Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

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9. November 2016
nach Michael Scheuch
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Deja Vu und wieder eine neue Welt

Ich hatte das in diesem Jahr schon einmal. Eine Abstimmung, man geht ins Bett und wacht in einer anderen Welt auf. Diesmal ist es der vorhergesagte klare Erfolg für Hillary Clinton, der sich dann doch in einen klaren Erfolg für Donald Trump verwandelt. Und wieder ist das Vertrauen in die menschliche Intelligenz, das demokratische System, die Aussagekraft von Umfragen und die Einschätzung kundiger Beobachter des politischen Prozesses tief erschüttert.

Was nicht so schlimm wäre. Immerhin haben das andere kluge Menschen auch kommen sehen. Etwa dieser Michael Moore. Ganz überrascht kann ich also nicht tun …

Es gibt aber ein paar Gedanken, die sich jetzt im mir breit machen, vor allem nach den Post-Brexit-Erfahrungen.

    • Es wird ein „Weiter so“ geben. Nach dem Brexit-Votum haben viele gesagt, getan, geschrieben als müsse man jetzt „endlich“ mal ganz neu an die europäische Frage, die europäischen Institutionen und alles mögliche herangehen. In Wirklichkeit haben aber eigentlich alle, die ich wahrgenommen habe, danach nur gesagt und geschrieben, was sie vorher auch gesagt und geschrieben haben. Das gilt für die Europapolitiker von Juncker bis Schulz, die als Antwort eigentlich nur ein engeres, schnelleres, effektiveres Zusammenwachsen hatten – eigentlich dieselbe Position wie zuvor. Die EU-Zerstörer sahen sich eh bestätigt und sagen „Weiter so“. Und das gilt aber auch auf der Seite der linken Europakritiker – von Linkspartei bis Nachdenkseiten, eigentlich wurde dann auch wieder nur alles gesagt und geschrieben, vielleicht ein bisschen verbalradikaler. Und alle, wirklich alle Seiten, legitimierten das durch den Brexit. Doch wenn alle sagen, ein „Weiter so kann es nicht geben“ und dann einfach weitermachen, ohne auch nur ein Jota die eigene Position zu überdenken – dann passiert eben nichts. Das „Weiter so kann es nicht geben“ richtete sich immer an „die anderen“. Tja, und da stehen wir jetzt. Übrigens wird sich das in den „Brexit heißt Brexit“-Verhandlungen auch zeigen: bewegen müssen sich immer die anderen. Das wird ein Spaß.
      Die liebe Sahra Wagenknecht macht schon mal vor, wie das so geht:

Es könnte sich zu einem lustigen Mythos wandeln, wenn man davon ausgeht, dass Bernie Sanders gegen Trump bessere Chancen gehabt hätte – ganz ehrlich: das ist doch eher unwahrscheinlich. Ja, in den Städten hätte Sanders ein paar frustierte Junge mehr geholt, aber die Mobilisierungsrate bei den Konservativen hätte nochmal gesteigert werden können – wenn man noch die Angst der Amis vor dem Sozialismus einpreist.
Und jetzt darüber zu mäkeln, dass die Demokraten ihn nicht aufgestellt haben – ich weiß noch, wie im Frühjahr das amerikanische Vorwahlsystem völlig überraschend von den Linken als die beste aller Welten gepriesen wurde  – nur ist da halt auch nicht das Ergebnis bei herausgekommen, dass sich die Linken gewünscht haben. Also doch ein Scheißsystem. Und natürlich gilt jetzt: die Sozis müssen sich bewegen, nicht wir. Das Ganze garniert von unvermeidlichen Volker Pispers, von dem ich allerdings nicht weiß, wie viele Tage des letzten Jahres er in den USA verbracht hat und wie viele Menschen er dort gesprochen hat (und von wann diese Grafik ist). Der Beitrag aus europäisch-linker Perspektive erklärt gar nichts. Er ist die lautmalerische Darstellung von Statistiken, aber die können in die Irre führen. Ein bisschen näher gekommen bin ich diesen unverständlichen Menschen durch diesen taz-Artikel, der ja zu Recht für große Aufmerksamkeit gesorgt hat. Übrigens scheint es ein Mißverständnis zu sein, dass die Armen und Abgehängten Trump gewählt haben, etwa die Gruppen, die Wagenknecht sieht. Die Exit-Polls zeigen da ein anderes Bild, auch wenn das vorläufig ist (zu Income scrollen). Das selbe Mißverständnis erfüllt übrigens die Analysen der Erfolge der AFD in Deutschland.

