Die Fünf – eine Linkliste mit Beiträgen, die gegen den Strich bürsten

Ich hätte da mal einen guten Vorsatz fürs neue Jahr: mehr Nachrichten zur Kenntnis nehmen, die der allgemeinen medialen Erzählung etwas hinzufügen, was entweder Kontrast oder lehrreicher Aspekt ist. Ich halte Augen und Ohren offen, versuche das wenigstens. Dass Formulierungen wie „immer mehr“ meinen Widerspruchsgeist und im schlimmsten Fall so etwas wie Recherche auslösen, das habe ich mehrfach bereits klar gemacht. Dann mal los:

Link 1: Diskriminierung wird immer schlimmer.

Es hat den Anschein, als seien Rassismus, Antifeminismus und andere -ismen so schlimm als nie wie zuvor. In der taz hat sich der zuständige Redakteur einen sich mit dem Thema beschäftigenden Gastbeitrag nur mit Fragezeichen zu versehen gewagt. „Immer weniger Diskriminierung?“ Fragezeichen. Der Autor Aladin El-Mafaalani lässt das Fragezeichen weg:

In immer feineren Analysen werden immer wieder neue Ecken durchleuchtet, in denen Diskriminierung stattfindet. Diese kommunikative Steigerungsspirale lässt schnell den Eindruck entstehen, alles sei schlimmer geworden. Aber natürlich war das racial profiling bei Polizei, an der Discotür oder bei Stellenbesetzungen früher viel stärker ausgeprägt. Ähnliches lässt sich über sexistische oder homophobe Handlungen zeigen.

https://taz.de/Fragen-der-Zeit/!172066/

Da helfen Zeitzeugen, Dokumentationen aus den 50ern und 60ern, als Schwarze, Hippies, Langhaarige, „Andere“ wirklich kein leichtes Leben hatten. Ich empfehle literarisch Matt Ruff: Lovecraft Country.

Link 2: Palmöl ist (nur) böse

Das kann sein. Ich versuche auch, Palmölprodukte zu meiden – was aber nicht ganz einfach ist. Die Frage, die ich mir eher unterbewusst gestellt habe, war irgendwie schon: warum ist das Zeug in so vielen Produkten. Immerhin eine Antwort:

Auf Palmöl entfallen heute vierzig Prozent des globalen Pflanzenfettverbrauchs, doch wächst es auf weniger als sechs Prozent der weltweit mit Ölfrüchten bepflanzten Fläche. Denn Elaeis guineensis produziert Fett äußert effizient: Palm-Plantagen erzeugen 1,9 bis 4,8 Tonnen Öl pro Hektar; Soja, die Nummer zwei unter den Ölfrüchten, bringt es auf gerade mal 0,4 bis 0,8 und auch deutscher Raps nur auf 0,7 bis 1,8 Tonnen pro Hektar.

https://www.faz.net/aktuell/wissen/ab-in-die-botanik/ab-in-die-botanik-spekulatius-ist-ueberall-17099561.html

Ob die Schlussfolgerungen des Artikels, mit dem Verzicht auf Palmöl wäre alles nur noch schlimmer, und dass die Palmöl-Anbauer verglichen mit Soja-, Holz- und Fleischproduzenten „selbstverpflichtender“ sind, zutreffen: ich weiß es nicht. Der reine Mengenvorteil von Palmöl allerdings ist frappierend. Ich hoffe darauf, dass zukünftige Berichte zum Thema darauf eingehen.

Link 3: Wir leben im Zeitalter der Hyperbeschleunigung

Die Salonkolumnisten legen überzeugend dar, dass das nur eine „gefühlte“ Wahrheit ist, gerne von den Wohlfühlblättern am linksliberalen Rand erzählt. (Vorsicht: bei Aufruf der Seite plärrt der Podcast bei mir los. So kann man natürlich auch Zugriffe generieren. Hate it.)

Dass unsere Großeltern und Urgroßeltern frei von Beschleunigungstraumata gelebt hätten, ist also schon einmal erkennbar Unsinn. Aber jede Generation schaut bekanntlich vor allem auf den eigenen Nabel. Allein: Was sehen wir da?
Im Deutschland des Jahres 2020 beruht praktisch der gesamte Verkehrssektor auf Technologien des frühen 20. Jahrhunderts. Auf Straßen, Schienen und über unseren Köpfen bewegt sich kaum etwas fort, was es in seiner Grundform nicht schon vor 100 Jahren gegeben hätte. Die meisten Deutschen wählen in unterschiedlicher Version konservativ und bevorzugen abhängige Lohnarbeit gegenüber der Selbstständigkeit – wie ihre Eltern und Großeltern. Ein normaler deutscher Arbeitstag dauert seit 1918 acht Stunden, bei seit 1974 etwa 40 Stunden Wochenarbeitszeit. Zentrum des Alltags bleibt die Familie, die Geburtenrate ist seit Mitte der 1970er weitgehend konstant. Einwanderung ist Normalität, als im Herbst 1964 der Millionste Gastarbeiter nach Deutschland kam, wurde er feierlich begrüßt und mit einem Moped beschenkt.
Selbst die Digitalisierung hat graue Schläfen bekommen: PC und Internet sind seit einer Generation Alltag in deutschen Büros. Der einzige namhafte deutsche Digitalkonzern, SAP, feierte vor Kurzem seinen 50. Geburtstag. Allgemein ist das Tempo bei der Digitalisierung zum Gähnen. Ein Experte verglich die Liste der DAX-30-Titel jüngst mit einem „Industriemuseum”. Gegen den Befund einer Nation mit Schwindelgefühlen spricht nicht zuletzt die Tatsache, dass sich die Lebenszufriedenheit der Deutschen auf einem historischen Höhepunkt befindet.

https://www.salonkolumnisten.com/bremst-die-entschleunigung/

Bitte den ganzen Artikel lesen. Mein Unwohlsein mit der Corona-Beschwörung der „Entschleunigung“ besser in Worte gefasst, noch dazu mit Fakten unterlegt, als ich das könnte. Mein Text zum kommenden Jahrzehnt.

