Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

20. September 2017
nach Michael Scheuch
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Die #AFD #luegt #immer

Anscheinend tritt die AFD jetzt werbemäßig ganz kräftig auf die Tube, bei meinem Lieblingsrocksender heute morgen entsetzt den Wahlkampfspot „Steuern“ mit der wunderbaren Frau Weidel gehört. Und schon ist der erste Satz eine dicke Lüge:

Wissen Sie, was ein Skandal ist? Einem ledigen Arbeiter mit 2.000 Euro brutto nimmt der Staat fast die Hälfte weg.

heult mir die besserverdiendende Exil-Deutsche aus der Schweiz vor, und man kann es sich schon denken, alleine dieser Satz ist schon rotzenfrech gelogen. Dafür gibt es die Steuerrechner in diesem Internet, angeblich das Medium, in dem sich rechte Hetzer ja so geschickt bewegen.

Quelle: http://www.brutto-netto-rechner.info/

Macht bei Steuerklasse 1 und einem gesetzlich Versicherten mit durchschnittlich teurer Krankenkasse einen Abzug von 633,79 Euro. Das sind 31,6 % des Bruttogehalts. Dabei sind Steuern nur in Höhe von 218,29 Euro fällig, knapp 11 Prozent. Der Rest geht an die Sozialversicherungssysteme.

Da könnte man doch mal kotzen

Familien werden zu stark steuerlich belastet.

Bei der Aussage verzichtet man lieber auf Zahlenwerk.

Dabei haben CDU und FDP uns immer vollmundig Steuersenkungen versprochen. Kaum waren die Dienstwagen da: Versprochen – gebrochen! Unsere Bürger  brauchen keine leeren Versprechen. Mein Name ist Alice Weidel und damit in Deutschland endlich die Steuern gesenkt werden, kandidiere ich für den Deutschen Bundestag.

Doof, dass die FDP schon lange nicht mehr mitregiert, und Steuersenkungsversprechen der CDU drängen sich mir auch nicht auf, zu wichtig diese ominöse schwarze Null.

Für wen die AFD Steuern senken will?

Die FAZ und das IFO-Institut bieten einen Steuerrechner an, bei dem man die Vorstellungen der Parteien (die fast alle Entlastungen bei den Steuerzahlern im Programm haben) durchrechnen kann. Das Ergebnis bei der AFD zum gewählten Beispielfall:

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/steuerrechner-faz-bei-welcher-partei-spart-der-waehler-am-meisten-15187706.html

Nach dem, was sich sonst so lesen lässt, liegt außer der Umstellung des Steuertarifs auf ein Stufenmodell, die Anhebung des Steuerfreibetrags, die Indexierung der Steuertarife (was beim Grundfreibetrag schon passiert) nichts auf dem Tisch. Abstrakt will man die Steuern- und Abgabenquote auf 40% des BIP begrenzen, ohne zu sagen, wie man das finanzieren will. Die Erbschaftssteuer soll abgeschafft und eine Vermögenssteuer auf gar keinen Fall eingeführt werden. Dieser finanziell kastrierte Rumpfstaat soll die gleichen (Sozial-)Leistungen bieten wie der bisherige? Nicht vorstellbar.

Ein Programm, wie es sich die FDP nicht schöner erträumen könnte.

Eine in jeder Hinsicht verlogene und verkommene Partei.

16. September 2017
nach Michael Scheuch
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Wahlkampf ist so anstregend – lasst uns das seltener machen.

