Nerdism: Die Must-See Serie WATCHMEN

Wenn ich Bewegtbild zu mir nehme, dann natürlich nicht nur Dokumentationen. Im Privaten: meistens gar anderes. Ich bin dabei Mainstream-Schauer. Mit fast allen deutschen Produktionen kann ich nichts oder noch weniger anfangen. Ich kenne kaum deutsche Schauspieler. Ich bin verdorben von Jahrzehnten in denen vor allem US-amerikanische Produktionen den Weg wiesen. Sie waren, und sie sind, weit weg vom mitteleuropäischen Einheitsbrei. Natürlich profitieren die Autoren, Produzenten und Regisseure in den USA davon, dass selbst Programm für kleine Minderheiten immer noch ein sehr ansehnliches Publikum finden. [Legendär, wenn auch schon 20 Jahre her, zwei Wochenenden, in den wir TWIN PEAKS auf VHS gebinged haben, bevor es dieses Wort fürs Serienkucken gab. die zweite Staffel hatte ich nur in einer miserablen Kopie von der Kopie, die letzten Folgen im Original. Und wie sich das Ende morgens um fünf, die Sonne ging gerade auf, anfühlt – das kann sicher Jeder nachvollziehen, der bis dahin geschaut hat]

Viel zu staatstragend dieses Vorwort. Dabei bin ich gerade euphorisiert. Einer weiteren Vorbemerkung bedarf es dann doch. Ich liebe die WATCHMEN Reihe von Moore und Gibbons. Ich lese Bücher fast nie zweimal. bei WATCHMEN ist das anders. Ich weiß sogar noch, in welchem Urlaub ich die Bände atemlos zuerst durchgelesen habe. Ich hatte noch mehr Bücher für die eine Woche dabei, aber wieder mal hatte ich das Textvolumen, die Komplexität, die Verschachtelheit eines Comics unterschätzt. Sowohl auf Text- wie auf Bildebene ein durchkomponiertes Meisterwerk.

Umso furchtbarer waren dann die Comics BEFORE WATCHMEN, die DC glaubte 2012 auf den Markt bringen zu müssen, Ich fand den Film von 2009 von Zack Snyder in seiner akribischen Übertragungsarbeit auf das Medium und die Zeitbegrenzung (163 Minuten, immer noch kurz) ganz gut (und Anlass für einen erneuten Re-Read). BEFORE WATCHMEN war dagegen furchtbar. Einzig Brian Azzarellos COMEDIAN fand ich annehmbar. Darwyn Cookes MINUTEMEN auch sehr okay. Aber Eigentlich: die Origin-Geschichten sowohl der Watchmen als auch der Minutemen waren Bestandteil der Original-Serie. Was gab es da noch Sinnvolles hinzuzufügen? Selbst oder gerade der von mir geschätzte J. Michael Straczynski (Nite Owl, Dr. Manhattan, Moloch) enttäuschte mich schwer. Ich schaffte es nicht mal, damals gab es aber auch viel zu tun, Rezensionen zu den Büchern zu schreiben.

Das erklärt, warum ich spitze Finger hatte, als 2019 HBO eine Watchmen TV-Serie startete. Gebranntes Kind, you know? Doch in Pandemiezeiten, klar, da kommt einem vieles wieder unter den Streaming-Knopf, Ein Sonderangebot bei Amazon half bei der Entscheidung.

Und los ging die wilde Fahrt. Episode 1 ist so rätselhaft, wild, voraussetzungsreich oder eben auch nicht. Was zum Teufel soll das mit Rassismus in Tulsa und ein paar unbekannten maskierten Vigilanten und Gesetzeshütern (!) mit den Watchmen zu tun haben? Ist das wirklich nur ein Spiel mit dem Watchmen-Universum und seinen Narrativen? Die Rorschach-Apologeten folgen dem Rassismus der ursprünglichen Figur, aber auch die „Guten“ sind maskiert. Erneut: Who watches the watchers?

Muss man schreiben, dass die Bilder, die Action-Sequenzen und die Musikauswahl exquisit sind? Dass es lange Passagen in ruhigem Tempo gibt, andere dann unglaublich Dampf anlassen? Dass sich die eigentliche Geschichte nur sehr langsam herausschält? Das Regina King als Sister Night phantastisch ist, dass Louis Gosset jr. und Jeremy Irons zum daniederknien spielen? (hab ich Don Johnson erwähnt?)

Ich will nicht spoilern. Für den vollen Filmgenuss empfehle ich die Lektüre der WATCHMEN, oder zumindest den Film gesehen zu haben.

Aber es geht auf der übergeordneten Ebene auch um den nicht erledigten Rassismus in den USA („Wir haben Bürgerrechtsgesetze, jetzt ist doch alles gut?“). Es geht auch um soziale Spannungen. Es geht um Multi-Milliardäre, die glaube dazu bestimmt zu sein, die Welt zu retten. Es geht um die Frage, was die Anonymität einer Maske (wer mag an das Internet denken) aus einem Menschen macht.

Aber vor allem macht es Spaß, dem Autor/Shworunner Damon Lindelof zu folgen. Er wirft einem Brocken hin, aber nimmt den Zuschauer auch so an die Hand, dass er oder sie nicht zu verwirrt ist. Nur etwas angenehm desorientiert, aber immer mit dem Zutrauen, dass sich die Fragen, die sich aufdrängen, auflösen lassen. (Hätte man des von einem LOST-Macher erwarten dürfen?)

34 Jahre nach dem New-York-Zwischenfall, der auf der einen Seite drei Millionen Tote forderte und auf der anderen Seite die Doomsday-Clock anhielt, beginnt es in Tulsa zu gären, zwischen der Polizei und der rassistischen 7. Kavallerie, die Rorschach-Masken trägt. Die Polizei trägt gelbe Masken. Doch das ist nur die Oberfläche. Klar.

(Lesen sie jetzt nicht die spoilerbehafteten Wikipediaeinträge. Finger weg.)

Ich hatte, s.o., mich nicht mit der Serie im Vorfeld beschäftigt. Was für ein Segen. Vielleicht auch nicht die Folgentitel vorab lesen.

Die neun Folgen erzählen eine abgeschlossene Geschichte, und Lindelof gab an, dass er in diesem Universum derzeit nichts weiteres zur erzählen hätte (auch wenn am Ende (so wenig überraschend) mindestens ein Punkt himmelweit offen bleibt – der Vorstellungskraft der Zuschauer überlassen). HBO schloss zwar weitere Installationen nicht aus, erklärte WATCHMEN aber zur abgeschlossenen Mini-Serie.

Sobald ich absehbar 10 stunden Zeit am Stück habe, und den großen Fernseher, wird es Zeit für ein Re-Watch, gebinged hintereinander weg. Und vielleicht ist es an der Zeit, wieder Mal zu einer der Watchmen Editionen zu greifen, die hier im Regal stehen.

Nerdempfehlung: 10/10