Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

18. Juli 2018
von Michael Scheuch
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Steuerzahler(bund)-Gedenktag: PR at it’s best

Es gibt nichts besseres für einen Interessenverband als ein Anlass, sich jährlich in die Schlagzeilen zu drängeln, mit irgendwelchen „Tagen“ oder irgendwelchen „Studien“ oder irgendwelchen „Auszeichnungen“. Großartig macht das seit Jahren der Bund der Steuerzahler – mit dem angeblichen Tag, bis zu dem der arbeitende Teil der Bevölkerung angeblich in einem Jahr nur für „den Staat“ gearbeitet hat.

Und jährlich muss man wohl daran erinnern, was das für ein Quatsch ist. Etwa Peter Bofinger:

Und auch Stefan Bach bleibt nur, auf seinen Artikel in der ZEIT vom Vorjahr zu verweisen:

„Vulgärokonomischer Populismus“, anders wird man es nicht sagen können, was die Interessenvereinigung der Besserverdienenden (Soli abschaffen, warum das unsozial ist hier) da jedes Jahr spielt. Und die Medien spielen mit, mit, mit:

Screenshot news.google.de 18.7.2018

Aus dem oben genannten Zeit Artikel, der nachweist, dass die Bezugsgröße falsch ist, Sozialabgaben auch Versicherungsleistungen sind und selbst der Staat Steuern zahlt – und „Durchschnitte“ ohnehin problematisch sind:

Trotz all dieser Unzulänglichkeiten kommt der Steuerzahlergedenktag gut an. Er appelliert an die diffusen Überlastungsgefühle. Dabei wird ignoriert, dass seit zwanzig Jahren nur noch die Reichen nennenswert reicher werden und zugleich steuerlich entlastet wurden, während die Mittelschichten nur noch mit mickrigen Einkommenszuwächsen vorliebnehmen mussten, die von steigenden indirekten Steuern und der Einkommensteuerprogression aufgezehrt wurden. Außerdem verfällt die öffentliche Infrastruktur und die staatlichen Leistungen sind schlechter geworden.

Seine Feststellung gilt:

Steuern und Sozialbeiträge sind das Geld der Gesellschaft. Damit finanziert der Staat die öffentlichen Güter und Leistungen, die für das Funktionieren einer modernen Volkswirtschaft und den sozialen Ausgleich unabdingbar sind. Insoweit bekommen Bürger und Unternehmen das Geld wieder zurück.

Effizienzgewinne sind möglich, manches Geld wird verschwendet, falsch ausgegeben, und fehlt an anderer Stelle. Dafür kann man Politiker wählen oder abwählen. Von einer Welt ohne Steuern hätte wahrscheinlich niemand etwas. Noch nicht mal die Superreichen.

 

Bild von Martin Fisch die stehen unter Creative Commons“ (CC-BY-SA)

15. Juli 2018
von Michael Scheuch
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Meine Leseliste (18/13): China

Ich empfehle jetzt mal zwei Bücher:

Stefan Baron, Guangyan Yin-Baron: Die Chinesen: Psychogramm einer Weltmacht
2018, 448 Seiten, Econ

Stefan Baron, Guangyan Yin-Baron: Die Chinesen: Psychogramm einer Weltmacht

Stefan Baron, Guangyan Yin-Baron: Die Chinesen: Psychogramm einer Weltmacht

Ich verstehe nun wirklich besser, wie dieses China funktioniert. Ein wahrer Rundumschlag, den Stefan Baron da hinlegt, mit historischen und geistesgeschichtlichen Grundlagen, die beim Lesen klar machen, warum es ein Problem ist, wenn wir versuchen, aus zentral-mitteleuropäischer Sicht China zu verstehen. Denn es spielt am Ende doch eine Rolle, in welcher Tradition man aufwächst. Das beginnt beim Rechtssystem und der Bedeutung von Gesetzen, Verträgen und der Dritten Gewalt. Und endet nicht bei den Früchten der Aufklärung, aber auch den Traditionen katholischer oder protestantischer Soziallehre. China ist anders, das macht das Buch enorm deutlich.
Und wird es wirklich so sein, dass sich der westlich-liberale Lifestyle mit der Öffnung der Chinesen für Handel und kulturellen Austausch durchsetzt? Es spricht nicht sehr viel dafür.
Die Bewunderung für das Land und seine Bewohner ist dem Buch anzumerken, und lange beschäftigt sich Baron auch damit, wie das Ausland immer auf China geblickt hat – mal bewundernd, dann zunehmend abschätzig und verächtlich. Und was dieser Blick in China selbst bewirkt hat.
Umfassend, umfangreich, spannend und für die Zukunft wirklich wichtig.
Ein paar blinde Flecke gibt es. Erklärt mir bitte das chinesische „Sozialsystem“ – denn da kann sich viel Sprengstoff ansammeln, wenn Eltern zum einen horrendes Geld für die Ausbildung ihrer Kinder ausgeben müssen, umgekehrt aber auch für das Alter der eigenen Eltern zahlen müssen. Entsteht eine kapitalgedeckte Altersvorsorge? Wie funktioniert das Gesundheitssystem?
Und, wenn China zuförderst als außenpolitisch nicht aggressiv geschildert wird: was ist mit Tibet.

