Kurz angemerkt: Mit dem Virus leben

Ich finde sehr, dass man den Umgang der Politiker:innen und der Behörden in der Pandemie kritisieren darf. Nein: muss. Ist das Beherbergungsverbot sinnvoll? Dürfen Einkaufsstraßen dicht gedrängt sein und kleine Konzerte werden abgesagt? Müssen Restaurants wirklich schließen, wenn die bestehenden Regeln konsequent eingehalten und durchgesetzt werden? Und da bin ich noch gar nicht beim föderalen Chaos, dem elenden kommunikativen Hin und Her, der mangelnden, in sechs Monaten nicht erarbeiteten Strategie. Und zum Chaos in den Schulen mag ich auch nichts sagen, zu Kommunalpolitikern, die trotz der Windows-Architektur in den Schulen stolz mit angeschafften Apple iPads wedeln – natürlich ohne vorhergehende Evaluation oder gar Ausschreibung. Es läuft, um das klar zu sagen, viel zu viel schief.

All das, by the way, wird auf dem Rücken der im Gesundheitssystem Tätigen versagt. Um das klar zu stellen.

Auf der nächsten abstrakten Ebene muss man wirklich fragen, wie Grundrechtseingriffe begründet und exekutiv abgesegnet werden. Muss man das alles wieder Gerichten überlassen?

Aber nochmal darüber werden Auseinandersetzungen auf einer so fernen, ideologischen Ebene geführt, dass man ins Heulen kommen mag. Da wird mit Schlagworten gearbeitet und alte, sehr alte ideologische Debatten kochen hoch. Auf der einen Seite Esoterik-Spinner, die mit modernen Naturwissenschaften gar nichts anfangen können, dazu Impfgegner, die Argumenten nicht zugänglich sind. Ehemalige Irgendwas, emeritierte Sonstige, und Pseudo-Journalisten. Die Gemengelage ist explosiv, wenn das Unbehagen gegenüber den Einschränkungen, der pure Egoismus und die Ignoranz zusammentreffen.

Etwa mit diesen Schlagworten, gerne bei so genannten Liberalen anzutreffen: „Mit dem Virus leben lernen“ und „Eigenverantwortung„.

Was diese Floskeln bedeuten, das soll ein kleines Gedankenexperiment zeigen, das für jede/n Einzeln/en leicht, sehr leicht nachvollziehbar ist. Ich übertrage dabei das pandemische Infektionsgeschehen und den Umgang damit auf den Straßenverkehr. Vielleicht erstmal auf die Autobahnen.

Weg mit allen Arten von Geschwindigkeitsbegrenzungen. Streckenbezogen, anlassbezogen. Stattdessen stellen wir mal ein paar mehr Hinweisschilder, etwa vor gefährlichen Kurven oder Baustellen auf. Die vielleicht sogar blinken. Eine Warn-App piepst noch dazu an diesen Stellen, und die Verkehrschilder werden doppelt so groß und leuchten von selbst im Dunkeln. Wir lassen nur das mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen und natürlich Blitzern.

Denn: die Autofahrer können doch eigenverantwortlich handeln. Ist doch klar, dass man nicht zu schnell in die Kurve, im Nebel, in der Baustelle fährt, immer hochaufmerksam das Geschehen antizipiert. Warum sollte man dann viel zu detaillierte Vorschriften machen, die sogar manchmal deutlich über das gesetzte Ziel, der Entschärfung von Gefahrenstellen hinausgehen. Wir haben es doch mit mündigen Bürgern zu tun, die sich ja schon im eigensten Interesse vernünftig verhalten werden und so das Unfallgeschehen von alleine auf Null bringen. Mit dem Auto leben. Das wäre es doch, oder?

Hat irgendjemand so wie ich das Gefühl, dass das so nicht funktionieren würde?

Aber gehen wir das Gedankenexperiment weiter und dehnen das Konzept der Eigenverantwortung auf das komplette Straßennetz aus. Keine Geschwindigkeitsbeschränkungen auf Landstraßen, Innerorts, in Wohngebieten, vor Schulen und Kindergärten. Größere Schilder, ja, aber mehr muss es doch nicht haben.

Nach „Mit dem Auto leben„-Logik wird das schon prima funktionieren.

Wenn das nächste mal jemand von Eigenverantwortung schwafelt, dann stellt ihn oder sie Euch in einem dicken fetten übermotorisierten Fahrzeug im Rückspiegel vor, der auf Euch zurast, Lichthupe gibt, und dicht auffährt.

So eine:r ist das.

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