  • Es scheint eine wunderbare Lust am Untergang zu geben. Wenn sich die Wirklichkeit den Weltuntergangs-Blockbustern aus Hollywood annähert, dann schaut man angegruselt zu. In der Hoffnung, wie im Kinositz und auf dem Sofa betrifft das dargestellte nicht das eigene Leben. Dazu passt der Kommentar von Tim Klimes:

  • Haben wir uns, habe ich mich nicht schon damit abgefunden, dass im kommenden Jahr Marie Le Pen in die Stichwahl um die französische Präsidentschaft kommen wird? Und wer sagt denn heute ernsthaft, dass sie keine Chancen hat, Präsidentin zu werden? Ja, die beschwichtigenden Stimmen. Aber wir haben hier zwei beispielhafte Ereignisse, die durchaus auch eine Sogwirkung entwickeln können.
  • Und wir und ich haben uns auch damit abgefunden, dass die AFD im nächsten Bundestag sitzen wird – aber wie stark? Stärker als die beiden jetzigen Oppositionsparteien? Zusammen? Ach nein, ach was? Wirklich? Und anscheinend gibt es auch hier das“Weiter so“. Wenn mir als erste Reaktion einfällt, ob es denkbar ist nach Irland auszuwandern, was bedeutet das?

Und wie ich das jetzt wieder meinen Kindern erkläre …

 

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23. Oktober 2016
nach Michael Scheuch
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Zum Schwure

Ein wenig unbemerkt von der ganz großen Öffentlichkeit hat die EU-Komission einen Job erledigt: es geht um die einheitliche Besteuerung von Unternehmensgewinnen innerhalb der EU – und den Abschied von den Sonderregelungen für multinationale Konzerne, die gerne ihre Gewinne dahin verschieben, wo wenig Steuern gezahlt werden müssen. Die Zauberformel: „Gemeinsame konsolidierte Körperschaftsteuer-Bemessungsgrundlage„. Klingt kompliziert, ist es auch, und „die Wirtschaft“ stöhnt leise vor sich hin, um im Hintergrund sicher wieder an vielen Strippen zu ziehen. Aber nicht zu auffällig, denn der Zorn der Bürger richtet sich neben TTIP eben auch darauf, dass der Metzger von nebenan seine Gewinne eben nicht so justieren kann, dass möglichst wenig Steuern anfallen. (Vielleicht kann ein Bäcker das tun!)

Es liegt nun an einer aufmerksamen Öffentlichkeit, darauf zu achten, was sich in diesem Sektor wirklich tut, und ob Herr Schäuble seinen verbalen Einlassungen Taten folgen lassen wird / kann. Dranbleiben!

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15. Oktober 2016
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Unklarmobil

Kleingedrucktes lesen, Kleingedrucktes lesen, Kleingedrucktes lesen – die Binse aus einem früheren Leben gilt noch immer, heute bedeutet es eher a. anklicken b. scrollen c. evrsuchen, dunkelgraue Schrift auf hellgrauem Grund zu lesen, auch dann, wenn die Zoom-Funktion des Browsers nicht funktioniert.

Der intransparente Mobilfunkmarkt, bei dem Drillisch mit einer großen Zahl verschieden bescheuert benamster Anbieter versucht, so etwas wie Wettbewerb zu simulieren, bietet da so einiges. Zum Beispiel muss es dem Laien schon mal gelingen, die Angebote von Discotel und Discoplus auseinanderzuhalten – es soll schon Kunden des einen Anbieters geben, die sich auf der Webseite des anderen anzumelden versuchten. Das Preistransparenz und Klarheit da eher weniger eine Rolle spielen, das ist klar.

