Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

27. Mai 2017
nach Michael Scheuch
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ARD vs. Trump – Ein nachtragender Nachtrag

Also wirklich. In meinem etwas unklar betitelten Blog-Beitrag und bei Uebermedien ging es um die Frage, welche Aussagekraft hat denn die Meldung, die ARD schlage mit negativer Berichterstattung zu Trump renommierte amerikanische Medien und die BBC aus dem Feld: 98 Prozent der Berichterstattung seien negativ gewesen.

Dabei wurden die angeblich „neutralen“ Berichte einfach mal weggelassen.

Soweit haben, mehr oder weniger, die großartig berichtenden deutschen anderen Medien auch entweder ihre Berichterstattung „ergänzt“ oder auch nicht.

Etwa die WELT (Achtung, wer dem Link folgt, den springt ein Video inkl. Ton an. Das ist so hassenswert.)

In einer immerhin zweiten Korrektur haben sie nicht nur diesen Fehler korrigiert, sondern auch noch die Frage, was denn die angebliche Studie so als „negative Berichterstattung“ auffasst.

„Die Studie erfasste nicht nur journalistische Bewertungen von Trumps Politik, sondern auch vorgeblich aus Trumps Sicht ungünstige Nachrichten (z.B. fallende Umfragewerte oder gescheiterte Gesetzesvorhaben) oder etwa Berichte über Kritik von Seiten der Opposition als „negativ im Ton.“

Genau. Der journalistisch neutrale Bericht über die Kritik auch von Republikanern am Versuch, Obamacare zu beseitigen, ist schon „negativ“.

Die Aussagekraft der Studie: Nahe Null. Oder nicht ganz.

Bei Meedia „Keiner berichtete negativer über Trump als die ARD“  Transparent wurde hier nicht korrigiert:

Hinweis: In den Text wurde nachträglich ein Absatz über die Methodik der Studie eingefügt, sowie eine Stellungnahme der ARD.

Man könnte auch schreiben: so aufgeblasen wie die Überschrift daherkommt ist das nicht zu halten. Aber immerhin.

Richtig nicht viel verstanden hat das Online-Angebot von „Deutschlandfunk Nova“ die Anmerkungen von Uebermedien, aber in diesem hektischen Online-Journalismus-Geschäft bleibt ja auch so wenig Zeit, mal in Ruhe den ganzen Artikel zu lesen:

Im Weltartikel heißt es: „98 Prozent der Berichte im Ersten waren laut der Studie negativ, nur zwei Prozent positiv.“ Doch stimmt das? Die Macher von Übermedien haben in das Kleingedruckte der Studie geschaut und festgestellt, dass sich dieser Wert nur auf wertende Beiträge der geprüften Sendungen bezieht, zu denen zum Beispiel die Hauptnachrichten im Ersten gehören. Neutrale Beiträge, die rund 30 Prozent der Trump-Berichterstattung ausmachen, wurden nicht mit berücksichtigt. Grundsätzlich bleibt der Beigeschmack: Deutsche Nachrichten berichten negativer als ihre US-Kollegen.

Punkt 1: die fehlenden neutralen Beiträge erwähnt. Check. Punkt 2: Die Definition von „negativ“ verstanden. Unchecked. Das war wohl nix.

Die schönste „Korrektur“ oder vielmehr die größte journalistische Bankrotterklärung kam von Telepolis :

Quelle: https://www.heise.de/tp/features/98-Prozent-der-ARD-Berichterstattung-zu-Donald-Trump-eindeutig-negativ-3721738.html vom 27.5.2017

Super Service für den Leser.

Muss jemand wundern, dass eine Seite wie RT Deutsch (Kein Link) nicht im geringsten etwas korrigiert? Und sich der Anti-GEZ-Mob dann in der Kommentarspalte austoben kann?

 

Für Journalisten bleibt die Mahnung: Studien sind was gefährliches, wenn man sie denn nicht liest. Oder wenigstens das Management Summary und die Methodik.

