Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

28. September 2018
von Michael Scheuch
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„Reform“pädagogen schlagen zurück

Niemand kann mir die Befriedigung nehmen, mit der ich die Ergebnisse einer Studie zur Kenntnis genommen habe, nach der die Methode „Lesen durch Schreiben“ keine besonders guten Ergebnisse im Aneignen von Schreibfähigkeiten aufweist.

Meine Elternerfahrungen mit dieser Methode sind verheerend. Denn wenn der Nachwuchs dicht an LRS chargiert, dann hilft das orientierungslose vor-sich-hin-schreiben nicht, es verunsichert. Und das vor allem dann, wenn man noch das Gefühl haben muss, auch die Lehrkräfte sind damit überfordert. In unseren Elternabend wurde dringend darauf hingewiesen, wir sollten die Kinder ja nicht korrigieren.

Das Ergebnis der Studie ist für die „Reform“-Pädagogik ein einigermaßen schwerer Schlag. So dass man zum Gegenschlag ausholen muss. Stellvertretend etwa der Artikel bei Zeit Online „Die Fibel macht es auch nicht bessa“.  Das ist „lustig“. Oder?

Mich kotzt es an. Parvin Sadigh schwingt die ganz überhebliche Keule:

Leider hat die Studie nämlich nicht danach gefragt, welche Methode Lust auf Schreiben und Lesen macht. Auch nicht danach, wer später Texte besser versteht und sich schriftlich frei ausdrücken kann.

Ja, aber leider scheint Frau Sadigh auch keine Studie anführen zu können, die in diesen Fragen Lesen durch Schreiben vorne sieht, mit dieser „leider“ Formulierung wird zwar unterstellt, dass da die Reformpädagogik die Nase vorne hat, aber leider – ist das eine Unterstellung.

Ja, vielleicht wurde eine Zeit lang Rechtschreibung nicht ernst genug genommen. Aber wie viel Kreativität würde wieder verloren gehen, wenn man die Zeit zurückdreht? Wenn nur noch gepaukt und nicht mehr ausprobiert wird? Wer weiß das?

Ja, lustig, was? Keiner weiß das! Frau Sadigh auch nicht. Es wird einfach unterstellt.

Das Wort „pauken“ wird mehrfach abwertend im Artikel benutzt, darf man da von Framing reden? Oder ist das links vorbehalten, wenn man rechts kritisieren will?

Außerdem kommt die Studie zu spät, denn die Schreiben-nach-Gehör-Methode wird nur noch selten dogmatisch angewandt. An manchen Schulen durften Lehrerinnen und Eltern bei deren Einführung den Schülerinnen und Schülern bis zum Ende der zweiten Klasse nicht verraten, dass die Wörter eigentlich anders geschrieben werden – um die Kinder nicht zu demotivieren.

Tja, auch das weiß Frau Sadigh nicht, ich kann nur sagen: vor fünf bis sechs Jahren war das bei uns noch so.

Und der Satz ist großartig:

Migration und Inklusion sind wahrscheinlich die Hauptursachen für die schlechteren Leistungen in der Grundschule.

Huh. Darf man das schreiben? In der ZEIT? Ist Lesen durch Schreiben doch eine elitäre, weiße, Oberschichtsunterrichtsform?

Zur Verteidigung der Reformpädagogik wird dann noch eine Binse bemüht:

Studien haben längst gezeigt: Auf die Methoden kommt es weniger an als auf engagierte Lehrer, die sich Zeit nehmen können für jedes einzelne Kind.

Ach. Kleinere Klassen, mehr Lehrer, wenig Unterrichtsausfall. Das ist wirklich immer gut. Egal nach welcher Methode. Aber vielleicht mit der klassischen doch ein bisschen besser. Originell aber ist das nicht.

 

 

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25. September 2018
von Michael Scheuch
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Vorsicht Wortpolizei

Ich finde es richtig, dass wir Journalisten uns tagtäglich Gedanken darüber machen, ob wir mit unseren Mitteln, vor allem der Sprache, aber auch Bildern und Geräuschen, O-Tönen und Musik sowie der Komposition derselben, die Wirklichkeit adäquat abbilden.

