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Zum allgemeinen Entsetzen einiger meiner Freunde lese ich auch Takes von, sagen wir wohlwollend, sich konservativ oder liberal verstehenden Zeitgenossen. Auch wenn ich deren Selbstwahrnehmung eventuell nicht teile.

Und auch wenn ich Kolumnen selten zielführend finde, lese ich auch dieses Genre, natürlich lieber welche, die mit meinen Werten und Einstellungen korrespondieren als andere, aber andere auch, und sei es, um mal wieder herzhaft den Kopf schütteln zu können. Aber ich muss wissen, was in diesem sich radikalisierenden Quatsch-Anti-Wokeismus Universum so passiert. (Spoiler: es ist nicht schön)

Also folge ich auch Jan Fleischhauer und lese ab und zu das, was er für den Focus schreibt. 90-95 Prozent sind irgendwie quatschig, ich kann aber verstehen, warum er gerne gelesen wird: Duktus und Sprache sind schon eingängig. Wenn Svenja Schultze und die „Vertraut der Wissenschaft“-Grünen gegen Gentechnik ihr Fett abbekommen: ja, da ist sie, die eine Kolumne für dieses Jahr.

In einem wunderschön betitelten Text Schrei nach Liebe: Warum AfD-Anhänger ein Fall für den Therapeuten sind geht er dem AFD-Phänomen wenn schon nicht auf den Grund, kommt dem Grund aber schon sehr nahe. Was mich dann irritiert ist diese Passage;

Man kann sich nicht nur finanziell abgehängt fühlen, sondern auch kulturell. Rechts der Mitte ist eine vielfältige alternative Medienszene entstanden. Es gibt „Tichys Einblick“, „Publico“, „reitschuster.de“, dazu jede Menge Podcasts. Wer will, findet über die sozialen Medien sofort Gleichgesinnte, mit denen er sich austauschen kann. Aber das reicht den AfD-Anhängern nicht. Sie wollen, dass ihnen auch Leute, die sie eigentlich als Mainstream abgeschrieben haben, zuhören.

ebd.

Er zählt da schon die Quellen auf, aus denen sich die armen, missverstandenen AFD-Anhänger ihr Weltbild und ihre tägliche Dosis Aufregung holen. Denn es geht doch nur darum, sich jeden Tag Aufregen zu können. BILD und WELT sind die Einstiegsdroge, vielleicht auch der FOCUS, aber irgendwann muss der härtere Stoff her. Und den liefern die genannten „Medien“.

Und Nius. Ein vom Milliardär Frank Gotthard finanziertes Breitbart, das schon Julian Reichelt und Ralf Schuler Obdach bietet. Es einfach oben in die Liste aufzunehmen wäre ein Leichtes gewesen. Wenn es nicht so wäre, dass Jan Fleischhauer auch den Weg dorthin beschreitet.

Am verzeihe mir den Verzicht auf Links.

Was will mir der Kolumnist sagen?

Ich glaube, er ist nicht so „rechts“ wie ich ihn wahrnehme, tatsächlich verbindet ihn mit anderen WELT/BILD Menschen der Spaß an der Provokation, und natürlich weiß er, wie man Knöpfe drücken muss, damit sich Grüne, Linke, Alternative, Sozial-Liberale aufregen. Von dieser Aufregung ernährt sich der Kolumnist, der Journalist.

Denn was war das früher für ein Business: Reaktionen auf eigene (Meinungs-) Artikel waren doch dünn gesät. Zuförderst Lob und Anerkennung, Schulterklopfen etc. von Kolleg:innen. Dann ein paar Leserbriefe. Dann vielleicht ein bisschen Rückmeldung im eigenen Freundeskreis. Sagen wir doch so: vor dem Internet war Journalist:in ein überwiegend einsamer Job. Es gibt Menschen, die verkraften das nicht so gut.

Und dann die Sozialen Medien. Jetzt gibt es einen Ressonanzboden. Und nach diesen Reaktionen kann man süchtig werden.

Im Netzjargon führt der Weg dann Richtung „Troll„. Trollen, Reaktionen suchen. Süchtig danach werden. Nach „emotionalen Reaktionen“.

Wie man dem beikommen soll. Ich habe keine Ahnung.

Bild: KI/MIdjourney