Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

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13. Januar 2019
von Michael Scheuch
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Studies from hell: Veganismus und Männlichkeit

Zum Jahreswechsel als Meldung in meinem Lokalblatt,  aber auch darüber hinaus:

Veganismus und Männlichkeit: Studie an der TU Darmstadt

Sorgte früher Fleisch für den nötigen Bizeps, liegen heute vegane Produkte mit möglichst viel Proteinen, denen man eine ähnlich stärkende Wirkung zuschreibt wie Fleisch, voll im Trend – auch bei Männern.

Voll im Trend. Vegan ist klasse. Männer wollen Bizeps, aber mit Tofu. Oder so.

Zu dieser Studie eben mit dem Titel „Ernährungskulturen und Geschlecht. Eine empirische Untersuchung von Männlichkeitskonstruktionen am Beispiel Fleischkonsum und Veggie-Boom“, die es allerdings leider weder im Volltext noch als Abstract auf der Webseite der TU Darmstadt zu lesen gibt, geben die Soziologin Tanja Paulitz und ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter Martin Winter hier ein Interview. Da heißt es:

Spannend sind die Zahlen: Nur ein Prozent der Deutschen ernährt sich aktuell vegan, etwa zehn Prozent vegetarisch.

Nach dem zuletzt veröffentlichten Nahrungsmittel-Report (Volltext) der Bundesregierung, einer repräsentativen Telefonumfrage, sind es allerdings nur sechs Prozent (S.8), die angeben, sich vegetarisch zu ernähren.

Es geht eher um die Frage: Wie ernähre ich meinen Körper gut und richtig? Vielen Menschen scheinen vegane Fleischalternativen die richtige Antwort zu sein. Die Produkte kommen Fleisch optisch und geschmacklich sehr nahe. Kulturell ist bedeutsam, dass die symbolisch an Fleischkonsum gekoppelte Vorstellung von Männlichkeit gewahrt werden kann. Denn vegane Produkte setzen auch auf viele Proteine, denen eine vergleichbar stärkende Wirkung wie Fleisch zugeschrieben wird.

Die Ausbildung bestimmter Mengen und Formen an Muskeln an den ‚richtigen‘ Stellen sichert gesellschaftlich die Differenzierung gegenüber Weiblichkeit ab. Dies ist bedeutsam, da genau diese Differenzierung ja nicht mehr wie früher institutionell und formal erfolgt, sondern die Partizipation von Frauen in der Gesellschaft unübersehbar ist. Zur Abgrenzung spielen Essen und seine Inhaltsstoffe sowie Sport eine wesentliche Rolle. Künstliches Fleisch mit viel Protein folgt damit derselben Logik wie ‚echtes‘ Fleisch. So wird es auch vermarktet und in der Öffentlichkeit rezipiert. Wir nennen das eine „Koproduktion von Fleisch, Wissen und Körpern“.

Und so weiter.

Die spannende Frage ist: wie kommen die beiden zu ihren Studienergebnissen, wenn sie „vielen Menschen“ (scheint) oder andere Verhaltensweisen „der Menschen“ beschreiben? Hier das Untersuchungs“design“:

Der Studie liegen qualitative Analysen veganer Kochbücher, Feldstudien im Rahmen von Fachmessen in den Bereichen Lebensmittel, Metzgerei sowie Tierzucht- und Agrartechnik so­wie Interviews mit NGOs und Ernährungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern zugrunde.

Nochmal um das wirken zu lassen, was das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst so fördert: das Lesen von Kochbüchern. Den Besuch von Messen, bei denen mit Anbietern gesprochen wird, die uns alle schon das mit „dem Veganen“ auf anderen Kanälen als das „große Ding“ verkaufen, dann NGOs, wahrscheinlich Vegetarierverbände und Veganer-Aktivisten, und, auch klasse, Ökotrophologen. Meine Lieblingswissenschaftlergattung knapp vor den Soziologen.

