Nervensägig

Es ist wieder mal oder immer noch Zeit für viele tolle, kluge Gedanken zur Zukunft der Zeitung. Sollte man meinen. Erzählen sie einem. Und dann liest man die „neuen“ Debattenbeiträge und ist ein bisschen entsetzt.

Die zuletzt gestartete Welle starteten drei Autoren in der FAZ „In eigener Sache“ – die Prämisse lautet:

Die Zeitungen stecken in der größten Krise ihrer Geschichte. Das liegt nicht nur am Internet. Anlass genug, über unsere eigene Branche nachzudenken.

Gut, schön, klar. Die Zukunft der Zeitung, manchmal auch des Journalismus, oder halt auch umgekehrt. Prima. Mal sehen, was es da zu lesen gibt.

Die Kritik dieser Bestandsaufnahme in recht ausführlicher Form kommt von Thomas Knüwer, der ja genau wie viele Journalisten (ja, ich denke ich auch) mit einem gewissen Klugscheißergen ausgestattet ist. Dafür wird er dann gerne angefeindet, aber merke: auch Klugscheißer haben mal recht.

Was er kritisiert und auch ich kritikwürdig finde, dass sind alle Sätze, die auf die Zukunft des Journalismus und der Zeitungen abzielen. Und das sind gar nicht so viele in diesem Artikel.

Szenario 1:

Wie also geht es weiter mit der Zeitung? Zwei Szenarien können wir uns ausmalen. Das erste trägt den Arbeitstitel: Es wird böse enden. Die Finanzierungsbasis der klassischen Zeitungen erodiert. Ein großes Zeitungssterben setzt ein. Einige Verlage retten sich, indem sie die alten Nebengeschäfte im Internet ausbauen, ihre Zeitungen aber aufgeben. In Gefahr geraten selbst die großen Namen.

Szenario 2:

Es wird doch noch gut: Eine neue Pressevielfalt entsteht. Einige wenige alte Verlagshäuser gehen als Sieger aus der Krise hervor.

Aber mehr als reines Wunschdenken ist das wirkich nicht. Geben die Autoren auch zu:

Ist das alles Wunschdenken? Ja, es ist Wunschdenken. So wünschen wir – die Autoren dieses Artikels – uns die neue Zeitungswelt.

Äh. Und dafür der ganze Aufriss?

Jetzt darf mal der Chef ran, Mathias Müller von Blumencron appeliert: Zwanzig Jahre Zeitung im Internet Schafft den Online-Journalismus ab.

Aber auch hier: ganz viel Historie, ganz viel Bestandsaufnahme, nette Anekdoten, aber Zukunft? Er stellt die Frage:

Wohin wird die Entwicklung führen?

Um diese Frage dann mal wieder entschieden nicht zu beantworten. Allenfalls mit einem sehr allgemeinen Bla Bla:

Journalismus braucht in den nächsten Jahren das, was gute Redaktionen immer getragen hat: jede Menge Idealismus.

Echt? Verleger, ich hör dir trapsen: Idealismus ja, Honorare nein? Und nein: Idealismus wird den Journalismus nicht retten.

Und dann, in den letzten drei Absätzen, kommt auch nichts mehr. Das ist nach all dem Vorlauf mit aufgeplustertem Wissen über den Werdegang des Online-Journalismus einfach beschämend wenig.

Und deswegen nervt diese Debatte so gräßlich: das Thema hatten wir vor 12 Monaten bei Cordt Schnibbens „2020 – Zeitungsdebatte“ auf Spiegel Online schonmal.

Bis repetita non placent.Wie der Asterix-gebildete Lateiner sagt.