Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

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20. Januar 2018
von Michael Scheuch
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Was ich gewinnbringend gelesen habe (18/1)

Ich will 2018 mal sammeln, was mir im Laufe der Woche und vor allem des Wochenendes an interessanten Artikeln und News über den Weg gelaufen ist. Auch als Impuls, der oder die ein oder andere möge sich die veröffentlichenden Medien auch mal anschauen, auch unter dem Blick, ob es sich lohnt, für Journalismus Geld auszugeben.

Ein Jahr Trump – schlimm genug. Diese Analyse in der taz So anormal wie möglich kommt meiner eigenen Fernsicht sehr nahe, interessant vor allem der Blick auf die Demokraten. Er kommt von Bill Scher, der für das amerikanische Onlineportal Politico schreibt.

Obwohl sich der politische Wind ein wenig zu ihren Gunsten gedreht hat, sieht sich die Demokratische Partei hausgemachten Problemen gegenüber: Wie es aussieht, gehen sie bei den Präsidentschaftswahlen 2020 ohne einen Kandidaten ins Rennen, der alle Parteiflügel hinter sich weiß, souverän die Parteiführung für sich reklamieren könnte und in der Lage wäre, bestehende innerparteiliche Meinungsverschiedenheiten beizulegen.

Ich habe den Krautreporter Newsletter abonniert, was ich nur empfehlen kann, und in dieser Woche ist mein kostenloser Artikel Du denkst, du hast Bitcoin verstanden? Dann lass uns mal über einen Crash nachdenken. Ein spannender Einblick in den Hype, von dem ich denke, dass die Masse der Journalisten gar nicht verstanden haben, worum es geht. Die Propagandisten der Blockchain jubeln über dispruptive Technologie, aber auch bei denen sehe ich wenig Verständnis für Strukturen und Logik hinter Bitcoin & Co.

Als in der Woche vor Weihnachten Bitcoin von einem Höchststand nahe 20.000 Dollar auf bis zu 11.000 Dollar einbrach, konnten Millionen Kunden von Coinbase stundenlang ihre Accounts nicht öffnen, angeblich weil die Server der Seite nicht ausreichten, um mit den massenhaften Anfragen umzugehen. Die Technik kann schuld gewesen sein.

Allerdings gibt es noch eine andere Möglichkeit, die die Marktplätze öffentlich nur unter großem Druck diskutieren würden. Im Fall extremer Kurssprünge – vor allem nach unten – könnten sie nicht genug Geld haben, um all jene auszuzahlen, die bei ihnen Bitcoins halten und sie abziehen wollen. Oder anders formuliert: Die Marktplätze können genauso pleitegehen wie Banken.

[Krautreporter: noch kann ich mich nicht zum Abo für 5 Euro/Monat überwinden, denn die Beispielartikel im Newsletter schrecken mich eher ab: Reportagen zu sozialen Themen bekomme ich auch woanders, Erklärartikel die sich aber dann doch an Einzelbeispielen entlanghangeln, Themen, die mich schlicht nicht interessieren („Wie kann man beim Bund Arbeit und Beruf miteinander vereinbaren“) sowie Kolumnen, Kommentare, Meinungsartikel – das bekomme ich auch für ohne Geld. Gehört vielleicht zu einem journalistischen Angebot dazu, wäre aber für mich nie Grund, für ein Medium Geld auszugeben. Ich würde den og. Artikel jetzt bei Blendle, Laterpay oder per Flattr zahlen.] Weiterlesen →

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13. Januar 2018
von Michael Scheuch
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Mustertimeline eines besorgten (Reichs-)bürgers

Soziale Netzwerke bedrohen den Zusammenhalt der Gesellschaft – denn ich lerne dort Menschen kennen, in deren Gesellschaft ich mich wirklich nicht befinden möchte, und der Gedanke daran, Gemeinschaftsaufgaben zu finanzieren, von denen auch diese Menschen profitieren, ist mir unangenehm.

Zweite Beobachtung: selbst wenn die Beteiligten das nicht „wollen“, so gibt es doch diese „Querfront“.