So bleiben dennoch Fragen offen. Die Lektüre lohnt sich dennoch sehr

 

Wolfgang Hirn: Chinas Bosse: Unsere unbekannten Konkurrenten
2018, 284 S., Campus

Wolfgang Hirn: Chinas Bosse: Unsere unbekannten Konkurrenten 2018, 284 S., Campus

Wolfgang Hirn: Chinas Bosse: Unsere unbekannten Konkurrenten 2018, 284 S., Campus

Über weite Strecken ist „Chinas Bosse“ ein Nachschlagewerk zu den aktuellen chinesischen Firmen, beschreibt aber auch sehr gut, welche Arten von Unternehmen es in der Volksrepublik gibt. Wer wissen will, welche Unternehmen sich hinter vielen Sponsoren-Namen bei der WM verbergen: hier ist man richtig. Und richtig sensibel macht einen das für den sagenhaften Aufstieg der chinesischen Unternehmen. An ZTE, Xiomi und Huawei lässt sich das ja etwa auf dem Smartphonemarkt nachvollziehen: vor zehn Jahren unbekannt, vor fünf Jahren die „billigen“ Chinesen, und heute teilweise technologisch an der Spitze mitspielend – man denke an das Huawei P20.
Es geht um Indus

triepolitik, den Staat, die Politkader in den Unternehmen, über einen Haufen Tellerwäscher-Karrieren. China befindet sich da, wo sich der Westen in der Sturm- und Drangzeit der Industrialisierung befand, nur techologisch und unternehmerisch im 21. Jahrhundert. Der Staat läßt in vielen Bereichen die Zügel locker, setzt aber anderswo Prioritäten, und niemand sollte sich wagen, sich den Plänen der Staatsführung in den Weg zu stellen. Das wissen die Manager hinter Tencent, Baidu, Alibaba. Das bekommen die Merkwürdigen Vier, auch „die Nashörner“genannt HNA(u.a. Aktionär bei der Deutschen Bank), Wanda, Fosun und Anbang zu spüren. Der Staat stützt sie, bremst aber auch ihren ungeheuren Einkaufshunger bei westlichen Firmen aus.
Wer „Chinas Bosse“ gelesen hat, bleibt bei aktuellen Wirtschaftsnachrichten auf dem Laufenden, denn wenn etwa CATL eine Batteriefabrik in Thüringen plant, wo BMW einsteigen will, dann ist hier der Hintergrund zu Unternehmen und Strategie.
Es ist wichtig, diese neuen Firmengeschichten genau so zu kennen wie die Erfolgsstorys von Amazons Jeff Bezos, Apples Tim Cook, Elon Musk, Zuckerberg. Wir sollten Ma Huateng alias Pony Ma, Jack Ma, Robin Li, Wang Jianlin genau so auf dem Zettel haben.
Manchmal nervt ein wenig der etwas zu euphorische Stil des Autors, wenn er über die Innovationen der Unternehmen spricht – es ist doch klar, in einem Land ohne Girokontensystem und Kreditkarteninfrastruktur setzt sich digitales Bezahlen nunmal schneller durch. In vielen Bereichen hat China die Chance, Entwicklungsschritte zu überspringen – und tut das auch, etwa bei der E-Mobilität.
Und der Epilog mit einem beinahe verzweifelten Appell an die Europäer, bitte endlich gezielte Industriepolitik zu betreiben, gehört wahrgenommen. Die „Liebe zum freien Markt“, die Deutschlands Spitzenökonomen so vor sich hertragen, wird gegenüber der merkwürdigen Kombination aus Steuerung und Markt „Made in China“ über kurz oder lang ins Hintertreffen geraten. Und China hat Großes vor bis 2049, wenn sich die Gründung der Volksrepublik zum 100. Mal jährt. Das muss nicht schlecht sein für die Welt, für die Europäer. Nur ein naives Weiterwurschteln wird nicht helfen.