Dazu gehört Sprachkritik an Floskeln und Wörtern. Per se: eine gute Sache.

Allerdings nervt mich zunehmend der belehrende allwissende katheterliche Tonfall der ein oder anderen Publikation, wenn möglich noch mit „!“ Ausrufezeichen. Etwa bei „Im Toten Winkel der Sprache“ im Neues Deutschland.

Häufig wird abwägend von „sollten wir überdenken“ „sollten weitgehend verzichten“ „nur aus guten Gründen gebrauchen“ „aus dem Gebrauch von Journalisten entfernen“ geredet, und immer dann, wenn man auf dieses Wording trifft, könnte das eine Anregung zum Nachenken sein oder eine Diskussion anstoßen. Wie in sprachlichen Fragen aber meistens ist gar keine Diskussion erwünscht, es geht um das Verfügen eines Sprachtabus. So auch hier:

Screenshot https://www.neues-deutschland.de/artikel/1101202.wort-unfall-im-toten-winkel-der-sprache.html 24.9.2018

Muss. Entfernt. Werden.

Eliminert, ausgeschaltet, aus dem Sprachschatz getilgt, vernichtet werden.

Muss!

Der Artikel ist hinter einer Paywall, das „Altpapier“ vom 24.9. bzw. der Autor René Martens findet das Anliegen aber so super, dass die Zwischenüberschrift zum Link nicht ohne Ausrufezeichen auskommt:

Es gibt keine „Unfälle“ im Straßenverkehr!

Q.e.d.

Das ganze ist, ihm zu Folge, ein „wichtiger sprachkritischer Impuls“. Er zitiert aus dem Artikel:

„(Die) absurde Verwendung des Wortes ‚Unfall‘ verschleiert die Todesursache: dass jedes Todesopfer im Verkehr daran stirbt, dass jemand zu schnell oder unter Alkoholeinfluss gefahren ist, während der Fahrt Mitteilungen verschickt oder auf andere Weise die Tragödie verursacht hat.“

Ist das so? Oder hängt der nd-Autor nicht der beliebten Fiktion nach, dass es immer „einen Schuldigen“ geben müsste? Immer? Und stimmt das mit der Alltagserfahrung überein? Mit meiner nicht. Da kommen zu einem Unfall gerne mehrere Faktoren zusammen: die genommene Vorfahrt durch den einen Verkehrsteilnehmer mit der zu hohen Geschwindigkeit des anderen. Beispielsweise. Monokausale Erklärungen sind gerade bei Verschwörungstheorien hipp, aber das ist nicht immer die Wirklichkeit. Ich will keine Mitschuld des beim Rechtsabiegen getöteten Radfahrers konstruieren, es gibt auch eindeutige Fälle. Aber genügt das, mit einem „Muss“ das Wort Unfall zu streichen? Vor allem wenn der Journalist ja ad hoc mal entscheiden soll, wer denn schuld ist:

Alles verschwindet im toten Winkel der Sprache, wenn das Wort ‚Unfall‘ zur Routine wird. Diese Apathie verwundert: Flugzeuge stürzen ab, Schiffe havarieren. Nur auf unseren Straßen ist alles offenbar Gotteswille, sind alle Gesetze der Physik aufgehoben. Die Bezeichnung ‚Verkehrsunfall‘ signalisiert, dass nichts und niemand wirklich Schuld an einem Zusammenstoß hatte.

Ganz ehrlich, die Nummer mit dem Flugzeug und dem Schiff verstehe ich sprachkritisch gesehen nicht, denn „Flugzeuge stürzen ab“ ist ja gerade keine präzise Beschreibung. Wir kennen den vorsätzlich herbeigfeführten Absturz der Germanwings-Maschine und den Abschuss der MH17. Technische Defekte. Pilotenfehler. Vielleicht hat sich der Autor da verrannt und keiner hat es gemerkt.