Dritte Beobachtung: gibt es wirklich ein Special Interest Magazin „Compact Geschichte“?

Frage: Warum kostet der SPIEGEL-Artikel zu Jürgen Elsässer bei Blendle 0,79 EUR, per Laterpay auf der Seite nur 0,39 EUR?

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11. Januar 2018
von Michael Scheuch
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Bares für Rares, bräsiger Medienjournalismus und Geschmacksfragen

So ist es halt, dieses Internet. Wenn einem was nicht gefällt, dann schreibt man das hier rein. So ist es nunmal, und das hat möglicherweise therapeutischen Wert, scheint aber auf jeden Fall so etwas wie ein Grundbedürfnis zu befriedigen. Das nennt man neulandisch „Rant“, schimpfen übersetzt, und so ein kleines Donnerwetter schadet ja auch selten. Man rantet, und alles ist wieder gut. Mach ich das auch mal.

Stefan Niggemeier findet „Bares für Rares“ (für das mein Arbeitgeber verantwortlich zeichnet) „onkelhaft“ „bräsig“ und kurz und gut: es sagt ihm gar nicht zu. Das steht ihm zu, und das wäre in seinem alten Blog ja auch ok gewesen. Doch nun veröffentlicht er seinen Beitrag auf der Seite uebermedien.de , einer Seite mit dieser Selbstbeschreibung:

Übermedien ist kein Hobby und kein Blog, sondern ein professionelles Angebot von ausgebildeten Journalisten, finanziert vom Publikum. Wir machen das nicht nebenbei vom Sofa aus. Wir sitzen auf Stühlen an Tischen, wir gehen raus, berichten, reportieren, analysieren.

Daher denke ich, dass dieser meinungsfreudige Beitrag im Gegensatz zu einem privaten Rant kritisierbar ist, am eigenen Anspruch qualitativ ernstzunehmender Medienbeobachtung gemessen werden  kann. Und da passt dann alleine die Überschrift so gar nicht: „Wie das ZDF seine Programme mit altem Trödel vollrümpelt“.

„Beweis“ für die Überschrift ist eine Grafik, in der die Anzahl der Sendestunden von Bares für Rares aufgeführt wird, schick gemacht, Balken und was man so braucht. Die Feststellung:

So hat sich „Bares für Rares“ in den vergangenen Jahren in den Programmen ZDF und ZDF neo ausgebreitet, bis hin zu der Gesamtdauer von über fünf Wochen und fünf Tagen 2017:

Das klingt ja dramatisch. Allerdings: wir haben es hier mit zwei TV-Sendern zu tun, die 24 Stunden sieben Tage die Woche ausstrahlen, jeweils 52 Wochen im Jahr, zusammengerechnet also: 104 Wochen. Dagegen stehen die fünf Wochen und fünf Tage aus der tollen Grafik.

 

Screenshot: https://uebermedien.de/24095/wie-das-zdf-seine-programme-mit-altem-troedel-vollruempelt/ 10.1.

Anders: Pro Sender 365*24=8760 Stunden, zusammen also 17.520 Stunden. Die 952 Stunden Bares für Rares sind: rund 5,4 Prozent des Sendevoluments.

Stellen wir uns jetzt mal einen Kellerraum mit 100 Quadratmetern Grundfläche vor. Das wünscht sich jeder, wette ich. Einen Kellerraum, in dem Dinge gelagert werden. In diesem Kellerraum ist ein Wandschrank, sagen wir mal, 5 Meter lang, ein Meter tief. Und der ist voller Plunder. Oder eine Vitrine von 2*2,5 Metern. Da lagern wir all das Zeug, das wir nicht wegwerfen wollen. Weiterlesen →

5. Januar 2018
von Michael Scheuch
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#nichtjournalismus Chips und ihr Design, eine Frage des Aussehens

Okay, der ist jetzt einfach zu gut, um dran vorbei zu gehen:

Erstmal habe ich gelacht. Laut. Bin damit aufgefallen im Büro. Dann nachgeschaut. Doch, tatsächlich, auf der Titelseite der Dorstener Zeitung finde ich den Teasertext.