 

 

12. Juli 2018
von Michael Scheuch
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Is there anybody out there: meine Fragen zur #DSGVO

Die Datenschutzgrundverordnung ist vor allem für Ehrenamtliche in Vereinen ein steter Quell der Freude. Und der Fragen. Wenn schon deren Initiator auf seiner Webseite nicht auf Anhieb ordentlich Auskunft geben kann, wer dann?

Natürlich die hauptberuflichen Datenschützer. Und, hurra auf den Föderalismus, davon haben wir in der Bundesrepublik ja auch reichlich, denn auch europäisch vereinheitlichter Datenschutz ist, natürlich, Ländersache.

Also wende ich mich vertrauensvoll an unsere Profis. Die ja klar gesagt haben: Jetzt geht’s los, ihr hattet alle zwei Jahre Zeit, Euch auf die DSGVO einzustellen. Das besonders liebenswerte Exemplar der Gattung Datenschützer Lutz Haase, seines Zeichens im wundervollen Freistaat Thüringen für den Schutz der Bits und Bytes zuständig, hat es unnachahmlich so formuliert:

Es gibt nach zwei Jahren Übergang keine Schonfrist mehr, bei Verstößen sind regelmäßig Bußgelder fällig.

Genau. Wo kommen wir denn hin, wenn man zwei Jahre lang Zeit hatte, sich auf die Situation vorzubereiten.

Die hatten allerdings auch die Landesdatenschützer. Und jetzt das: Datenschutzbeauftragte klagen wegen Überlastung.

„Wir nennen uns nur noch Call-Center“, sagte eine Sprecherin des hessischen Datenschutzbeauftragten Michael Ronellenfitsch. „Die Zahl der Anfragen ist extrem hoch. Vor allem bei Firmen, Kommunen und auch bei Vereinen herrschen große Unsicherheiten.“ Auch Privatleute wenden sich mit ihren Fragen an den Datenschutzbeauftragten und sein Team. Wie viele formale Beschwerden unter den Anfragen sind, konnte die Sprecherin nicht beziffern.

In Thüringen dagegen gab es nach Angaben des Datenschutzbeauftragten Lutz Hasse keinen signifikanten Anstieg von Beschwerden im Zusammenhang mit der Datenschutzgrundverordnung. „Allerdings haben sich die Eingangszahlen auf bis zu 500 pro Tag deshalb stark erhöht, weil sehr viele Fragen – auch von Unternehmen – zur DSGVO gestellt werden“, erklärte Hasse. „Das ist sehr schön, drückt unsere Behörde aber kapazitätsmäßig ganz schön in die Knie.“

Och. Keine zwei Jahre Zeit genutzt, sich auf diese Fragen vorzubereiten?

Auch in Bayern und Baden-Württemberg hat man wohl viel zu tun. Hier meine beiden Anfragen an die Ämter. Weiterlesen →

Photo by Patrick Brinksma on Unsplash

5. Juli 2018
von Michael Scheuch
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Meine Leseliste (18/12): Kriminalstatistik / Dicke Eltern / Irland und die Demokratie / Wohlfühlindustrie

Ich finde es immer großartig, wenn andere einen Blick hinter vielzitierte statistische Zahlen werfen. Und lerne niemals aus

Kriminalstatistik

Zum Beispiel, dass ein Flugzeugabsturz Zahlen ganz schön nach oben treiben kann und dass in der PKS Zahlen erst in dem Jahr auftauchen, in dem ein Fall ausermittelt ist.

Tagesschau – Faktenfinder: Die Krux mit den Statistiken

Wissenschaftler des Instituts für Kriminalwissenschaften der Universität Münster analysierten für den ARD-faktenfinder die Entwicklung der Zahl der polizeilich registrierten Opfer eines vollendeten vorsätzlichen Tötungsdeliktes (Mord und Totschlag). Diese Zahl stieg demnach im Jahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr deutlich an: von 589 Opfern auf 876.

Wie kommt es zu diesem starken Anstieg? Die Statistik für 2016 führt die 149 Opfer der Germanwings-Katastrophe aus dem Jahr 2015 auf (IMK-Bericht, Seite 33). Denn die komplexen Ermittlungen zu dem gezielten Absturz waren erst 2016 beendet. Dazu kamen noch 72 Opfer eines Krankenpflegers, dessen Mordserie nach und nach ausermittelt wurde.