Branchentypisch: Angelockt wird meistens mit Aktionstarifen, die 24 Monate laufen und sich dann, gegen höheren Monatspreis, automatisch verlängern. In 24 Monaten ist dieser Preis dann ganz sicher vollkommen überteuert, so dass man seinen Kündigungstermin scharf im Auge behalten sollte.

So weit so gut, aber Klarmobil geht noch einen Schritt weiter und bewirbt einen Tarif ALLNET FLAT 2000 – angeblick sogar im Netz der Telekom, und das für knapp 15 Euro im Monat. Paradiesische Zustände. Dass der dann nach 24 Monaten 19,95 EUR kosten soll – das zählt unter „das übliche“.

 

Auf der Detailseite muss man aber mal ganz nach unten schauen:

 

Screenshot Klarmobil.de 7.10.2016

Screenshot Klarmobil.de 7.10.2016

Nämlich im letzten Absatz unter 4): diese „2000“ gibt es nur für drei Monate, danach sind nur noch 1 GB im Datenvolumen. Supersache.

 

Heute ist das Angebot transparenter: anscheinend hat den Klarmobilern jemand auf die Finger gehauen oder sie sind von selbst darauf gekommen, dass das so einfach nicht geht. Alle, die bisher angelockt wurden, können ja in drei Monaten mal schauen, ob sie immer noch den Tarif haben, den sie glauben abgeschlossen zu haben.

Trau, schau, wem. Es ändert sich nichts auf diesem Telekommunikationsmarkt.

 

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9. Oktober 2016
nach Michael Scheuch
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Transfermarkt

Im Unterschied zur den Transferperioden im Profi-Fußball ist im Bereich „public-private Exchange“ das ganze Jahr über Wechselzeit. Das macht die Sache für Live-Ticker eher untauglich, auch wenn es da Versuche gibt.

Die letzte Zeit hat mich wieder einmal schwer nachdenklich gemacht, bin ich doch normalerweise jederzeit bereit, die parlamentarische Demokratie im Allgemeinen und die organisierte Sozialdemokratie im Speziellen zu verteidigen. Doch dann wechselt eine Referatsleiterin in der Abteilung II (Energiepolitik) zu Nord Stream 2 (nicht SPD-verdächtig!) – womit sie es Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD-Verdächtiger) nachmacht, der nicht nur bei Nord Stream 1 als Vorsitzender des Gesellschafterausschusses fungieren mag sondern bei der 100-prozentigen Gazprom-Tochter jetzt Vorsitzender des Verwaltungsrates wird. Und dann denkt Peer „Stinkefinger“ Steinbrück (SPD verdächtig?) gar nicht daran, mit 69 einfach nur in den Ruhestand zu gehen, sondern wechselt zur ING-DIBA. Die taz bescheinigt ihm nicht zuletzt und nicht zu unrecht „Ökonomischen Sachverstand in eigener Sache“.

Die SPD muss sich angesichts des Verhaltens ihres (Ex-)Personals gar nicht wundern, dass sie als von der CDU nicht mehr unterscheidbar wahrgenommen wird. Und das ist irgendwie nicht gut so.

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18. September 2016
nach Michael Scheuch
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Warum ist TTIP so unbeliebt?

Das Transatlantische Freihandelsabkommen ist Gegenstand heftigen bürgerschaftlichen Widerstands. Dieser Widerstand ist allerdings nur Ausdruck eines Phänomens, das auch die Vorbehalte gegen die EU in der gegenwärtigen Form, Steuerreformen, allgemeine Gesetzgebung und „die da oben“ umfasst.

Die kommentierenden Journalisten sind allesamt anscheinend etwas ratlos, wie denn in einer „Exportnation“ wie Deutschland eine solche Bewegung derartige Ausmaße annehmen kann. Nahezu hilflos die Berichterstattung, die versucht, zu „erklären“, warum hier so viele Menschen auf die Straße gehen.

Beispielhaft etwa die FAZ „Marschieren gegen TTIP„:

Es ist schon erstaunlich: Kein anderes Thema mobilisiert derzeit so viele Menschen wie diese beiden Abkommen, nicht der Klimaschutz, nicht der Terror, nicht die Flüchtlinge.