25. Mai 2017
nach Michael Scheuch
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Lügenpresse schon wieder

Ich bin ja bei Telepolis drüber gestolpert: 98 Prozent der ARD-Berichterstattung zu Donald Trump „eindeutig negativ“.

Eindeutig. Wow. Echt?

Das muss man sich als Journalist, und nicht nur als Journalist, der für öffentlich-rechtliche Medien arbeitet, doch mal fragen.

Zitiert wird eine Studie des „Shorenstein Center on Media, Politics and Public Policy der Harvard Kennedy School.“ Harvard. Das ist doch schon mal was. Aber was?

Das renommierte Institut hat die Berichterstattung mehrerer großer US-amerikanischer sowie britischer Medien zu Donald Trump während der ersten 100 Tage seiner Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika untersucht. Dabei rückten die Journalismusforscher auch die ARD mit ihren Nachrichtenformaten in den Blickpunkt. Die Ergebnisse des Instituts haben es in sich: Alle untersuchten Medien lieferten eine Berichterstattung ab, die hauptsächlich nur auf das Negative setzte. Die ARD stellte dabei, was die „negative Berichterstattung“ zu Trump angeht, alle anderen Medien in den Schatten.

Natürlich muss das Institut renommiert sein, geht ja gar nicht anders.

Okay, Übermedien war schneller und hat sich das Ganze mal sehr gründlich angesehen, schneller, als ich das aufschreiben konnte. Die Überschrift: Nein, es sind nicht 98 % der ARD-Berichte über Trump negativ

Und es war wahrscheinlich eher kein komplizierter Blick in die Studie nötig, denn: in die berühmte 98 flossen nur Berichte ein, die angeblich eine eindeutige Tendenz haben. Es genügt ein Blick in die Fußnote der Grafik auf der verlinkten Seite:

Percentages exclude news reports that were neutral in tone, which accounted for about a third of the reports.

(Prozentangaben enthalten nicht: neutral gehaltene Berichte, die ungefähr ein Drittel der Berichte ausmachten.)

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25. April 2017
nach Michael Scheuch
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Manager-Elite

Nur selten mal erhält man Einsichten in das Leben der Top-Manager, die normalerweise ihr genormtes Managerleben ins Schaufenster stellen und ansonsten diskret ihrem Job nachgehen. Ihre Gehälter sind angemessen, sie leisten viel, sie befördern wirtschaftliches Wachstum, das Entstehen von Arbeitsplätzen und allgemeinen Wohlstand. Heißt es. Work hard, play hard.

Umso verstörender sind manchmal Einblicke in diese Welt. Dazu gehört etwa der Brief, den Klaus Kleinfeld an Paul Singer geschrieben hat. Ich empfehle mal die Analyse bei faz.net zur Lektüre.

Das Fazit lautet:

Ein Drama aus der Welt pubertärer Männer. Mit Wut und Rachegelüsten. Frauen als gleichberechtigte Partnerinnen von Männern kommen hier nicht vor, nur als Gespielinnen und Ausgleich zum dominant schwulen Milieu.

Diese Welt der Superbosse: es gibt ein bisschen zu viele Mythen und Legenden, von affirmativer wie kritischer Seite. Aber manches ist auch verstörend.

14. April 2017
nach Michael Scheuch
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Deja vu – 0900 Abzocker

Über Jahre, ach was, fast Jahrzehnte begleitete mich die Abzocke mit kostenpflichtigen, so genannten „Mehrwertdienste“-Rufnummern in meiner journalistischen Karriere. Dubiose „Auskunftsdienste“, Dialer, 0190er-Fakes, WAP-Billing – die Liste der Beiträge, die ich dazu gemacht habe, ist ewig lang, und eigentlich war es immer dasselbe: skrupellose Abzocker betrügen Menschen, die Telefongesellschaften kassieren eifrig ab und verdienen so auch daran, und Rechtssprechung, Gesetzgeber und Regulierungsbehörde hecheln halbherzig motiviert hinterher. Wird eine „Lücke“ geschlossen, tun sich andere auf, und was früher „Regulierungsbehörde“ hieß und dann „Bundesnetzagentur“ wurde ist so ein bisschen hintendran.

