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Muss ich den Offenen Brief hier verlinken? Vielleicht. Er beginnt mit „28 Intellektuelle und KünstlerInnen“ und offenbart so das Niveau, auf dem viele „intellektuelle“ Debatten in Zeiten von Corona, Klimakatastrophe und jetzt eben Ukraine-Krieg daher kommen.

Statt von Mord, Kriegsverbrechen, Vergewaltigung, Beschuss von Zivilisten zu reden heißt es „die russische Aggression als Bruch der Grundnorm des Völkerrechts“. Ich wünschte mir eine klare Sprache, aber die wird es gegenüber Russland nicht geben. Clever, vielleicht intellektuell wäre es ja gewesen, parallel dazu einen Offenen Brief an Putin zu schreiben, aber was weiß ich denn. Vielleicht darüber, dass es ungehörig ist, Kriegsverbrecher-Bataillone mit Orden auszuzeichnen.

Das Leid zu betrachten ist schwer erträglich. Hier die erschütternde NYTReportage Bucha’s Month of Terror.

Wie kalt muss man sein,

Die zweite Grenzlinie ist das Maß an Zerstörung und menschlichem Leid unter der ukrainischen Zivilbevölkerung. Selbst der berechtigte Widerstand gegen einen Aggressor steht dazu irgendwann in einem unerträglichen Missverhältnis.

https://www.emma.de/artikel/offener-brief-bundeskanzler-scholz-339463

Wie in der ganzen NATO-Ostererweiterungserzählung spielt der Wille der Ukraine, ihrer Bevölkerung und auch ihrer Intellektuellen, die um Hilfe rufen, gar keine Rolle. In den Repliken ist denn auch vor allem von Nabelschau die Rede.

Erwiderungen

Ich empfehle dazu, und dann ist auch „gut“ (im Sinne von: Schluss damit) etwa Wolfgang Müller. Mit seinem Intro und seinen Kindheitserinnerungen an den Kalten Krieg holt er mich sehr direkt ab. Sommerliches Schönwetter war Tiefflieger-Wetter, die über die Rheinebene heranbrausten und dann, so spät wie möglich, vor den Erhebungen der Bergstraße anzogen. Alltag im Schwimmbad in Jugenheim, und dass das Kreiskrankenhaus um die Ecke war: sorgte immer wieder für Proteste, aber das war es dann auch.

Die Idee, dass durch angstvolles Agieren diese Bedrohung abgewendet werden könnte, ist völlig absurd. In russischen Medien, und auch von russischen Offiziellen wird schon seit einiger Zeit Deutschland als Nazi-regiert dargestellt, angefangen von angeblichen Biowaffen Laboren vom Bernhard-Nocht-Institut in der Ukraine bis hin zu der Behauptung, der 2. Weltkrieg hätte nie aufgehört und Deutschland wäre nach wie vor ein faschistisches Land. Es liegt also offen auf der Hand, dass wir als legitimes Angriffsziel markiert werden, völlig unabhängig davon, wie wir uns verhalten oder nicht. Und zwar einzig und alleine aus dem Grund, weil wir als demokratisches und wirtschaftlich mächtigstes Land der EU das größte Hindernis für eine russische Dominanz auf dem eurasischen Kontinent darstellen.

https://wolfgangmueller.info/2022/04/30/ukraine-der-offene-brief-in-der-emma-und-warum-aufruestung-ja-oder-nein-die-falsche-frage-ist/?utm_source=pocket_mylist

In seinem nach wie vor empfehlenswerten Newsletter schreibt Nils Minkmar:

Krieg mit Russland – das sind Begriffe und Vorstellungen, die viele Deutsche im Innersten betreffen und vor Angst lähmen. Verständlicherweise – nur mit der aktuellen Problematik haben sie nichts zu tun. Abscheu vor Waffen, Friedensbewegung – das sind tolle Errungenschaften der Bundesrepublik im Hinblick auf die deutsche Geschichte und die lange Tradition des deutschen Militarismus. Nur sind sie im Fall der Ukraine nicht anwendbar. Es handelt sich um eine ganz andere Problemlage, als jene, die noch in den alten Fotoalben und Familienerzählungen herum spukt. Es geht jetzt gar nicht in erster Linie um Deutschland 1945. Es geht um Kinder, die heute leben, deren Eltern und eine Gegenwart, die auch einmal eine Erinnerung sein soll. Der „offene Brief“ ist intellektuelle Dosenwurst.