Also eher eine Meta-Meta-Meta-Studie, in der Marketingfuzzis und enthusiastische Laien ihren Blick auf unsere Lebensmittelwelt zum Besten geben. Kann eine „Studie“ trauriger sein? Das Jahr fängt ja gut an.

 

 

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16. Dezember 2018
von Michael Scheuch
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Apple Pay und der lange Text der ZEIT

Okay, man kann enthusiastisch den Eintritt in ein neues Zeitalter des Mobile Payment bejubeln, oder nüchtern darüber berichten, dass jetzt endlich Apple Pay in Deutschland verfügbar ist. Da sich Apple viel Zeit gelassen hat, sein System an den Start zu bringen, sind immerhin schon viele, viele NFC-taugliche Kassensysteme montiert. 820.000, etwa 80 Prozent aller Kartenterminals.

Das ist kein Verdienst von Apple, sondern die Kreditkartenanbieter, die Girokartenanbieter, und Apps wie Google Pay und Payback setzen schon seit geraumer Weile auf die Technik und kontaktloses Zahlen. Nur iPhone-User waren bisher draußen, weil das Unternehmen den Zugriff auf seine NFC-Zahlfunktion der Geräte beschränkt hat.

Kurz und gut: Apple Pay ist in Deutschland weder innovativ noch herausragend „neu“. Mein Rossmann unterstütz seit einem Jahr angeblich sogar Alipay und andere Exoten.

Dennoch erschütterten multiple Orgasmen der Apple Fanboys meine Timeline. Na gut.

Man kann jetzt relativ sachlich die Systeme einander gegenüberstellen: T3n zu Apple vs. Google . Oder man kann das wahnsinnig beliebte Mittel des „Selbstversuchs“ wählen. Was die ZEIT gemacht hat. Ein wahnwitzig langer Text, der zwar eine Menge über den Lebensstil von ZEIT-Journalisten verrät (Cafe besuche nicht zu knapp, Freitags frei, Nach Malle fliegen weil ein Freund da Geburtstag feiert). Nicht schlecht, das ZEIT-Journalistenleben.

Aber was will mir ein Text sagen, bei dem ich auf Seite 3 erfahre, dass der Kollege den Selbstversuch … gar nicht beherrscht:

Als ich mein Handy ans Gerät halte, gibt die Kassiererin mir den goldenen Tipp: „Anders herum.“ Ich drehe das Handy so, dass die Rückseite nach unten auf das Bezahlterminal zeigt. Und siehe da: Es vibriert und piept – Google Pay meldet Vollzug. Endlich! Ich hatte es bei den ersten Versuchen einfach falsch herum gehalten. Wie peinlich!

Vorher jammert er über seine schlechten Erfahrungen.

Wenn ihr keinen Journalismus mehr machen wollt, dann sagt mir das doch vorher.

 

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24. November 2018
von Michael Scheuch
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Rezension: Bob Woodward: Furcht

