Corona Notizen: Die Welt wird eine andere sein. Nicht.

Hurra. „Corona“ führt zu „Krise“ führt zu „neuer Bewußtseinsebene“ führt zu „Konsumverzicht“ führt zu „Innerlichkeit“ führt zu „Systemwechel“ führt zu „Post-Kapitalismus“ führt zu „Welt gerettet“ und „Alle glücklich“. Alles (wird) wunderbar.

Ich habe sie nicht gezählt, die Artikel mit diesen oder verwandten Grundthesen. Ich seufze nur noch.

Das „viele Menschen“ „viele Leute“ Phänomen: natürlich ohne empirische Basis, aber „gefühlt“ richtig, weil richtig sein muss was richtig ist, oder wie?

Die Zeit der Postkapitalisten, die, ungeachtet von zehn Boomjahren nach der Finanzkrise, das „System“ endlich, endlich am Ende sehen. Was sie vor 10, 8, 5, 3, 2 Jahren auch schon gesehen haben: jetzt passiert es, unausweichlich.

Gerne mal plump, indem der Normalzustand des Sozialismus mit den Ausnahmezustand des Kapitalismus gleichgesetzt wird:

Geht es noch bekloppter? Im Artikel wird schwandroniert, dass der Klopapiermangelzustand bis Dezember anhalten könnte. Und der Zusammenbruch der Kanalisation bevorsteht. Hmm, war was?

Dieses Argumentationsniveau ist unterirdisch. Besonders schlimm wird es, wen die Kontaktbeschränkungen und die Einschänkungen bei Grundrechten mit „Seht ihr, geht doch“ kommentiert werden, als sei das ein Zustand, den man gerne aufrechterhalten möchte. Um das Klima zu retten. Ich denke, das wird nicht passieren. Man muss nicht der Meinung der Coronaleugnermischpoke sein um festzustellen: keine Beschränkung von Freiheitsrechten ohne gute, wirklich sehr gute Begründung. Deutsche Gerichte werden das in den kommenden Monaten und Jahren schon herausarbeiten, wenn die Verordnungs- und Gesetzgeber nicht sauber arbeiten. Die ersten Urteile gegen Reiseverbte sprechen eine klare Sprache. Und zeigen, dass unser System funktioniert.

Aber zurück zu den Knallchargen, die jetzt endlich die Gelegenheit gekommen sehen, anderen Menschen ihr Weltbild und ihre Lebensweise aufzudrücken.

Ein Exemplar: Waldtraut Schwab in der taz. Genau wie Frau Berg hält sie Spaziergänge im Umfeld der eigenen Wohnung für den Rettungsansatz der Welt. Für mich gleicht das eher dem Hofgang im Knast, aber gut.

Da gibt es einiges. Unter anderem die Erfahrung: Radikaler Wandel im Alltag ist möglich. Dass es also nicht eines elenden Rumgeeieres bedürfen müsste, beispielsweise Klimaschutzziele einzuführen, sondern dass sie eingeführt werden können.
Jetzt.
Dass es keines Rumgeeieres bedürfen müsste, Flüchtlinge nach Deutschland zu holen, sondern dass sie geholt werden.
Jetzt.
Denn das haben nun alle ganz persönlich wie auch kollektiv erfahren, dass sofortiger Wandel möglich ist: nicht rumjetten, nicht konsumieren um des Konsumierens Willen, keine Schule, kein Sextourismus, kein Fluglärm. Geht doch.
All dies wurde bereits hinlänglich diskutiert. Und für viele mag das im Einzelnen ein Rückschritt sein. Das widerspricht indes nicht der These, dass Corona gezeigt hat, dass Wandel möglich ist – und das ist der Fortschritt.

https://taz.de/Die-steile-These/!5692795/

Corona hat gezeigt, dass Wandel möglich ist: durch den autoritären Verbotssstaat. Sanktionen, Kontrolle, Repression. Allerdings: das wusste man auch schon vorher (DDR). Rumgeeiere, das ist Politik, Demokratie, die Suche nach politischen Mehrheiten. Dass man da als arrivierte taz-Autorin auf so etwas keinen Bock mehr hat, kann ich vielleicht sogar nachvollziehen. Aber das macht den Ruf nach dem gesetzgeberischen Ausnahmezustand nicht besser.

