Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

Photo by Patrick Brinksma on Unsplash

17. März 2019
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Meine Leseliste 2019 (2) – Hannibal – Neuseeland – KI

Meine Leseliste 2019 (2) – Hannibal – Neuseeland – KI

Rechtes Netzwerk

Ich weiß auch nicht genau, woran es liegt: die Recherchen der taz zu merkwürdigen Netzwerken auf rechter Seite, in denen“Elite“-Soldaten, Polizisten etc. auf den „Tag X“ warten oder als Söldnertruppe auftreten wollen, stoßen nicht auf übergroße Resonanz. Der aktuelle Artikel dazu in der taz: Hannibals Reisen.

Das liegt vielleicht daran: selbst die taz versteckt das auf ihrer Startseite, heute, am Sonntag. Wer auf das zugehördende Foto klickt, der landet in der Inhaltsübersicht und von dort führt kein Link auf den Artikel.

Sieht aus wie ein Link zum Artikel
Ist es aber nicht!

Wenn schon die taz das so versteckt, dann wundert die mangelnde Wahrnehmung nicht. Dazu kommt: gut geschrieben ist der Artikel nicht. Das passiert häufig, wenn Autoren zu dicht am Thema und Stoff und tief verheddert in ihre Recherchen sind. Das ist schwer zu lesen, faktenreich mit Orts- und Datumsangaben, Rückbezügen auf vergangene Berichterstattung, aber irgendwie gar nicht auf den Punkt, manchmal verwirrt dieses Datums/Orts-Gedöns mehr als es hilft.

Die taz braucht dringend einen Partner, der mitrecherchiert und publiziert. Man mag von den Rechercheverbünden halten was man will: den Aufwand für Investigatives kann kaum noch ein Medium alleine leisten. Und mehrere Plattformen entwickeln auch mehr Wucht.

Trotzdem: bitte lesen.

Neuseeland

Ach, es ist widerlich. Müssen wir nicht mehr drüber reden. Nur zwei Hinweise: Das Schweigen der Afd bei n-tv.

Und zwei, die üblicherweise zu den schnellsten gehören, wenn es darum geht, Nachrichten, die das Narrativ der AfD erfüllen, zu verbreiten, halten beim Anschlag in Neuseeland bis jetzt an ihrem Schweigen fest: Beatrix von Storch und Stephan Brandner.

https://www.n-tv.de/politik/politik_kommentare/Das-Schweigen-der-AfD-ist-nicht-zu-ueberhoeren-article20911085.html

Und während BILD mit den Bildern des Schützen Geld zu machen versucht, mühsam als journalistische Einordnung verbrämt, sind andere Medien, und die Hamburger Morgenpost fällt da nicht zum ersten Mal positiv auf, reflektierter.

Und was eben wichtig ist: Den Opfern die Aufmerksamkeit geben, die sie verdienen. Der NZ Herald macht das.

https://www.nzherald.co.nz/nz/news/article.cfm?c_id=1&objectid=12213358

KI

Nach Blockchain rockt gerade AI und KI die Vorstellungskraft des Publikums, und der Journalisten. Ich empfehle mal heise.de: Studie: 50 Prozent der Systeme für „Künstliche Intelligenz“ schummeln.

Und was den Arbeitsplatzverlust durch Digitalisierung angeht:

https://youtu.be/_h1ooyyFkF0

Photo by Patrick Brinksma on Unsplash

6. März 2019
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Tapfere taz

Tapfere taz

Ich habe die taz im Wochenendabo, unter der Woche als E-Paper (und leider häufig ungelesen). Ich unterstütze das Projekt nachhaltig, finde, dass da meist guter Journalismus geleistet wird. Was ja nun auch nicht bedeutet, dass ich mit den Autoren immer einer Meinung bin.

Und jetzt muss man die taz dafür loben, dass sie sich des Themas Homöopathie angenommen hat. Kritisch. Aber eigentlich auch nüchtern.

Placebo? Selbstheilung? „Wer heilt, hat recht?“

Tapfer finde ich das vor allem deswegen, weil es die Redaktion den geldbringenden „Verlagssonderseiten“ das Leben schwer macht. Was für redaktionelle Unabhängigkeit spricht. Denn dort wird anthroposophisch-esoterisches gerne mal eingebunden und dient als Werbumfeld, und die Klientel für derartiges hat die taz nun mal.