Das zweite Buch, dass sich mit dem „Alltagsleben“ im Weißen Haus beschäftigt, und Woodward enttäuscht mich sehr: gegenüber „Fire & Fury“ fällt sein Werk klar ab, auch wenn er teilweise dieselben Gesprächspartner hat – vor allem Bannon und Priebus, aber auch Porter und Cohen. Die erste Erkenntnis: das erste Drittel des Buches handelt noch von der Wahl bis zur Inauguration – mithin alles Schnee von gestern, und in Michael Wolff’s Buch ausreichend behandelt. Und dann sind viele Ereignisse aus dem ersten Amtsjahr bis zum Ausscheiden Bannons geschildert, und vieles unterscheidet sich nicht, fügt leider dem zuvor erschienenen Buch auch nichts Wesentliches hinzu. Allerdings wird klar, warum Woodward Ex-FBI-Chef Comey für einen Schaumschläger hält, und da kann etwas dran sein.
Aber im Gegenteil: die Analyse von Javankas (Jared und Ivanka) Rolle im Weißen Haus fällt bei Wolff präziser aus (vielleicht weil Bannon die beiden so sehr hasst). Auch andere Konstellationen werden klarer. Die Verknüpfung mit Rupert Murdoch und die Rolle der Reichen fehlt fast vollkommen. Bei Woodward wird es zunehmend erratischer, es werden Episoden erzählt, nicht aber die Machtverhältnisse selbst, und auch über Trump erfahren wir sehr viel weniger.
Da Woodward vor allem in Geheimdienstkreisen gut vernetzt ist, spielen diese Themen eine Rolle, vor allem die Außenpolitik, der Nahe und Mittlere Osten, Afghanistan, Korea, China. Überraschenderweise muss ich feststellen, dass Trump grundsätzlich mal die richtigen Fragen stellt, etwa „Was wollen wir da?“, dann aber natürlich nicht nachhaltig an einer Zielvorstellung arbeitet.
Woodward wechselt spontan an 3-4 Stellen ins „Ich“-Format, aber eigentlich nur um zu zeigen, was für ein toller Journalist er doch ist. Peinlich.
Vom ehemaligen Watergate-Aufdecker, dessen Buch zur Reagans Iran-Contra-Affäre ich vor Jahrzehnten richtig gut fand, habe ich mehr erwartet. Vor allem die letzten anderthalb Stunden rund um seinen Rechtsberater John Dowd, der schildern darf, wie klasse er mit Ermittler Mueller umgeht, sind ermüdend, und einzelne Sequenzen stehen zusammenhangslos im Raum. Manchmal ohne Punkt und Komma durchgelesen springt die Schilderung hin und her.

Das war nix.

Ich hörte die 13+x Stunden Hörbuchfassung von Bob Woodward: Furcht – Trum im Weißen Haus. Sprecher: Richard Barenberg. Argon Verlag.

 

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12. November 2018
von Michael Scheuch
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Grüne Europawahl: nicht wählen

Ich bin gerne nachtragend. Ein Thema: Das „Urheberrecht“ und das „Leistungsschutzrecht“, dass via Europa das Internet kaputt machen soll.

An diesem Wochenende haben die Grünen ihre Wahlliste für die Europawahl 2018 aufgestellt, Ska Keller und der durchaus von mir geschätzte Sven Giegold führen die Liste an.

Aber dann: Listenplatz Nummer 4 für Reinhard Bütikofer.

Ziehen wir mal die Abstimmungsliste der „Partei“ zu rate:

Bütikofer war bei denen, die für die Vorlage des „Happy Voss“ stimmten. Auf Platz 6 Martin Häusling, gleiches Abstimmungsverhalten.

Immerhin sind Harms und vor allem Trüpel nicht mehr dabei, aber als Partei, die auch nur den geringsten Schimmer von Digitalisierung hat, empfiehlt sich „Die Grünen“ nicht. Und Bütikofer war schon immer mehr ein Ärgernis denn ein ernstzunehmender Grünen-Politiker.

Nicht gesondert erwähnen muss ich übrigens die gleichermaßen unwählbare SPD. Ich hatte „meinem Abgeordneten“ Herrn Bullmann in der Sache geschrieben – keine Antwort, nicht mal Standard/Floskeln/irgendwas. Tja, dann nicht.

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11. November 2018
von Michael Scheuch
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Studies from hell: Schulessen

Ein unglaublicher Propagandaerfolg der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE): die Studie zu Schulverpflegung und Kosten, bezahlt vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Denn dusslig, wie Journalisten nunmal manchmal sind, heißt dann häufig die Überschrift wie etwa bei n-tv: Besseres Schulessen kostet nur Cents mehr.

Das ist nicht die Aussage, denn: was ist Besser, was ist Schlechter? Schmackhaftes Essen ist besser, oder, wie die Studie untersucht, das sklavische Abarbeiten der Empfehlungen der (Achtung, Überraschung) DGE für Schulverpflegung? Natürlich wurde nur letzteres untersucht, und dann gleichzeitig beklagt, dass die Akzeptanz für das Schulessen so gering sei.