Der Entschleunigungsdiskurs vergiftet die politische Kultur, indem er jeden Gestaltungswillen verdächtig macht, der über das Bewahren und Wiederherstellen hinausgeht. Wandel oder Schongang – gerade die Parteien des linken Spektrums werden sich entscheiden müssen, auf welcher Hochzeit sie wirklich tanzen wollen. Jede Form der Modernisierung, besonders die ökologische, erfordert Veränderungsbereitschaft. Und die wird nicht größer, wenn man Menschen einredet, sie seien erschöpft, überfordert und hätten ein heiliges Recht auf den Status-Quo.

ebd.

Link 4: Amazon ist unfair zu Arbeitnehmern, sonst ist alles gut

Ja, ich glaube, das bei Amazon stimmt schon in gewissem Umfang. Aber: während die Gewerkschaften sich sicher sein können, bei jedem Amazon-Streik(versuch) maximale publizistische Aufmerksamkeit zu bekommen, geht dagegen unter, dass der von Amazon geforderte Einzelhandelstarifvertrag ja noch nicht mal im Einzelhandel Standard ist:

Nur noch 28 Prozent der Beschäftigten fallen unter einen Tarifvertrag, in der Gesamtwirtschaft dagegen gut jeder Zweite. Und auch wenn anderswo die Begeisterung für Flächentarifverträge ebenfalls sinkt: Im Handel ist die Tarifbindung in den vergangenen zehn Jahren rasanter zurückgegangen als in der Wirtschaft insgesamt.

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/einzelhandel-tarifbindung-gehalt-kommentar-1.4992579

Ich fände es ja großartig, wenn die entsprechende Gewerkschaft das mal zum Anlass in der Vorweihnachtszeit nehmen würde, Aktion zu zeigen. Wird nicht klappen? Dann muss man daran arbeiten, statt sich „nur“ an Amazon abzuarbeiten. Hier noch eine immer noch zutreffende Zusammenfassung aus 2017:

Bis zum Jahr 1999 war die Welt im Einzelhandel – zumindest für Beschäftigte – weitgehend in Ordnung. Die Tarifverträge im Einzel- und Großhandel wurden überwiegend für allgemeinverbindlich erklärt, da bei Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften der Konsens herrschte, mit der Allgemeinverbindlichkeit die „schwarzen Schafe“ der Branche zu disziplinieren.

Dieser Konsens wurde 2000 von der Arbeitgeberseite aufgekündigt. Gleichzeitig wurde eine „OT-Mitgliedschaft“ eingeführt, d.h. Unternehmen konnten weiter dem Arbeitgeberverband angehören, ohne dessen Tarifverträge anzuwenden.

Die Folge: Immer weniger Beschäftigte des Einzelhandels werden nach Tarifvertrag bezahlt. Prekäre Beschäftigung auf Mindestlohnniveau nimmt zu. Prof. Dr. Stefan Sell spricht von einer „Verwüstungsdynamik“ und einer „Rutschbahn nach unten“.

https://koeln-bonn.dgb.de/themen/++co++82f59fe8-d437-11e7-88ee-52540088cada

Ist als Thema aber zu unsexy, liebe Kolleg:innen?

Link 5: Datenschutz behindert die Wirksamkeit der Corona-Warn-App

Ich werde in einem kommenden Blogbeitrag nochmal darauf eingehen, dass es eine unglaubliche Unsitte ist, „Philosophen“ in journalistischen Formaten Aussagen treffen zu lassen, die nichts mit ihrem Fachgebiet zu tun haben. Etwa den notorischen Julian Nida-Rümelin, für mich eine fürchterliche Restante aus den furchtbaren rot-grünen Schröderjahren. Damals Kultur-Staatsminister, (2001-2002) und seitdem in mancherlei Beziehung seinen Fachbereich verlassend Unsinn verbreitend. Etwa in der Talkshow Anne Will zu Corona. Linus Neumann hat sich seines Geplappers angenommen:

Zweite unsinnige Behauptung: In Südkorea, Taiwan und Japan gäbe es “ortsbasiertes Contact Tracking” [sic!] und dieses sei für den Erfolg verantwortlich. “Den Datenschutz” macht Nida-Rümelin dafür verantwortlich, dass Deutschland keine nachhaltige Strategie im Umgang mit der Pandemie habe.
In dieser Behauptung stecken so viele Fehlannahmen, dass es schwer ist, sie alle einzeln zu widerlegen. Beginnen wir daher mit einfach zu widerlegenden Fakten.
Tatsache ist: Taiwan nutzt gar keine Contact Tracing App, Japan nutzt die gleiche Corona-App wie Deutschland und auch Südkorea kann nicht als Beispiel herhalten.

https://linus-neumann.de/2020/12/corona-und-datenschutz-julian-nida-rumelin-verdreht-noch-mehr-tatsachen-als-ich-zunachst-dachte/

Seitdem und davor wuchert das Gerücht, der Datenschutz hindere „uns“ daran, eine erfolgreiche Corona-App zu haben. Ich glaube, das massenhaft unvernünftige Verhalten vieler Menschen hindert uns daran, eine erfolgreiche Anti-Corona-Strategie zu fahren. Aber das macht ein so großes Fass auf, da mag man gar nicht drüber nachdenken, was, Herr Philosoph?