Das Wort „Unfall“ signalisiert nicht, dass keiner Schuld sei, ist aber Hinweis darauf, dass man zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch nicht genau weiß, was passiert ist. Und sich der Journalist auch nicht vorweggenommen zum Richter macht.

Die Wortbedeutung „Ereignis, bei dem jemand verletzt oder getötet wird oder materieller Schaden entsteht“ ist doch nicht falsch.

In Wirklichkeit, wie so oft, steckt hinter dem „wichtigen sprachkritischen Impuls“ die Lust an der Belehrung und ein ideologisches Motiv: Böser Verkehr. Böser Autofahrer. Böse. Böse. Böse.

Man muss jetzt nicht jeden Versuch, journalistische Sprache zu verändern richtig finden.

 

 

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24. September 2018
von Michael Scheuch
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Keine Pflichtangabe – die #DSGVO und der Übereifer der Datenschützer

Ich habe ja im Zusammenhang mit der #DGVO, die ich versuchen muss für zwei Vereine ordentlich umzusetzen, meinem Zorn schon mehrfach freien Lauf gelassen.

Ich habe dazu auch mehrere Fragen an mehrere Datenschutz-Landesbehörden geschickt. Im Juni. Bisher bekam ich eine Antwort. Immerhin: es hat nur vier Wochen gedauert

Das Thema ist das „Verzeichnis für Verarbeitungstätigkeiten“. Anlass ist etwa dieses Feld in einem der Verkaufsschlage bei Amazon im Frühjahr. Der Titel: Erste Hilfe zur Datenschutzgrundverordnung für Unternehmen und Vereine. Erschienen im Verlag C.H. Beck, herausgegeben vom „Bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht“. 5,50 Euro, musste aufgrund enormer Nachfrage im Mai wohl nachgedruckt werden.

Auf Seite 14 ist ein „Muster“ für ein Verarbeitungsverzeichnis. Das muss jeder Verein führen, da drin stehen die Datenverarbeitungstätigkeiten und welche Daten jeweils betroffen sind. Hilfreich, sollte man meinen, und dann gibt es den so genannten „Mindestinhalt“

Dass dort ein Ansprechpartner genannt werden muss, das habe ich auch schon auf der Webseite der Datenschützer gelesen, und klugscheißerisch steht da, dass das aufgrund Art. 30 Abs 1 DSGVO so sein müsse.

Ich lese gerne nach, in Quellen, und: da steht so etwas nicht. Es gibt übrigens im Muster auch eine Tabelle mit „empfohlenen Ergänzungen“.

Meine Anfrage an die bayerischen Datenschützer und die komplette Antwort dokumentiere ich unten.

Kurz und gut die Zusammenfassung der längeren Antwort:

Bei Behörden und juristischen Personen sind nicht zwingend Daten zu Leitungspersonen gefordert, aus aufsichtsbehördlicher Sicht ist die Angabe des operativ verantwortlichen Ansprechpartners wünschenswert. Dementsprechend sollte ein Eintrag unter „Ansprechpartner“ erfolgen.“

Zwingend anzugeben ist ein „Ansprechpartner“ jedoch nicht, sondern lediglich der Verantwortliche und ggf. der Datenschutzbeauftragte.

Auf meine Frage, warum denn da Pflichtangabe oder Mindestinhalt steht: Keine Antwort. Weiterlesen →

17. September 2018
von Michael Scheuch
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Fremdschämen – Globuli für Pflanzen retten die Erde #keinjournalismus

Ich muss dann doch meiner Fremdscham für meinen ehemaligen Arbeitgeber und das Lokalblättchen Audruck verleihen – völlig ironiefrei darf hier im Darmstädter Echo in der Wochenend(jawasdenneigentlich) eine „Pflanzenhomöopathin“ auf fast einer ganzen Seite von der wohltuenden Wirkung von Zuckerkügelchen auf Pflanzen berichten.