Besonders bei den GRÜNEN. Die eine “ Kandidatin für die Europawahl 2019″, die andere „Feministin #Grüne MdB #Frauen #Queer* #Lesben #LGBTI Niederrhein #Krefeld #Moers #bundestag #kultur

Wenn Frau Schauws mal belegen könnte, dass #bayer irgendwie hinter irgendeiner Kampagne steckt, warum die Globuli-Unternehmen keinerlei finanzielle Interessen haben können und warum die taz keinen kritischen Journalismus macht. Ja dann.

Danke, taz. Und zur Europawahl dran denken: Grüne nicht wählen.

3. März 2019
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Der Kampf gegen das Plastik – Satire Edition

Der Kampf gegen das Plastik – Satire Edition

  • heute-show vom 1.3.19

Es ist halt Mainstream: Plastik ist Schlimm. Und „wir“, die Deutschen, sind die schlimmsten Verbrecher in Sachen Plastik.

Das bekommen „wir“, gerne auch mit der falschen Zahl zum Thema Verpackungsmüll, um die Ohren gehauen. Ich spreche jetzt mal von einem Narrativ, einer erzählten Geschichte. Und immer und immer wieder erzählten.

Also dann auch Herr Welke:

Dabei sind wir Deutschen die europäischen Spitzenreiter beim Plastikmüll.

Ach was.

Nach Eurostat liegen vorne Irland (2016: 57,94 kg Plastikmüll pro Kopf) und Estland (49,1 kg Plastikmüll). Deutschland liegt bei 37,62 Kilo pro Kopf. Bei allen Zahlen gilt: das ist gewerblicher und privater Müll umgerechnet pro Kopf.

Ist ja nur Satire? Satire darf alles? Ja, eigentlich alles, nur nix Falsches erzählen.

Es ist einfach die stille Übereinkunft. Plastik böse, Deutsche am Schlimmsten. Nur: Zwischen wem eigentlich?

2. März 2019
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Von Gutem Willen geleitet – Update

Von Gutem Willen geleitet – Update

Ich habe mich ja wieder ein klein wenig aufgeregt, wie in einem umfangreichen Artikel in der Süddeutschen Zeitung aus der rein rechnerischen Größe Verpackungsmüll pro Kopf das hier wird:

220 Kilo Plastikverpackungen wirft jeder Deutsche im Jahr in die Tonne. Das ist absurd viel. 

Per Twitter bat ich sowohl SZ als auch Autorin um Erklärung, woher die Zahl stammt. Vergeblich. Dann habe ich über die HP „Fehler melden“ zu diesem Artikel genutzt, die Antwort kam auch wirklich sehr schnell:

Sie haben natürlich vollkommen recht, ich habe den ärgerlichen Fehler im Text umgehend korrigiert.

E-Mail vom 25.2. 20:45

Und so steht da jetzt:

220 Kilo Verpackungsmüll fallen in Deutschland jedes Jahr pro Kopf an. Das ist absurd viel.

Und unter dem Artikel:

Korrektur: In einer früheren Version des Textes hieß es, „220 Kilo Plastikverpackungen wirft jeder Deutsche im Jahr in die Tonne“. Die Zahl bezieht sich jedoch auf das Aufkommen von Verpackungsmüll, verteilt auf die Bevölkerung in Deutschland.


Alles gut? Mitnichten.

Denn obwohl sich ja auf einmal die Zahlengröße verändert hat, die anscheinend Anlass für den Artikel war, bleibt der Artikel so wie er ist. Es geht vor allem um Plastikmüll und wie „wir“ da etwas selbst tun müssen, damit im Pazifik keine Plastikstrudel entstehen.

[Und in der gedruckten Ausgabe und handelsüblichen Pressedatenbanken bleibt der Ausgangstext übrigens stehen.]

Dabei bleibt es doch dabei, dass die „22 Kilo Verpackungsmüll“ für sich genommen keine Handlungsanweisung an die Privathaushalte in Sachen Plastikmüll bedeuten muss. Nochmal die Fakten aus der Mitteilung des Umweltbundesamtes zu den Zahlen 2016 – und das Amt selbst ist ja mit seinem Alarmismus und der Umrechnung auf „pro Kopf“ an der großen Verwirrung in den Medien schuld.