Kurz vor der Bundestagswahl kommt ausgerechnet dieses Thema auf den Tisch: „Bundestagsparteien für Verlängerung der Wahlperiode„. Fünf Jahre, wie inzwischen in den Landesparlamenten, das wäre doch eine tolle Legislaturperiode. Eine fatale größtmögliche Koalition aus allen Parteien, auch den beiden, die aller Voraussicht nach bald dort sitzen werden, will das so. Die Argumente:

„Hinzu kommt, dass vor der Wahl der Wahlkampf seine Zeit erfordert und nach der Wahl Zeit für Koalitionsverhandlungen benötigt wird, was jeweils zu Lasten der Regierungszeit geht.“

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann sagte: „Das würde der Komplexität vieler Gesetze gerecht, und es wären sinnvolle Nachsteuerungen noch vor der nächsten Wahl möglich.“

Wie schrecklich. Das Volk stört beim Regieren. Im Wahlkampf muss man sagen, was man warum in der letzten Zeit gemacht hat, und was man zukünftig machen will. Davor drückt sich ja vor allem die CDU, die aus meiner Sicht auf keinem einzigen Politikfeld gesagt hat, was sie denn gestalten will.

Ja, Wo kommen wir denn da hin, Wahlkampf sucks. Wären nicht vielleicht 10 Jahre für mehr Kontinuität besser? Ist doch noch viel planbarer. Und wie gerne justieren denn Regierungsparteien ohne den Druck von Wahlen Gesetze nach, Herr Oppermann?

Wird es so weniger Gesetze geben, die das Bundesverfassungsgericht wieder aufheben muss?

Grausamkeiten begeht man ja lieber am Beginn einer Legislaturperiode, etwa (Mehrwert)Steuererhöhungen, oder Wohltaten für Hoteliers. Nach fünf Jahren sind die ja noch besser vergessen als nach vier.

In den USA wird nach zwei Jahren die Hälfte des Kongresses getauscht, wir haben also permanenten Wahlkampf. Das Land ist noch nicht untergegangen, hat aber schnell die Möglichkeit, auf das Chaos der Trump/Republikaner-Herrschaft zu reagieren.

Spanien war 10 Monate ohne Regierung, und das war eher förderlich denn schädlich.

Dann gibt es noch Helden, die das mit Volksentscheiden auf Bundesebene zusammen für eine tolle Idee halten. Der Demokratieverlust durch die verlängerte Legislaturperiode lässt sich so doch nicht heilen, vor allem wenn ich mir die sehr naiven Vorstellungen zur direkten Demokratie ansehe (wer auf die Schweiz verweist: bitte schaut Euch an, wie dort die Regierung zusammengesetzt wird!)

Oder eine Begrenzung der Amtsdauer des Bundeskanzlers/der -in. Aber wir haben nunmal keine Präsidialordnung, und wenn tatsächlich alle Merkel wirklich loswerden wollten, ja dann dürften nicht so viele die CDU wählen.

Der aktuelle, oft als „lahm“ beschriebene Wahlkampf hat zuletzt schon gezeigt, dass nur diese Phase im Leben der Demokratie etwa das Thema „Soziale Gerechtigkeit“ wenigstens ein bisschen in die Diskussion gebracht hat, auch das Thema Bildung. Soll das jetzt etwa fünf Jahre lang unter den Tisch fallen?

(Und warum regen mich die fünf Jahre bei den Landesparlamenten so wenig auf? Weil die so wirklich wenig zu sagen haben.)

 

 

marfis75 on flickr

3. September 2017
nach Michael Scheuch
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Intellektueller Reichtum und intellektuelle Armut am Beispiel Demokratie und Weltschmerz

Laut Rivva geht diese Kolumne gerade durch die Decke:

„Was uns ehrliche Politiker sagen müssten“ ist die aktuelle Kolumne von Sibylle Berg. Ich schätze ihren Stil nicht besonders, da sie in ihren Texten besonders gerne ein „Wir“ konstruiert, wo keines ist, denn häufig meint sie ein „Ihr“ und erhebt sich über das Wir-Konstrukt. Auch im vorliegenden Test versucht sie, mit „uns“ eine Gemeinsamkeit zu konstruieren, die nicht wirklich existiert.

Es ist schon unangenehm, zu verstehen, dass wir alle zusammen auf einem Planeten sitzen.