Aber zum über zitierten „Fazit“ der „Studie“:

Gesünderes Schulessen könnte häufig bereits für vier Cent zusätzlich zubereitet werden.

Hurra.

Allerdings unter diesen Voraussetzungen, so die FAZ:

Demnach muss ein gesundes Mittagessen nach den DEG-Qualitätsstandards für Schulverpflegung kaum teurer sein als ein anderes. In einer Grundschule mit 200 ausgegebenen Essen betrüge der Unterschied laut Modellrechnungen nur vier Cent pro Mahlzeit.

Hätte, wäre, Fahrradkette. Denn die DGE-Ernährung, so jubeln es gesundheitsbewusste Journalisten hoch, bedeutet Weiterlesen →

1. November 2018
von Michael Scheuch
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Meine Leseliste (18/14): Klassenunterschiede, Plastik

Kommunikationsdifferenzen im Journalismus
Lesenswert ist der Blogpost von ORF-Journalist Armin Wolf „Demokratischer Diskurs ist kein safe space“ der sich aufgehängt am angeblichen Phänomen „Political Correctness“ zu Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Politikern, aber vor allem auch Journalisten und Bürgern äußert:

Die meisten Journalisten finden zum Beispiel die „Ehe für alle“ gut, ich lese jedenfalls wenige Kommentare dagegen. Alle Journalisten, die ich kenne oder lese, meinen auch, dass man Homosexuelle oder Transgender-Personen nicht diskriminieren soll. Aber ich vermute, dass es gar nicht wenige Leserinnen und Seher gibt, die noch immer finden, irgendwie sei das nicht ganz „normal“.

Nun meine ich keineswegs, dass man dem nachgeben soll. Es gibt ein Menschenrecht darauf, für sein Geschlecht, seine sexuelle Orientierung und ethnische Herkunft nicht diskriminiert zu werden. Aber derartige Unterschiede zwischen den Werthaltungen etablierter Medien und Teilen der Bevölkerung produzieren eine gewisse Kluft – und möglicherweise auch eine Entfremdung.

Ich weiß dafür keine Lösung, aber mich beschäftigt dieses Problem.

Eine mögliche Erklärung dafür wäre, dass es in den Redaktionen – jedenfalls der nationalen Leitmedien – relativ wenig Diversität gibt. Dort arbeiten mittlerweile zwar – glücklicherweise – immer mehr Frauen, auch in führenden Positionen, aber die meisten Redakteure sind heute urbane Akademikerinnen und Akademiker mit sehr ähnlicher Herkunft und Ausbildung, die in ähnlichen Gegenden wohnen und sich in einem ähnlichen sozialen und kulturellen Umfeld bewegen.
Tatsächlich stellt er zu recht fest: Journalist zu werden, dass muss man sich erstmal leisten können:

oft braucht es dafür die Unterstützung gut situierter Elternhäuser. Und man muss es sich leisten wollen, weshalb es Absolventen aus Jura-, Wirtschafts- oder Technikstudien, die oft auch politisch konservativer sind, meist in besser bezahlte Berufe zieht.
Aber diesen Hinweis finde ich am wertvollsten:

Der britische Autor David Goodhart sieht die wesentliche kulturelle Konfliktlinie unserer Gesellschaften ja zwischen jener Bevölkerungsgruppe, die er die Somewheres nennt und den Anywheres. Als Anywheres bezeichnet er Menschen mit Uni-Abschluss, urban, kosmopolitisch und mobil, die sehr viel Wert auf Autonomie und Offenheit legen. Die Somewheres sind Menschen, die an einem Ort verwurzelt sind, eine weniger gute Ausbildung haben und für die Sicherheit und Tradition wichtig sind. Das sind keineswegs nur Arbeiter, sondern auch Gewerbetreibende, Landwirte, Hausfrauen, Beamte.