Aha. Wir haben tatsächlich, im Gegensatz zu dem, was Krimis und hervorgehobene Berichte über Gewaltverbrechen suggerieren, eine so geringe Zahl an Opfern aus Mord und Totschlag, dass sich die Statistik leicht verzerren lässt.

Dicke Eltern

taz: Deutschland wird immer fetter

Studien sind ja ein PR-Instrument, diesmal für die AOK. Ergebnisse: manchmal lau. Findet diesmal sogar die taz.

Doch die Autori*nnen der Familienstudie machen es sich zu leicht, fassen sie doch zusammen: „Wenn Eltern sich viel bewegen und mit ihren Kindern viel unternehmen, wirkt sich das positiv auf die Entwicklung und die Gesundheit der Kinder aus. Sie haben weniger Beschwerden und sind besser drauf.“ Doch wie gut drauf eine Person ist, hängt von deutlich mehr Komponenten ab als davon, wie übergewichtig jemand ist oder wie viel Zeit am Smartphone verbracht wird.

Danke. (Ich empfehle ein taz-WE-Abo)

Irland und die Demokratie

Ich glaube ja schon nicht so wenig zu lesen, aber am Ende dauert es dann manchmal Monate, bis ich wieder ins SZ-Magazin reinblättere. Das lohnt sich oft, wenn auch nicht immer. Diesmal hat es sich gelohnt. Denn es ist eine Geschichte, wie man Demokratie retten könnte, wenn man das nur wollte. Eine Geschichte über Homophobie und Politiker, die erst lernen müssen, sich mit dem Volk an einen Tisch zu setzen – was aber am Ende dazu führt, dass man sich gegenseitig besser versteht. Stochastokratie, die Herrschaft des Zufalls, kann durchaus eine Ergänzung zur Demokratie sein: Laien, Bürger und Experten und Politiker arbeiten an der irischen Verfassung. Ein Mammut-Projekt, das vielleicht nicht konsequent zu Ende geführt wurde. Aber zeigt, dass es jenseits vom Geschrei nach „Volksabstimmungen“ noch andere Beteiligungsformen geben kann.

Die Story heißt Ich und der ganz andere (Pay, kostenloser Testzugang, Tagespass 1,99 EUR, Blendle 0,79 EUR) und handelt von zwei Männern, die kaum unterschiedlicher sein könnten, aber die Geschicke des Landes maßgeblich geprägt haben.

Strahlen nach Zahlen

Aus dem gleichen Heft: Strahlen nach Zahlen (Pay, kostenloser Testzugang, Tagespass 1,99 EUR, Auch bei Blendle für 0,79 EUR). Köstlich geschrieben, so wie im Anreißer geht es weiter:

Was früher eine banale Gewohnheit war, kann morgen ein kommerzieller Trend sein: Das Frühaufstehen etwa wird jetzt als „Miracle Morning“ vermarktet. So erobert die Wohlfühl-Industrie die letzten Ruhezonen des Alltags.

Ein Blick auch auf den Ratgeberalltag deutscher Verlage. Und Trends, die sie dann übermorgen auch im TV sehen.

 

Photo by Patrick Brinksma on Unsplash

 

marfis75 on flickr

4. Juli 2018
von Michael Scheuch
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Unwählbare Grüne und die digitale Welt

Nachdem sich schon der Grüne Jan Albrecht mit seiner DSGVO bei mir herzlich unbeliebt gemacht hat zeigt heute in der FAZ (nicht online bisher) die EU-Abgeordnete Helga Trüpel, dass mit dieser Partei in Sachen Digitales und Freiheit kein Staat zu machen ist. Ihr Beitrag lautet „Von der Freiheit der Internetgiganten“ und im Großen und Ganzen schlägt sie in die Anti-Google/Apple/Amazon/Facebook-Kerbe, was sicher in der grünen Zielgruppe ihres Jahrgangs unheimlich gut ankommen wird. Sie erläutert, warum sie der großartigen Urheberrechts-Vorlage zustimmen wird. Hintergründe:

Heise de: EU-Copyright-Reform: Auch beim Leistungsschutzrecht Vorwürfe gegen Kritiker

Netzpolitik.org: EU-Innenminister fordern Uploadfilter gegen Hass und terroristische Handlungen

In ihren länglichen Auslassungen vermengt sie eine Menge Dinge mit der Argumentation pro Upload-Filter und LSR, die sich zwar gegen die großen Firmen richten, mitnichten aber durch diese Regelungen beseitigt werden. Sie jammert etwa darüber, dass die Algoritmen der Firmen etwa bei Suchfunktionen etc. nicht offen liegen. Das wird durch das Urheberrecht sicherlich gelöst werden (?). Dann findet sie es blöde, dass die Unternehmen nicht angemessen besteuert werden. Genau: das wird diese Urheberrechtsreform sicherlich lösen (?).