 

ezeitung Dorsten / Dorstener Zeitung Screenshot am 5.11.18

„Aussehen geht scheinbar vor Sicherheit“.

Danach war ich wieder etwas traurig: wird da jemand, der keine Ahnung von Computern, Chips und IT hat, gezwungen einen Text zu schreiben? Der Redakteur/die Redakteurin als eierlegende Wollmilchsau oder wie es euphemistisch heißt: „Allrounder“ muss kaschieren, dass es an allen Ecken und Enden an Personal mangelt? Unterstelle ich jetzt mal zugunsten der Kollegin. Hmm.

4. Januar 2018
von Michael Scheuch
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#journalismus: Obdachlosigkeit/Wohnungslosigkeit

Natürlich gibt es auch viel guten Journalismus. Einer der wichtigsten Artikel aus den vier Wochen ZEIT-Probeabo, die ich mir mal wieder gegönnt habe, war dieser hier: Ungezählt
Lebten im vergangenen Jahr 860.000 Menschen in Deutschland auf der Straße?

Denn unbestreitbar geht es hier um eine erhebliche und wichtige Frage für dieses Land und die widerstreitenden Behauptungen „Es geht uns doch gut“ und „es geht sozial alles den Bach runter“. Neu waren die Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohungslosenhilfe (BAG W). Und der genannte Artikel schaut sich das, was sonst so eine Meldung ist, mal genauer an. Die Kurzmeldung in Nachrichtensendungen oder Einspalter auf Titelseiten könnten so lauten:

Die Zahl der wohnungslosen Menschen ist in Deutschland im vergangenen Jahr stark gestiegen: Insgesamt waren 2016 etwa 860.000 Menschen ohne Wohnung, wie die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) mitteilte. Im Vergleich zum Jahr 2014 habe sich die Zahl damit um 150 Prozent erhöht. Als wohnungslos gilt, wer keine dauerhafte Wohnung hat und stattdessen in Unterkünften lebt, in denen der Aufenthalt zeitlich begrenzt ist.
Laut BAG W handelt es sich bei 440.000 aller wohnungslosen Menschen um Flüchtlinge. Sie werden in der Schätzung für das Jahr 2016 erstmals in der Statistik berücksichtigt, was ein Grund für den starken Anstieg im Vergleich zu 2014 ist. Allerdings ist die Zahl der Wohnungslosen auch ohne Berücksichtigung der Flüchtlinge in den vergangenen beiden Jahren um etwa 25 Prozent von 335.000 auf 420.000 gestiegen.

Schon seit langem hat mich interessiert: Wie kommt diese Zahl zu Stande? Und vor allem: warum gibt es denn keine offiziellen Zahlen dazu? Wenn die Bundesregierung auf Anfragen im Bundestag nach Zahlen zur Zahl der Wohnungslosen auch nur mit den Zahlen der BAG W antworten kann, dann stellt sich die Frage: warum?

Der oben verlinkte Artikel gibt Antworten auf die drängenden Fragen hinter den reinen Zahlen. Und gehört damit zum unbedingten Hintergrundwissen für alle, die in den kommenden Jahren erneut mit der Frage nach Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit befasst sein werden. Alleine schon beides auseinanderzuhalten überfordert nach meiner Einschätzung viele Journalisten: Nicht, ja, bei weitem nicht jeder Wohnungslose sitzt auf der Straße. Die Kernpunkte:

  • Grundlage der Schätzung der BAG W ist einer Fortschreibung einer Studie des Bundesbauministeriums – aus dem Jahr 1992.
  • „Die Zahl der Obdachlosen wiederum beruht auf einer Art Erfahrungswert: Erhebungen in einzelnen Städten hätten ergeben, dass es in etwa viermal so viele bei freien Hilfseinrichtungen untergebrachte Alleinstehende gibt wie Obdachlose. Die Zahl der Menschen auf der Straße wird daher geschätzt, als ein fester Anteil aus dem Schätzwert der Menschen ohne Wohnung.“
  • NRW versucht, eigene Zahlen zu erfassen – „2016 zählte man zum Stichtag am 30. Juni rund 25.000 Wohnungslose. In Nordrhein-Westfalen lebt knapp ein Viertel der deutschen Bevölkerung, bundesweit käme man grob überschlagen auf rund 115.000 Wohnungslose. Bei der BAGW heißt es, man rechne nicht mit Stichtagen, sondern bezogen auf das Gesamtjahr. Man müsse deshalb die Zahlen etwa verdoppeln, damit sie mit der BAGW-Schätzung vergleichbar seien.“
  • Das bedeutet: die BAG W zählt, wie viele Menschen im Laufe eines Jahres auch nur einen Tag wohnungslos waren – auch wenn diese inzwischen schon wieder eine Wohnung haben. Das sorgt für tendenziell höhere Zahlen als eine Stichtagsregelung.
  • Sowohl die BAG W, die um die Probleme bei der Erhebung weiß, als auch einzelne Politiker fordern, dass der Staat, die Kommunen und am Ende auch der Bund mit seinem „Armutsbericht“ die Zahl besser erfassen müsste.
  • Aber: Sobald der Staat von einem Problem tatsächlich weiß, müsste er etwas tun. Der Schwarze Peter liegt dann bei der Gesellschaft und der Politik. Im Augenblick können sich zumindest auf Bundesebene Politiker hinter „man weiß es nicht so genau“ und „dafür sind die Kommunen zuständig“ verstecken.

Dabei nimmt die Politik billigend in Kauf, dass das Bild des asozialen Deutschland auch deutlich überzeichnet sein kann, ja, wahrscheinlich sogar ist. Und deshalb ist dieser Artikel aus der ZEIT mein Favorit aus dem November 2017. Und Beispiel für wirklich guten Journalismus.

3. Januar 2018
von Michael Scheuch
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Ach: #keinjournalismus (1): Die Fahrkarte 2.0 / Petition der Woche / Leserimpuls

Ich werde immer schlechter gelaunt, das kann an Weihnachten liegen, am Alter oder daran, dass die Zeitungskollegen so gerne auf die ÖR-Kollegen einschlagen, dass Zeitschriftenverlegerbände von Qualitätsjournalismus schwafeln, Auflagenverluste betrauern, Lobbyarbeit für die Umgehung des Mindestlohns machen, Verleger jammern, aber niemand daran zu denken scheint, einfach den Job besser zu machen, sich für Kunden und Käufer und Bürger wichtig und wertvoll zu machen. Unter #keinjournalismus sammle ich mal, worüber ich so stolpere, allesamt nur Symptome. Und ich denke, dass die Kolleginnen und Kollegen, die #keinjournalismus machen in der Regel nichts dafür können – zu schmal die Ressourcen, zu schwach die Leserorientierung des Blattes, zu wenig Zeit zur Reflexion.

Am 19.12. Darmstädter Echo und wahrscheinlich alle VRM-Blätter: „Die Fahrkarte 2.0“. Ein Jubelstück, in dem einfach abgepint wird, was die PR-Abteilung des RMV dem Reporter vorkaut.

Beide Varianten haben große Vorteile (…) Die Funktionsweise des eTickets ist denkbar einfach (…) Sorgen um die Sicherheit müssten sich Kunden dabei nicht machen – im Gegenteil (…)  Dort kann auch direkt die gewünschte Fahrkate (sic!) gekauft und aufgebucht werden. Alternativ können Fahrgäste dies anschließend an einem Fahrkartenautomaten erledigen. (…)

Das Übliche. Meine Erfahrungen sind ganz andere. Und die von vielen anderen sicher auch. Journalismus? Habe ich keinen gefunden.

Bei der taz gibt es „Die Petition der Woche“, mit der man ganz dicht an der Basis der „Bewegung“ bleiben will. Tierwohl in der Krippe ist der Text vom 8.12. betitelt. Es geht um Tiere, die als Deko eine Krippe bestücken, nämlich um

zwei Schafe, ein Esel und ein Kalb

und das gefällt Tierschützern nicht, deswegen gibt es eine Petition dagegen. Hurra. Dafür wurden Online-Petitionsplattformen erfunden.

Es geht hier aber um den journalistischen Text.