  1. Gezählt werden 18,16 Mio. Tonnen Verpackungsmüll in Deutschland.
  2. Das sind rechnerisch zwar 220,5 Kilogramm pro Kopf.
  3. Aber: „Der Anteil von privaten Endverbrauchern an der Gesamtmenge betrug 47 Prozent (insgesamt 8,52 Millionen Tonnen)“
  4. Und: “ Immerhin: Der Verbrauch von Kunststoffverpackungen der privaten Endverbraucher nahm minimal ab von 25 kg auf 24,9 kg pro Kopf. Dafür wurden mehr Glas- und Aluminiumverpackungen verwendet, was darauf schließen lässt, dass diese Kunststoffverpackungen ersetzen.
  5. Und: „Glas und Aluminium sind in der Herstellung jedoch sehr energieintensiv.“

Liebe Journalisten: denkt bei Plastik an 24,9 kg pro Kopf. Streicht die 220 kg, denn die sind ja u.a. darauf zurückzuführen, dass es in diesem Land eine starke Industrie gibt, die ihre Produkte auch verpackt. Pappe und Papier sind schwerer als Plastik. Glas erst recht.

Wer übrigens journalistisch was aus der UBA-Meldung machen möchte, was ich wirklich nirgendwo gelesen habe, der schaue sich das mal an:

in einem Sonderkapitel dem Anteil von Neodymmagneten, die immer häufiger in kurzlebigen Verpackungen zu finden sind. Die Magnete werden vor allem als Verschluss in Schachteln verwendet und stellen bei der Entsorgung einen Störstoff in der Pappe- und Papierfraktion dar. Neodym gehört zu den seltenen Erden und wird als kritische Ressource eingestuft. Im Jahr 2017 sind in Deutschland ca. 4,5 Tonnen neodymhaltige Magnete als Verpackungsabfall angefallen, davon sind rund 1,5 Tonnen reines Neodym. Bisher wird keine Rückgewinnung von Neodym aus Verpackungen durchgeführt – das seltene Metall endet somit in der Eisenschrott-Fraktion und geht verloren.

Da bin ich mir jetzt ganz sicher, dass sich diese Art der Verpackung problemlos ersetzen ließe. Am Ende vielleicht durch Klettverschlüsse. Die allerdings aus dem bösen Plastik sind.

Photo by rawpixel on Unsplash

24. Februar 2019
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Von Gutem Willen geleitet

Von Gutem Willen geleitet

Meine Journalismusvorschau ist übrigens bisher voll aufgegangen.

Neuester Text: Schluss mit dem Konsum für die Tonne! von Vivien Timmler auf Webseite der Süddeutschen Zeitung – sicher auch im Blatt selbst. im zweiten Absatz eine, unbestreitbar, Tatsachenbahauptung.

Deutschland ist Europameister im Wegwerfen. 220 Kilo Plastikverpackungen wirft jeder Deutsche im Jahr in die Tonne. Das ist absurd viel. Und es wird nicht weniger, im Gegenteil: Die Flut an Verpackungsmüll schwillt weiter an.


Wow. Was für eine Zahl. Im vorliegenden Text werden eine Menge Dinge verlinkt, nicht aber die Quelle für diese Zahl.

Liebe SZ, liebe Frau Timmler: Wo kommt diese Zahl her?

Die 220 kg pro Kopf-Zahl, die ich kenne, stammt aus der PM „Verpackungsverbrauch in Deutschland“ des Bundesumweltamtes zu den Zahlen von 2016 (neuere habe ich auch keine gefunden).

Hier heißt es (ich schreibe das nicht zum ersten Mal):

In Deutschland fielen 2016 insgesamt 18,16 Millionen Tonnen Verpackungsabfall an. Das ist ein Anstieg um 0,05 Prozent gegenüber 2015, so der aktuelle Bericht des Umweltbundesamtes (UBA) zu Aufkommen und Verwertung von Verpackungen in Deutschland. Dies entspricht 220,5 kg Verpackungsabfall pro Kopf.

https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/verpackungsverbrauch-in-deutschland-weiterhin-sehr

Ein Unterschied: Verpackungsabfall. Nicht Plastikabfall. Und, vielleicht auch nicht unwichtig:

Der Anteil von privaten Endverbrauchern an der Gesamtmenge betrug 47 Prozent (insgesamt 8,52 Millionen Tonnen). Das sind 103,5 kg pro Kopf.

Oh. Wie sollen wir denn dann die im Artikel genannten 220 kg. Plastik pro Jahr wegwerfen?

Und es gab gute Nachrichten:

Immerhin: Der Verbrauch von Kunststoffverpackungen der privaten Endverbraucher nahm minimal ab von 25 kg auf 24,9 kg pro Kopf.