Sie folgt dann der Argumentation der Verlage, dass sich aus der marktbeherrschenden Stellung etwa die Pflicht für Google ergibt, die Inhalte der Verlage auffindbar zu machen. Auf der anderen Seite dann aber auch dafür zahlen zu müssen.

Das typische Grünenblabla erspart sie uns nicht:

Progressive Politik sollte diesen Problemen mit der notwendigen Kraft für gesellschaftliche Erneuerung und politische Aufklärung begegnen.

Amen, Schwester. Das wird durch Upload-Filter und das LSR sicher geschehen. Es sind die alten Industrien Europas, die den Anschluss verpasst haben, die jetzt ihr Heil in der Regulierung des Netzes suchen.

Beim LSR bin ich mir sicher: Epoch Times, Tag24, Tichys Einblick, Knopp und wie sie alle heißen werden sicherlich gerne einen Vertrag mit Google machen, dass man ihre Inhalte finden darf, ohne das Google dafür zahlen muss. Und die glorreichen Verleger werden dafür ausgelistet. Das wird unserer Demokratie sicher „progressiv“ weiterhelfen.

Und nach hinten raus kommt dann noch diese abstruse Idee wieder hochgepoppt:

In der Diskussion stehen außerdem eine Öffnung der Datenberge der Internet-Monopole für Mitbewerber …

W T F.

Erst soll ich per DSGVO zu jedem Scheiß eine möglichst weitgehende Einverständniserklärung abgeben, wenn ich Dienste nutzen will, und dann will Helga Trüpel, dass meine Daten auch noch weitergegeben werden – ohne dass ich etwas davon habe? Da würden sich Arvato und Springer aber freuen, wenn sie „anstrengungslos“ meine bei Google gespeicherten Daten bekommen. Ich bekomme bei Google teilwese großartige Gegenleistungen, etwa das Navigationssystem, Google Drive, Google Foto. Dass das Unternehmen dafür Daten hat: klar. Aber die „Datenberge“ in die Hände anderer versetzen?

Ich habe gelesen, dass Trüpel in der grünen Fraktion eine Minderheitsposition vertritt. Untypisch für den digitalen Analphabetismus der Partei scheint mir das aber nicht zu sein.

Übrigens auch nicht für die SPD. Ihre Chefin reitet ja auch irgendwas mit Digitalkapitalismus (pfui):

Nahles schlug vor, zu überlegen, ob beispielsweise die großen Plattformen im Internet ab einer bestimmten Größe ihre Datenmengen mit den Wettbewerbern teilen müssten. „Die Daten würden somit zu einem Gemeinschaftsgut.“

W T F.

 

 

Bild: marfis75 on flickr

 

28. Juni 2018
von Michael Scheuch
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Uploadfilter, der DJV und alternative Fakten

Kurz: im EU-Parlamentsausschuss passierte eine Vorlage, die Uploadfilter und ein europaweites LSR vorsieht. Um das ganze noch durchs Parlament zu bringen lobbyieren, nach eigener Aussage,

alle(r) Akteure der Kultur und Medienwirtschaft

in einem Brief an die Abgeordneten. Heise berichtet hier. In der illustren Runde finden sich auch Verdi und der Deutsche Journalistenverband DJV. Unmissverständlich stellt sich der Brief komplett hinter die im Ausschuss gemachte Vorlage an das Parlament.

Doch der DJV hat alternative Fakten:

Die angegebene Webseite enthält den Text:

„Wesentliche Forderungen von uns werden in dem Beschluss widergespiegelt“, erklärt DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. Dazu gehöre etwa, dass Content-Plattformen zukünftig Verantwortung für die Nutzung der urheberrechtlich geschützten Werke übernähmen. Überall: „Wir wollen, dass es zu vertraglichen Regelungen mit den Rechteinhabern kommt, am besten über Vereinbarungen mit den Verwertungsgesellschaften.“ Das sei ausdrücklich kein Votum für die umstrittenen Upload-Filter.

Äh. Doch. Sonst müsste das ja im Appell der „Kultur- und Medienwirtschaft“ drinstehen, so „wir finden das gut, wollen aber keine Upload-Filter“. Der Text ist so angenehm kurz, dass man schnell feststellt: das steht da nicht.