Sie meint natürlich: für Euch ist das so, für mich, Eurer Intellektuellen ist das natürlich anders, denn ich verstehe das ja.

Es folgt ein Roundup zu den Problemen dieser Welt, immer schön schlaglichtartig, und im Gedankenkonstrukt einer angeblichen Ansprache eines angeblich vorbildlichen Politiker präsentiert Berg ihre Lösung für all diese Probleme: Weiterlesen →

31. August 2017
nach Michael Scheuch
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Kopfschütteln – Rechtsstaat, #G20 und Pegida

Ich kritisiere nicht leichtfertig in grundsätzlicher Art und Weise unsere Demokratie und unseren Rechtsstaat. Ich bin von den Alternativen links und rechts nicht überzeugt. Halte ihn vielfach für unterschätzt.

Aber im Augenblick häufen sich doch Punkte, die mich verzweifeln lassen an meiner grundsätzlichen Zustimmung zum bestehenden System – wäre der öffentliche Aufschrei größer, wären meine Zweifel geringer.

Da sind die Proteste gegen G20-„Randalierer“. Schon klar, die Echten hat man nicht gekriegt, jetzt müssen die Randfiguren dran glauben. Bluten für die anderen nennt das zutreffend die taz:

Dabei haben sich die beiden Verurteilten, der 21-jährige Peike S. und der 24-jährige Stanislaw B., wahrscheinlich gar nicht an den Ausschreitungen beteiligt. S. sogar ganz sicher nicht – er wurde am Donnerstagabend festgenommen, saß also in Untersuchungshaft, als es zu den Krawallen im Schanzenviertel kam. Trotzdem wurde er explizit für die „bürgerkriegsähnlichen Zustände“ verantwortlich gemacht, die er aus der U-Haft verfolgen konnte. Das ist Hohn und Spott für ein Justizsystem, das individuelle Strafen für individuell nachweisbare Taten zur Prämisse hat.

B. könnte theoretisch dabei gewesen sein – nur gibt es dafür keine Indizien. Ihm wird etwas ganz anderes zur Last gelegt: Er wurde mehr als eine Stunde vor Beginn der friedlichen Großdemo „Grenzenlose Solidarität“ in 2,4 Kilometer Entfernung vom Startpunkt festgenommen, weil er Sachen dabei hatte, die man auf einer Demo nicht dabei haben darf (…)

Im ersten Fall (bei dem übrigens niemand verletzt wurde) setzte es 2 Jahre und sieben Monate Gefängnis. Keine Bewährung. Mindestens ein Jahr bei guter Führung. Was der Kollege von NDR-Info als rechtsstaatlich und angemessen preist. Im zweiten Fall sechs Monate Haft auf Bewährung.

Kommen wir zu etwas ganz anderem:

In Dresden wird zwei Jahre nach der Tat ein Mann verurteilt, der auf einer Pegida Demo einen russischen Kameramann verprügelt hat, dieser erlitt eine Fraktur des Schädelknochens. Der Mann ist als Fußball-Prügler bekannt und neunfach vorbestraft.

Die Richterin verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 4 950 Euro. Ohne Geständnis hätte dem Bewährungsbrecher wohl eine Freiheitsstrafe gedroht. Das Urteil ist rechtskräftig.

Hat sie unser Rechtssystem noch alle?

Irgendwie auch in diesen Zusammenhang gehört das Chaos in den wunderbaren Datensammlungen der Polizei und anderer Behörden, die durch die G-20 Akkreditierungsentzüge bei Journalisten deutlich wurden. Und um das klarzustellen: es geht hier nicht um ein Journalistenproblem, so dass Berichterstattung Nabelschau wäre, es geht um das Problem, dass die vielen Datensammlungen anscheinend vollkommen untauglich sind. Einmal auffällig, immer auf der Liste.

