gesteigert werden können – wenn man noch die Angst der Amis vor dem Sozialismus einpreist.
Und jetzt darüber zu mäkeln, dass die Demokraten ihn nicht aufgestellt haben – ich weiß noch, wie im Frühjahr das amerikanische Vorwahlsystem völlig überraschend von den Linken als die beste aller Welten gepriesen wurde  – nur ist da halt auch nicht das Ergebnis bei herausgekommen, dass sich die Linken gewünscht haben. Also doch ein Scheißsystem. Und natürlich gilt jetzt: die Sozis müssen sich bewegen, nicht wir. Das Ganze garniert von unvermeidlichen Volker Pispers, von dem ich allerdings nicht weiß, wie viele Tage des letzten Jahres er in den USA verbracht hat und wie viele Menschen er dort gesprochen hat (und von wann diese Grafik ist). Der Beitrag aus europäisch-linker Perspektive erklärt gar nichts. Er ist die lautmalerische Darstellung von Statistiken, aber die können in die Irre führen. Ein bisschen näher gekommen bin ich diesen unverständlichen Menschen durch diesen taz-Artikel, der ja zu Recht für große Aufmerksamkeit gesorgt hat. Übrigens scheint es ein Mißverständnis zu sein, dass die Armen und Abgehängten Trump gewählt haben, etwa die Gruppen, die Wagenknecht sieht. Die Exit-Polls zeigen da ein anderes Bild, auch wenn das vorläufig ist (zu Income scrollen). Das selbe Mißverständnis erfüllt übrigens die Analysen der Erfolge der AFD in Deutschland.

  • Es scheint eine wunderbare Lust am Untergang zu geben. Wenn sich die Wirklichkeit den Weltuntergangs-Blockbustern aus Hollywood annähert, dann schaut man angegruselt zu. In der Hoffnung, wie im Kinositz und auf dem Sofa betrifft das dargestellte nicht das eigene Leben. Dazu passt der Kommentar von Tim Klimes:

  • Haben wir uns, habe ich mich nicht schon damit abgefunden, dass im kommenden Jahr Marie Le Pen in die Stichwahl um die französische Präsidentschaft kommen wird? Und wer sagt denn heute ernsthaft, dass sie keine Chancen hat, Präsidentin zu werden? Ja, die beschwichtigenden Stimmen. Aber wir haben hier zwei beispielhafte Ereignisse, die durchaus auch eine Sogwirkung entwickeln können.
  • Und wir und ich haben uns auch damit abgefunden, dass die AFD im nächsten Bundestag sitzen wird – aber wie stark? Stärker als die beiden jetzigen Oppositionsparteien? Zusammen? Ach nein, ach was? Wirklich? Und anscheinend gibt es auch hier das“Weiter so“. Wenn mir als erste Reaktion einfällt, ob es denkbar ist nach Irland auszuwandern, was bedeutet das?

Und wie ich das jetzt wieder meinen Kindern erkläre …

 

23. Oktober 2016
nach Michael Scheuch
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Zum Schwure

Ein wenig unbemerkt von der ganz großen Öffentlichkeit hat die EU-Komission einen Job erledigt: es geht um die einheitliche Besteuerung von Unternehmensgewinnen innerhalb der EU – und den Abschied von den Sonderregelungen für multinationale Konzerne, die gerne ihre Gewinne dahin verschieben, wo wenig Steuern gezahlt werden müssen. Die Zauberformel: „Gemeinsame konsolidierte Körperschaftsteuer-Bemessungsgrundlage„. Klingt kompliziert, ist es auch, und „die Wirtschaft“ stöhnt leise vor sich hin, um im Hintergrund sicher wieder an vielen Strippen zu ziehen. Aber nicht zu auffällig, denn der Zorn der Bürger richtet sich neben TTIP eben auch darauf, dass der Metzger von nebenan seine Gewinne eben nicht so justieren kann, dass möglichst wenig Steuern anfallen. (Vielleicht kann ein Bäcker das tun!)

Es liegt nun an einer aufmerksamen Öffentlichkeit, darauf zu achten, was sich in diesem Sektor wirklich tut, und ob Herr Schäuble seinen verbalen Einlassungen Taten folgen lassen wird / kann. Dranbleiben!

15. Oktober 2016
nach Michael Scheuch
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Unklarmobil

Kleingedrucktes lesen, Kleingedrucktes lesen, Kleingedrucktes lesen – die Binse aus einem früheren Leben gilt noch immer, heute bedeutet es eher a. anklicken b. scrollen c. evrsuchen, dunkelgraue Schrift auf hellgrauem Grund zu lesen, auch dann, wenn die Zoom-Funktion des Browsers nicht funktioniert.