Das ist „natürlich“ falsch: das Thema Flüchtlinge mobilisiert mindestens ebenso viele Menschen, nämlich vor allem die unglaublich große Zahl an Ehrenamtlichen, die sich vor Ort für Flüchtlinge engagieren. Und mobilisiert sind natürlich auch die „besorgten Bürger“ allerorten, die auch in Demos und einfach nur im AFD-wählen „mobilisiert“ sind.

Allerdings liefert der Artikel eine recht aufschlussreiche Charakterisierung des Widerstands – und trifft schon einen Punkt:

Was sie umtreibt, sei die Sorge, dass sich in ihrem eigenen Leben etwas zum Negativen verändert, etwa weil europäische Standards in Gefahr geraten. Die möglichen Profite für die großen Konzerne aus der Pharmabranche, der Chemie- und der Automobilindustrie könnten da als Argument nur wenig überzeugen. Und auch die fast schon legendären 545 Euro, die ein EU-Bürger laut einer Studie bei einem Abschluss des Abkommens mehr in der Tasche hätte – wohlgemerkt nach zehn Jahren –, wiegen die persönlichen Sorgen der Bürgerinnen und Bürger nicht auf.

Und

Mit wirtschaftlichen Argumenten lasse sich kein Zweifler von TTIP überzeugen, meint auch der Hamburger Psychologe Erich Witte. Denn meistens seien es ganz partikulare Interessen, die einen Bürger zu einem Gegner des Abkommens machen. Er führt den Erfolg der Gegenbewegung vor allem auf die Komplexität des Abkommens zurück. Das Problem von TTIP sei, dass es alles regeln will. Das mache es von allen Seiten so angreifbar.

Diesen Artikel sollte sich mal der FAZ-typischere Ralph Bollmann durchlesen: Wenn die Falschen protestieren.

Freier Handel nützt allen, wenn man es langfristig und aufs Ganze betrachtet, da sind sich die allermeisten Ökonomen einig. Bis zu zwei Millionen neuer Jobs könnten Prognosen zufolge durch TTIP auf beiden Seiten des Atlantik entstehen, je zur Hälfte in Amerika und in Europa. So hat es zum Beispiel der Ökonom Gabriel Felbermayr ausgerechnet, der am Münchener ifo-Institut über die möglichen Folgen eines Handelsabkommens forscht.

Klingt super. Doch diese Heilsversprechungen des IFO-Instituts müssen sich mit diesen Nachrichten aus den letzten Tagen, Wochen und Monaten messen. Und das sind die Stichworte Weiterlesen →

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29. Juli 2016
nach Michael Scheuch
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#viernheim – Soziale Medien im „Nachrichten“-Wettlauf

Die letzten Wochen waren keine guten Wochen für meinen Blick auf Relevanz und Bedeutung sozialer Medien. Ich bin schon lange auf Twitter und bei Facebook, manchmal auch in beruflichen Zusammenhängen, und da hat meine Leidenschaft für diese Medien schon gelitten. Aber zuletzt wurden der Takt an Blödsinn schon sehr angeheizt – natürlich durch Gewalt und Tod. Aber auch durch das Unvermögen, damit umzugehen. Irgendwie sind die Menschen via Timeline „dabei“ und möchten dann auch gerne etwas zum Strom der Informationen „beitragen“ – sei es durch Re-Tweets, durch das finden „abseitiger“ Quellen, aber nicht selten auch durch das schnelle Absondern von Meinung.

Das Beispiel, zu dem ich da mal Twitter intensiver gelauscht habe, war der „Amoklauf“ oder so in #Viernheim, in einem Kinopolis-Kinocenter, das ich manchmal auch besuche. Hier der Hintergrund:  Eine Woche nach der Geiselnahme (FFH) Kurzgefasst: ein 19-jähriger nimmt in einem Kinocenter Geiseln, schießt ein paarmal mit seiner Schreckschuss-Waffe, wird dann von der Polizei erschossen.