Ein Fortschritt in Folge des radikalen Wandels ist auch, dass von der neuen Gegenwart aus zurückgeschaut werden kann auf das Leben davor. Und da ist sogar ein vermeintlicher Nachteil der Coronazeit plötzlich interessant. Der nämlich, dass sich viele Menschen im Lockdown, der als Auszeit, Entschleunigung, Ruhe und damit als Plattform für Regeneration betrachtet werden kann, plötzlich völlig energielos fühlten.

ebd.

Wozu ich aufrufen möchte ist, immer dann, wenn die Angabe „viele Menschen“ oder so kommt nachzuforschen, woher der Autor seine Feststellung hat. Und das ist immer gerne „Annahme“ (aus dem Blauen heraus) oder „Beobachtung“ (unter Gleichen, Privatempirie?). Schwab bezieht sich auf einen Soziologen, der schon salvatorisch einschränkt „wenn meine Beobachtung zutrifft“.

Die explodierende Sucht nach Leben, nach Draußen, nach Treffen, nach Möglichkeiten scheint eher dafür zu sprechen, dass in der ersten Corona-Phase etwas unterdrückt wurde, durch Regelungen aber auch Selbstdisziplin und -verantwortung, das wieder raus muss. Vielleicht exzessiver als zuvor. Der Grundthese der Autorin, dass wir Opfer der Systemenergie sind und vieles gar nicht aus eigenem Antrieb sondern durch den bösen Kapitalismus gezwungen (das lese ich jetzt mal rein, und ohne „neoliberal“ wäre das ja auch keiner dieser typischen Texte) unternommen haben, widerspricht vieles, das dieser Tage passiert.

Sie zitiert Hartmut Rosa mit:

Fast alle waren permanent unterwegs, beruflich, privat, im Urlaub. Der Energieumsatz unseres Weltverhältnisses war schon allein deshalb gigantisch.

ebd.

Ach, lass uns doch das Prekariat unterschlagen, das mal morgens zur Arbeit, abends zurück und einmal im Jahr in Urlaub fährt. Wenn überhaupt.

Mehr als elf Millionen Deutsche können sich keinen Urlaub leisten.
Das berichten die Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Montagsausgaben) unter Berufung auf das Statistische Bundesamt. Danach geben 13,6 Prozent der 83 Millionen Bundesbürger an, ihre finanzielle Situation sei selbst für eine Woche Urlaub im Jahr zu schlecht

https://www.regio-journal.info/elf-millionen-deutsche-koennen-sich-keinen-urlaub-leisten/

Aber wenn „fast alle“ oder „die Menschen“ geschrieben wird, dann wird da eine verzerrte Sicht auf die Wirklichkeit genutzt, die viele, viele Gruppen gerne ausblendet. Die „Armen“ werden nicht in jedem Zusammenhang mitgedacht, sondern nur dann, wenn es gefällt.

Dieses Wochenende darf Frau Schwab wieder loslegen, diesmal erklärt sie Urlaub an und für sich für verzichtbar und zum reinen Konsumfetisch. Und wie kommt Frau Schwab darauf?