Der intransparente Mobilfunkmarkt, bei dem Drillisch mit einer großen Zahl verschieden bescheuert benamster Anbieter versucht, so etwas wie Wettbewerb zu simulieren, bietet da so einiges. Zum Beispiel muss es dem Laien schon mal gelingen, die Angebote von Discotel und Discoplus auseinanderzuhalten – es soll schon Kunden des einen Anbieters geben, die sich auf der Webseite des anderen anzumelden versuchten. Das Preistransparenz und Klarheit da eher weniger eine Rolle spielen, das ist klar.

Branchentypisch: Angelockt wird meistens mit Aktionstarifen, die 24 Monate laufen und sich dann, gegen höheren Monatspreis, automatisch verlängern. In 24 Monaten ist dieser Preis dann ganz sicher vollkommen überteuert, so dass man seinen Kündigungstermin scharf im Auge behalten sollte.

So weit so gut, aber Klarmobil geht noch einen Schritt weiter und bewirbt einen Tarif ALLNET FLAT 2000 – angeblick sogar im Netz der Telekom, und das für knapp 15 Euro im Monat. Paradiesische Zustände. Dass der dann nach 24 Monaten 19,95 EUR kosten soll – das zählt unter „das übliche“.

 

Auf der Detailseite muss man aber mal ganz nach unten schauen:

 

Screenshot Klarmobil.de 7.10.2016

Screenshot Klarmobil.de 7.10.2016

Nämlich im letzten Absatz unter 4): diese „2000“ gibt es nur für drei Monate, danach sind nur noch 1 GB im Datenvolumen. Supersache.

 

Heute ist das Angebot transparenter: anscheinend hat den Klarmobilern jemand auf die Finger gehauen oder sie sind von selbst darauf gekommen, dass das so einfach nicht geht. Alle, die bisher angelockt wurden, können ja in drei Monaten mal schauen, ob sie immer noch den Tarif haben, den sie glauben abgeschlossen zu haben.

Trau, schau, wem. Es ändert sich nichts auf diesem Telekommunikationsmarkt.

 

9. Oktober 2016
nach Michael Scheuch
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Transfermarkt

Im Unterschied zur den Transferperioden im Profi-Fußball ist im Bereich „public-private Exchange“ das ganze Jahr über Wechselzeit. Das macht die Sache für Live-Ticker eher untauglich, auch wenn es da Versuche gibt.

Die letzte Zeit hat mich wieder einmal schwer nachdenklich gemacht, bin ich doch normalerweise jederzeit bereit, die parlamentarische Demokratie im Allgemeinen und die organisierte Sozialdemokratie im Speziellen zu verteidigen. Doch dann wechselt eine Referatsleiterin in der Abteilung II (Energiepolitik) zu Nord Stream 2 (nicht SPD-verdächtig!) – womit sie es Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD-Verdächtiger) nachmacht, der nicht nur bei Nord Stream 1 als Vorsitzender des Gesellschafterausschusses fungieren mag sondern bei der 100-prozentigen Gazprom-Tochter jetzt Vorsitzender des Verwaltungsrates wird. Und dann denkt Peer „Stinkefinger“ Steinbrück (SPD verdächtig?) gar nicht daran, mit 69 einfach nur in den Ruhestand zu gehen, sondern wechselt zur ING-DIBA. Die taz bescheinigt ihm nicht zuletzt und nicht zu unrecht „Ökonomischen Sachverstand in eigener Sache“.

Die SPD muss sich angesichts des Verhaltens ihres (Ex-)Personals gar nicht wundern, dass sie als von der CDU nicht mehr unterscheidbar wahrgenommen wird. Und das ist irgendwie nicht gut so.

18. September 2016
nach Michael Scheuch
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Warum ist TTIP so unbeliebt?

Das Transatlantische Freihandelsabkommen ist Gegenstand heftigen bürgerschaftlichen Widerstands. Dieser Widerstand ist allerdings nur Ausdruck eines Phänomens, das auch die Vorbehalte gegen die EU in der gegenwärtigen Form, Steuerreformen, allgemeine Gesetzgebung und „die da oben“ umfasst.

Die kommentierenden Journalisten sind allesamt anscheinend etwas ratlos, wie denn in einer „Exportnation“ wie Deutschland eine solche Bewegung derartige Ausmaße annehmen kann. Nahezu hilflos die Berichterstattung, die versucht, zu „erklären“, warum hier so viele Menschen auf die Straße gehen.

Beispielhaft etwa die FAZ „Marschieren gegen TTIP„:

Es ist schon erstaunlich: Kein anderes Thema mobilisiert derzeit so viele Menschen wie diese beiden Abkommen, nicht der Klimaschutz, nicht der Terror, nicht die Flüchtlinge.

Das ist „natürlich“ falsch: das Thema Flüchtlinge mobilisiert mindestens ebenso viele Menschen, nämlich vor allem die unglaublich große Zahl an Ehrenamtlichen, die sich vor Ort für Flüchtlinge engagieren. Und mobilisiert sind natürlich auch die „besorgten Bürger“ allerorten, die auch in Demos und einfach nur im AFD-wählen „mobilisiert“ sind.

