Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

Photo by Patrick Brinksma on Unsplash
Photo by Patrick Brinksma on Unsplash

Was ich gewinnbringend gelesen habe (18/1)

Ich will 2018 mal sammeln, was mir im Laufe der Woche und vor allem des Wochenendes an interessanten Artikeln und News über den Weg gelaufen ist. Auch als Impuls, der oder die ein oder andere möge sich die veröffentlichenden Medien auch mal anschauen, auch unter dem Blick, ob es sich lohnt, für Journalismus Geld auszugeben.

Ein Jahr Trump – schlimm genug. Diese Analyse in der taz So anormal wie möglich kommt meiner eigenen Fernsicht sehr nahe, interessant vor allem der Blick auf die Demokraten. Er kommt von Bill Scher, der für das amerikanische Onlineportal Politico schreibt.

Obwohl sich der politische Wind ein wenig zu ihren Gunsten gedreht hat, sieht sich die Demokratische Partei hausgemachten Problemen gegenüber: Wie es aussieht, gehen sie bei den Präsidentschaftswahlen 2020 ohne einen Kandidaten ins Rennen, der alle Parteiflügel hinter sich weiß, souverän die Parteiführung für sich reklamieren könnte und in der Lage wäre, bestehende innerparteiliche Meinungsverschiedenheiten beizulegen.

Ich habe den Krautreporter Newsletter abonniert, was ich nur empfehlen kann, und in dieser Woche ist mein kostenloser Artikel Du denkst, du hast Bitcoin verstanden? Dann lass uns mal über einen Crash nachdenken. Ein spannender Einblick in den Hype, von dem ich denke, dass die Masse der Journalisten gar nicht verstanden haben, worum es geht. Die Propagandisten der Blockchain jubeln über dispruptive Technologie, aber auch bei denen sehe ich wenig Verständnis für Strukturen und Logik hinter Bitcoin & Co.

Als in der Woche vor Weihnachten Bitcoin von einem Höchststand nahe 20.000 Dollar auf bis zu 11.000 Dollar einbrach, konnten Millionen Kunden von Coinbase stundenlang ihre Accounts nicht öffnen, angeblich weil die Server der Seite nicht ausreichten, um mit den massenhaften Anfragen umzugehen. Die Technik kann schuld gewesen sein.

Allerdings gibt es noch eine andere Möglichkeit, die die Marktplätze öffentlich nur unter großem Druck diskutieren würden. Im Fall extremer Kurssprünge – vor allem nach unten – könnten sie nicht genug Geld haben, um all jene auszuzahlen, die bei ihnen Bitcoins halten und sie abziehen wollen. Oder anders formuliert: Die Marktplätze können genauso pleitegehen wie Banken.

[Krautreporter: noch kann ich mich nicht zum Abo für 5 Euro/Monat überwinden, denn die Beispielartikel im Newsletter schrecken mich eher ab: Reportagen zu sozialen Themen bekomme ich auch woanders, Erklärartikel die sich aber dann doch an Einzelbeispielen entlanghangeln, Themen, die mich schlicht nicht interessieren („Wie kann man beim Bund Arbeit und Beruf miteinander vereinbaren“) sowie Kolumnen, Kommentare, Meinungsartikel – das bekomme ich auch für ohne Geld. Gehört vielleicht zu einem journalistischen Angebot dazu, wäre aber für mich nie Grund, für ein Medium Geld auszugeben. Ich würde den og. Artikel jetzt bei Blendle, Laterpay oder per Flattr zahlen.]

Hilfreich auch Warum die Blockchain eine fürchterlich überhypte Technologie ist bei t3n (Adblocker kann man hier beruhigt ausschalten – nicht vergessen!)

Artikel rund um die möglichen Auswirkungen der Technologie sind voll von gigantischen Versprechen, überzogenen Erwartungen und einer guten Prise „Magical Thinking“. Und immer wieder trifft man auf Artikel, die verkünden, dass die Blockchain eine beliebige Industrie (meist die Finanzindustrie) „disrupten“ wird. Es wird jedoch in vielen Fällen deutlich, dass Autoren solcher Artikel keinen Schimmer von der Industrie haben, die sie disrupten wollen, und sehr oberflächliche Analysen anstellen.