https://steadyhq.com/de/nminkmar/posts/1720799b-f113-489e-b9d0-23350252a467

Russland von Innen

Schockiert hat mich der Artikel von Alissa Ganijewa bei NZZ.ch über die Haltung russischer Frauen zum Krieg:

Die Frauen wissen sehr wohl, dass ihre Männer Familien, Frauen und Kinder ausrauben und töten, aber sie sind so entmenschlicht, so bar jeden Mitgefühls, dass sie nur Neid und Wut empfinden. Wie können diese Ukrainer es wagen, ein derart wohlhabendes Leben zu führen und solche Möbel, Häuser und Gärten zu besitzen! Man sollte sie mit in den Schmutz und das Elend ziehen, die «die russische Welt» ausmachen, zu der sie «historisch» gehören. Ihre Stimmen zittern, wenn sie die Schilderungen ihrer Männer über das Glück und den Wohlstand der Ukrainer kommentieren.

https://www.nzz.ch/feuilleton/mach-nur-vergewaltige-ukrainische-weiber-nur-erzaehl-mir-nichts-davon-ld.1679938?utm_source=pocket_mylist

So unglaublich sie ist, so scheint sie doch zutreffend zu sein:

https://www.infobae.com/de/2022/04/15/die-frau-eines-russischen-soldaten-hatte-ihm-die-erlaubnis-gegeben-ukrainische-frauen-wahrend-der-invasion-zu-vergewaltigen/

Ausblick?

Ich will übrigens hier und an keiner Stelle so tun, als hätte ich Lösungen und Rezepte und „die Idee“ in diesem Konflikt. Ich will auch nicht so tun. Ich inhaliere Texte und Quellen und fast jede neue Entdeckung weckt neue neuronale Verknüpfungen. Überzogenes Selbstbewusstsein in Situationen großer Unsicherheit ist mir suspekt.

In diesem Text wird der Zusammenbruch des Putinismus vorhergesagt. Interview mit Grigori Judin bei dekorder:

In jeder nur denkbaren Hinsicht wird das für Russland eine Katastrophe. Es tut weh, das zu sagen, aber Russland zerstreitet sich auf diese Art für immer mit den zwei Völkern, die ihm kulturell am nächsten stehen – mit den Ukrainern und den Belarussen. Russland verliert absolut alle engen Verbündeten und Freunde. Mit wem sollen wir denn noch befreundet sein? Wer auf diesem Planeten kommt denn noch infrage? Wir jagen uns in eine völlig sinnlose, ewige Einsamkeit, in die wir eigentlich überhaupt nicht hineingeraten wollen. Wir wollten nie von der ganzen Welt isoliert dasitzen, niemals.

https://www.dekoder.org/de/article/judin-krieg-ukraine-oeffentliche-meinung

Aus meiner Sicht realistischer ist dieser Text in der taz, der a. von einem Teilsieg Russlands ausgeht (Krim annektiert, „Seperatisten-Gebiete“ separiert, kein NATO-Beitritt der Ukraine) – und darauf hinweist, und hier schließt sich der Kreis, dass dann wieder die alte „Putinversteher“-Garde Urständ feiern wird, zusammen mit Intellektuellen und KünstlerInnen. Ein Essay von Fjodor Kraschenininikow:

Auf jeden Fall hat Putin noch einige Monate vor sich, bis die ökonomischen Schwierigkeiten für die Bevölkerung und die Machthaber zu einem wirklich großen Problem werden. Allem Anschein nach hofft er, dass man nach der unausweichlichen Unterzeichnung eines Friedensvertrags zu ihm genehmen Bedingungen gewisse Sanktionen gegen ihn aufhebt (was er ebenfalls als seinen Sieg ausgeben wird). Und dass in Europa dann die Anhänger der Versöhnung und des Handels mit Russland aktiv werden, was wiederum erlauben könnte, das Regelwerk der Sanktionen weiter aufzuweichen. Höchstwahrscheinlich hofft Putin, einem totalen Zusammenbruch der russischen Wirtschaft zuvorzukommen. Vielleicht sieht er darüber hinaus sogar eine Chance, die russische Wirtschaft auf Dauer autark zu machen, sie noch weiter den Gesetzen des Marktes zu entfremden und der Kontrolle des Staates noch stärker zu unterwerfen.

https://taz.de/Nach-dem-Krieg/!5849319&/

Kann nicht behaupten, sehr optimistisch in den Mai zu starten.

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