Darmstädter Echo 1.9.2018

Cool ist die Einschränkung, falls es dann doch nicht klappen sollte, dass die Pflanzen „noch genug Lebensenergie“ besitzen müssen, ansonsten, tja, dann hilft halt weder schütteln noch rühren.

Journalismus? Fehlanzeige. Hier die Fragen aus dem „Interview“:

Frau Dr. Zeidler, warum plädieren Sie für die Behandlung von Pflanzen mit homöopathischen Mitteln?

Wie funktioniert Pflanzenhomöopathie?

Was hilft gegen Blattläuse?

Was können wir bei Sonnenbrand und anhaltender Trockenheit für die Pflanzen tun?

Tja. Eine einzige Frage nach „welchen Beweis haben Sie über ihre Behauptung hinaus für die Wirksamkeit“ wäre ja mal was gewesen.

Vor allem da sich Frau Zeidler dazu versteigt zu behaupten, die Welternährungsprobleme könne durch die Zugabe von Zuckerkügelchen wohl eher gelöst werden als durch neue Anbaumethoden, neue Saaten, moderne Pflanzenschutzmittel:

Homöopathie einzusetzen ist für mich fast eine globale Aufgabe. Wir müssen die Menschen überzeugen mit der Anwendung von Alternativen, die keine Kollateralschäden verursachen, neue Wege zu beschreiten. Jeder kann dazu beitragen, ein neues Bewusstsein zu generieren, indem er in seinem Garten Homöopathie und andere natürliche Methoden anwendet und seine Erkenntnisse mit anderen teilt.

Die Erkenntnisse nach dem Motto: wenn es nicht klappt, dann hatte die Pflanze leider leider nicht mehr genug „Lebensenergie“.

Aber kann man solche Sätze ohne Ironie lesen?

 Das bekannteste Verletzungsmittel Arnica hilft auch der Pflanze, wenn sie umgefallen ist und einen Schaden davongetragen hat.

Arsenicum album C200 wirkt bei Schwäche von welken Pflanzen durch Trockenheit. Nehmen Sie zehn Globuli des Mittels und geben sie in eine Kunststoffgießkanne (homöopathische Medikamente vertragen kein Metall), dann dynamisieren Sie die Globuli in zehn Liter Wasser, indem Sie das Wasser mit einem starken Strahl einlaufen lassen, alternativ können die Globuli auch mit einem Holz mindestens eine Minute kräftig verrührt werden.

Man könnte auch sagen: gießen sie mal ordentlich.

 

 

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16. September 2018
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Enthemmung – Biedermänner bei der Arbeit …

Enthemmung – Biedermänner bei der Arbeit …

Wenn sich nicht alle, Medien, Politik, Verfassungsorgane, nachgeordnete Bundesbehörden, und ihre Vertreter, gegen Nazis, Hass und Gewalt, aber auch gegen die dabeistehend applaudierenden „besorgten Bürger“ klar und unzweideutig aussprechen, dann wird es so weitergehen:

 

Screenshot Spiegel Online 16.09.2018 http://www.spiegel.de/panorama/justiz/harz-maenner-greifen-fluechtlinge-in-hasselfelde-und-halberstadt-an-a-1228344.html

Screenshot https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-09/chemnitz-buergerwehr-sechs-tatverdaechtige-festnahme 16.9.2018

Screenshot https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/kriminalitaet/id_84456930/chemnitzer-polizei-ermittelt-nach-angriff-auf-41-jaehrigen-tunesier.html 16.9.2018

Screenshot https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Attacke-in-Wismar-Haftbefehl-erlassen,wismar600.html 16.9.2018

Screenshot https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Attacke-in-Wismar-Haftbefehl-erlassen,wismar600.html 16.9.2018

Stattdessen drängt ein intellektuell überforderter Ministerpräsident, ein intriganter Verfassungsschutzchef und ein jenseits von Gut und Böse agierender Bundesinnenminister dem Land und den Medien eine Debatte über Begriffe auf. Hetzjagd ja/nein. Doch das ist nicht die Frage.