Wer der Polizei auch nur einmal auffällt, bei einer Demonstration, in der Fankurve oder beim Taubenfüttern im Park, kann schon in den Datenbanken der Behörden landen. Ob ein Ermittlungsverfahren folgt oder nicht, ob der Fall vor Gericht kommt oder nicht, ob es einen Freispruch gibt oder nicht – der Eintrag bleibt. Die Betroffenen erfahren davon im Normalfall nichts. Wehren können sie sich in vielen Fällen auch nicht. Der Rechtsstaat betreibt hier ein Instrument, das mit dem Rechtsstaat nichts zu tun hat.

Ich verzweifle. Übrigens auch daran, dass nichts davon den Wahlkampf ein bisschen spannender macht. Klare Worte? Kampagnen?

Müdes Deutschland.

16. August 2017
nach Michael Scheuch
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So geht Medienkritik

Nur am Rande: auch der in einer systemkritischen Endlosschleife gefangene Jens Berger von den Nachdenkseiten muss natürlich in seinem aufsehenerregenden Aufsatz „Trump, Trump, Trump … haben wir keine anderen Themen?“  wieder die gar nicht mysteriöse Studie zur negativen Berichterstattung der ARD aufgreifen.

Was den Berichten an Tiefgang fehlt, überkompensieren sie mühelos durch eine ganz klare Agenda. Eine Studie der Universität Harvard ergab, dass unglaubliche 98% der wertenden Beiträge der ARD über Donald Trump überwiegend negativ ausfielen – das ist mehr als in jedem anderen untersuchten Medium weltweit. Das Pendel scheint mit voller Wucht umzuschlagen. So unkritisch wie die deutschen Medien bei Obama waren, so überkritisch sind sie jetzt bei Trump.

Wer sich bei anderen über mangelnden Tiefgang beklagt, der sollte selbst zumindest über ein wenig davon verfügen – Hintergrund zur Studie gab es genug. Das Wort „unglaublich“ ist übrigens ein echtes Lieblingswort von Berger.

Warum gehe ich noch auf die Nachdenkseiten? Zum einen sind sie noch in meinem Feedreader enthalten, zum anderen gibt es manchmal, nur noch selten, interessantes, wie etwa dieses überraschend differenzierte Interview mit Prof. Dr. Klaus Dörre.  Der wagt es etwa, auf die rhetorische Frage „Geht es Deutschland gut“ zu antworten „Dies kann man bis zu einem gewissen Grade nicht abstreiten.“ Das ist nicht der typische Nachdenkseitenduktus – denn danach ist alles „schlimm, schlimm, schlimm“. Schön auch die typisch in 70er-Jahre-Nostalgie des Albrecht Müller (früher war unter den Sozis alles besser) gehaltene (Nicht-)Frage

In meiner Kindheit in den 60er und 70er Jahren konnten Arbeiter als einziger Verdiener die Familie ernähren und nicht selten sogar ein, wenn auch bescheidenes, Eigenheim finanzieren.

Das kriegen Sie heute so nicht mehr hin! Dieses Modell war ja auch nicht unproblematisch, Stichwort Abhängigkeit der Frauen.

Natürlich bekommen Einkommens- und Vermögensungerechtigkeit ausführlich kritische Einordnung. Zu Recht. Reines Schwarz-Weiß scheint allerdings Dörres Sache nicht zu sein. Deshalb lesenswert!

26. Juni 2017
nach Michael Scheuch
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Telepolis basht weiter ARD mit fragwürdiger „Studie“

Es war Telepolis, „Ein Angebot von heise-online“, in dem auch ausführlich die interessante diskussionswürdige Studie des „Shorenstein Center on Media, Politics and Public Policy der Harvard Kennedy School“ recht undifferenziert referiert wurde. Uebermedien und auch mein Blogbeitrag und mein Nachtrag hatten sich des Themas angenommen. Und andere auch.

Telepolis hat dann auch nachgearbeitet im Beitrag Trump-Berichterstattung: Überwiegend negativ, nur ein Drittel der Beiträge neutral.

