„Ausgeliefert“: Es begann mit einer E-Mail. Oder?

[Korrektur 18.6.2013] Es handelt sich nicht um die Verhandlung im Hauptsacheverfahren, wie im Update geschrieben, sondern um einen Erfolg im Widerspruchsverfahren des hr gegen die Einstweilige Verfügung, es gibt in der Sache noch keine endgültige Entscheidung. (Danke, @lindemann)

[Update 13.6.2013] Der hr war im Hauptsacheverfahren zur Einstweiligen Verfügung rund um die Äußerung „Sie werden im Keller gehalten und wie Schweine abgefüttert“ erfolgreich und darf diesen Satz weiterverbreiten – der durch die Meinungsfreiheit gedeckt ist. Das vermeldet der hr per Pressemitteilung. Über die Frage, ob die Journalisten durch den Aufbau ihrer Doku den Zuschauer im Unklaren darüber gelassen haben, von wem diese Äußerung kommt und ob die angefertigten Bilder die Aussage bestätigen hat das Gericht sicher nicht urteilen können oder müssen.

[Update 10.4.2013] Klaus hat mich in den Kommentaren darauf hingewiesen, dass es jetzt eine Stellungnahme des hr gibt (auch diese wurden inzwischen geändert, immerhin hat sie inzwischen ein Datum bekommen, das war zum Zeitpunkt von Klaus Kommentar noch nicht so. Dazu ist jetzt enthalten, dass man sich im Hauptsache-Verfahren gegen die EV zur Wehr setzen wird). Darin wird gesagt:

Die in dem Beitrag bildlich dargestellte und verlesene E-Mail ist selbstverständlich nicht erfunden, sondern liegt dem hr vor.

Allerdings: warum ein Busfahrer schreiben sollte, dass „wir im Keller wie Schweine abgefüttert“ werden, das leuchtet mir immer noch nicht ein. Und warum man diese Mail dann so dick und fett vorliest, wenn man vor Ort anscheinend nicht den geringsten Beleg für diese Behauptung findet, das ist mir schleierhaft. Der aktuelle Einstieg ist doch auch vollkommen ok so – aber nein, es musste ja möglichst dramatisch sein. Und das wird den Autoren um die Ohren gehauen. Denn mit dem Vorlesen der Mail (genau wie mit jedem eingeschnittenen O-Ton) hat man sich als Autor die entsprechenden Aussagen bis zu einem gewissen Punkt zu Eigen gemacht – und man haftet auch dann, wenn etwa ein Interviewter eine Falschbehauptung aufstellt, die man hätte erkennen und korrigieren können. Daher klingt der hr zwar sehr selbstbewußt, allerdings ist dieser überdramatisierte Einsteig eine juristische Achillesferse. Die in der (netz-)öffentlichen Wahrnehmung einen ganzen Film beschädigen kann. [/Update]

Für großes Aufsehen hat im Februar 2013 die ARD-Dokumentation „AUSGELIEFERT“ über das Schicksal von Leiharbeitern im Weihnachts-Saisongeschäft von Amazon geführt. Ein Wutsturm im Netz, Boykottaufrufe, Verlage die nicht mehr bei Amazon gelistet sein wollen, ein investigativer Vorzeigejournalist, der zunächst einmal gar nicht gewußt haben will, dass seine Bücher bei Amazon käuflich zu erwerben sind und dann darauf bestand, dass das nicht mehr so sein dürfe.

Im Zuge des Zusammenstellen eines STORIFY zu diesem Thema, ja ich weiß, spät dran für so was, wundere ich mich ganz kurz darüber, das bei erneuter Besichtigung der Doku der Einstieg nicht mit meiner Erinnerung zusammenpasst. Da gab es nämlich etwas, das ich kritisieren wollte, aber auf einmal nicht mehr konnte. Nämlich der angebliche Auslöser der Recherchen des Reporter-Pärchens. Eine E-Mail. In der aktuellen Fassung auf der Seite „daserste.de“ und im ARD-Youtube-Channel fehlte diese Passage auf einmal.

Netterweise gibt es aber Zeitgenossen, die von sich aus Inhalte, die sie wichtig finden, ins Netz stellen. Und so finde ich die Ursprungsfassung. Und stelle beide mal hier gegenüber:

Was ist passiert? Was hatte mich denn ursprünglich gestört?

Hier nochmal der Filmtext der Ursprungsfassung:

"Auf die Spur der Leiharbeiter bringt uns diese E-Mail.

(Andere Stimme) Wir leben hier mit 150 Wanderarbeitern in einem heruntergkommenen Ferienpark. Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist kilometerweit entfernt. Die Menschen werden zu siebt in eine kleine Hütte gestopft und im Keller des Restaurants abgefüttert wie die Schweine.