Allerdings liefert der Artikel eine recht aufschlussreiche Charakterisierung des Widerstands – und trifft schon einen Punkt:

Was sie umtreibt, sei die Sorge, dass sich in ihrem eigenen Leben etwas zum Negativen verändert, etwa weil europäische Standards in Gefahr geraten. Die möglichen Profite für die großen Konzerne aus der Pharmabranche, der Chemie- und der Automobilindustrie könnten da als Argument nur wenig überzeugen. Und auch die fast schon legendären 545 Euro, die ein EU-Bürger laut einer Studie bei einem Abschluss des Abkommens mehr in der Tasche hätte – wohlgemerkt nach zehn Jahren –, wiegen die persönlichen Sorgen der Bürgerinnen und Bürger nicht auf.

Und

Mit wirtschaftlichen Argumenten lasse sich kein Zweifler von TTIP überzeugen, meint auch der Hamburger Psychologe Erich Witte. Denn meistens seien es ganz partikulare Interessen, die einen Bürger zu einem Gegner des Abkommens machen. Er führt den Erfolg der Gegenbewegung vor allem auf die Komplexität des Abkommens zurück. Das Problem von TTIP sei, dass es alles regeln will. Das mache es von allen Seiten so angreifbar.

Diesen Artikel sollte sich mal der FAZ-typischere Ralph Bollmann durchlesen: Wenn die Falschen protestieren.

Freier Handel nützt allen, wenn man es langfristig und aufs Ganze betrachtet, da sind sich die allermeisten Ökonomen einig. Bis zu zwei Millionen neuer Jobs könnten Prognosen zufolge durch TTIP auf beiden Seiten des Atlantik entstehen, je zur Hälfte in Amerika und in Europa. So hat es zum Beispiel der Ökonom Gabriel Felbermayr ausgerechnet, der am Münchener ifo-Institut über die möglichen Folgen eines Handelsabkommens forscht.

Klingt super. Doch diese Heilsversprechungen des IFO-Instituts müssen sich mit diesen Nachrichten aus den letzten Tagen, Wochen und Monaten messen. Und das sind die Stichworte Weiterlesen →

29. Juli 2016
nach Michael Scheuch
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#viernheim – Soziale Medien im „Nachrichten“-Wettlauf

Die letzten Wochen waren keine guten Wochen für meinen Blick auf Relevanz und Bedeutung sozialer Medien. Ich bin schon lange auf Twitter und bei Facebook, manchmal auch in beruflichen Zusammenhängen, und da hat meine Leidenschaft für diese Medien schon gelitten. Aber zuletzt wurden der Takt an Blödsinn schon sehr angeheizt – natürlich durch Gewalt und Tod. Aber auch durch das Unvermögen, damit umzugehen. Irgendwie sind die Menschen via Timeline „dabei“ und möchten dann auch gerne etwas zum Strom der Informationen „beitragen“ – sei es durch Re-Tweets, durch das finden „abseitiger“ Quellen, aber nicht selten auch durch das schnelle Absondern von Meinung.

Das Beispiel, zu dem ich da mal Twitter intensiver gelauscht habe, war der „Amoklauf“ oder so in #Viernheim, in einem Kinopolis-Kinocenter, das ich manchmal auch besuche. Hier der Hintergrund:  Eine Woche nach der Geiselnahme (FFH) Kurzgefasst: ein 19-jähriger nimmt in einem Kinocenter Geiseln, schießt ein paarmal mit seiner Schreckschuss-Waffe, wird dann von der Polizei erschossen.

Am Tag selber war, wie typisch, die Nachrichtenlage verworren, es wurde von einer „Nachrichtensperre“ gesprochen, gemeint war aber wohl, dass sich die Polizei zunächst nicht äußern wollte. Die Rede war von Toten, von Reizgas und Verletzten. Auf den Nachrichtensendern immer wieder dieselben Videos von blaulichternden Einsatzfahrzeugen, dann Telefonschalten und Journalisten, dann Agenturmeldungen etwa mit Äußerungen des hessischen Innenministers, dann Polizei- und Katastrophenschutzaussagen vor Ort. Das übliche Durcheinander aus unbestätigten und falschen Meldungen.

Auf Twitter dann mal so:

Vorhersagen
Vorhersagen
Ja, das kommt hin ...
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Dass das dann nach Nizza, München, Ansbach in einer Tour so weiter geht: klarer Fall. Die klassischen Medien werden dafür beschimpft a. nicht so schnell zu sein wie die neuen Netzwerke b. keinen zuverlässigen Hintergrund zu bieten, und zwar bitte 10 Minuten nach der ersten Meldung und c. eh blöd zu sein.

Ich war mal optimistischer was die Frage angeht, was das Netz für unser Wissen, unsere Informiertheit und unsere Kommunikation so tun kann.