Am Tag selber war, wie typisch, die Nachrichtenlage verworren, es wurde von einer „Nachrichtensperre“ gesprochen, gemeint war aber wohl, dass sich die Polizei zunächst nicht äußern wollte. Die Rede war von Toten, von Reizgas und Verletzten. Auf den Nachrichtensendern immer wieder dieselben Videos von blaulichternden Einsatzfahrzeugen, dann Telefonschalten und Journalisten, dann Agenturmeldungen etwa mit Äußerungen des hessischen Innenministers, dann Polizei- und Katastrophenschutzaussagen vor Ort. Das übliche Durcheinander aus unbestätigten und falschen Meldungen.

Auf Twitter dann mal so:

Vorhersagen
Vorhersagen
Ja, das kommt hin ...
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Dass das dann nach Nizza, München, Ansbach in einer Tour so weiter geht: klarer Fall. Die klassischen Medien werden dafür beschimpft a. nicht so schnell zu sein wie die neuen Netzwerke b. keinen zuverlässigen Hintergrund zu bieten, und zwar bitte 10 Minuten nach der ersten Meldung und c. eh blöd zu sein.

Ich war mal optimistischer was die Frage angeht, was das Netz für unser Wissen, unsere Informiertheit und unsere Kommunikation so tun kann.

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24. Juni 2016
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Exit Day

Vielleicht werden wir uns in einigen Jahren an diesen 24.6.16 ähnlich erinnern wie an 9/11. Wie wir die ersten Nachrichten zum Brexit morgens mitbekommen haben: per Twitter, im Radio, Fernsehen, Facebook, auf einer Newssite. Vielleicht fehlen die ikonischen Bilder, vielleicht ist es aber auch die häßliche Fratze von Nigel Farage. Auf jeden Fall dürfte dieser Tag ein ähnlich tiefer Einschnitt sein wie dieser Tag vor fast 15 Jahren. Denn nach diesem Tag passierten zunächst ein paar vorhersehbare Dinge, dann aber viele andere, nicht vorhersehbare. Vorhersehbar war 2001, dass für 9/11 irgendjemand von den USA bombardiert würde, und vielleicht war auch klar, dass es Afghanistan war. Aber dann wurde noch der Irak angegriffen, und danach, deutlich danach, stiegt DAESH zu IS auf. Guantanamo. Der unglaubliche Angriff auf die Privatsphäre aller Menschen der Welt. Eine Spirale aus Gewalt und Hass,

Bei den Folgen des Brexit gibt es ein paar vorhersehbare Folgen, und dann wird der Blick in die Zukunft düster. Vielleicht sortiert sich GB als harmloses Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraumes unspektakulär ein. Vielleicht aber auch nicht, und was das an Rückhalt für die Nationalisten in anderen Ländern bedeutet – schwer einzuschätzen.

Das Projekt Europa ist auf jeden Fall in der Krise. Und ein Faktor  beunruhigt mich dabei sehr: der Brexit ist nicht Folge einer Presse- und Desinformationskampagne der letzten beiden Jahre – er ist die Folge jahrzehntelangen Eindreschens auf die EU durch Politiker, Wirtschaft und Medien. Immer dann, wenn etwas Positives zu vermelden war, dann hat man es sich selbst ans Revers geheftet. Alles wirklich und nur vermeintlich Schlechte kam aus Brüssel. EU-Bashing ist auch in vielen anderen Ländern Europas seit Jahrzehnten geübte Praxis, auch von den Parteien, die heute, gestern, vorgestern so für die EU geworben haben.

Dieser langjährige Trend, entweder alles Schlechte auf die EU zu schieben oder bewusst an den dortigen Strukturen nur homöopathisch zu schrauben, wird sich auch in anderen Ländern zu schlechten Entscheidungen verfestigen.

Kein guter Tag für meine Kinder.

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11. Juni 2016
nach Michael Scheuch
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Andere Sportarten Mimimi

Es ist furchtbar mit diesem Fußball. So viele Menschen wollen sich das ansehen. Und die Fußballvereine wollen Geld damit verdienen. Aber immerhin: so viele wollen sich das ansehen. Mindestens gestern Abend mal die Hälfte von denen, die überhaupt die Glotze anhatten.