Dazu noch mehr, wenn der Artikel des JOURNALIST online ist, indem Journalismus per Blockchain disruptet werden soll..

Interessant fand ich diesen Artikel des Boersenblatts Der Buchmarkt verliert vor allem jüngere Käufer , vor allem da der Buchmarkt die gleichen Probleme wie der Markt für lineares Fernsehen hat: die Jüngeren schichten ihr Konsumverhalten um.

Im Gesamtmarkt der Entertainment-Angebote (Kino, Video, Games, Musik, Bücher) verliert das Buch als einziges Medium Anteile. Die jüngeren Zielgruppen sind es, deren Kaufbereitschaft im Buchhandel massiv abnimmt. Von 2011 bis 2016 hat ihre Zahl um 32 Prozent abgenommen. Gleichzeitig stieg die Zahl der sehr jungen (bis 19) und der älteren Käufer (70+). Die Buchkäufer, so Lippmann, würden immer älter.

Kulturpessimisten sollten jetzt die Stirn runzeln.

Nachtragen will ich noch diesen Artikel aus der vorletzten taz „Ich bin nicht euer Vorzeige-Kanake“ über einen „Flüchtling“. Da verspricht der Titel nicht zu viel, denn ich lerne einen mir zutiefst unsympathischen Fred kennen. Edris Zaba heißt er, und seine Familie kam vor über 20 Jahren nach Deutschland. Einfach so Flüchtlinge?

In der ostafghanischen Stadt wird Zaba 1989 geboren. Der Vater genießt Ansehen: Studium in Russland, Mitglied der Kommunistischen Partei, Chef für die Innere Sicherheit Afghanistans, Umzug nach Kabul. Doch die Mudschaheddin und die Taliban gewinnen im Bürgerkrieg die Oberhand. USA oder Kanada? In letzter Sekunde entscheiden sich die Eltern um, die Wahl fällt auf Deutschland – „wegen der Bildungschancen für uns Kinder“.

Ein Mitglied des kommunistischen Regimes? Auf der Flucht? Und „Innere Sicherheit“ – das klingt ein wenig nach Geheimpolizei, Folter und mehr. Dass sich Deutschland mit diesen „Flüchtlingen“ schwer tut: wer mag das merkwürdig finden? Ich mal nicht. Zaba schon.

Er studiert jetzt Philosophie

„Ich wollte etwas fürs Leben lernen, nichts Zweckdienliches, weil du dich als Ausländer verwerten musst.“

Verwerten müssen sich bekanntlich nicht nur Ausländer, die Frage, wovon er lebt, stellt die taz lieber nicht. Vielleicht von seinem Job bei der Flüchtlingshilfe, den er auch nicht ohne irritierende Hintergedanken macht:

 In der Asylbegleitung nimmt er eine Stelle an: „Ich wollte dort Platz besetzen. Damit kein weißer Deutscher kommt und sein Helfersyndrom an der Hilfsbedürftigkeit der Ausländer auslässt.“

Was. Für. Ein. A…

Engagierten Ehrenamtlichen „Helfersyndrom“ vorwerfen. Grandios.

Da passt dann dieser Satz, zwei Absätze später, gar nicht:

Er versucht zu vermitteln, Zuversicht zu geben, mit Behörden zu sprechen. Oft sind ihm die Hände gebunden. In Leipzig gebe es durch Ehrenamtliche wenigstens Angebot und Unterstützung, in der Provinz ist das anders.

Oh, Ehrenamtliche mit Helfersyndrom?

Ich bin der taz dankbar, dass sie mal zeigt, dass „Flüchtlinge“ auch unsympathisch, nicht-bereichernd und mit Anspruchshaltung sein können. Ich fürchte nur ein bisschen, dass die taz diesen Artikel ganz anders liest.

 

 

 

 

 

Foto: Patrick Brinksma

Kommentare sind geschlossen.