Die meisten Journalisten – jedenfalls in den großen, nationalen Medien, vielleicht weniger in den Lokalredaktionen – sind prototypische Anywheres. Aber ein Großteil unseres Publikums sind Somewheres.
Mal drüber nachdenken: kennt ihr hauptsächlich „Anywheres“ oder „Somewheres“? Und wie sieht es bei Journalisten aus? Weiterlesen →

28. September 2018
von Michael Scheuch
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„Reform“pädagogen schlagen zurück

Niemand kann mir die Befriedigung nehmen, mit der ich die Ergebnisse einer Studie zur Kenntnis genommen habe, nach der die Methode „Lesen durch Schreiben“ keine besonders guten Ergebnisse im Aneignen von Schreibfähigkeiten aufweist.

Meine Elternerfahrungen mit dieser Methode sind verheerend. Denn wenn der Nachwuchs dicht an LRS chargiert, dann hilft das orientierungslose vor-sich-hin-schreiben nicht, es verunsichert. Und das vor allem dann, wenn man noch das Gefühl haben muss, auch die Lehrkräfte sind damit überfordert. In unseren Elternabend wurde dringend darauf hingewiesen, wir sollten die Kinder ja nicht korrigieren.

Das Ergebnis der Studie ist für die „Reform“-Pädagogik ein einigermaßen schwerer Schlag. So dass man zum Gegenschlag ausholen muss. Stellvertretend etwa der Artikel bei Zeit Online „Die Fibel macht es auch nicht bessa“.  Das ist „lustig“. Oder?

Mich kotzt es an. Parvin Sadigh schwingt die ganz überhebliche Keule:

Leider hat die Studie nämlich nicht danach gefragt, welche Methode Lust auf Schreiben und Lesen macht. Auch nicht danach, wer später Texte besser versteht und sich schriftlich frei ausdrücken kann.

Ja, aber leider scheint Frau Sadigh auch keine Studie anführen zu können, die in diesen Fragen Lesen durch Schreiben vorne sieht, mit dieser „leider“ Formulierung wird zwar unterstellt, dass da die Reformpädagogik die Nase vorne hat, aber leider – ist das eine Unterstellung.

Ja, vielleicht wurde eine Zeit lang Rechtschreibung nicht ernst genug genommen. Aber wie viel Kreativität würde wieder verloren gehen, wenn man die Zeit zurückdreht? Wenn nur noch gepaukt und nicht mehr ausprobiert wird? Wer weiß das?

Ja, lustig, was? Keiner weiß das! Frau Sadigh auch nicht. Es wird einfach unterstellt.

Das Wort „pauken“ wird mehrfach abwertend im Artikel benutzt, darf man da von Framing reden? Oder ist das links vorbehalten, wenn man rechts kritisieren will?

Außerdem kommt die Studie zu spät, denn die Schreiben-nach-Gehör-Methode wird nur noch selten dogmatisch angewandt. An manchen Schulen durften Lehrerinnen und Eltern bei deren Einführung den Schülerinnen und Schülern bis zum Ende der zweiten Klasse nicht verraten, dass die Wörter eigentlich anders geschrieben werden – um die Kinder nicht zu demotivieren.

Tja, auch das weiß Frau Sadigh nicht, ich kann nur sagen: vor fünf bis sechs Jahren war das bei uns noch so.

Und der Satz ist großartig:

Migration und Inklusion sind wahrscheinlich die Hauptursachen für die schlechteren Leistungen in der Grundschule.

Huh. Darf man das schreiben? In der ZEIT? Ist Lesen durch Schreiben doch eine elitäre, weiße, Oberschichtsunterrichtsform?

Zur Verteidigung der Reformpädagogik wird dann noch eine Binse bemüht:

Studien haben längst gezeigt: Auf die Methoden kommt es weniger an als auf engagierte Lehrer, die sich Zeit nehmen können für jedes einzelne Kind.