Einer dieser Beiträge stammte aus 2011

Wir haben jetzt 2017. Erst jetzt entscheidet der BGH: Eltern müssen solche Rechnungen nicht tragen.

Der Junge wählte diesen Weg, rief die Nummer des Bezahldienstes an und kaufte über Codes des Spieleanbieters in 21 Telefonaten für 1250 Euro weitere Ausrüstung für seinen Kämpfer. Der BGH entschied nun im Gegensatz zu den Vorinstanzen, dass die Mutter für die Kosten nicht aufkommen muss.

Das Gericht verwies darauf, dass die Freischaltung der Zusatzausrüstung nicht unmittelbar im Spiel, sondern über die Freischaltung durch den Dienstanbieter erfolgt sei. Deswegen gelte eine gesetzliche Sonderregel im Telekommunikationsgesetz, wonach Telefonanschlussinhaber nicht haften, wenn ihnen „die Inanspruchnahme von Leistungen des Anbieters nicht zugerechnet“ werden kann.

Das hat lange gedauert, und die Begründung ist natürlich durch die Brust ins Auge. Aber immerhin raffiniert. Und schon 2011 stellte sich ja die Frage, warum ein Online-Spiel einen solchen Zahlungsweg anbietet, wenn es doch in großer Zahl Online-Zahlungsmethoden gibt. Natürlich nur, damit Kids ohne Zugriff auf Kreditkarte oder Paypal auch löhnen können.

So schön das Urteil sein mag: meinen Betroffenen von damals wird es nicht viel geholfen haben. Oder sie haben sich früh verglichen – im Grundsatz wundert es mich ein wenig, dass die Sache bis zum BGH ging, denn höchstrichterliche Rechtsprechnung haben die Anbieter bisher vermieden wo es nur ging – und sei es durch die Rücknahme von Klagen, außergerichtlichen Einigungen etc. Genau wie den Banken ging es häufig darum, gerade ein BGH-Urteil zu verhindern.  Weiterlesen →

1. April 2017
nach Michael Scheuch
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Och nö, Maingau Strom

Die Erfindung der freien Wahl des Stromanbieters war ein positives Deregulierungs-Ergebnis. Es war schon ein langer Weg bis zu einem einigermaßen geordneten Markt, und die Aufsicht könnte ein bisschen verbraucherfreundlicher sein. Allerdings muss der Verbraucher sich auch ertüchtigen, am Marktgeschehen teilzunehmen, und die Abgabe des gesunden Menschenverstandes bei sehr sehr günstigen Angeboten an der Garderobe gehört nicht dazu. Spektakuläre Pleiten wie bei Flexstrom oder Teldafax haben immerhin nicht dafür gesorgt, dass Menschen ohne Strom dastanden.

Ich wechsele jetzt zum wahrscheinlich 10. Mal den Stromanbieter. Im vorvergangenen Jahr ging es zu Maingau-Strom, einem durchaus regionalen Anbieter. Der wirkt seriös, vertrauenswürdig, und ich finde Kommunikation und Service tatsächlich gut.

Man will sich auch gerne ein bisschen von der Konkurrenz absetzen und hat für den Verbraucher wichtige Hinweise:

Bei der Suche nach günstigem Strom ist größte Vorsicht vor sogenannten Billigstromanbietern angebracht. Denn diese haben oft reine Lockangebote vorrätig, deren zu Beginn günstige Strompreise im Laufe der Zeit enorm steigen. Der Verbraucher erhält von vielen Billigstromanbietern also nur für kurze Zeit wirklich günstigen Strom, danach hat er im schlimmsten Fall sogar noch höhere Stromkosten als zuvor.

Stimmt schon.

Also habe ich einen Tarif abgeschlossen „Maingau Strom Smart Öko“ zu 0 Euro monatliche Kosten, 22,81 Ct/kWh. Alles gut.

