Corona Esoterik Wissenschaft Gesellschaft

Etwas verstörend, bei ein wenig Nachdenken dann weniger verwunderlich, finde ich die New Age / Esoterik / Öko / Impfgegnerszene, die sich jetzt öffentlichkeitswirksam zusammentut, um gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren und, am Ende, ihre Unzufriedenheit mit der „Gesamtsituation“ zum Ausdruck zu bringen.

Man mag es ja kaum glauben: aber gerade die Effektivität der getroffenen Maßnahmen scheint das Hauptargument dafür zu sein, dass hier ja eigentlich nur wahnsinnig übertrieben worden ist. Und warum? Dazu später noch ein Artikel zu Medienlogiken.

Rapunzel & Co.

Den Fall „Rapunzel/Zwergenwiese“ finde ich hier so gut zusammengefasst, dass ich keine eigene Zusammenfassung machen mag. Abonniert die taz! Etwa das Wochenendabo!

Noch menschenverachtender wird Wilhelm, wenn er über Viren theoretisiert: „Sie sind Teil des biologischen Lebens auf unserer Erde und leisten ihren Beitrag zur Weiterentwicklung desselbigen und der menschlichen Anatomie und Psyche.“ Wenn ein Mensch an Covid-19 stirbt, dann ist das okay, weil er nicht stark genug war?
Obwohl es noch keinen Impfstoff gibt, will Wilhelm schon wissen, dass die Immunisierung nicht wirken werde. Die Langzeitfolgen seien nicht geprüft. Impfen? „In diesem Fall traue ich mich zu sagen: ‚Nur über meine Leiche‘, das bin ich mir wert.“

https://taz.de/Chef-der-Biomarke-Rapunzel-zu-Corona/!5683866&

Der Öko-Unternehmer hat sein ganz eigenes Rezept gegen Corona. Erstens: keine Nachrichten zu Kenntnis nehmen, damit auch keine Informationen zu Wissenschaft und Medizin zum Thema.

„Das gelingt mir leichter, weil ich seit Beginn der C-Krise keine einzige „Tagesschau“, keine Sondersendung, angesehen habe. (Tu ich sonst ja auch nicht.)“

s.o.

Zweitens:

„eine gesunde und gleichzeitig nachhaltige Lebensweise mit gesunder, vollwertiger Ernährung“. Das schütze am besten gegen Viren und Krankheiten. Doch das „wird ja weithin ignoriert und von vielen Medien totgeschwiegen“. Denn diese Lösung sei „zu einfach, zu billig, zu wenig umsatzträchtig für die großen Konzerne“

s.o.

Genau, so einfach ist das.

Der Mangel an Allgemeinbildung ist bedauerlich. Auch ohne die Lektüre von aktuellen Nachrichten oder Sehen der Tagesschau könnte man sich mal erinnern, wie es den sicher sich nachhaltig und gesund, ohne größeren Fleischkonsum und natürlich ohne moderne Düngemittel lebenden Ureinwohner Mexikos ergangen ist, als die Europäer kamen. Und mit ihnen: Krankheiten. Hiermal zum Update leicht zu konsumieren:

Das „Immunsystem“ ist eine tolle Sache, doch gegen neuartige, unbekannte Viren: hilflos.

Hier sieht man schon: Bio ist in vielen Bereichen anscheinend eher eine religöse Weltanschauung denn irgendeine wissenschaftlich fundierte Wirtschaftsweise. Dazu passt auch diese Beobachtung:

Präventionsparadox, Bildungsmangel und Matrix

Das was die Apologeten der Biowelle vormachen, das nehmen die entsprechend ansprechbaren Kreise auf. Ich will hier nicht, wirklich nicht, über die in diesem ZEIT-Artikel über Stuttgarter Proteste portraitierte Familie Schlechtes sagen. Ich brauche nur ihre Aussagen:

„Gesundes Essen, guter Schlaf, frische Luft, weniger Stress, und den Nächsten einfach mal umarmen“, wie (…) sagt. „Ich verstehe nicht, warum die Regierung nicht lieber sowas fördert.“ Wenn man erwidert, dass sich Pandemien eher nicht mit Vitaminen aufhalten lassen und mit Umarmungen schon gar nicht, dann zuckt (…) freundlich mit den Achseln und sagt: „Ach, wer weiß, ob das wirklich eine Pandemie ist, die Zahlen sind ja so niedrig, vielleicht steckt da auch etwas anderes dahinter.“

https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-05/coronavirus-stuttgart-proteste-corona-politik

Präventionsparadox.