Das klingt dämlicherweise im Titel immer noch so, als sei die ARD ein voreingenommen antitrumpistischer Haufen, auch wenn es im Text heißt:

Wirklich problematisch wird die Studie an der Stelle, an der zum Vorschein kommt, was ihre Macher zur „negativen Berichterstattung“ zählten. Dazu gehörten nämlich auch Nachrichten, die sich auf Vorfälle bezogen haben, die man „objektiv“ als negativ für Trump bezeichnen kann.

Das klingt jetzt ein bisschen so, als habe der Autor der beiden Artikel Marcus Klöckner verstanden, dass diese Studie fast wertlos ist. Ich sage nur nochmal Media Tenor. Am Ende wird dem Leser der schwarze Peter zugeschoben:

Der geneigte Leser dürfte wissen, dass unabhängig davon, ob sich ein Medium schnell und oberflächlich oder tiefergehend mit einer Studie beschäftigt, er selbst immer auch gut daran tut, Studien oder Statistiken so zu hinterfragen, wie es ein kritischer Mediennutzer mit der gesamten Berichterstattung tun sollte.

Ja hallo, dafür gibt es Journalismus, der dem „geneigten Leser“ die Beschäftigung mit den Originalquellen erspart, indem er fundiert, kritisch, transparent berichtet, erklärt und einordnet.

Egal. Fall „geklärt“, auch wenn niemand auf die Finanzierung der „Studie“ eingehen mag. Dabei bemüht doch gerade Telepolis die „Cui Bono“-Frage so gerne.

Ich hatte schonmal geschrieben: eine „Media Tenor“-Analyse zu den negativen Berichten auf Telepolis zu öffentlich-rechtlichen Angeboten wäre auch mal eine interessante Sache. Kommen wir also zum Beitrag „Es handelt sich um Missbrauch der Deutungshoheit“vom 16.6.2017“

Marcus Klöckner führt ein Interview mit „Tagesschaukritikern“. Das übliche: wer über Syrien berichtet, der muss immer sagen, dass die USA schuld sind. Wer über die Ukraine berichtet muss immer sagen, dass Russland nicht schuldig ist. Wer … So weit, so erwartbar. Weiterlesen →

1. Juni 2017
nach Michael Scheuch
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ARD vs. Trump – Ein nachtragender Nachtrag [Update 1.6.]

Also wirklich. In meinem etwas unklar betitelten Blog-Beitrag und bei Uebermedien ging es um die Frage, welche Aussagekraft hat denn die Meldung, die ARD schlage mit negativer Berichterstattung zu Trump renommierte amerikanische Medien und die BBC aus dem Feld: 98 Prozent der Berichterstattung seien negativ gewesen.

Dabei wurden die angeblich „neutralen“ Berichte einfach mal weggelassen.

Soweit haben, mehr oder weniger, die großartig berichtenden deutschen anderen Medien auch entweder ihre Berichterstattung „ergänzt“ oder auch nicht.

Etwa die WELT (Achtung, wer dem Link folgt, den springt ein Video inkl. Ton an. Das ist so hassenswert.)

In einer immerhin zweiten Korrektur haben sie nicht nur diesen Fehler korrigiert, sondern auch noch die Frage, was denn die angebliche Studie so als „negative Berichterstattung“ auffasst.

„Die Studie erfasste nicht nur journalistische Bewertungen von Trumps Politik, sondern auch vorgeblich aus Trumps Sicht ungünstige Nachrichten (z.B. fallende Umfragewerte oder gescheiterte Gesetzesvorhaben) oder etwa Berichte über Kritik von Seiten der Opposition als „negativ im Ton.“

Genau. Der journalistisch neutrale Bericht über die Kritik auch von Republikanern am Versuch, Obamacare zu beseitigen, ist schon „negativ“.

Die Aussagekraft der Studie: Nahe Null. Oder nicht ganz.