Kurz vor der Eröffnung des diesjährigen Weihnachtsmarkts ist deshalb in den sozialen Netzwerken der Region eine Diskussion entbrannt

Das ist der Anlass. Gut, dass es in der Region soziale Netzwerke gibt. Und das das Statement:

„Man muss nur zehn Minuten in Stallnähe stehen, schon hört man die Tiere wimmern“, sagt eine junge Frau aus Bad Salzuflen. Sie ist Teil einer Gruppe, die sich dem Tierwohl verpflichtet fühlt und ein baldiges Ende der lebendigen Weihnachtskrippe fordert.

Bisschen komisch, dass die „junge Frau aus Bad Salzuflen“ ihren Namen nicht nennen mag. Andere Medien sprechen davon, dass hinter dem Protest gegen die lebende Krippe PETA steckt (Westfalen-Blatt).  Schade, dass das die taz nicht zu berichten weiß. Dass sie das Wimmern der Tiere nicht mit eigenen Ohren hört, das liegt daran, dass der Journalist nicht vor Ort ist. Und wohl nur mit der „jungen Frau“ gesprochen hat. Wenn überhaupt. [Inzwischen denke ich: Eher nicht] Weiterlesen →

20. Dezember 2017
von Michael Scheuch
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Politik für Selbstdenker – FDP in Darmstadt

Nur eine kleine Randnotiz aus der Stadtverordnetenversammlung Darmstadt und der Debatte um den Haushalt, so berichtet vom Darmstädter Echo:

Hierzu formulierte der Fraktionschef der FDP, Sven Beißwenger, ganz andere Gedanken. Mit gefördertem Wohnungsbau hole man sich Menschen in die Stadt, „die man hier nicht haben will“.

Wow, das ist die FDP, wie wir sie kennen, oder? Geht manchmal im schwarzweiß-Foto-Gedöns und „Bedenken Second“ unter. Zur Frage nach bezahlbarem Wohnraum ist das nochmal deutlich weniger als ein Achselzucken, sondern ein Schlag ins Gesicht für alle, die nur mühsam den steigenden Mieten nachkommen können.

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3. Dezember 2017
von Michael Scheuch
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Erregbare Debatten und Journalismus – Update

Oh, ho. Ich sage mal das böse Wort: Glyphosat.

Schon geht bei vielen Menschen das Adrenalin hoch. Bei Dir auch?

Wollte ich nicht, aber lässt sich möglicherweise nicht vermeiden. Bei mir war heute nach der „taz am wochenende“-Lektüre das Maß voll, nämlich mit dem möglicherweise dümmsten Beitrag zur Debatte, den ich bisher lesen durfte. Jost Maurin mit seiner Moritat „Viele Bauern sind Glyphosat-Junkies„.

Es war dieser Satz, der in seiner Absurdität die ganze Debatte wiederspiegelt:

Die Mengen, die wir mit den Lebensmitteln zu uns nehmen, sind gering, die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, ist daher niedrig. Aber selbst wenn es nur einen Menschen treffen sollte, wäre das einer zu viel. Da Betroffene sogar sterben können, ist klar: Solche Stoffe dürfen nicht auf den Markt, selbst wenn die Krebsgefahr (noch) nicht völlig bewiesen ist.

Dieser Logik folgend endet die Herstellung von Pommes Frites, die Teilnahme am Straßenverkehr und der Verkauf von Haushaltsleitern. Jetzt und hier. Sofort.

Es ist die letzte verzweifelte Zuspitzung, die am Ende die Grundlage der Argumente zeigt – und den Unwillen, der anderen Seite überhaupt noch zuzuhören. Wir sind umgeben von Stoffen, die unser Leben verkürzen können, und Grenzwerte sind vor allem politische Grenzsetzungen, die wenig mit Wissenschaft zu tun haben. In diese Grenzwerte fließen wissenschaftliche Erkenntnisse genau so ein wie Abschätzungen darüber, wie viel allgemeines Lebensrisiko wir als Menschen zu ertragen bereit sind. Da gibt es etwa dieses Radon, das nunmal natürlichen Ursprungs ist. Können uns Grenzwerte hier schützen? Weiterlesen →

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27. November 2017
von Michael Scheuch
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Selbstbetrug und Lesertäuschung? Die European Newspaper Awards

Es war der Tag nach der „Jamaika platzt“-Nacht. Man kann den Tageszeitungen nicht vorwerfen, dass sie an diesem Morgen ganz besonders alt aussahen. Viele haben auch sehr zurückhaltend, also journalistisch sauber und vorsichtig geschlagzeilt.