Ein anderes Verständnis des Präventionsparadoxons findet sich im bevölkerungsbezogenen Impfschutz und der Infektions-/Impfepidemiologie. Wird gegen eine Infektionskrankheit geimpft, ist zudem die Impfung in der Bevölkerung akzeptiert und sinkt in der Folge die Inzidenz, verliert sich allmählich das klinische Bild der Erkrankung im Bewusstsein der Bevölkerung. Zugleich erscheinen Nebenwirkungen der Impfungen sowie potenzielle und reale (wenn auch seltene) Impfschäden gravierender als die Infektionskrankheit selbst. Dies führt zu einem Vertrauensverlust in die Impfung mit der Folge sinkender Impfbereitschaft, verringerter Impfquoten und partieller Impfverweigerung bzw. offener Gegnerschaft (z.B. bei Masern, auch Tuberkulose). Dadurch kann es zu neuen Ausbrüchen kommen, wobei erst diese die Impfbereitschaft wiederum steigern. Die Paradoxie wird gerade unter dem Aspekt von potenziellen (Impf-)Zwangsmaßnahmen bei Gesunden in der Public Health-Ethik problematisiert und kontrovers diskutiert.

https://www.leitbegriffe.bzga.de/alphabetisches-verzeichnis/praeventionsparadox/

Ein großer, sehr großer Teil der Bevölkerung verzweifelt gerade an seiner Bereitschaft, auch nach Lockerung der Vorgaben (es gab nie einen Lockdown. Ich durfte immer mein Haus verlassen. Ich durfte, da mein Arbeitgeber ein Schutzkonzept hatte, auf die Arbeit. Wer wissen will, was massive Einschränkungen der persönlichen Freiheit sind, der muss nach Italien, Frankreich, Spanien, in die Türkei schauen) auf Abstand zu bleiben und die Regeln einzuhalten. Es ist so kurios, welche Blüten die Anti-Anti-Corona-Bewegung treibt.

„Ich weiß gar nicht, ob man das hier sagen darf“, raunt der Geschäftsmann ins Mikrofon, und einige machen erregt einen kleinen Schritt nach vorn, um besser zu hören. Die geheime Botschaft: „Man muss sich Telegram installieren, danach weiß man mehr.“ Wieder frenetischer Applaus, der diesmal nicht nur dem smarten Unternehmer, sondern wohl auch einigen Helden des Publikums gilt. Es sind semiprominente Verschwörungstheoretiker wie der vegane Koch Attila Hildmann oder der apokalyptische Sänger Xavier Naidoo, die über den Nachrichtendienst Telegram ihre Ansichten verbreiten.
Der Mann müsste jetzt gemerkt haben, dass man das sagen darf. Er hat die Worte jedenfalls mitten in Frankfurt in ein Mikrofon gesprochen, erhöht vom Sockel des Gutenberg-Denkmals, so dass ihn auch sämtliche Polizisten, Journalisten und Gegenprotestler gut hören konnten. Passiert ist nichts.

https://www.faz.net/2.1652/wie-ein-erfolgreicher-unternehmer-verschwoerungstheorien-naeher-kommt-16782874.html

Was ist das für eine Grundlage, auf der diese Verschwörungsmythen und das „Misstrauen“ gegen wissenschaftlicher Erkenntnisse und politische Maßnahmen gedeihen? Oben schon angesprochen die esoterisch-antiwissenschaftliche Herangehensweise. Den krassesten Beitrag zur Anfälligkeit der New Age / Öko / Eso-Szene habe ich hier gefunden. Ich würde ja den ganzen Artikel zitieren, aber das ist im Netz ja nicht nötig:

There is a perplexing phenomenon taking place in yoga-land. The tatted-up, skimpy-goddess vegan Instagram-influencers, and their Burning Man scarf-wearing man-bun quantum raw-chocolate-eating partners in polyamory are spreading conspiracy theories about the global pandemic that often have a lot in common with extreme right wing QAnon Trump supporters.

https://medium.com/@julianwalker111/the-red-pill-overlap-19ad346c62f0

There is a huge, and valid, admittedly privileged focus on health and wellness amongst us yoga mat carrying Whole Foods shoppers.
This often goes with some version of the belief that all of our maladies can be cured by being as “natural” as possible. We reflexively embrace anything labelled organic, non-GMO, and herbal, and subscribe to a grab bag of ancient and exotic cures and treatments, including herbal cleansing, juice fasts, acupuncture, homeopathy and the perfectly named, naturopathy.

ebd.