Bei Meedia „Keiner berichtete negativer über Trump als die ARD“  Transparent wurde hier nicht korrigiert:

Hinweis: In den Text wurde nachträglich ein Absatz über die Methodik der Studie eingefügt, sowie eine Stellungnahme der ARD.

Man könnte auch schreiben: so aufgeblasen wie die Überschrift daherkommt ist das nicht zu halten. Aber immerhin.

Richtig nicht viel verstanden hat das Online-Angebot von „Deutschlandfunk Nova“ die Anmerkungen von Uebermedien, aber in diesem hektischen Online-Journalismus-Geschäft bleibt ja auch so wenig Zeit, mal in Ruhe den ganzen Artikel zu lesen:

Im Weltartikel heißt es: „98 Prozent der Berichte im Ersten waren laut der Studie negativ, nur zwei Prozent positiv.“ Doch stimmt das? Die Macher von Übermedien haben in das Kleingedruckte der Studie geschaut und festgestellt, dass sich dieser Wert nur auf wertende Beiträge der geprüften Sendungen bezieht, zu denen zum Beispiel die Hauptnachrichten im Ersten gehören. Neutrale Beiträge, die rund 30 Prozent der Trump-Berichterstattung ausmachen, wurden nicht mit berücksichtigt. Grundsätzlich bleibt der Beigeschmack: Deutsche Nachrichten berichten negativer als ihre US-Kollegen.

Punkt 1: die fehlenden neutralen Beiträge erwähnt. Check. Punkt 2: Die Definition von „negativ“ verstanden. Unchecked. Das war wohl nix.

Die schönste „Korrektur“ oder vielmehr die größte journalistische Bankrotterklärung kam von Telepolis :

Quelle: https://www.heise.de/tp/features/98-Prozent-der-ARD-Berichterstattung-zu-Donald-Trump-eindeutig-negativ-3721738.html vom 27.5.2017

Super Service für den Leser.

Muss jemand wundern, dass eine Seite wie RT Deutsch (Kein Link) nicht im geringsten etwas korrigiert? Und sich der Anti-GEZ-Mob dann in der Kommentarspalte austoben kann?

 

Für Journalisten bleibt die Mahnung: Studien sind was gefährliches, wenn man sie denn nicht liest. Oder wenigstens das Management Summary und die Methodik.

Update 1.6.

Inzwischen hat Telepolis einen klarstellenden Artikel veröffentlicht, den Alten aber mitnichten vom Netz genommen. Aber irgendwie haben die das mit der „Wertung“ und der Wertungsdefinition der Studie nicht verstanden: Trump-Berichterstattung: Überwiegend negativ, nur ein Drittel der Beiträge neutral

Klasse. Aus richtig falsch wird dank des wertenden „nur“ jetzt ein bisschen falsch in der Überschrift.

Auch wenn sich der Autor der Definition ein bisschen nähert:

Wirklich problematisch wird die Studie an der Stelle, an der zum Vorschein kommt, was ihre Macher zur „negativen Berichterstattung“ zählten. Dazu gehörten nämlich auch Nachrichten, die sich auf Vorfälle bezogen haben, die man „objektiv“ als negativ für Trump bezeichnen kann.

Richtig cool wird Telepolis, wenn es dann gilt, dem Leser den schwarzen Peter für die Überinterpretation der Studie zuzuschieben:

Der geneigte Leser dürfte wissen, dass unabhängig davon, ob sich ein Medium schnell und oberflächlich oder tiefergehend mit einer Studie beschäftigt, er selbst immer auch gut daran tut, Studien oder Statistiken so zu hinterfragen, wie es ein kritischer Mediennutzer mit der gesamten Berichterstattung tun sollte. Fehler, Falschdarstellungen, eine irreführende Berichterstattung usw. können viele Ursachen haben. Sie können in den Rahmenbedingungen zu finden sein, unter denen Journalismus entsteht. Sie können mit persönlichen Defiziten des Journalisten zu tun haben. Sie können aber auch auf bewusste Manipulation (aus welchen Gründen auch immer) oder Propaganda zurückzuführen sein.