Es kam, wie es kommen musste. Zum Ende der Preisgarantie kam die Preiserhöhung. Der Preis steigt, weiter ohne monatliche Kosten, auf 28,37 Ct/kWh. Übrigens in einem etwas zu wortreichen Schreiben aber immerhin klar kommuniziert. Das ist aber eine Preiserhöhung um 5,56 Ct/Min., das sind mithin rund 24,4 Prozent (!). Wow!

Also Preisvergleicher angeworfen und nach was Neuem gesucht – ohne Bonuszahlungen einzurechnen. Die nehme ich zwar gerne mit, weiß aber, dass bei hohen Bonuszahlungen ganz sicher nach Ablauf der Preisgarantie ein saftiger Zuschlag fällig wird. Weiterlesen →

20. März 2017
nach Michael Scheuch
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Der Unterschied zwischen „Nachdenken“ und Journalismus

Es gab eine Zeit, da gehört die Lektüre der Nachdenkseiten durchaus zu meinen Gewohnheiten, denn tatsächlich kamen dort Autoren und Gesprächspartner zu Wort, die einen den journalistischen Mainstream und seine eigene Position überdenken ließen. Nicht alles war nachvollziehbar oder zutreffend dargestellt, aber Persönlichkeiten wie Heiner Flassbeck kamen dort vor und durften gegen die ökonomische Mehrheitsmeinung antreten.

Seit geraumer Zeit sind die Nachdenkseiten nicht mehr dieses Korrektivmedium. Was Jens Berger und Albrecht Müller inzwischen veröffentlichen, das bewegt sich im Bereich des platten Anti-Amerikanismus, Putin-Verehrung und der immer wiederkehrenden Behauptung, die Eliten steuerten via manipulierende Medien die Gesellschaft so, dass man von einer Demokratie in Deutschland und anderen Staaten gar nicht mehr reden könne. Ich muss das so platt formulieren, weil es sich am Ende um die Essenz der Existenz dieses Angebotes handelt. Um den Vorwurf des Anti-Amerikanismus zu entkräften wird dann sicher auf amerikanische Autoren verwiesen, die Amerika kritisch sehen, aber was bedeutet es denn, wenn man da die (immer selben) Stimmen zu Wort kommen läßt? Differenzierte Darstellungen sind die Sache der Nachdenkseiten nunmal nicht, und vielleicht ist man deswegen ja auch so beliebt.

Die Nachdenkseiten behaupten, sie würden das deutsche Mediengeschehen „hart kritisch“ begleiten, aber alleine die Wortwahl in vielen Artikeln läßt das „hart“ hinter sich hin zum verunglimpfend beschimpfenden Tiradenabsondern. Die sich auf Dauer allerdings ermüdend wiederholend lesen. „Inkompetenz“ „Kampagne“ „Unterdrückung“ „Manipulation“ zusammen mit „unerhört“ bilden die Satzfragmente, die immer wieder hervorgehoben werden müssen. Wie auf rechter Seite Herr Wisnewski sind „unterdrückte Nachrichten“ ein Lieblingsthema. Eine Karte, die immer dann gezogen wird, wenn die von Journalisten vorgenommene Einordnung der Relevanz eines Thema von den Machern der Nachdenkseiten nicht geteilt wird.

Ein Beispiel ist der Beitrag von Jens Berger Wikileaks veröffentlicht beunruhigende Daten über Hacker bei der CIA und niemanden interessiert es.

Die Überschrift ist natürlich auf ersten Blick Unsinn, denn dass die Veröffentlichung von Wikileaks „niemanden“ interessiert ist ja schon deswegen falsch, weil viele Medien brav berichtet haben. Doch Bergers Empörung kennt kaum Grenzen, so dass er BILD-typisch seine Sentenz mit einem Einzelwort beendet. Weiterlesen →