Was ist mir von Bangkok in Erinnerung geblieben? Die hohen Fußgängerbrücken über schlimm befahrene vielspurige Straßen.
Was von Athen? Das Hotelwaschbecken, in dem alle Klamotten ausgewaschen werden mussten, weil auf dem Flug das braune Tiroler Nussöl, ein Sonnenschutzmittel, im Koffer auslief.
Was fällt mir bei London ein? Die Wand voller Cornflakes im Sainsbury’s-Supermarkt – ein Kulturschock.
Als ich vor den Regalen im Supermarkt stand, habe ich kapiert: Freiheit ist die Wahl zwischen dem, was die Warenwelt mir bietet. In London habe ich immerhin drei Jahre gelebt. Da hätte mir spontan auch etwas anderes einfallen können.
Wie auch immer, für diese Welterfahrungen hätte ich nicht wegfahren müssen. Die Reisen sind schon lange her, aber die Frage, was vom Reisen bleibt außer Anekdoten, die bestenfalls für Smalltalk taugen, wird immer drängender. Gerade jetzt, wenn es keine Reisen gibt ohne Fragen nach dem Infektionsrisiko.

https://taz.de/Die-steile-These/!5699811/

Was will uns Frau Schwab sagen, außer dass sie arrogant bis ignorant annimmt, alle anderen Menschen (s.o.) seien genau so arrogant bis ignorant.

Sie führt jetzt eine Literatur-Nobelpreisträgerin, einen Psychologen, eine deutsche Autorin und „Comedian“ und einen portugiesischen Dichtermit Angst vorm Verreisen an. Kann man machen, aber kann man den Rückschluss ziehen, dass jetzt bitte (und wenn nicht bitte, dann autoritär gesetzt) mit diesem Reisen aufhören sollen. Denn der Portugiese hat ja unvergleichlich geschrieben:

„Reisen? Existieren ist reisen genug. Ich fahre von Tag zu Tag wie von Bahnhof zu Bahnhof im Zug meines Körpers oder meines Schicksals und blicke auf Straßen und Plätze, auf Gesichter und Gesten, immer gleich und immer verschieden, wie auch Landschaften es sind.
Was ich mir vorstelle, sehe ich. Was anders tue ich, wenn ich reise? Nur eine äußerst schwache Vorstellungskraft rechtfertigt einen Ortswechsel, um empfinden zu können.“

ebd.

Yeah. Ich, Waltraud Schwab, und ein paar andere, finden Reisen blöd. Und ich, Waltraud Schwab, bin intellektuell nicht in der Lage von einem London-Aufenthalt etwas anderes mitzunehmen als eine Supermarktwand.

Ich war bisher nur eine etwas verlängerte Woche in London, habe die Stadt, ihr Gewimmel, ihre Vielfäligkeit geatmet. Die Freundlichkeit von Menschen, die auf einen Zukommen und Hilfe anbieten, wenn man mit dem Stadtplan in einem Park steht. Zweimal in 10 Tagen. Unglaublich. Die migrantischen Bedienungen in Restaurants und Pubs, meist aus Osteuropa. Ein Gefühl für das Brexit-UK. Und dem soll ich nach dem Willen von Frau Schwab abschwören? Weil Sie ein Problem im Erfassen und Verarbeiten von Eindrücken hat, und ein gesundes Vorurteil gegenüber den Menschen, die sich auf ihren Urlaub freuen? „Jedes Buch ist besser als Urlaub“ ist mal wieder ein zum Kotzen arroganter und auch falscher Satz.

Übrigens: der Urlaubs-Psychologe lag im Mai chronisch falsch, wenn er im DLF behauptete:

Der Psychologe glaubt nicht, dass wir in diesen schönen Zustand der Sorglosigkeit zurückkehren werden. In Zukunft werde man wohl nicht mehr so naiv und nur mit Blick auf den billigsten Preis buchen, sagt Kagelmann. Und auch weniger oft verreisen.
Die Ziele würden künftig vermutlich sorgfältiger ausgesucht, die Einstellung zum Reisen werde sind ändern. Schlecht müsse das nicht sein: „Man freut sich dann vielleicht auch viel mehr über diese eine Urlaubsreise.“
Und selbstverständlich werde das Reisen teurer werden, meint Kagelmann. Aber auch das bedeute nicht unbedingt etwas Schlechtes: „Es bedeutet nur, dass vor allen Dingen diese Billigpreise, Geiz-ist-geil-Tarife, ausfallen werden.“
Befürchtungen, dass sich durch weniger Reisen unser kultureller Horizont verengen könnte, teilt der Psychologe nicht: Zum einen sei für das Wissen über andere Länder und Kulturen kein Reisen nötig.
Zum anderen könne ein persönlicher Eindruck von einem fremden Land zwar unter Umständen die Einstellung zu anderen Kulturen und Religionen „etwas glätten oder verbessern“, räumt er ein: „Das würde ich aber nicht als automatische Folge des Reisens annehmen.“