Damit wären wir bei 24,9 kg die „jeder Deutsche im Jahr in die Tonne wirft“.

Das mit den guten Nachrichten war übrigens schon immer so eine Sache:

Dafür wurden mehr Glas- und Aluminiumverpackungen verwendet, was darauf schließen lässt, dass diese Kunststoffverpackungen ersetzen. Glas und Aluminium sind in der Herstellung jedoch sehr energieintensiv. Maria Krautzberger: „Kunststoff durch andere Verpackungsmaterialien zu ersetzen ist nicht immer ökologisch sinnvoll. Besser ist es, weniger Verpackungsmaterial zu nutzen und die Verpackungen weniger aufwändig zu gestalten.“

Okay, soweit meine Quelle. Aber welches ist Eure, SZ?

Photo by rawpixel on Unsplash

Photo by Patrick Brinksma on Unsplash

10. Februar 2019
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Meine Leseliste 19 (1): Parteien, Journalismus

Meine Leseliste 19 (1): Parteien, Journalismus

Ein bisschen als Bookmark für mich, aber auch als Lesetipps für Euch da draußen: was ich mit Gewinn gelesen habe:

Parteien

Das Interview mit Gesine Schwan in der taz trifft meinen Eindruck von der verfahrenen Lage der Sozialen Domkraten gant gut:

Die SPD hat zur Hochzeit des Neoliberalismus zu unkritisch marktradikale Positionen übernommen. Viele Sozialdemokraten haben mit Verve kommunales Eigentum privatisiert. Dann stehen wir natürlich in Konkurrenz zu Parteien, die es zu Willy Brandts Zeiten nicht gab. Wenn Sie SPD, Grüne und Linke zusammenzählen, ist das Potenzial ähnlich wie damals. Ich hielt es auch für einen Fehler, dass die SPD-Führung unter Sigmar Gabriel 2013 nicht den Mut für Rot-Rot-Grün aufbrachte.


Ob ich die Einschätzungen von Peter Unfried zum Parteiensystem teile, das weiß ich nicht. Interessant bis witzig sind sie:

Die Frage ist, ob, wie und mit welcher Sprache man die ressortübergreifende sozialökologische Politik im gesellschaftlichen Gespräch etabliert. Die Scheuers und Lindners müssen ja auch deshalb herumschreien wie kleine Kinder, weil die erwachsenen Grünen kaum oder nur ganz behutsam darüber sprechen.

Medien

Zwei Dinge, die nachdenklich machen: wie soll denn in Zukunft Journalismus bezahlt werden oder überhaupt stattfinden? Hans Hoff knöpft sich die Funke-Mediengruppe bei DWDL vor, toller Titel: Funkes „agile Ticker“: Die Nebelbomben der Verlage

Dort gibt es jetzt eine „Stabsstelle Digitale Transformation“. Die soll, wieder mal, Wunder bewirken. „Hier geschieht nicht weniger als eine Kulturrevolution: Die Standorte entscheiden und priorisieren gemeinsam, was wann wie geschieht, und liefern dann schnell Resultate. Das ist eine Blaupause für uns: 2022 soll die gesamte Mediengruppe agil ‚ticken'“, sagt Ove Saffe, der für das Zeitungsgeschäft zuständige Geschäftsführer.

Wer schreibt dem so etwas in die Pressemitteilung? Solch einen gequirlten Hühnerbrei. Wie soll irgendjemand, der diesen Dünnpfiff liest, annehmen, dass die Manager, die so etwas durchgewinkt haben, zu mehr fähig seien als den Hof zu fegen?

Und die Hoffnung der Branche, die neuen jungen Angebote? In der taz die Bestandsaufnahme. Bumm. Krach. Schepper:

Was Buzzfeed, Vice und Co falsch gemacht haben? Darauf findet man unterschiedliche Antworten. Vielleicht haben sie zu viel versprochen, ihre Möglichkeiten überschätzt. Vielleicht war es falsch, von ständigem Wachstum auszugehen in einem Markt, der sich weiter fragmentiert.

Insgesamt eine deprimierende Lektüre für ein Wochenende.