Ach. Kleinere Klassen, mehr Lehrer, wenig Unterrichtsausfall. Das ist wirklich immer gut. Egal nach welcher Methode. Aber vielleicht mit der klassischen doch ein bisschen besser. Originell aber ist das nicht.

 

 

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25. September 2018
von Michael Scheuch
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Vorsicht Wortpolizei

Ich finde es richtig, dass wir Journalisten uns tagtäglich Gedanken darüber machen, ob wir mit unseren Mitteln, vor allem der Sprache, aber auch Bildern und Geräuschen, O-Tönen und Musik sowie der Komposition derselben, die Wirklichkeit adäquat abbilden.

Dazu gehört Sprachkritik an Floskeln und Wörtern. Per se: eine gute Sache.

Allerdings nervt mich zunehmend der belehrende allwissende katheterliche Tonfall der ein oder anderen Publikation, wenn möglich noch mit „!“ Ausrufezeichen. Etwa bei „Im Toten Winkel der Sprache“ im Neues Deutschland.

Häufig wird abwägend von „sollten wir überdenken“ „sollten weitgehend verzichten“ „nur aus guten Gründen gebrauchen“ „aus dem Gebrauch von Journalisten entfernen“ geredet, und immer dann, wenn man auf dieses Wording trifft, könnte das eine Anregung zum Nachenken sein oder eine Diskussion anstoßen. Wie in sprachlichen Fragen aber meistens ist gar keine Diskussion erwünscht, es geht um das Verfügen eines Sprachtabus. So auch hier:

Screenshot https://www.neues-deutschland.de/artikel/1101202.wort-unfall-im-toten-winkel-der-sprache.html 24.9.2018

Muss. Entfernt. Werden.

Eliminert, ausgeschaltet, aus dem Sprachschatz getilgt, vernichtet werden.

Muss!

Der Artikel ist hinter einer Paywall, das „Altpapier“ vom 24.9. bzw. der Autor René Martens findet das Anliegen aber so super, dass die Zwischenüberschrift zum Link nicht ohne Ausrufezeichen auskommt:

Es gibt keine „Unfälle“ im Straßenverkehr!

Q.e.d.

Das ganze ist, ihm zu Folge, ein „wichtiger sprachkritischer Impuls“. Er zitiert aus dem Artikel:

„(Die) absurde Verwendung des Wortes ‚Unfall‘ verschleiert die Todesursache: dass jedes Todesopfer im Verkehr daran stirbt, dass jemand zu schnell oder unter Alkoholeinfluss gefahren ist, während der Fahrt Mitteilungen verschickt oder auf andere Weise die Tragödie verursacht hat.“

Ist das so? Oder hängt der nd-Autor nicht der beliebten Fiktion nach, dass es immer „einen Schuldigen“ geben müsste? Immer? Und stimmt das mit der Alltagserfahrung überein? Mit meiner nicht. Da kommen zu einem Unfall gerne mehrere Faktoren zusammen: die genommene Vorfahrt durch den einen Verkehrsteilnehmer mit der zu hohen Geschwindigkeit des anderen. Beispielsweise. Monokausale Erklärungen sind gerade bei Verschwörungstheorien hipp, aber das ist nicht immer die Wirklichkeit. Ich will keine Mitschuld des beim Rechtsabiegen getöteten Radfahrers konstruieren, es gibt auch eindeutige Fälle. Aber genügt das, mit einem „Muss“ das Wort Unfall zu streichen? Vor allem wenn der Journalist ja ad hoc mal entscheiden soll, wer denn schuld ist:

Alles verschwindet im toten Winkel der Sprache, wenn das Wort ‚Unfall‘ zur Routine wird. Diese Apathie verwundert: Flugzeuge stürzen ab, Schiffe havarieren. Nur auf unseren Straßen ist alles offenbar Gotteswille, sind alle Gesetze der Physik aufgehoben. Die Bezeichnung ‚Verkehrsunfall‘ signalisiert, dass nichts und niemand wirklich Schuld an einem Zusammenstoß hatte.