https://www.deutschlandfunkkultur.de/psychologe-juergen-kagelmann-warum-corona-urlaubsreisen.1008.de.html?dram%3Aarticle_id=476957

Arrogante linke Mittelschichtanalyse. Und natürlich: das Reisen muss wieder elitärer werden. Den wahrhaft vom kulturellen Austausch profitierenden Schichten sollte das vorbehalten bleiben. Jawohl.

Mein Dank in dieser Welle aus Missmut, die mich bei der Lektüre dieser Art hinwegzuspülen droht, geht an Bettina Gaus in der selben taz-Ausgabe:

Es gibt viele Freizeitaktivitäten, auf die ich ohne jedes Bedauern für den Rest meines Lebens verzichten kann. Der Besuch der Stehkurve eines Fußballstadions gehört dazu oder der eines Heavy-Metal Festivals, etwa in Wacken. Es zieht mich auch nicht an den Ballermann, und ich komme gut ohne Karneval klar. Massenveranstaltungen sind einfach nicht mein Ding. Waren sie übrigens nie, auch nicht, als ich 20 war.
Aber das ist doch nur eine Beschreibung meiner Persönlichkeit, kein Verdienst, auf das ich Grund hätte, stolz zu sein.
In den letzten Wochen scheint mir bei diesem Thema jedoch einiges durcheinanderzugeraten. Die Herablassung, sogar Verachtung, mit der auf Leute geblickt wird, die ein körperliches Gemeinschaftsgefühl mit vielen anderen dringend brauchen, könnte mich zu einem illegalen Rave auf der Hasenheide in Berlin treiben. Nicht, weil ich mich da wohl fühlen würde. Sondern schlicht aus wütender Solidarität heraus.

https://taz.de/Entgrenzung-in-der-Coronakrise/!5699678/

Jemand, der von eigener Befindlichkeit absehen kann. Auch nett.

Ich unterstelle mal: Die allermeisten Leute, die sich politisch, fachlich oder publizistisch mit Corona befassen, mögen Abendessen zu viert oder sechst lieber als Schunkeln im Dunkeln. Deswegen sind sie Virologe, Kolumnistin oder Bundeskanzlerin geworden und nicht Animateure. Ist ja recht so. Aber es ist eben auch legitim, schunkeln zu wollen.

ebd.

„Denn ich will, dass es das alles gibt, was es gibt“, sang Andre Heller schon vor Jahren. Da konnten früher auch Liebhaber der gepflegten Gastlichkeit im kleinen Rahmen mitgehen. Wollen sie das noch? Ich habe Zweifel. Die Borniertheit gegenüber Volksbelustigungen steigt in alarmierendem Ausmaß. (…)
Die katholische Kirche, die menschliche Schwächen seit jeher besser kannte als die meisten Verwaltungsangestellten in staatlichen Institutionen, hat sich deshalb schon seit Jahrhunderten mit Fasching, Karneval, Fastnacht und ähnlichen Bräuchen arrangiert. Augenzwinkernd, durchaus mit Sympathie. Wohl wissend, dass die organisierte Entfesselung ihre Macht eher festigte als schwächte.
Das Wissen darum scheint verloren gegangen zu sein. Auf den Wusch nach einem Ventil reagiert das sich selbst für vernünftig haltende Establishment mit unfassbarer Arroganz. Wie blöd sind die denn alle, echauffiert sich das Bildungsbürgertum, dass sie die Abstandsregeln nicht einhalten. 

ebd.

Da bleibt mir nichts mehr zu zu sagen.