9. März 2017
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Haha. Fernsehen halt. Haha.

Verena Maria Dittrich schreibt regelmäßig TV-Kritiken. Seit 2013 ist sie freie Autorin bei n-tv.de. Und bei ihrem Versuch „was mit Medien zu machen“ im Genre „TV-Sendungen, Unterabteilung Nacherzählungen“ hängengeblieben. Das macht sie gut und gerne, auf jeden Fall scheint es ein nachgefragtes Angebot zu sein, wenn etwa unter der Überschrift Der Mumu-Verweigerer hat „das Crone“ eine Dschungelcamp-Folge nacherzählt wird. Es gab Zeiten, als dieses Format noch neu und kontrovers war, da habe ich solche Zusammenfassungen auch gelesen, um a. auf dem Stand der Small-Talk Themen zu sein und b. mir die langatmige Langweiligkeit der Originalsendung zu sparen. Heute ist das ganze kaum noch Gesprächsstoff in meiner Umgebung, und die Nacherzählungen sind sowohl bei SPON als auch bei n-tv in die pure Unverständlichkeit abgeglitten – in dem verzweifelten Versuch, das Dschungelgeschehen (oder den „Bachelor“, „Promi-Irgendwas“ und zur Not auch „Wer wird Millionär“) sprachlich aufzumotzen, tieferzulegen, zu tunen. Verena Maria Dittrich ist da an vorderster Front, was Experimente mit Sprache jenseits von Kommunikation angeht.

Knallplätzchen Hanka kletterte für die Vorspeise in einen Schlemmerbecher, wo sie mit edlem Ekelgedöns überschüttet wurde, angefangen von Fischabfällen, zerbröselten Hühnerfüßen und Schleim, über Kakerlaken, Mehlwürmer und vergammeltes Gemüse bis hin zu einer grünen Kotzlichkeit, die aussah wie Hulks püriertes Gehirn.

Aha. Kann ich mir noch zusammenreimen.

Und die hat La Loth selbstverständlich, denn nach dem Tätscheln von Terenzis Sixpack – uh la la – gerät sie ins Schwärmen: „Ich würde ihn nicht von der Bettkante schubsen, er ist ein schöner Mann.“ Neben heißen Flirts gibt es auf den letzten Poeng aber auch noch jede Menge Beef.

Schon rätselhaft. Kann man sich vorstellen, was es bedeuten muss, so etwas schreiben zu müssen? Und vorher die Sendung sehen zu müssen?

Okay, könnte ich sagen, kurios, womit sich manche Menschen ihre Brötchen verdienen. „Was mit Medien“ sicherlich, „was mit Journalismus“: eher nicht. Das merkt man jetzt vor allem an der Aufgabe, die Geschichte von Joko, Klaas, der Goldenen Kamera und Ryan Gosling wiederzugeben – indem man sich nur so halb interessiert gerade mal die zukünftig auslaufende Sendung Zirkus Halli-Galli ansieht. VMD mit Die ganze Wahrheit über das Gosling-Gate. Das Wort Wahrheit in einer Überschrift ist immer gewagt, aber auch noch die „ganze“?

VMD kommt nicht so recht aus ihrem Dschungelcamp-Duktus heraus:

Inzwischen ist bekannt, dass die beiden ProSieben-Knallchargen, Joko und Klaas das ZDF, allen voran die Verantwortlichen der „Goldenen Kamera“ nicht nur verhohnepiepelt, sondern um es im „HalliGalli“-Sprech zu sagen, sprichwörtlich „gefickt haben“

Hohoho. Das ZDF. Gefickt. Weiterlesen →

22. Februar 2017
nach Michael Scheuch
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Her mit dem Lagerwahlkampf

Dass in der Medienlandschaft allzuoft ein Gleichklang der Meinungen herrscht, das ist eine Klage der letzten Jahre. Die Leitmedien seien zu eng beisammengerückt, so dass die taz da schon mal neoliberal geschimpft wird und der FAZ sozialistische Anwandlungen unterstellt werden, oder zumindest ein so weiter Ruck in die Merkel’sche Mitte, dass es den Konservativen unheimlich wird.

Vielleicht ist das in Zeiten gesellschaftlichen Konsenses und Großer Koalitionen so. Aber jetzt haben sich die Vorzeichen verschoben. Und es ist schön zu sehen, dass da manch altes Klischee wiederbelebt werden kann. Etwa die schwarze Seele der FAZ. Zwei Beispiele dafür, dass man sich in Frankfurt wieder darauf besinnt, selbst mit kurzestmöglichen Gedankengängen die Reote-Socken-Kampagne in Gang zu setzen.

