Ethik vs. Moral – noch ein Interview-Tipp

Ich will mir das ja nicht angewöhnen, aber hier noch ein Interviewtipp, diesmal Florian Schroeder, wieder Futurzwei. Stichwort: Wokeismus

Was mich an den radikalisierten Wokies so stört, ist, dass sie im Namen der Gleichheit für Segregation sorgen: Sie wollen Rassismus abschaffen und machen die Hautfarbe des Sprechers zum entscheidenden Merkmal, ob er mitreden darf oder nicht. Dazu kommt die gefährliche Tendenz, alle vom Gespräch auszuschließen, die nicht dem eigenen Weltbild entsprechen. Sie wollen erwacht sein, sind aber doch verdammt nah am Wachtturm.

ebd.

Für den Journalismus nehme ich die folgenden Passagen mit:

Das scheint mir im Moment das Wichtigste zu sein, dass alles gefahrlos ist, Leben im abgesicherten Modus. Risikolos, in der Mitte der Fahrbahn. Das führt zu einer Starre und Unbeweglichkeit, die mit Unangreifbarkeit verwechselt wird. Nach meiner Wahrnehmung leben wir in einer gelähmten Gesellschaft, die darauf hofft, keinen Fehler zu machen, nichts Falsches zu sagen, nichts Falsches zu glauben, niemand Falschem hinterherzulaufen und wahrscheinlich im nächsten Schritt auch, nichts Falsches zu denken.

ebd.

Ethik vs. Moral – eine interessante Perspektive:

Gibt es eine aufgeklärte Form von Moralität? Ja, auf jeden Fall. Die Ethik. Ich weiß, dass das jetzt eine Zuspitzung ist, aber ich sage: Moral ist radikal abzulehnen, und zwar in jeder Hinsicht. Moral ist immer fatal, weil Moral immer privatistisch und letztlich pädagogisch dogmatisch ist. Ich kann als Moralist sagen: Ich finde es widerlich, dass hier Männer mit Männern ins Bett gehen dürfen. Das ist wider meine Moral. Ich kann es nicht sehen. Es dient nicht der Fortpflanzung. Was auch immer. Mit Moral lässt sich alles begründen. Und das ist ihr großes Problem. Ich kann eine katholische Moral haben, eine private Moral, …
… eine Nazi-Moral Genau, alles wird plötzlich richtig. Moral führt immer in die Barbarei.
Was folgt daraus? Die Illiberalität einer Gesellschaft lässt sich daran zeigen, wie viel Moral-Überschuss sie produziert, und inwieweit sie das Recht hinter die Moral stellt. Insofern sind wir auf einem besorgniserregend illiberalen Niveau angekommen. Deswegen würde ich immer für Ethik sprechen, weil Ethik sich ja ausschließlich für die Fragen interessiert: Ist etwas fair, ist es unfair? Ist es gerecht? Ist es ungerecht? Ist es verallgemeinerbar oder nicht? Und deswegen fehlt mir die Ethik in der ganzen Debatte, deren Aufgabe es ist, vor der Moral zu warnen, wie Niklas Luhmann es einmal so treffend formulierte.

DER ANSTALT, die mit antiquiertem Frontalunterricht erfolgreich ist und ständig Applaus bei Twitter bekommt, gibt er, ganz nett, einen mit:

Dass Satire versucht, etwas aufzuzeigen, auch mit journalistischen Mitteln, finde ich prinzipiell gut. Und dass Satire ins Zentrum der Debatte gerückt ist, ist wunderbar für mich. Anstrengend wird es, wenn ich auf Twitter Bekundungen lese, dass endlich mal wieder jemand in einer Satiresendung sagt, wie furchtbar schlimm wir alle sind. Diese »verlogenen Augen der Scham und Andacht« (Nietzsche) auf 280 Zeichen. Für mich ist also das Problem nicht Informationsvermittlung mit Haltung, sondern moralinsaure Informationsvermittlung, die Anklage mit Haltung verwechselt.

ebd.

Wieder gilt: das ganze Interview lesen. Mal ein Futurzwei oder taz-Abo-kaufen oder taz-zahlich machen.

Im Augenblick gibt es die taz wieder im Probe-Abo, 10 Wochen 10 Euro! https://taz.de/!p4697/

Nehm mir mal sein Buch „Schluss mit der Meinungsfreiheit“ vor.

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