Ich verweise jetzt mal wieder gerne auf eine Kolumne von Thomas Fischer, dem in dieser Frage weder eindeutige Haltung noch Wortgewalt abzusprechen sind:

Zum einen ist der Wortstreit ein sensationeller kommunikativer Erfolg der rechtsradikal-nationalsozialistischen Minderheit und daher eine deprimierende kommunikative Insolvenz des von ihr bekämpften „Systems“. Intellektuell und sozial randständige Persönlichkeiten wie Bachmann, Höcke und Weidel zwingen die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und des Freistaats Sachsen zu einer öffentlichen Diskussion darüber, ob man das „kurzfristige Verfolgen“ von Ausländern durch Nationalsozialisten als „Hetzjagd“ bezeichnen dürfe.

Auf der anderen Seite des Spektrums betätigt sich der Konservativen-Clown Jan Fleischhauer, und ein Chor der möglicherweise ebenfalls intellektuell randständigen Persönlichkeiten stimmt den Gesang von der „Treibjagd“ auf Maaßen an, wundervoll umrahmt vom entlarvenden Hashtag #wirdsindmaaßen von Vera Lengsfeld und Konsorten.

Die FAZ pflegt ihre konservative Indifferenz, indem einmal klar Stellung für den aktuell so verfassten Staat genommen wird (Jasper von Altenbockum), dann aber wieder „das wird man nochmal sagen dürfen“ möglichst platt (Michael Handfeld):

 Es geht um Deutungshoheit, es geht um die Machtfrage, es geht darum, wer Angela Merkel widersprechen darf und wer nicht oder ob das überhaupt jemand darf.

Darum, mit Verlaub, geht es an allerletzter Stelle.

Und wer wissen will, wie es um die FAZ steht, der lese dann nochmal diesen Kommentar zur Lehman-Pleite, einer des Herausgebers Holger Steltzner. Zum einen ist es ungeheuerlich, wie er die Schuld an der Bankenkrise der Politik, namentlich Bill Clinton zuschiebt:

Dabei stand am Anfang der Wunsch von Präsident Clinton, alle Amerikaner zu Hausbesitzern zu machen.

Das lässt jede Art vernünftiger Analysen der Krise außer acht, von denen es schon viele gegeben hat. Der Anfang der Finanzkrise ist weit früher auszumachen. Und die Frage, wer denn Clinton denn eigentlich beraten hat, in Sachen Banken und Liberalisierung, wird gar nicht erst gestellt. Einen nur ersten Einblick in den Einfluss von Goldman Sachs auf die US-Regierungen Reagan, Clinton, Bush und Obama gibt es u.a. beim Handelsblatt:

„Alle Finanzkrisen der jüngeren Geschichte wurden dadurch ausgelöst, dass eine wirtschaftliche Elite zu viel Macht bekam. Die USA unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht von Schwellenländern wie Südkorea oder Indonesien.“ Harte Worte, ausgesprochen von Simon Johnson, einstiger Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Aber das ist nicht das unverschämteste an diesem Kommentar. Nein, das ist dieser Absatz:

Nie wieder Lehman! Diese Lehre zogen geschockte Politiker. Doch die Methode, multiple Schuldenkrisen mit noch mehr Schulden zu bekämpfen, hat Konsequenzen. Der staatliche und private globale Schuldenberg ist sprunghaft gewachsen, auf unvorstellbare 169 Billionen Dollar. Die Autorität der Eliten ist untergraben, weil der Finanz- und Euro-Krise schmerzhafte Sparmaßnahmen folgten. Das Vertrauen in die Rationalität demokratischer Entscheidungsprozesse litt auch darunter, dass der Souverän nicht gefragt wurde, ob mit Merkels „Willkommenspolitik“ Millionen Migranten in die EU gelockt werden sollen. Dass man angeblich Grenzen nicht schützen und der Staat nicht darüber entscheiden könne, wer ins Land kommt, zerstörte bei vielen den Rest an Vertrauen.

Echt jetzt?