Und die Bundesliga: die wollen auch viele Menschen sehen. Schlimm, schlimm.

Also werden die Übertragungsrechte teurer. So ist das.

Aber es ist schon schlimm-schlimm. So dass die anderen Sportarten „darunter leiden“ – Mimimi der Handballer, Basketballer, Hallenhalma-Spieler. Beispielhaft in der FAZ  „Den Preis bezahlen die anderen Sportarten“.

Christoph Becker lamentiert:

Aber sind die Öffentlich-Rechtlichen nur diesem verpflichtet? Gehört zum Bildungsauftrag nicht die gesamte deutsche Sportkultur?

Bildungsauftrag, ganz klar. Oder auch: häh?

Dass die Handballer jammern, das ist normal. Immerhin hat der Deutsche Handball Bund 2015 rund 767.000 Mitglieder (Quelle: Statista) Aber Obacht: 2009 waren es noch ca. 847.000. Macht einen ziemlich satten Rückgang von 9,5 Prozent. Im Vergleich: der Deutsche Fußball Bund hat 6,88 Millionen Mitglieder – nach wie vor steigt die Zahl. Der Deutsche Basketball-Bund kommt auf 191.000 Mitglieder (Quelle). Man kann jetzt von diesen Zahlen ausgehend oder von realen TV-Quoten einfach gewichten, und zwar die Sendeminuten, und dann ist das jammervolle Bild geradegerückt. Der Radsport hat sich mit unseligem Doping selbst aus dem Spiel genommen, Leichtathletik kommt in Form von EM und WM sowie Olympischen Spielen zu Großereignissen auch ausführlich vor, und danach bewegen wir uns in vielen einzelnen, vielleicht schönen Nischen.

Und es ist doch vollkommen unredlich so zu tun, als seien die Vereine und Ligen der anderen Mannschaftssportarten keine kommerzielle Veranstaltung. „Bildungsauftrag“ – wenn dann über mangelnde Präsenz gejammert wird, dann geht es auch nicht zuletzt um Geld.

Wollten diese Institutionen ihre Sportfreunde mit Informationen und Bildern versorgen, dann bietet das Internet sehr preisgünstige Verbreitungswege – im Vergleich zu früher. Dann müssten sich mal alle „Kleinen“ zusammentun und jemanden finden, der ihren Sport ordentlich vertreibt. Aber es geht ja nicht darum, von Interessierten gesehen zu werden, es geht ums Geld.

Was mich persönlich ärgert: beim Fußball wird jede Schiedsrichterentscheidung in Superzeitlupen diskutiert – das würde ich mir vom Handball auch mal wünschen.

Allerdings darf der Ball im Luftraum über dem Torraum gespielt werden, das heißt, ein Angreifer darf vor der Torraumlinie abspringen und aus kurzer Distanz auf das Tor werfen, wobei der Ball die Hand verlassen haben muss, bevor dieser Spieler den Boden berührt. (Wikipedia)

Klingt wahnsinnig einfach, aber ein Blick auf das Spiel zeigt: viele Tore werden irregulär erzielt. Oder zumindest bleiben Zweifel – und Superzeitlupen dazu habe ich noch nie welche gesehen. Bei Handballfans ernte ich damit Schulterzucken – das ist halt so. Und außerdem nervt Handball durch die ständigen Unterbrechungen und die zweifelhafte Auslegung Foul/Nicht Foul. Das letzte Handball Spiel, das ich sah, war das EM-Finale – öfter als einmal im Jahr brauche ich das auch nicht. Und anscheinend auch sonst nicht viele.

 

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28. Mai 2016
nach Michael Scheuch
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Schockierende Schockstudien sind schockierend

Studien sind die Füller der Leerstellen im journalistischen Raum. Trägt ein Papier den Titel Studie, und sind die Inhalte a. kurios, b. abseitig oder c. irgendwie unterhaltsam, dann sind die Chancen gut, als Studie des Tages durchs Dorf getrieben zu werden. Das ist kein Phänomen dieses schrecklichen Internet-Zeitalters – das war schon immer so. Oh, wie wäre es noch mit d. schockierend.