Also fordert der DJV von den EU-Abgeorndeten auch die Upload-Filter durchzuwinken.

Ge“klärt“ ist gar nichts. Höchstens dass die Mediengewerkschaften in der verzweifelten Hoffnung, es mögen ein paar Brosamen für die „Urheber“ und nicht nur die „-Wirtschaft“ abfallen, alles mittragen, was die Verlegerverbände so haben wollen. Gruselig.

(dass die Deutsche Fußball-Liga DFL zu den Medien- und Kulturschaffenden zählen soll: auch gruselig)

 

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23. Juni 2018
von Michael Scheuch
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Aha: so stellen sich Verleger das Netz vor

Ein Rant darüber, dass viele von DIGITALISIERUNG schwadronieren, nicht aber den geringsten Schimmer davon haben, was das denn sein könnte, ist extrem überfällig. Und dabei habe ich gerade ein anderes Beispiel vor Augen, aber jetzt kommt das daher, die „Positionen der deutschen und europäischen Verlegerverbände zum EU-Leistungsschutzrecht“.

Fällt was auf? Normalerweise verlinke ich an dieser Stelle den Artikel, auf den ich mich beziehe.

Die Verleger, die uns gerade das „Leistungsschutzrecht“ auf EU-Ebene bescheren wollen, behaupten auf Twitter vollmundig

Screenshot Twitter 23.6.18

Auch hier mal kein Link von mir, kein embedden. Nix.

Und warum? Weil die Verleger genau das, das Verlinken, in ihren „Hier die Fakten“ Beitrag auch nicht machen. Da werden die dicksten Tatsachenbehauptungen aufgestellt, aber: keine Links zu den Quellen gesetzt. Etwa hier:

Untersuchungen der EU-Kommission haben ergeben, dass fast 50 % aller Internetnutzer nur die Ausschnitte lesen, die Online-Dienste aus Presseveröffentlichungen auf ihren Seiten anzeigen und nicht den Artikel im Presseerzeugnis. Die von manchen behauptete „Win-Win-Situation“ gibt es deshalb nicht. Das hat die Kommission in ihrem umfassenden Impact Assessment ausführlich beschrieben. Stattdessen führt der geltende Rechtszustand zu einem Marktversagen zu Lasten der Presse.

Es wäre jetzt mal zu klasse, diese Untersuchungen der EU-Komission unter die Lupe zu nehmen. Aber verlinken ist nicht. Und das gilt für den ganzen langen Artikel: wo behauptet wird, fehlt der Beleg.

Genau so stellen sich die Verlage und ihre Verbände das Netz vor: immer erstmal glauben, was die behaupten. Nicht belegen, nicht nachprüfbar machen. Ich sage dann mal:

Fast 100 Prozent aller Kioskbesucher betrachten die Schlagzeilen und Titelseiten der angebotenen Zeitungen und Magazine und kaufen dann doch nicht alle.

Ich muss das ja jetzt nicht belegen, glaubt mir.

Grundlegend: das Verlinken ist das Wesen des Internet. Das haben Verleger, Verbände, EU-Abgeordnete, Politiker aus fast allen Parteien nicht verstanden, und sie wollen es auch nicht verstehen. Sie wollen, dass alles noch so ist wie damals, als man seine Tageszeitung abonniert hatte und alles geglaubt hat, was da drin steht.

Um das zu erreichen gehen sie alle möglichen Wege. Zur Freude der „alternativen Medien“ von Rechts. Die werden sich weiter teilen lassen, ohne Rücksicht auf fehlende Einnahmen. Denn denen geht es nicht ums Geld, es geht um die Vernichtung des Nachkriegsdeutschland als Emanzipationsprojekt. Zurück ins Vorkriegsdeutschland.

 

 

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16. Juni 2018
von Michael Scheuch
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Studies from hell: Trinkgeld

Also, meine lieben Kolleginnen und Kollegen, jetzt wird es albern.

WELT, Berliner Zeitung, WAZ, mein Lokalblättchen: alle miteinander verwursteln eine „Studie“ aus Frankfurt. Hochtrabender Titel zumeist: „Studie: Diese sozialen Faktoren beeinflussen das Trinkgeld

Screenshot: Google NEws v. 16.6.2018

Ich mag gar nichts zitieren. Das ist so hohl, von der dpa verbreitet und muss deswegen halt auch rausgepustet werden. (Die Frage „Wie viel Geld geben Deutsche im Restaurant“, liebe WELT, wird weder in der so genannten „Studie“ noch im Artikel beantwortet. Thema verfehlt.)