Ohne die Finanzkrise wäre eine rationale Steuerung der Migration kein ernstes Problem, der Schuldenberg der Staaten kleiner, das Vertrauen in die Marktwirtschaft und demokratische Institutionen voll intakt. Es sind die Banker, die die Grundfesten des sozialen Europas erschüttert haben, und infolge dessen populistische Parteien auf dem Vormarsch sind. Jetzt wieder auf „Flüchtlinge“ zu zeigen – wie schäbig ist das denn …

 

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14. September 2018
von Michael Scheuch
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Der Kreuzzug gegen das böse Plastik(becher)

Dem Guten verpflichtet, Aufklärung der Massen, Anleitung zum bewussten Leben, Akzeptanz durch Penetranz – was ohnehin journalistische Sekundärtugenden zu sein scheinen, wird in journalistischen Social-Media-Angeboten noch direkter, man könnte auch sagen, aufdringlicher dargereicht. Junge, engagierte, unterbezahlte idealistische Kräfte gehen da ans moderne Werk, und die Währungen „Klicks“ und „Kommentare“ scheinen ihnen unschlagbar Recht zu geben.

Großartiges Thema: Plastik. In den Meeren. Im Pazifik. Oder woanders. Und der Beitrag des Einzelnen.

Im Juli lief mir eine Multimedia-Grafik über den Weg, die mit diesem Satz angeteasert wurde:

Hannover hat ein Pfandsystem für Kaffeebecher eingeführt und spart damit tausende Tonnen Müll.

Und hier die Zahlen, die in drei Grafiken gezeigt wurden:

 

  • 3 Milliarden Einwegbecher pro Jahr in Deutschland (landen im Papierkorb)
  • Einwegbecher: 40.000 Tonnen (Plastikmüll insgesamt: 6 Mio. Tonnen) p.a.
  • Das System spart schon jetzt 1,2 Millionen Einwegbecher

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10. September 2018
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Alberne Behauptung: Mobiles Zahlen per Handy ist „bequem“

Alberne Behauptung: Mobiles Zahlen per Handy ist „bequem“

Okay, es ist hipp, modern, irgendwie cool, großartig. Angeblich. Bezahlen mit dem Handy sei der neueste heiße Scheiß, jeder muss mitmachen, wer nicht, der Doof. In der FAZ versteigt sich Thoams Klemm zum Appell: Weg mit den Plastikkarten! Der Link verrät, warum der ursprüngliche Titel mit „warum-die-zeit-der-plastikkarten-vorbei-ist“ etwas harmloser war.

Kern des Artikels sind diese Behauptungen. Zunächst die, das Plastikkarten ja doof sind:

98 Prozent der Bevölkerung und damit so viel wie nie zuvor haben eine Girocard, also das, was früher EC-Karte hieß. Auch Kreditkarten werden beliebter, mehr als jeder dritte Deutsche besitzt inzwischen mindestens eine. Dazu kommen Prepaid-Karten, Kundenkarten, um Treuepunkte zu sammeln, sowie Bezahlkarten fürs Tanken, für das Mensaessen oder für Bier und Bratwurst im Fußballstadion.

Was er mit Prepaid-Karten meint? Keine Ahnung, vielleicht „paysafecard“? Gutscheinkarten von Ikea?

Egal, alle doof.

Mehrere Zentimeter dicke Geldbörsen in Hosentaschen oder Handtäschchen herumzutragen, wie wir es tun, ist eine unnötige Bürde. Denn vieles, was hierzulande auf den Chips der Plastikkarten gespeichert ist, könnte ebenso gut und genauso sicher auf einem Smartphone oder einem anderen Gerät hinterlegt werden.

Dann müssen wir aber zu den Zahlungsmitteln zurückkehren, denn darum geht es ja wohl.

„Die Karte wird ins Handy wandern, und die Leute werden weniger Plastik in der Tasche haben“, prophezeit Ralf Ohlhausen, Entwicklungsleiter beim Zahlungsspezialisten PPRO.

Was so Dienstleister, die gerne verdienen wollen, gerne mal prophezeien.