Da ist etwa Manfred Schäfers, der sich darüber echauffiert, dass die CDU/CSU-Fraktion den Vorschlag aufnimmt, die steuerliche Anrechenbarkeit von Managergehältern zu begrenzen:

Es ist unfassbar. Die Union lässt einen der wichtigen Grundsätze im Steuerrecht fallen wie eine heiße Kartoffel: das Nettoprinzip. Man besteuert den Gewinn, also Umsatz minus Kosten. Künftig will man in Gut und Böse trennen. Wo soll das enden? Sind die Millionen, die ein Vorstand verdient, schlechter als die Millionen, die ein Fußballer einstreicht?

Wow, Neid-Debatte in der FAZ, halt nur wenn es gegen Fußballer geht? (Ansonsten eher ein No-go) Dabei ist das alles nichts ganz Neues, etwa 2009 fand schon Horst Seehofer die Idee ganz gut. Und es ist, anders als beschrieben, nicht ungewöhnlich, dass die Möglichkeiten steuerlicher Anrechenbarkeit nicht am „Nettoprinzip“ scheitert. Etwa bei der Anrechenbarkeit der Bezüge von Aufsichtsräten,

Vergütungen, die eine Körperschaft an zur Überwachung der Geschäftsführung beauftragte Personen bezahlt (sog. Aufsichtsratsvergütungen), sind zur Hälfte für körperschaftsteuerliche Zwecke nicht abziehbar (§ 10 Nr. 4 KStG).

Für Einkommensteuerzahler ist die Berücksichtigung der Arbeitskosten bei haushaltsnahen Dienstleistungen begrenzt. Mit den Regelungen zur Abschreibung von Anlagen (afa) greift der Steuergesetzgeber ebenfalls in das Nettoprinzip ein. Also: geht das denn wirklich gar nicht? Ach was. Es geht. Aber immerhin ist es „unfassbar“.

Da ist Walter Hamm, „Autor und Berater der Wirtschaftsredaktion“, zudem aber seit 1988 (!) emeritierter Wirtschaftsprofessor, bis 2002 (!) „Mitglied und langjähriger Vorsitzender des Kuratoriums der FAZIT-Stiftung, der gemeinnützigen Gesellschaft, die über die ausschlaggebende Mehrheit der Anteile am Verlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verfügt und die als Hüterin der Unabhängigkeit des Blattes errichtet worden ist.“

An ihm ist die Zeit und sind die Diskussionen darüber, was der Kapitalismus und seine neo-liberale Ausgestaltung aus der Gesellschaft gemacht hat, und wie er zur Erosion seiner Grundlagen beiträgt, aber so was von vorübergegangen:

In der verfahrenen Lage kommt es jetzt darauf an, mit geeigneten Maßnahmen die Rahmenbedingungen für eine freiheitliche Ordnung zu verbessern, den nationalen und internationalen Wettbewerb zu stärken, mehr Selbstverantwortung einzufordern, kollektive Hilfe, wo immer möglich, abzubauen und mit wirksamen Anreizen eigene Anstrengungen zu belohnen. Wettbewerb ist das wirksamste Instrument, das mit dem Streben nach individuellem Vorteil eine bessere Leistung für die Allgemeinheit hervorbringt.

Fordert da wirklich jemand „kollektive Hilfe, wo immer möglich, abzubauen“ – willkommen im neoliberalen Wunderland. Wie diese Sichtweise unsere Demokratie und Gesellschaft geschädigt hat, das beschreibt ausführlich dieser taz-Artikel „Die Schuld der liberalen Eliten

Die Komplexität ökonomischer Dynamiken des von der Politik als alternativlos dargestellten Neoliberalismus gilt in Zeiten zunehmender Globalisierung den allermeisten Menschen als intransparent. Die Menschen sehen zwar, wie schnell sich ihre Lebenswelten ganz real verändern, aber die Ursache-Folge-Ketten bleiben ihnen oft verborgen. Aus dieser Ungreifbar- und Unbegreiflichkeit entsteht ein Bedürfnis nach leicht nachvollziehbaren Erklärungen

Und diese liefern Populismen aller Art. Also bitte.