Popkultur

Wie die rote Pille im ersten Matrix-Film, so ist es die seinerzeit ungewöhnliche Verschwörungserzählung der X-Files, wo die Pockenimpfung ein Vorwand zur Datensammlung war, einer der Ausgangspunkte der Strukturierung des Hirns des modernen Menschen, und diese Erzählmuster dringen tiefer in die Strukturierung unserer Wahrnehmnung ein als alles Schulwissen um wissenschaftliche Arbeitsweise, Naturwissenschaften und die Grundlagen unserer modernen Welt. Und das liegt auch daran, dass die allermeisten Gymnasien dem humanistischen Bildungsideal folgen, an die MINT und Wissenschaftstheorie nur so ein bisschen angeflanscht wurde. Wissenschaftsjournalismus führte ein Nischendasein, die meisten Professoren, die in den Medien auftreten dürften Soziologen, Wirtschaftswissenschaftler, vielleicht Juristen sein. Physiker, Chemiker, Biologen – im Normalfall führen die ein Nischendasein.

Zurück zur Popkultur: in Folge musste eine TV-Serie, die was auf sich hält, irgend einen Verschwörungsaspekt mitbringen, und übrigens korrespondiert das mit einer Reihe aufgedeckter tatsächlicher Verschwörungen, Watergate, Iran-Contra, die Irak-Krieg-Lüge, operierende Geheimdienste in kriminellen oder terroristischen Organisationen. Babylon 5: Verschwörung. Deep Space Nine: eine Verschwörung im bis dahin so zukunftsoptimistischen Star Trek Universum.

Aktuell liefert wohl The Blacklist das Futter fürs Gefühl:

In The Blacklist regiert eine Schattenregierung, also ein Staat im Staat, bestehend aus echten Regierungsmitgliedern, die ein doppeltes Spiel spielen. Es geht um Macht und Interessen, es geht um Russland, China, um Ressourcen, um persönliche oder politische Gründe, um das autonome Agieren der CIA, der NSA, jeder gegen jeden. Es geht um die neuesten Technologien und wegweisende Biotech-Verfahren. Alles ist hypermodern und fortschrittlich, der Tod wird im Reagenzglas geplant und mittels Aerosoldose verbreitet. Einfach mal so wie in guten alten kriminellen Zeiten, aus einer Handfeuerwaffe abzuballern, passiert zwar auch, wirkt aber sehr anachronistisch. Die Besonderheit der Serie ist nämlich, dass es sich in ihr nicht einfach um geldgeile, dumme Leute handelt, sondern um Spezialisten ihres Fachs, sie verfügen über Bildung und Manieren, sie sind geistreich und gewitzt, aber allesamt korrupt, also irgendwie auch einfach menschlich.

https://www.zeit.de/amp/kultur/2020-05/the-blacklist-netflix-fiktion-schattenregierung-verschwoerungstheorien?__twitter_impression=true

Beunruhigend:

In der Realität glauben laut Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung 46 Prozent der deutschen Bevölkerung, es gebe geheime Organisationen, die Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen.

ebd.

Cory Doctorow legt einen Finger in die erkenntnistheoretische Wunde: wir lernen nicht, wie Wissen entsteht und Wissenschaft funktioniert:

Cory Doctorow: Mit Covid-19 befinden wir uns in einer Art Vakuum. Wir wissen immer noch nicht viel über das Virus und die Krankheit, über die Herkunft, über mögliche Medikamente und Impfstoffe. Mit dieser Unwissenheit und Unsicherheit ist es einfacher, an bestimmte Erklärungen zu glauben – denn wieso sollte die eine Theorie, die jemand aufstellt, richtiger oder falscher sein als eine andere? Diese Ansicht rührt auch daher, dass viele Menschen nicht wissen, wie Wissenschaft funktioniert. Wir lehren unseren Kindern schon in der Schule: Ihr müsst an die Wissenschaft glauben! Wir lehren ihnen aber nicht, wieso das so ist.
ZEIT ONLINE: Wie funktioniert Wissenschaft denn?
Doctorow: Wissenschaft bedeutet immer, bestehende Hypothesen zu widerlegen, sich zu widersprechen, bis man an den Punkt kommt, an dem man von einer Wahrheit sprechen kann. Man müsste den Menschen eigentlich viel mehr Epistemologie beibringen, ihnen also erklären, wie Wissen entsteht.

https://www.zeit.de/digital/internet/2020-05/cory-doctorow-verschwoerungstheorien-soziale-netzwerke-neoliberalismus

Medienlogiken verstärken das Problem: das gleichberechtigte Auftreten lassen von Positionen, auch wenn diese nicht gleichwertig sind (Virologe vs. Lungenarzt), die Liebe zu Extrempositionen, der Wettbewerb um Aufmerksamkeit („wenn die einen Virologen-Podcast haben dann brauchen wir auch einen“). Soweit die unfaire geraffte Kurzfassung.