Was mich viel mehr an meiner Tageszeitung, dem „Darmstädter Echo“ frustriert hat, das war das untere Drittel der Titelseite. Wohlgemerkt: in den wahrscheinlich nachrichtenstärksten, zumindest aber auch journalistisch spannendsten Wochen des Jahres:

„Drei Newspaper-Awards für VRM-Titel“, so die einigermaßen kryptische Überschrift, denn ich denke, immer noch wissen wenige Leser mit dem Kürzel VRM etwas anzufangen – es handelt sich um die ehemalige „Verlagsgruppe Rhein-Main“, die jetzt VRM heißen will, nicht mehr als Abkürzung, sondern einfach nur so.

Ist das eine Mitteilung, Eigen-PR, Nachricht? Ist das so relevant, dass es auf die Titelseite muss? So groß? Weiterlesen →

22. November 2017
von Michael Scheuch
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Öffentlicher Nahverkehr: zum Scheitern verurteilt dank @rmvdialog

Kinder, Schule in Nachbarort, Straßenbahn. Soweit, so einfach. Dass die Bahn jeden Morgen komplett überfüllt wird, da Schüler für zwei Schulen gefahren werden und das Gedränge mörderisch ist – ein anderes Thema.

Aber da ist vor allem der Spaß mit den Monatskarten. Die sind jetzt ja elektronisch, was die Verkaufsstelle in einem Schreibwarenladen chronisch unter Stress setzt, denn der Rechner dort ist langsam, und die Software zum Aufladen der Karte anscheinend so besch… programmiert, dass der kleinste Fehler im endlosen Klickmarathon auf dem Weg zum Ziel, zum Abbruch, Fluchen und Neuanfang führt.

Nachdem ich versucht habe herauszufinden, ob man das nicht auch „easy“ über das Internet machen könnte (Zeitfahrschein auf Elektronischem Ticket, das kann doch nicht so schwer sein), habe ich noch mehr Mitleid mit den Mitarbeitern vor Ort.

Vorweg: die Tarife, die Tarifbezeichnungen, die Regeln für Tarifzonen und andere Einschränkungen, sind so kackkompliziert dass die Webseiten selbst niemals aktuell sein können. Schöne Übersichtsseite: Alle Fahrkarten im Überblick, der RMV spricht gar vom Fahrkartensortiment. Das Problem: immer wenn ein Tarifplaner oder Marketingfuzzi eine neue Idee hat, müssten eigentlich dutzende bis hunderte Webseiten geändert werden – weil schlicht und ergreifend auf zu vielen Seiten verteilt Dinge angesprochen werden. Als Beispiel könnte man den Begriff „Clevercard“ nehmen: das Angebot gibt es nicht mehr. In schönstem Beamtendeutsch:

Alle CleverCards kreisweit und das MobiTick wurden zu Beginn des Schuljahrs 2017/2018 abgelöst durch das Schülerticket Hessen. Vorhandene CleverCards behalten ihre Gültigkeit bis maximal zum 30. Juni 2018.
Die CleverCard wird zukünftig nur noch für Mainz (Tarifgebiet 6500) angeboten sowie für Fahrten in bestimmte Übergangräume (siehe „Tarifdetails“). Für andere Relationen kann das Schülerticket Hessen genutzt werden.

Übersetzt: die Clevercard gibt es nicht mehr, jedenfalls fast. Was es noch gibt, das sind Unmengen an Seiten, die auf die Clevercard, die man nicht mehr kaufen kann, verweisen.

Das gilt etwa für die Seite, auf der ich mit meiner eigentlichen Problemstellung lande, Weiterlesen →