Photo by Patrick Brinksma on Unsplash

19. Januar 2019
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Journalismus 2019 – und hier die Vorschau

Journalismus 2019 – und hier die Vorschau

Welches werden die Themen sein, die im laufenden Jahr Journalisten reizen? Es sind größtenteils dieselben wie im vergangenen Jahr. Und dem Jahr davor. Mehr, mehr mehr und immer mehr davon. Das Problem sind meist nicht die Artikel selbst. Manchmal ist es die Frage, mit welchem Themen man sich deshalb nicht beschäftigt:

  • Plastikmüll. Egal, ob es etwas neues zu berichten gibt: Plastik geht immer. Klickt online super. Bilder von verendeten Meerestieren gehen immer. Egal, wie viel Plastik aus Deutschland im pazifischen Ozean landet. Beispiel gefällig? Der aktuelle Teasertext bei SPON zum Thema: „Die Deutschen gelten als Weltmeister der Wiederverwertung. Tatsächlich tragen wir eine erhebliche Mitschuld daran, dass die Welt am Plastikmüll erstickt – weil viel weniger Plastik recycelt wird, als wir denken.“
    Problem nur: Ja, die Recycling-Quote ist gering, und wahrscheinlich wirklich geringer als offiziell angegeben. Nur heißt es im Artikel dann: „“In der ersten Stufe des langen Recyclingprozesses, dem Sammeln, seien die Deutschen noch sehr gut, sagt Wilts.“ Ja, stimmt. Danach wird vor allem verbrannt. Das ist ineffektiv und Quatsch. Aber an verbranntem Plastik erstickt die Welt nicht. Kein einziges Meerestier hat verbranntes Plastik im Bauch.
    Egal: Plastikmüll und der Jubel über das Strohhalmverbot werden auch 2019 prägen – auch weil es in Social Media geklickt und kommentiert wird wie blöd. Themen wie etwa die Berichterstattung über die Ökodesignrichtlinie werden weiter untergehen – obwohl sicher umweltpolitisch ähnlich relevant, nur leider etwas komplizierter. Wer jetzt sagt: „Ökodesignrichtlinie? Nie gehört!“ tja, dann Q.E.D. Ich finde dazu nur dreiArtikel aus dem vergangenen Jahr, zweimal in der taz und einmal in der WELT.
  • Pornos von Frauen. Ist klar, warum das immer wieder auftaucht.
  • Der Dorfladen. Entweder das Aussterben oder die Rückkehr.
  • Fahrradfahren. Rettet die Welt, meistens.
  • Joggen, laufen, rennen. Körperliche Fitness ist Journalisten wichtig, und in jedem Jahr berichten ein bis vier Exemplare dieser Gattung über ihren Weg zum ersten Marathon. Gähn.
  • Veganes Leben. Vegetarisches Leben. Finden urbane Journalisten wichtig. Allerdings: anscheinend wächst weder die Zahl der Veganer noch der Vegetarier signifikant. Rund ein Prozent sagen von sich, dass sie vegan leben, zwischen vier und sechs Prozent bezeichnen sich als Vegetarier. Es kann aber dennoch sein, dass der Fleischkonsum zurückgeht. Wenn die Fleischesser eben weniger Fleisch essen.
  • Tiny Houses. Ich bin nicht ganz sicher, ob dieser Berichterstattungstrend von 2018 einfach so weiter geht. Halte es aber für möglich.

Ich habe das ein oder andere sicher vergessen, das trage ich nach.

 

Photo by Elijah O’Donell on Unsplash

Photo by George Zvanelli on Unsplash

13. Januar 2019
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Studies from hell: Veganismus und Männlichkeit

Studies from hell: Veganismus und Männlichkeit

Zum Jahreswechsel als Meldung in meinem Lokalblatt,  aber auch darüber hinaus:

Veganismus und Männlichkeit: Studie an der TU Darmstadt

Sorgte früher Fleisch für den nötigen Bizeps, liegen heute vegane Produkte mit möglichst viel Proteinen, denen man eine ähnlich stärkende Wirkung zuschreibt wie Fleisch, voll im Trend – auch bei Männern.

Voll im Trend. Vegan ist klasse. Männer wollen Bizeps, aber mit Tofu. Oder so.

Zu dieser Studie eben mit dem Titel „Ernährungskulturen und Geschlecht. Eine empirische Untersuchung von Männlichkeitskonstruktionen am Beispiel Fleischkonsum und Veggie-Boom“, die es allerdings leider weder im Volltext noch als Abstract auf der Webseite der TU Darmstadt zu lesen gibt, geben die Soziologin Tanja Paulitz und ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter Martin Winter hier ein Interview. Da heißt es:

Spannend sind die Zahlen: Nur ein Prozent der Deutschen ernährt sich aktuell vegan, etwa zehn Prozent vegetarisch.