Insgesamt gesehen: spannende Zeiten. Auch für die Medien, sich wieder auszudifferenzieren …

 

 

18. Februar 2017
nach Michael Scheuch
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Schwarzer Tag für CDU / CSU – und schlau eingetütet

Der vergangene Donnerstag (16.2.) kann als Tag des geschickten politischen Timings in die Geschichte eingehen, denn der CDU/CSU ist es tatsächlich gelungen, an diesem Tag drei Regierungsmitglieder in drei Untersuchungsausschüssen aussagen zu lassen. Das ist deswegen geschickt, weil an einem „normalen“ Nachrichtentag jede einzelne dieser Aussagen die Top-Schlagzeile gewesen wäre. Da es definitionsgemäß nur eine Top-Schlagzeile gibt, tja, da musste man sich entscheiden. Und „natürlich“ für die Aussage von Bundeskanzlerin Merkel vor dem NSA-Untersuchungsausschuss.

Dass hier am allerwenigsten rumkommen würde, das war abzusehen. Der Auftritt der Kanzlerin, die von allem nichts oder viel zu spät gewusst haben will, war ähnlich lähmend wie ihr Auftreten inzwischen Allgemein wahrgenommen wird. Entsprechend auch die Bewertungen in der Presse (Zusammenfassung inforadio rbb). Etwa in der Süddeutschen:

Der NSA-Ausschuss blickt in einen Abgrund von Unwahrhaftigkeit – und der Blick auf den Boden des Abgrunds gelingt nicht, weil die Regierung vieles getan hat, um den Blick zu versperren. Die angebliche Aufklärung der Affäre begann mit der Lüge der Regierung Merkel II, dass man nun dabei sei, ein No-Spy-Abkommen mit den Amerikanern zu schließen, eine Art geheimdienstlichen Nichtangriffspakt. Solche Verhandlungen hat es, wie man heute weiß, nie gegeben.

Heribert Prantl ist sauer:

Man weiß nach diesen vielen Verhandlungstagen nicht, ob man lachen, weinen oder schreien soll.

Na gut, kein Wunder, das schmale schmale Ergebnis. Und schön die Schlagzeilen gemacht. Erfreulich aus Sicht der CDU ist sicher auch, dass das Thema dem gemeinem Wahlvolk ziemlich am Allerwertesten vorbeigeht, Snowden schon lange kein echtes Thema mehr ist und „das machen doch alle“ als Argumentationslinie gut verfängt. Und Merkel hat es geschickt vermieden, irgendeinen Satz wie „geht gar nicht“ loszulassen, den man ihr bei der nächsten Gelegenheit vorhalten könnte. „Glaubwürdiges Dementi“ als Strategie, indem Informationen von der Kanzlerin ferngehalten werden, kennen wir aus „Independece Day“ in Bezug auf den Präsidenten und die Area 51. Punktsieg CDU.

Am gleichen Tag, anderer Untersuchungsausschuss: Alexander Dobrindt darf sich die Welt so malen, wie er will. Im VW-Skandal darf er recht dreist Aussagen treffen wie, dass niemand seinem Ministerium etwas in Sachen tatkräftiger Krisenbewältigung vormachen könne (NOZ-Artikel):

„Keine andere europäische Regierung hat so eine Vielzahl von Messungen veranlasst.“

Tja. Und Konsequenzen daraus?

Dobrindt bekräftigte seine Forderung, die europäischen Vorschriften zu Abschalteinrichtungen der Abgasreinigung strenger zu fassen.

Das ist das praktische an dieser EU – dass man sie dafür verantwortlich machen kann, nix zu tun. Schließlich ist Deutschland ja auch kein wichtiger Player, der so etwas einbringen und durchdrücken könnte. Weiterlesen →

3. Februar 2017
nach Michael Scheuch
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Gute Vorsätze – think and share [Update]

So, Trump ist vereidigt und Theresa May hat das Brexit-Szenarion ein wenig konkretisiert.