Dabei könnte jeder Redakteur die Meldung nehmen, durchlesen, wegklicken. Spätestens bei diesem Satz:

Unter Anleitung von Professor Christian Stegbauer haben Studierende in einem Forschungsseminar in ausführlichen Interviews rund 40 Kellner und Gäste befragt.

Hat irgendwer schon mal was von „Stichprobengröße“ gehört?

Kellner und Gäste, macht also 20 Kellner und 20 Gäste. Sagenhaft. Egal, wie ausführlich die Interviews sind. Hier die Quelle

Unter Anleitung von Professor Christian Stegbauer haben Studierende in einem Forschungsseminar in ausIm Rahmen des Forschungspraktikums für Wirtschafts- und Finanz soziologie bei Prof. Christian Stegbauer führten die Teilnehmenden leitfadengestützte Interviews mit 40 Kellnerinnen und Kellnern sowie Restaurantgästen. Ein Teil der Interviewten arbeitet als KellnerIn in Vollzeit, als studentische Aushilfe oder Barkeeper in Lokalitäten vom Edelrestaurant über internationale Küchen bis hin zu gewöhnlichen Bistros. Der andere Teil bestand aus RestaurantbesucherInnen aus verschiedenen Berufsbranchen und Studierenden. Die Interviews thematisierten die soziale Einbettung der Trinkgeldgabe in soziale Routinen und die Aushandlung zwischen den Beteiligten. Am Seminar nahmen 19 Studierende teil, die in fünf unterschiedlichen Gruppen jeweils eine Teilfrage bearbeiteten.führlichen Interviews rund 40 Kellner und Gäste befragt.

Ich will hier nicht bestreiten, dass man so wissenschaftliches Arbeiten üben kann. Ich bestreite nur massiv, dass eine solche Arbeit diese Aufmerksamkeit verdient hat. Nicht dabei steht übrigens, wo die Interviews geführt wurden, ich gehe mal verwegen davon aus: ausschließlich in Frankfurt. Aber könnte es in eher tradtionelleren Städten mit weniger internationalem Publikum nicht anders zugehen? In Dorfgaststätten? Mittelzentren? Autobahnraststätten?

Ach, egal. Wieder eine „Studie aus der Hölle“. Und Journalismus wird nicht nur durch das Abpinnen von Titanic-Fakes kaputt gemacht.

 

 

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14. Juni 2018
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Nicht ernstzunehmen (1): Talkshowdebatte

Nicht ernstzunehmen (1): Talkshowdebatte

Ich sammle nur mal kurz „journalistische“ Beiträge, meistens „Meinungsstücke“, die ich nicht ernst nehmen kann und dann in die Tonne trete. Meist, weil der Autor von falschen Annahmen ausgeht.

Heute Nils Markwardt Die Sache mit dem Framing. Abgesehen von meinen Schwierigkeiten mit dem Modebegriff  – und natürlich geht es um Talkshows, die an allem Übel dieser Welt schuld sind – schreibt er bei Deutschlandfunkkultur:

Der anhaltende Erfolg von Plasberg, Maischberger und Co. ließe sich deshalb dialektisch deuten: Erwartungen und Enttäuschungen sind deckungsgleich geworden

Der Buzzer so: ÖÖÖHHHM.

Das mit dem „anhaltenden Erfolg“ gehört zu den „gefühlten Fakten“ des Autors, ich verweise auf DWDL mit dem Artikel mit der schönen Überschrift: Genug geredet: Sind die Zuschauer Talkshow-müde?

Für den Titel gibt es Gründe:

Tatsächlich macht sich bei den deutschen Zuschauern derzeit eine gewisse Talkshow-Müdigkeit breit. Seit Jahresbeginn verzeichnete „Anne Will“ am Sonntagabend im Schnitt 3,51 Millionen Zuschauer pro Ausgabe, das waren über 900.000 weniger als im Vorjahreszeitraum.(…)

„Anne Will“ ist mit ihren Quoten-Sorgen jedoch nicht alleine: Auch „Maybrit Illner“ erreicht in diesem Jahr deutlich weniger Menschen als noch 2017. Im Schnitt schalteten bis Ende Mai 2,51 Millionen Zuschauer ein, vor einem Jahr waren dagegen noch über drei Millionen am späten Donnerstagabend dabei. (…)

Der einzige Polittalker, der sich gegen den Trend stellt, ist Frank Plasberg (Foto). Mit rund drei Millionen Zuschauern pro Ausgabe ist „Hart aber fair“ derzeit am Montagabend auf ähnlicher Flughöhe unterwegs wie im vergangenen Jahr

„Anhaltender Erfolg“? Zahlen, Daten, Fakten – vernachlässigte Faktoren im Meinungsgeschäft.