Dann wähle ich mal „bewusste Manipulation“, angesichts des Anti-ÖR-Bias des Mediums und der gewählten Überschrift der „Richtigstellung“.

1. Juni 2017
nach Michael Scheuch
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Journalisten sind versoffen, leben ungesund und zitieren jede Sch… Studie

E-Mails und Social-Media-Teilungen von Freunden. Höhöhö. Top-Story im Xing-Newsletter. Viraler Hit.

Screenshot Xing Newsletter 1.6.2017

Studie bescheinigt Journalisten einen ungesunden Lebensstil. Studie. Bescheinigt. Läuten denn um Himmels willen gar keine Alarmglocken bei den Journalisten (nein, die liegen wahrscheinlich besoffen in der Ecke, hähäh).

„Gefunden“ hat die Studie wohl das Clickbait-Portal „Business-Insider“.

Screenshot: http://www.businessinsider.de/journalisten-trinken-zu-viel-und-kontrollieren-ihre-gefuehle-nicht-2017-5

Ich will aber nicht versäumen anzuerkennen, dass hier sehr sehr vorbildlich die „Studie“ verlinkt worden ist. Das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit, auch bei den Online-Medien großer Marken. (Business-Insider gehört zu Springer, nicht aber zu einem der Blätter des Hauses und muss sich daher alleine einen Namen machen) Meedia, im Newsletter zitiert, macht so was natürlich nicht: der gemeine Leser könnte ja den Artikel auf Nimmerwiedersehen verlassen.

Was ich verstehen könnte, denn die „Studie“ (Original) hat wirklich eine sehr sehr schmale Datenbasis. Meedia schreibt ja schon:

Die qualitative und nicht repräsentative Langzeituntersuchung mit 40 Journalisten, deren Ergebnisse die britische Neurologin Tara Swart gerade veröffentlicht hat, bescheinigt den Teilnehmern einen ziemlich ungesunden Lebensstil mit unerfreulichen Nebenwirkungen.

40?  Seriously? Journalisten schreiben über Studien, an den 40 Probanden teilgenommen haben?

Ach was, es waren keine 40, so die „Studie“:

Ultimately, failure to complete all the elements in the required time limit meant that a total of 21 participants completed every element, and a further 10 completed some elements of the study

Also: Ursprünglich sollten 40 Journalisten bei der „Studie“ mitmachen, aber nur 21 haben an jedem einzelnen Teil der Studie teilgenommen. 21. Weitere zehn haben „einige Teile der Studie“ absolviert. Ergo neun der 40 gar nix davon.

Wir reden also von der Fallzahl: 21.

Gut ist im Folgetext der „Studie“, dass dann nur noch von Prozentzahlen die Rede ist. Absolute Zahlen wären auch zu albern. So würde nämlich aus dem Text:

41 Prozent der Probanden gab an, mehr als 18 Einheiten Alkohol in der Woche zu konsumieren. Das sind vier Einheiten mehr als empfohlen. Weniger als fünf Prozent von ihnen trank ausreichend Wasser.

Diese Übersetzung:

9 Probanden gab an, mehr als 18 Einheiten Alkohol in der Woche zu konsumieren. Das sind vier Einheiten mehr als empfohlen. Nur einer von ihnen trank ausreichend Wasser.

Bullshit. Und wer empfiehlt eigentlich 14 Einheiten Alkohol pro Woche zu konsumieren.

Die WELT hat immerhin auch die Studie gelesen, wischt aber die 21 Probanden schnell von Tisch:

Ein schwacher Trost ist die geringe Zahl der Probanden Tara Swarts: Nur 21 Journalisten von den 90 Bewerbern absolvierten alle Tests (zehn nur Teile davon) über einen Zeitraum von sieben Monaten.