Was tun?

Ein fester Vorsatz von mir ist: beim Teilen von Inhalten in Sozialen Netzen vorsichtiger zu sein, mehr nachzudenken und vor allem die Quellen noch mehr und mehr zu beachten denn je.

Warum? Weil ich fürchte, ein Opfer meiner Reflexe zu werden. Das betrifft Tweets wie diesen:


Denn er gefällt mir so gut.

Bevor ich zukünftig einen Inhalt teile, muss ich mir aber Gedanken machen: Stimmt das, was die Bilder suggerieren? Oder bin ich Opfer meines Wünschdirwas?

Eine Möglichkeit für eine Verfälschung des so genannten Bildbeweis: wurden beide Bilder zu vergleichbaren Stadien rund um die Inauguration aufgenommen, also zu vergleichbaren Uhrzeiten? Was ist die Quelle – kann ich sicher sein, dass diese keine Bildmanipulation vorgelegt hat? Ich muss also, bevor ich Retweete oder Share überprüfen: was weiß ich über diesen Inhalt wirklich?

Denn nur so gibt es eine Chance, gegen die „Lügenpresse“-Schreihälse und die Fans autoritärer Systeme anzukommen. Dabei dürfen in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten nicht viele Fehler passieren – denn jeder Fehler ist nur Wasser auf die Mühlen derer, die eine unfaire Kampagne gegen Trump, Le Pen, AFD oder „Die Besorgten Bürger“ und die „Schweigende Mehrheit“ konstruieren wollen.

In oben genanntem Beispiel hilft schon der Link zu vox.com sehr gut weiter, denn dort wird brav auch die Uhrzeit dazugesagt, zu der die beiden Aufnahmen entstanden sind. Hinzu kommt die Aufzählung weiterer Quellen, die die Behauptung stützen, dass nur vergleichsweise wenige Menschen an der Amtseinführung von Trump teilhaben wollten. Das ist vorbildlich.

But aerial shots of the National Mall from President Barack Obama’s 2009 inauguration and today show that isn’t likely. Here’s an image taken at about 11:30 AM ET in 2009: (..) And here’s what it looks like today as of 11:04 AM ET.

Beide Bilder versehen mit sehr ordentlichen Credits, und dann wird das daraus:

Montage: Vox.com http://www.vox.com/policy-and-politics/2017/1/20/14332462/photos-crowd-trump-inauguration-vs-obama?utm_campaign=vox&utm_content=entry&utm_medium=social&utm_source=twitter

Und auch die BBC geht einigermaßen sorgfältig den Behauptungen nach, dass Trump „unfair“ behandelt würde.

Und vorbildlich mal wieder der Guardian.

Allerdings sind das ja ganz schöne Hürden, bevor man Dinge weiterleitet oder shared. Aber die Mühe muss man sich machen. Sonst geht man unter gegen die „Social-Media-Profis“ der Dunklen Seite.

UPDATE 3.2.17: Stefan Niggemeier hat für uebermedien.de die Bildergeschichte tiefgreifender analysiert. Auch sein Fazit:

Es ist ärgerlich, wie fahrlässig viele Medien in dieser Sache agieren. Ich habe jetzt viele, viele traurige Stunden damit zugebracht, Livestreams durchzusehen, mich bei Google zu verlaufen, Bilder zu suchen und zu vergleichen. Denn an so vielen Stellen, wo Aufnahmen der beiden Amtseinführungen verglichen werden, fehlen diese elementaren Informationen: Wann genau wurden sie gemacht?

Entweder fehlen sie ganz, oder sie sind so vage und ungenau, dass man erst recht Verdacht schöpft – und teilweise scheinen sie auch falsch zu sein. Die Tatsache, dass es ein Foto gibt, das unzweifelhaft während Trumps Antrittsrede entstanden ist, geht dabei völlig unter.