Nach dem zuletzt veröffentlichten Nahrungsmittel-Report (Volltext) der Bundesregierung, einer repräsentativen Telefonumfrage, sind es allerdings nur sechs Prozent (S.8), die angeben, sich vegetarisch zu ernähren.

Es geht eher um die Frage: Wie ernähre ich meinen Körper gut und richtig? Vielen Menschen scheinen vegane Fleischalternativen die richtige Antwort zu sein. Die Produkte kommen Fleisch optisch und geschmacklich sehr nahe. Kulturell ist bedeutsam, dass die symbolisch an Fleischkonsum gekoppelte Vorstellung von Männlichkeit gewahrt werden kann. Denn vegane Produkte setzen auch auf viele Proteine, denen eine vergleichbar stärkende Wirkung wie Fleisch zugeschrieben wird.

Die Ausbildung bestimmter Mengen und Formen an Muskeln an den ‚richtigen‘ Stellen sichert gesellschaftlich die Differenzierung gegenüber Weiblichkeit ab. Dies ist bedeutsam, da genau diese Differenzierung ja nicht mehr wie früher institutionell und formal erfolgt, sondern die Partizipation von Frauen in der Gesellschaft unübersehbar ist. Zur Abgrenzung spielen Essen und seine Inhaltsstoffe sowie Sport eine wesentliche Rolle. Künstliches Fleisch mit viel Protein folgt damit derselben Logik wie ‚echtes‘ Fleisch. So wird es auch vermarktet und in der Öffentlichkeit rezipiert. Wir nennen das eine „Koproduktion von Fleisch, Wissen und Körpern“.

Und so weiter.

Die spannende Frage ist: wie kommen die beiden zu ihren Studienergebnissen, wenn sie „vielen Menschen“ (scheint) oder andere Verhaltensweisen „der Menschen“ beschreiben? Hier das Untersuchungs“design“:

Der Studie liegen qualitative Analysen veganer Kochbücher, Feldstudien im Rahmen von Fachmessen in den Bereichen Lebensmittel, Metzgerei sowie Tierzucht- und Agrartechnik so­wie Interviews mit NGOs und Ernährungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern zugrunde.

Nochmal um das wirken zu lassen, was das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst so fördert: das Lesen von Kochbüchern. Den Besuch von Messen, bei denen mit Anbietern gesprochen wird, die uns alle schon das mit „dem Veganen“ auf anderen Kanälen als das „große Ding“ verkaufen, dann NGOs, wahrscheinlich Vegetarierverbände und Veganer-Aktivisten, und, auch klasse, Ökotrophologen. Meine Lieblingswissenschaftlergattung knapp vor den Soziologen.

Also eher eine Meta-Meta-Meta-Studie, in der Marketingfuzzis und enthusiastische Laien ihren Blick auf unsere Lebensmittelwelt zum Besten geben. Kann eine „Studie“ trauriger sein? Das Jahr fängt ja gut an.

 

 

Photo by George Zvanelli on Unsplash

 

 

16. Dezember 2018
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Apple Pay und der lange Text der ZEIT

Apple Pay und der lange Text der ZEIT

Okay, man kann enthusiastisch den Eintritt in ein neues Zeitalter des Mobile Payment bejubeln, oder nüchtern darüber berichten, dass jetzt endlich Apple Pay in Deutschland verfügbar ist. Da sich Apple viel Zeit gelassen hat, sein System an den Start zu bringen, sind immerhin schon viele, viele NFC-taugliche Kassensysteme montiert. 820.000, etwa 80 Prozent aller Kartenterminals.

Das ist kein Verdienst von Apple, sondern die Kreditkartenanbieter, die Girokartenanbieter, und Apps wie Google Pay und Payback setzen schon seit geraumer Weile auf die Technik und kontaktloses Zahlen. Nur iPhone-User waren bisher draußen, weil das Unternehmen den Zugriff auf seine NFC-Zahlfunktion der Geräte beschränkt hat.

Kurz und gut: Apple Pay ist in Deutschland weder innovativ noch herausragend „neu“. Mein Rossmann unterstütz seit einem Jahr angeblich sogar Alipay und andere Exoten.

Dennoch erschütterten multiple Orgasmen der Apple Fanboys meine Timeline. Na gut.