Das liegt zum einen daran, dass junge Generationen allem Digitalen gegenüber besonders aufgeschlossen und mit dem Smartphone groß geworden sind. Außerdem ist das Angebot in diesem Sommer sehr viel breiter geworden. Die Sparkassen sowie die Volks- und Raiffeisenbanken bieten seit kurzem Smartphone-Apps fürs Bezahlen mit dem Google-Betriebsystem Android an. Auch Google Pay ist jetzt hierzulande verfügbar, Apple Pay für iPhone-Besitzer wird demnächst folgen.

Das sogenannte Mobile Payment bedeutet, dass die Daten einer Girocard oder Kreditkarte auf dem Smartphone hinterlegt sind und der Kontoinhaber an der Ladenkasse nur das Handy vor sein Lesegerät halten muss, um zu bezahlen.

Das ist ja … Revolutionär.

Schade nur, dass das Plastikkarten auch können.

Und zwar ohne diese Voraussetzungen: Bei Google Pay muss man Kunde der comdirect oder Commerzbank sein, demnächst der BW-Bank. Vielleicht auch bald einer anderen Bank. Man muss ein NFC-taugliches Endgerät haben (Hand auf Herz: sicher, dass ihr Smartphone den Standard unterstützt?) Apple Pay wird zunächst auch nur mit einigen Banken zusammenarbeiten, zunächst ist von der Deutschen Bank und N26 die Rede. Cool: Apple sperrt bisher den NFC-Chip für Zahlungsapps anderer Anbieter, die angesprochenen Sparkassen- und Volksbanken-Lösungen sind daher nur für Android verfügbar. So ist das halt, wenn eine Lifestyle-Unternehmen den Umsatz lieber selber machen will.

Übrigens: Kann ich denn per Handy-App an Geldautomaten auch Bargeld ziehen für die Einkäufe, bei denen ich leider noch Bargeld brauche? Nein? Muss ich dann etwa wieder auf Plastikkarten zurückgreifen, ergo die weiter mit mir herumtragen?

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6. September 2018
von Michael Scheuch
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Die Lügenpresse-Saat der AFD

Eine Frau wird im Darmstädter Ortsteil Arheilgen erschossen aufgefunden – es deutet mal wieder alles auf ein verharmlosend genanntes „Familiendrama“ hin, für das die Bezeichnung „Frauenmord in der Tat zutreffender wäre. Man möge mal nach „Familiendrama“ googlen, es wird einem schlecht.

Auf jeden Fall: die Polizei macht ihren Job, die Presse, das Darmstädter Echo, auch. Dann:

Wenig später mussten sich Polizeisprecherin Kathy Rosenberger und anwesende Medienvertreter von einem älteren Mann Beschimpfungen anhören: „Ich bezahle viele Steuern, die Ihr Gehalt finanzieren, ich möchte mich davon überzeugen, dass Sie Ihren Job richtig machen und möchte mir ansehen, was hier los ist“, raunzte der Radler die Polizeisprecherin an. Ein anderer Passant beschimpfte die anwesenden Medienvertreter als „Lügenpresse“ und „Schmierfinken“, die sich „besser fortmachen“ sollten.

Wahrscheinlich aus diesen Gründen:

  1. Wenn ein Mord passiert, dann kann das nur ein Migrant gewesen sein.
  2. Die Polizei hält das unter der Decke, auf direkte Anweisung von Merkel
  3. Die Presse hilft mit und vertuscht
  4. Die AFD hat nämlich, trotz aller Lügen, die sie erzählt, recht. Rechter jedenfalls als alle anderen. Beispiel:

Screenshot Facebook Afd-Watch 6.9.18

Es ist eine Randnotiz, aber ich finde das beängstigend. Auf die Frage, was dagegen tun, habe ich noch keine Antwort.