Also schockierend. Zum aktuell Schockigsten nur ein paar Anmerkungen: Die Welt schreibt „SCHOCK-PROGNOSE 27.05.16 Deutsche müssen sich auf Rente mit 73 einstellen(Ich warne hiermit ausdrücklich vor diesem Link und dem besch.. selbststartenden Video. Es ist zum Kotzen!)

1. Pseudoinvestigativ

Ich liebe solche Absätze:

Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) wartet jetzt mit einer neuen Schock-Prognose auf. Demnach müssen sich die Deutschen darauf einstellen, künftig erst mit 73 Jahren in Rente gehen zu können. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse, die der „Welt“ exklusiv vorliegt.

Was heißt denn nun dieses „die der „Welt“ exklusiv vorliegt“? Ist das eine wunderbare journalistische Leistung? Ein echter bewundernswerter Scoop? Gnadenlos investigativ? Etwas, worauf man sich etwas einbilden kann, weswegen man es auch in den ersten Absätzen eines Beitrags unterbringt?

Ach was. Wie in allzuvielen Fällen hat sich doch das IW ein Medium ausgesucht, mit dem es auf einer Wellenlänge liegt und das groß genug ist, um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen.

Anruf IW :“Wir haben da was, wollt ihr?“
Redakteur: „Na klar, her damit.“
IW: „Aber nicht zuviel dran rumpfuschen.“
Redakteur: „Machen wir nicht, ihr habt ja immer recht.“

Schwupps. „Exklusiv“.

Und warum eigentlich

Demnach müssen sich die Deutschen darauf einstellen, künftig erst mit 73 Jahren in Rente gehen zu können.

Das gälte doch nur dann, wenn „die Politik“ genau das macht, was das IW will. Okay, es gibt Anhaltspunkte, warum das so sein könnte, doch vielleicht kommt es ausnahmsweise nochmal anders. Weiterlesen →

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3. Mai 2016
nach Michael Scheuch
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Re:publica – ein etwas sehr deprimierender Abend

Meine zweite re:publica. 2013 hat es für ein umfangreiches Storify gereicht, vielleicht mache ich das auch noch, wenn ich wieder zuhause bin. Allerdings war mein Fokus in diesem Jahr auf die Mediaconvention gerichtet, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wo für Bewegtbild und TV die Zukunft gemacht wird. Um es kurz zusammenzufassen: das war Nix. Da durften Unternehmensvertreter vor allem vortragen, was sie für tolle Produkte und Ideen haben. Und das war eher langweilig.

Dann aber gestern Abend Sascha Lobo und seine „Ansprache“ oder Predigt zur „Age Of Trotzdem“. Eine gute Zusammenfassung hier bei heise.

Lobo ist gern gebuchter Redner, gern gelesener Kolumnist, scharfsichtiger Einordner. Ein Typ, der es schafft, die Stage 1 abend sehr rappelvoll zu bekommen, und Wohlwollen schlägt ihm größtenteils entgegen, und selbst wer nicht wohlwill, der will doch meistens hören, was er zu sagen hat. Keine „Rede zur Lage der Nation“ soll es sein, ist es aber irgendwie dann doch.

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Und er muss dann konstatieren: die Vorratsdatenspeicherung gibt es doch, aller dagegen geschriebener Artikel zum Trotz. Und in diesem, vielleicht von den Teilnehmer als „unserem“ betrachteten Netz haben andere inzwischen lautstark die Meinungsmacht an sich gerissen. Alleine die Zahl der Facebook-Follower der AFD im Vergleich zu denen anderer Parteien. Der Hate-Speech. Propaganda. Irgendwie haben „die Anderen“ das Netz sehr gut verstanden und wissen es zu nutzen. Immer provozieren, um im Gespräch zu bleiben, immer hart an der Grenze des Justiziablen und über die Grenze des guten Geschmacks hinaus.

Die Bestandsaufnahme ergibt: Weiterlesen →