Man kann jetzt relativ sachlich die Systeme einander gegenüberstellen: T3n zu Apple vs. Google . Oder man kann das wahnsinnig beliebte Mittel des „Selbstversuchs“ wählen. Was die ZEIT gemacht hat. Ein wahnwitzig langer Text, der zwar eine Menge über den Lebensstil von ZEIT-Journalisten verrät (Cafe besuche nicht zu knapp, Freitags frei, Nach Malle fliegen weil ein Freund da Geburtstag feiert). Nicht schlecht, das ZEIT-Journalistenleben.

Aber was will mir ein Text sagen, bei dem ich auf Seite 3 erfahre, dass der Kollege den Selbstversuch … gar nicht beherrscht:

Als ich mein Handy ans Gerät halte, gibt die Kassiererin mir den goldenen Tipp: „Anders herum.“ Ich drehe das Handy so, dass die Rückseite nach unten auf das Bezahlterminal zeigt. Und siehe da: Es vibriert und piept – Google Pay meldet Vollzug. Endlich! Ich hatte es bei den ersten Versuchen einfach falsch herum gehalten. Wie peinlich!

Vorher jammert er über seine schlechten Erfahrungen.

Wenn ihr keinen Journalismus mehr machen wollt, dann sagt mir das doch vorher.

 

Photo by Elijah O’Donell on Unsplash

 

24. November 2018
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Rezension: Bob Woodward: Furcht

Rezension: Bob Woodward: Furcht

Das zweite Buch, dass sich mit dem „Alltagsleben“ im Weißen Haus beschäftigt, und Woodward enttäuscht mich sehr: gegenüber „Fire & Fury“ fällt sein Werk klar ab, auch wenn er teilweise dieselben Gesprächspartner hat – vor allem Bannon und Priebus, aber auch Porter und Cohen. Die erste Erkenntnis: das erste Drittel des Buches handelt noch von der Wahl bis zur Inauguration – mithin alles Schnee von gestern, und in Michael Wolff’s Buch ausreichend behandelt. Und dann sind viele Ereignisse aus dem ersten Amtsjahr bis zum Ausscheiden Bannons geschildert, und vieles unterscheidet sich nicht, fügt leider dem zuvor erschienenen Buch auch nichts Wesentliches hinzu. Allerdings wird klar, warum Woodward Ex-FBI-Chef Comey für einen Schaumschläger hält, und da kann etwas dran sein.
Aber im Gegenteil: die Analyse von Javankas (Jared und Ivanka) Rolle im Weißen Haus fällt bei Wolff präziser aus (vielleicht weil Bannon die beiden so sehr hasst). Auch andere Konstellationen werden klarer. Die Verknüpfung mit Rupert Murdoch und die Rolle der Reichen fehlt fast vollkommen. Bei Woodward wird es zunehmend erratischer, es werden Episoden erzählt, nicht aber die Machtverhältnisse selbst, und auch über Trump erfahren wir sehr viel weniger.
Da Woodward vor allem in Geheimdienstkreisen gut vernetzt ist, spielen diese Themen eine Rolle, vor allem die Außenpolitik, der Nahe und Mittlere Osten, Afghanistan, Korea, China. Überraschenderweise muss ich feststellen, dass Trump grundsätzlich mal die richtigen Fragen stellt, etwa „Was wollen wir da?“, dann aber natürlich nicht nachhaltig an einer Zielvorstellung arbeitet.
Woodward wechselt spontan an 3-4 Stellen ins „Ich“-Format, aber eigentlich nur um zu zeigen, was für ein toller Journalist er doch ist. Peinlich.
Vom ehemaligen Watergate-Aufdecker, dessen Buch zur Reagans Iran-Contra-Affäre ich vor Jahrzehnten richtig gut fand, habe ich mehr erwartet. Vor allem die letzten anderthalb Stunden rund um seinen Rechtsberater John Dowd, der schildern darf, wie klasse er mit Ermittler Mueller umgeht, sind ermüdend, und einzelne Sequenzen stehen zusammenhangslos im Raum. Manchmal ohne Punkt und Komma durchgelesen springt die Schilderung hin und her.

Das war nix.

Ich hörte die 13+x Stunden Hörbuchfassung von Bob Woodward: Furcht – Trum im Weißen Haus. Sprecher: Richard Barenberg. Argon Verlag.

 

Photo by Jacob Morch on Unsplash