Der DWDL-Artikel wirkt übrigens noch einer anderen steilen These entgegen, nämlich dass reine Quotengeilheit die Redaktionen zu den Flüchtlingsthemen treibe.

Beim Blick auf die Zuschauerzahlen von „Hart aber fair“ fällt übrigens auf, dass es vor allem die sozialen Themen sind, die die Menschen zum Einschalten bewegen. 2018 rangiert bislang eine Diskussion über Hartz IV auf der Spitzenposition, gefolgt von Talks über die Essener Tafel und Ungleichheit in Deutschland.

 

 

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7. Juni 2018
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Unzufrieden – offline-gehen als Lösung? Talkshowdebatten, Badehosen

Unzufrieden – offline-gehen als Lösung? Talkshowdebatten, Badehosen

Okay, ich muss vielleicht mal offline gehen, die letzten Tage waren nicht gut für mein Weltvertrauen („Alles wird gut“).

Da war die Gaulandsche Badehose. Ich brauche diese „Meldung“ nicht, und ich brauche dieses Foto nicht. Trotzdem bekomme ich das in Social Media und vor allem auf Twitter unglaublich unter die Nase gerieben. Ein relevanter Vorgang? Eher nein. Aber gibt es wenigstens ein hochtrabendes Bekennerschreiben der „anarchistischen internationalistischen Aktionsgruppe Badesee“?

Dann musste mal wieder jemand die Frage durchs Dorf treiben, ob denn die deutschen Talkshows daran schuld sind, dass es die AfD gibt. Das Thema ist so 2017. Aber das macht nichts. Vielleicht war es von der ARD nicht so toll programmiert, dass am Montag eine Doku zum Thema „Das Mädchen und der Flüchtling“ gezeigt und danach bei Plasberg dazu diskutiert wurde, am Mittwoch dann mit „Unterwerfung“ und einer Diskussion zum Reizthema „Islam“ angeschlossen wurde. Auf der anderen Seite beschweren sich immer alle über die Krimiflut und „seichte“ Unterhaltung. Schon klar.

Da werden dann Statistiken fabriziert:

„die Mühe gemacht“. Seit Januar 2015. Als Tortendiagramm sieht das läppischer aus:

Krass, was? Keine Reaktion des Balkendiagrammachers übrigens, Falk Steiner meint aber:

Finden kann man ja alles, nur sind 16 Prozent für wirklich eines der bestimmenden Themen der letzten drei Jahre „viel“?

Es wird in dieser Debatte sowieso viel „gefühlt“ und „gefunden“. Etwa ganz alte Artikel:

Weil gefühlte Wahrheiten so was tolles sind geht auch ein „Rant“ bei der Süddeutschen viral Wir diskutieren viel zu häufig über den Islam 

Dunja Ramadan findet:

Deshalb ist es kein Wunder, dass der Durchschnittsdeutsche davon ausgeht, dass 20 Millionen Muslime in Deutschland leben – dabei sind es nur 4,4 bis 4,7 Millionen, wie Studien belegen. Es ist auch kein Wunder, dass die Angst vor dem Islam so hoch ist, wenn gefühlt jeden zweiten Abend über „den“ Islam diskutiert wird – in einer Brisanz, in der man denkt, in Deutschland herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände.

So. Der Durchschnittsdeutsche ist also desorientiert, weil er „gefühlt“ 20 Millionen Muslime in Deutschland wahrnimmt. Dunja Ramadan ist aber orientiert, weil „gefühlt“ jeden zweiten Abend über den Islam diskutiert wird.

Welches Gefühl ist denn jetzt falscher? Oben die Zahlen: 16 Prozent der Talkshows seit 2015. Gefühlt jeden zweiten Abend. Und dann zitiert sie die Titel der Sendungen, an denen man sicherlich einiges aussetzen kann, die Sendungen selbst gesehen? Scheint Fehlanzeige. Das erinnert an die unzähligen Trolle im Netz, die vor dem kommentieren von Artikeln auch nur die Überschriften lesen.

Über den Film in der ARD haben übrigens anscheinend nur wenige geschrieben oder getwittert. Schade. Aber da muss man ja mal 45 Minuten zuschauen und kann sich nicht unmittelbar über „Talkshows“ aufregen.

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