Ganz ehrlich, die Nummer mit dem Flugzeug und dem Schiff verstehe ich sprachkritisch gesehen nicht, denn „Flugzeuge stürzen ab“ ist ja gerade keine präzise Beschreibung. Wir kennen den vorsätzlich herbeigfeführten Absturz der Germanwings-Maschine und den Abschuss der MH17. Technische Defekte. Pilotenfehler. Vielleicht hat sich der Autor da verrannt und keiner hat es gemerkt.

Das Wort „Unfall“ signalisiert nicht, dass keiner Schuld sei, ist aber Hinweis darauf, dass man zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch nicht genau weiß, was passiert ist. Und sich der Journalist auch nicht vorweggenommen zum Richter macht.

Die Wortbedeutung „Ereignis, bei dem jemand verletzt oder getötet wird oder materieller Schaden entsteht“ ist doch nicht falsch.

In Wirklichkeit, wie so oft, steckt hinter dem „wichtigen sprachkritischen Impuls“ die Lust an der Belehrung und ein ideologisches Motiv: Böser Verkehr. Böser Autofahrer. Böse. Böse. Böse.

Man muss jetzt nicht jeden Versuch, journalistische Sprache zu verändern richtig finden.

 

 

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24. September 2018
von Michael Scheuch
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Keine Pflichtangabe – die #DSGVO und der Übereifer der Datenschützer

Ich habe ja im Zusammenhang mit der #DGVO, die ich versuchen muss für zwei Vereine ordentlich umzusetzen, meinem Zorn schon mehrfach freien Lauf gelassen.

Ich habe dazu auch mehrere Fragen an mehrere Datenschutz-Landesbehörden geschickt. Im Juni. Bisher bekam ich eine Antwort. Immerhin: es hat nur vier Wochen gedauert

Das Thema ist das „Verzeichnis für Verarbeitungstätigkeiten“. Anlass ist etwa dieses Feld in einem der Verkaufsschlage bei Amazon im Frühjahr. Der Titel: Erste Hilfe zur Datenschutzgrundverordnung für Unternehmen und Vereine. Erschienen im Verlag C.H. Beck, herausgegeben vom „Bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht“. 5,50 Euro, musste aufgrund enormer Nachfrage im Mai wohl nachgedruckt werden.

Auf Seite 14 ist ein „Muster“ für ein Verarbeitungsverzeichnis. Das muss jeder Verein führen, da drin stehen die Datenverarbeitungstätigkeiten und welche Daten jeweils betroffen sind. Hilfreich, sollte man meinen, und dann gibt es den so genannten „Mindestinhalt“

Dass dort ein Ansprechpartner genannt werden muss, das habe ich auch schon auf der Webseite der Datenschützer gelesen, und klugscheißerisch steht da, dass das aufgrund Art. 30 Abs 1 DSGVO so sein müsse.

Ich lese gerne nach, in Quellen, und: da steht so etwas nicht. Es gibt übrigens im Muster auch eine Tabelle mit „empfohlenen Ergänzungen“.

Meine Anfrage an die bayerischen Datenschützer und die komplette Antwort dokumentiere ich unten.

Kurz und gut die Zusammenfassung der längeren Antwort:

Bei Behörden und juristischen Personen sind nicht zwingend Daten zu Leitungspersonen gefordert, aus aufsichtsbehördlicher Sicht ist die Angabe des operativ verantwortlichen Ansprechpartners wünschenswert. Dementsprechend sollte ein Eintrag unter „Ansprechpartner“ erfolgen.“

Zwingend anzugeben ist ein „Ansprechpartner“ jedoch nicht, sondern lediglich der Verantwortliche und ggf. der Datenschutzbeauftragte.

Auf meine Frage, warum denn da Pflichtangabe oder Mindestinhalt steht: Keine Antwort. Weiterlesen →