(Normaler Sprecher) Geschrieben hat sie uns dieser Busfahrer. Er fährt noch immer für Amazon. Und möchte unerkannt bleiben."

Erste Irritation, wie man das nennen kann: da schreibt jemand eine E-Mail, dass er zusammen mit "Wanderarbeitern" unwürdig hausen muss. Sieben Menschen in Hütten, Abfütterung im Keller.

Doch dann heißt es, ein Busfahrer habe die Mail geschrieben. Und der erzählt dann, wie das mit dem Hin- und Herfahren der Leiharbeiter bei Amazon ist.Wieso schreibt der so einen Quark, wenn er nicht "mit 150 Wanderarbeitern in einem heruntergekommenen Ferienpark" lebt?

Zweite Irritation: Die Spur dieser spektakulären E-Mail wird gaaanz schnell fallengelassen. Wir sehen dann: statt Hütten Bungalows, statt sieben "gestopften" sechs beengt lebende Menschen, statt Abfütterung im Keller einen Speisesaal mit großen Fenstern. Die Autoren geben sich gar keine Mühe, die Behauptungen aus der E-Mail zu belegen und auf diese zurückzukommen.

Anscheinend - falsch

Aus der Tatsache, dass sich jetzt nur noch die gekürzte Fassung in der ARD-Mediathek und in deren Youtube-Kanal findet läßt sich schlussfolgern: hier stimmte wohl etwas ganz und gar nicht - ich atme auf: hat mich mein Gefühl nicht getrogen.

Der aktuelle Einstieg ist aber immer noch problematisch. Das ist die angebliche Mail aus der Ursprungsfassung:

Angeblicher Auslöser der Doku screenshot der Fassung von youtube/comMsloewe1860In der am 5.4. im ARD-Mediathekschannel enthaltenen Fassung sieht man immerhin noch das:

Quelle: youtube.com/ard (5.4.2013)

Es scheint aber so zu sein, dass es niemals eine solche E-Mail gab: Meedia meldet am 5.4.2013 die Tatsache, dass die Leiharbeitsfirma beim LG Hamburg eine Einstweilige Verfügung gegen Amazon erstritten habe. Das ist allerdings alleine noch keine Leistung, dazu kennen wir die Pressekammer des LG Hamburg nur zu gut. Ob diese EV Bestand haben wird, das ist eher unsicher. Der folgende Absatz ist angesichts der oben gezeigten Versionen allerdings sehr plausibel:

Schon vor der Gerichtsentscheidung habe die Rechtsabteilung des HR eine Manipulation freiwillig eingeräumt, heißt es in der Kanzlei-Stellungnahme weiter: “Eine im Film als Beweis für die behaupteten Missstände als Screenshot gezeigte E-Mail war fingiert, die angebliche polnische Zeugin frei erfunden. Wörtlich teilte die HR-Rechtsabteilung dazu mit: „Dass eine Frau Agnieszka Lewandowska niemals als Leiharbeiterin bei Amazon beschäftigt war, ist richtig".

Seufz

Es gibt da diesen Film über den Irak-Krieg, und, wie ich gerade gesehen habe, die ARD-Dokumentation zum NATO-Militäreinsatz im Kosovo, die beide den Titel tragen ES BEGANN MIT EINER LÜGE. Das ist nicht schön, wenn man als Journalist zu einer solchen Feststellung bei einem journalistischen Produkt kommt. Nicht schön.

Und es ist so unnötig, schließlich hat diese Amazon-Story "Ausgeliefert" so viel Sehenswertes. Aber auch viel zu viel vollkommen "Übergeigtes". Wie nicht anders zu erwarten: so etwas entwertet die ganze andere Arbeit. Ist das der Stand des Journalismus 2013: wenn eine Story "gut" ist muss eine "besonders extra manisch gute" Story draus gemacht werden? Wenn etwas kritisiert werden kann, muss man dann immer alles kritisieren?

Funktioniert hat das alles ja: tolle Quote, viel Publicity, Riesenreputationsgewinn für diesen hr. Oder nicht? Wenn das so weiter geht mit dem Dechiffrieren dieser Doku, dann ist die Nummer kontrproduktiv. Für das Ansehen der Macher, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, gar für das Ansehen des Journalismus ganz Allgemein, zumindest in entscheidenden Kreisen.

Ich arbeite an meinem Storify, das leider weitere übergeigte Geschichten zeigen wird.

Das macht keinen Spaß.

[Disclaimer: ich bestelle bei Amazon. Ich habe einen Amazon-Partner-Account. Ich habe bei Amazon ein Kindle-E-Book veröffentlicht. Meine in anderen Verlagen erschienenen Bücher sind bei Amazon käuflich zu erwerben. Ich bin das nicht.]