Das ist kein schwacher Trost, das belegt den Schwachsinn. Aber besoffen von der eigenen Fähigkeit zu drastischen Formulierungen kann der WELT-Journalist Uwe Schmitt für den Artikel „In ihrer Dehydriertheit gleichen Journalisten Greisen“ das Wasser nicht halten. „Lesezeit: 3 Minuten“ serviced der Artikel. Danke. Waren drei Minuten zu viel.

Das bedeutet doch: selbst wenn Journalisten nachlesen, wie schwach eine „Studie“ aufgestellt ist: passt das Ergebnis in ein Attraktionsschema, dann muss doch eine Weiterverbreitung her. Nur so schaffen es viele Studien überhaupt in die Medienlandschaft. Weiterlesen →

25. Mai 2017
nach Michael Scheuch
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Lügenpresse schon wieder

Ich bin ja bei Telepolis drüber gestolpert: 98 Prozent der ARD-Berichterstattung zu Donald Trump „eindeutig negativ“.

Eindeutig. Wow. Echt?

Das muss man sich als Journalist, und nicht nur als Journalist, der für öffentlich-rechtliche Medien arbeitet, doch mal fragen.

Zitiert wird eine Studie des „Shorenstein Center on Media, Politics and Public Policy der Harvard Kennedy School.“ Harvard. Das ist doch schon mal was. Aber was?

Das renommierte Institut hat die Berichterstattung mehrerer großer US-amerikanischer sowie britischer Medien zu Donald Trump während der ersten 100 Tage seiner Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika untersucht. Dabei rückten die Journalismusforscher auch die ARD mit ihren Nachrichtenformaten in den Blickpunkt. Die Ergebnisse des Instituts haben es in sich: Alle untersuchten Medien lieferten eine Berichterstattung ab, die hauptsächlich nur auf das Negative setzte. Die ARD stellte dabei, was die „negative Berichterstattung“ zu Trump angeht, alle anderen Medien in den Schatten.

Natürlich muss das Institut renommiert sein, geht ja gar nicht anders.

Okay, Übermedien war schneller und hat sich das Ganze mal sehr gründlich angesehen, schneller, als ich das aufschreiben konnte. Die Überschrift: Nein, es sind nicht 98 % der ARD-Berichte über Trump negativ

Und es war wahrscheinlich eher kein komplizierter Blick in die Studie nötig, denn: in die berühmte 98 flossen nur Berichte ein, die angeblich eine eindeutige Tendenz haben. Es genügt ein Blick in die Fußnote der Grafik auf der verlinkten Seite:

Percentages exclude news reports that were neutral in tone, which accounted for about a third of the reports.

(Prozentangaben enthalten nicht: neutral gehaltene Berichte, die ungefähr ein Drittel der Berichte ausmachten.)

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25. April 2017
nach Michael Scheuch
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Manager-Elite

Nur selten mal erhält man Einsichten in das Leben der Top-Manager, die normalerweise ihr genormtes Managerleben ins Schaufenster stellen und ansonsten diskret ihrem Job nachgehen. Ihre Gehälter sind angemessen, sie leisten viel, sie befördern wirtschaftliches Wachstum, das Entstehen von Arbeitsplätzen und allgemeinen Wohlstand. Heißt es. Work hard, play hard.

Umso verstörender sind manchmal Einblicke in diese Welt. Dazu gehört etwa der Brief, den Klaus Kleinfeld an Paul Singer geschrieben hat. Ich empfehle mal die Analyse bei faz.net zur Lektüre.

Das Fazit lautet:

Ein Drama aus der Welt pubertärer Männer. Mit Wut und Rachegelüsten. Frauen als gleichberechtigte Partnerinnen von Männern kommen hier nicht vor, nur als Gespielinnen und Ausgleich zum dominant schwulen Milieu.

Diese Welt der Superbosse: es gibt ein bisschen zu viele Mythen und Legenden, von affirmativer wie kritischer Seite. Aber manches ist auch verstörend.