Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

Warum das deutsche Fernsehen einpacken kann

Ich würde ja auch lieber eine andere Überschrift wählen, aber …

Der Grund für meine harsche Einschätzung – das da:

Naja, nicht unbedingt das da, aber fast: PHINEAS UND FERB ist ein für mich derzeit täglich sichtbares Fanal für den Untergang des deutschen Fernsehens. Denn bei meinen Kindern sind die beiden gerade sehr angesagt, und bei mir auch. Dafür gibt es Gründe. Und: diese Art von TV-Show prägt in früher Kindheit sicherlich die Wahrnehmung dessen, was Fernsehen leisten kann.

Denn was leistet P&F? Ich versuche die Serie kurz vorzustellen und dann zu charakterisierren.

Phineas und Ferb sind amerikanische Schüler mit einem Hang zum Basteln, Experimentieren und Bauen. „Seid ihr nicht zu jung für so etwas?“, eine Frage, die ihnen immer wieder gestellt wird. Die Serie spielt in den langen Sommerferien, in denen sich die beiden jeden Tag etwas Neues ausdenken. Den Anfang macht in der ersten Folge eine riesige Achterbahn, die durch die ganze Stadt reicht. Phineas ist der mit den vielen guten Ideen, gerne schnell und laut, Ferb der ruhige, bedächtige, aber sehr vorausschauende Typ, der nicht mehr als unbedingt nötig redet.

Ihr Schwester Candace, etwas älter, betrachtet die Erfinungen der Brüder mit mehr als nur etwas Argwohn, zu ihrem Lebenszweck wird es, irgendwann einmal ihren Eltern, ihrer Mutter zu zeigen, was die Jungs da gefährliches im Garten des Hauses anstellen. „Auffliegen lassen“, das ist ihr Lebenszweck, und es gelingt ihr einfach nicht. Denn immer, wenn es fast so aussieht als würden sich die Abenteuer ihrer Brüder nicht mehr verbergen lassen, dann – passiert irgendetwas Merkwürdiges. Es fehlt an den Beweismitteln.

Das hat häufig damit zu tun, dass es sich beim Haustier der Familie, dem Schnabeltier Perry, gar nicht um ein harmloses Schnabeltier handelt, sondern um einen Geheimagenten namens Agent P, der von Major Monogram und seiner Geheimorganisation tierischer Agenten ausgeschickt wird, den verrückten Erfinder und Bösewicht Hans Doofenshmirtz daran zu hindern, die Kontrolle über die Stadt und die Umgebung zu übernehmen.

Doofenshmirtz erfindet zu diesem Zweck die merkwürdigsten Dinge, alle enden auf „…ator“, (Taubnator, Andere-Dimensionator, Schau-weg-inator). Hier die Liste.

Verwirrt? Alles ein bisschen viel? Aber jede Folge ist nur 11 Minuten lang! Und ein Hort des „Running Gag“ – immer wieder die immer selben Zitate, Musikmotive. Da ist etwa der Satz „Wo ist Perry“ mit dem jeder Einsatz von Agent P (mit eigener Musik) beginnt, wenn er sich auf absurdesten Wegen auf macht in seine Geheimzentrale. Und sobald es Richtung Doofenshmirtz geht kommt ein Musik-Jingle (meist „Doofenshmirtz – Fies sein ist unser Motto“), wie ein Audiologo in der Werbung. Ach ja, und jede Folge hat einen Song, eine Musical-Nummer.

P&F hat alles, was modernes Fernsehen auszeichnet: Schlagfertige Dialoge, viele wiederkehrende und dabei variierbare Elemente, mehrere Handlungsebenen. Naja, nicht gerade einen durchgehenden „Plot“ über mehrere Folgen hinweg, aber hin und wieder wird auf vorangegangene Erfindungen der beiden Jungs Bezug genommen. Besonders stark im 90-Minüter „in der 2ten Dimension“.

Die Folgen wimmeln, wahrscheinlich für die mitguckenden Eltern, von popkulturellen Anspielungen, vor allem auf Film- und Fernsehen. Und einzelne Folgen sind ganz aus dem normalen Setting herausgeholt, wenn etwa „Der Zauberer von Oz“ oder mittelalterliche Märchen die P&F-Logik verpasst bekommen. Ein beliebtes Spielchen, die bekannten Hauptfiguren in andere Geschichten einzubetten.

Der Ideenreichtum ist trotz der engen Korsettstangen des Grundplots beeindruckend. Am Rande trägt zur Modernität noch die Musik bei, die Titelmusik kommt etwa von den Fun-Punkern von BOWLING FOR SOUP, im Abspann des 90-Minüters rockt SLASH. Die Schnitte sind schnell, es wimmelt von Ortswechseln und Rückblenden. Das ist alles ziemlich anspruchsvoll für junge Mediennutzer, die sich aber schnell reinfinden (und auch Sachen, die sie nicht verstehen, ganz schnell wegfiltern).

Im Vergleich dazu kommt mir deutsches Fernsehen allgemein (und gerade im Erwachsenenbereich) träge, langsam, unglaublich linear vor. Wird da mal ein zeitlicher Rückbezug eingebaut, dann erzählt ein Protagonist von früher oder in allergrößter Ausführlichkeiten. P&F lebt wie HIMYM, Chuck oder Scrubs vom Tempo, von schnellen Flashbacks der handelnden Personen, und führt ganz einfach zu einer anspruchsvolleren Fernsehkost hin. Spätestens in den SHERLOCK-Filmen ist es gut, die Grundtechnik des schnellen Erfassens von Informationssplittern zu beherrschen.

Schaltet man nach P&F eine deutsche Serie ein – so geht es mir zumindest – fühlt man sich einfach unterfordert. Sensorisch, aber auch intellektuell, wenn einfach jede Wendung der Handlung ausführlich erklärt werden muss. Unterforderung ist des Fernsehns Tod. Und ich sehe das deutsche Fernsehen schlicht und ergreifend auf dem Weg dahin …

 

 

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