 

Photo by Elijah O’Donell on Unsplash

31. August 2018
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Sommerzeit: Bärendienst für die Demokratie

Sommerzeit: Bärendienst für die Demokratie

Die EU-Komission hat eine Online-Abstimmung zur Sommerzeit durchgeführt, beendet, und heute „Schlüsse“ daraus gezogen. Juncker so:

Er werde zuerst in der Kommission dafür werben und „das werden wir heute beschließen“, sagte er dem ZDF morgenmagazin. Dann seien die Mitgliedsstaaten und das EU-Parlament am Zug. Es mache keinen Sinn, Menschen zu fragen, was sie denken, und das dann zu ignorieren. „Die Menschen wollen das, wir machen das.“

Die Teilzeit-Populisten aus Brüssel – sind sie noch zu retten?

Da soll jetzt eine Umfrage, an der 4,6 Mio. der rund 512,6 Mio. Europäer teilgenommen haben (wobei deren Identität nicht geprüft wurde) jetzt also „nicht ignoriert“ werden. Rund drei Millionen kamen angeblich aus Deutschland.

W.T.F.

Das ist ein Menetekel für die Demokratie, denn es wird jetzt nicht lange Dauern, bis die Vollzeit-Populisten mit einer gewissen Berechtigung fragen, warum denn das „Volk“ nicht gehört werde, wenn es um ernsthafte Fragen gehe – etwa, ob man Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken lassen soll, Putin zum Ehrenbürger der EU ernennen soll oder die Monarchie einführen sollte. Oder, oder, oder. Man kann auch linke Fragen stellen: sollen globale Konzerne härter besteuert werden, die Griechen komplett entschuldet werden, oder ähnliches.

Die Grundsatzfrage: warum fragt ihr dann nicht bei anderen Dingen, ist auf einmal berechtigt!

Und das simple „Ja/Nein“-Muster doch sehr verlockend.

Direkte Demokratie, das wollen „wir“ doch alle?

Dass das nicht so einfach ist, hat der Brexit gezeigt, auch da glaubte mal jemand, mit Hilfe einer simplen Ja/Nein-Frage, ohne jede qualifizierte Mehrheit oder ein Quorum der abgegebenen Stimme etwas „demokratisches“ zu tun.

Wer direkte Demokratie ernsthaft als Säule stärken will, der muss es sich schon schwerer machen, wie etwa die Schweizer, bei denen Volksabstimmungen zwar das normalste von der Welt sind, das zugehörige Verfahren aber doch sorgfältig austariert ist. Die Aktion der EU-Komission dagegen zeigt die Pseudo-Demokratie von Ersatzhandlungen.

Das hilft niemanden. Noch nicht mal mir, der die Zeitumstellung nicht gut findet.

 

30. August 2018
von Michael Scheuch
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Studies from Hell: Sozialwissenschaftliche Experimente nachgespielt

Skepsis gegenüber Studien ist angebracht, das schreibe ich immer wieder, und jetzt gibt es dazu eine Untersuchung, die ich hier als Lesetipp verlinke: Evaluating the replicability of social science experiments in Nature and Sciencebetween 2010 and 2015. Der Spiegel-Artikel dazu:

Von den 21 sozialwissenschaftlichen Studien aus den Jahren 2010 bis 2015 aus „Science“ und „Nature“ ließen sich nur 13 replizieren, berichten Forscher im Fachmagazin „Nature Human Behavior“. Das entspricht knapp 62 Prozent. Im Umkehrschluss konnten die Wissenschaftler gut 38 Prozent der Studien nicht bestätigen.

Das ist in einer Art und Weise niederschmetternd, die den Sozialwissenschaften zu denken geben sollte, vor allem da auch Studien aus der Psychologie in einer anderen Untersuchung durchfielen:

 In der Psychologie hatten Forscher beispielsweise vor einigen Jahren 97 Studien aus anerkannten Fachjournalen nachgestellt, nur in 35 Fällen führte die Prüfstudie zu einem ähnlichen Ergebnis wie das Original.

Sheldon Cooper findet, dass Geisteswissenschaften keine echte Wissenschaft seien. Das geht vielleicht zu weit, aber …

 

 

Foto: Martin Fisch