Zornige letzte Worte

Ich hätte jetzt zornige Worte zur Eso-/Verschwörungsszene finden können, aber schon wieder kommt mir ein taz-Autor zuvor. Zuerst dachte ich, dass der sich aber bei eingefleischten Nutzern der Zeitung richtig unbeliebt machen wird, beim links-alternativen-öko-homeopathisch- angehauchten Publikum, das für die Zeitung ja typisch sein muss. Aber vielleicht bin ich doch typischer für diese Zeitung, die sich tatsächlich in den Jahren ihrer Existenz wahnsinnig verändert hat ( für andere als „Verräter“ auftritt):

Was passiert? In tänzerischer Überschreitung ihrer Kompetenzen überführen der Unternehmer und der Koch unbestrittene Einsichten in gesunde Nahrung und deren gesunde Zubereitung in intuitive bis esoterische Einsichten in das Große und Ganze. Hinzu kommt der habituelle Argwohn jedes Abweichlers, vom „System“ verschaukelt zu werden. Anstelle von Epidemiologen oder Virologen erklären uns auf einmal Landwirte und Gastronomen, was und wie es wirklich läuft – nämlich schief.
Let that sink in for a minute.

https://taz.de/Corona-und-Verschwoerungstheorie/!5684477/

Er steigert sich:

Kontext ist zwar heutzutage démodé. Ideengeschichtlich ist aber nicht zu leugnen, dass alles „Alternative“, das Faschistoide wie das Ökologische, der gleichen Ursuppe entstiegen ist. Nudisten, Naturschützer, Wandervögel, Vegetarier und andere Lebensreformer wandten sich vom autoritären Kaiserreich ab, strebten mit reinen und schlanken Körpern „ins Freie, ins Licht“ und damit einer Moderne entgegen, der das Reaktionäre („Zurück zur Natur!“) in Teilen so tief eingeschrieben war, dass es von den Nationalsozialisten wie Rahm abgeschöpft werden konnte.

ebd.

Und dafür bekommt er sicher Haue:

Gefährlich und grotesk wird es, wenn das blinde Huhn beim Stochern drei Körner findet und daraus ein Vollkornbrot backen will. Tragisch und plemplem, sobald die Suchenden überzeugt sind, auf eine Wahrheit „hinter der Wahrheit“ gestoßen zu sein, ein benennbares Sternbild im glitzernden Mahlstrom am Firmament, ein Muster im Chaos der Welt.
Prompt verflüchtigt sich die narzisstische Kränkung, „es“ schlicht nicht zu wissen. Es muss sehr guttun, die offene See der Unwägbarkeit verlassen und in den sicheren Hafen einer Ideologie einlaufen zu können. Dann geht es nicht mehr um „kritisches Hinterfragen“, sondern darum, publizistische Geltung zu erzwingen für die bereits in Beton gegossenen „Antworten“.
Dann wisse man beispielsweise einfach, auch wenn „der größte Teil unserer Gelehrten“ das nicht begreifen wolle, dass, „wenn man einmal auf die Natur selbst“ horche, auch schlimme Krankheiten sich mühelos durch Rohkost und „vegetarische Nahrung“ besiegen ließen – wie ein berühmter Tierfreund und Vegetarier am 25. April 1942 bei einem seiner Tischgespräche in der Reichskanzlei ausführte.

ebd.

Habe ich schonmal ein taz Abo empfohlen.

Post Skriptum

Die Faszination des AFD-Publikums für Anti-Anti-Corona-Proteste lässt sich so kaum erklären, aber warum das hier?

Und zu schätzen weiß ich, dass die taz mal dran erinnert, wie man selbst verschwörungsmythisch unterwegs war:

https://taz.de/Die-taz-und-Fake-News/!5685689

Photo by Hudson Hintze on Unsplash