Studies from hell: Das Lead-Prinzip

In der Regel geht es in dieser unregelmäßigen Rubrik ja um Studien, deren Design so mangelhaft ist, dass man von einer Publikation und vor allem von verallgemeinernden Annahmen Abstand nehmen soll, also geht es ja doch eher um Journalismus und um den Umgang mit den Studies from hell. Denn manche Studien klingen beim ersten Lesen bekloppter als sie sind.

Es gibt zwei journalistische Probleme, die im Internetzeitalter potenziert wurden:

  • Überschriften sollen zum Lesen animieren. Im Netz kommt ihnen eine noch größere Bedeutung als sonst zu, denn Zack ist der Leser weiter. In Sozialen Netzwerken muss die Überschrift mit einem markanten Bild kombiniert werden. Das führt gerne zum „übergeigen“ der Überrschrift, die am Ende mehr verspricht als der Inhalt halten kann.
  • Das Lead Prinzip heißt eigentlich: das Wichtigste zuerst. Im Netz ist das aber doof, wenn der Leser nach zwei Absätzen weiß, dass er den Kern der Sache erfasst hat und daher weiterziehen kann. Daher wird das Prinzip nicht mehr sehr ernst genommen: die kleinste Meldung muss zum „Storytelling“ werden, damit der geneigte Rezipient auch ja bis zum Ende dran bleibt.

So komme ich auf:

https://science.orf.at/stories/3201513/

Bäm. Knackige Drei-Wort-Überschrift, und ein gutes Symbolbild (vielleicht hätte es noch eine fettige, nicht-vegetarische Pizza sein müssen, aber gut)

Wir brauchen jetzt noch einen knackigen Anreißertext:

Für mich ist ja „laut einer neuen Studie“ ein Trigger-Passus. Würstel: wir sind hier beim ORF.

Jetzt kommt der Lead-Satz – da wird es jetzt schwieriger:

Menschen, die sich häufig von derartigen Fertiggerichten und nicht von frisch zubereiteten Speisen ernähren, haben kürzere Telomere, wie ein Team um die Ernährungswissenschaftlerin Lucia Alonso-Pedrero von der Universität Navarra in Spanien berichtet.

ebd.

Es geht auf einmal nicht mehr ums Altern sondern um Marker, die das Alter anzeigen.

Ich kürze mal ab und lese den letzten Absatz, was der Produzent der Überschrift wohl nicht getan hat:

Wie die spanischen Forscherinnen und Forscher betonen, handelt es sich dabei aber nicht um einen direkten kausalen Zusammenhang. Weitere Studien seien nötig, um den genauen Mechanismus zu eruieren.

ebd.

Wie war nochmal die Überschrift? Könnte es sein, dass hier von einem direkten, kausalen Zusammenhang …

Ich bin es so müde. Ich hasse das Wort „erurieren“. Ich…

Mein Symbolbild steht übrigens für frisch zubereitete Speise, was viel besser ist als …

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