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Wächter der Nacht – enttäuscht.

Wächter der NachtWächter der NachtSergej Lukianenko hat mit der WÄCHTER-Tetralogie in Deutschland furios eingeschlagen. Zuerst nahmen die Kinozuschauer erstaunt den russischen Kinofilm zur Kenntnis, dann folgten die Bücher bei Heyne und verkaufte sich fast auf Anhieb wie geschnitten Brot. Die Rezensionen der Profis (etwa Stephan Maus im STERN: „Während sich die russische Hochliteratur noch immer in postmodernen Mätzchen verstrickt, sagt dieser Unterhaltungsschriftsteller kurz und prägnant, was Sache ist: In Moskau gehen Vampire, Tiermenschen und Hexen um. So einfach ist das. Und wer wollte das angesichts von Polonium- Werwölfen und Gasprom-Vampiren bezweifeln?“) waren häufig wohlwollend, die der Phantastik-Fans manchmal geradezu enthusiastisch (etwa die ausführliche Rezension von Molosovsky in MAGIRA – Jahrbuch zur Fantasy 2007).

Der Kampf zwischen Gut und Böse im neuen Russland, wobei die Fronten verschwimmen, Vampire gegen gute Magier zwar eine Paarung ist, nicht aber schon das Ende der Geschichte. Das versprachen die Ankündigungen der WÄCHTER-Bände.

Also war die Erwartungshaltung für das Hörbuch hoch: herauszufinden, was hinter dem Mythos der WÄCHTER und dem Rummel rund um die Romane steckt. Um es vorwegzuschicken: anhand des Hörbuchs läßt sich das alles nicht nachvollziehen.

Das erste Buch WÄCHTER DER NACHT besteht aus drei Teilen, wenn man so will, Novellen rund um den Ich-Erzähler Anton Gorodezki. Ein kurzer Prolog leitet die drei Geschichten ein, in der Hörbuchfassung von Achim Höppner gesprochen – bei leidlich schlechter Aufnahmequalität, die zu unangenehm zischenden S-Lauten führt. Das hat der, im November 2006 verstorbene, vielfach gerühmte Synchronsprecher sicher nicht verdient.
Die Hauptpassagen werden von Oliver Brod gelesen. In der Hörbuchszene ein bisher unbeschriebenes Blatt. Seine Stimme passt zum Protagonisten, dem anfänglich nur schwach-magisch begabten Computerspezialisten im Dienste der Nachtwache, jener Organisation, die von Seiten der „Lichten“ für die Einhaltung der Regeln des Waffenstillstands im Kampf „Gut gegen Böse“ zuständig ist. Eines moralisch fragwürdigen Waffenstillstands, der der dunklen Seite Konzessionen etwa zum Blutsaugen bei Sterblichen einräumt.

Seine Darstellung des Anton Gorodezki ist in Ordnung, leider gelingt es ihm aber nicht besonders gut, das Buch zum Leben zu erwecken, und völlig scheitert er an der Wiedergabe der Frauenstimmen – das wirkt ein wenig, nein, sehr unbeholfen.

Aber das größte Manko ist damit noch nicht erwähnt: die Kürzungen. Die auf sechs CD’s mit einer Laufzeit von 400 Minuten erhältliche Fassung ist deutlich gekürzt worden, und diesen Kürzungen ist wohl alles zum Opfer gefallen, was die Freunde der Bücher am Werk Lukianenkos schätzen. Das zeigt schon ein flüchtiger Blick in die Buchfassung, vor allem an einer Stelle: da nimmt Antons Chef einen Geschlechtertausch vor und Anton landet plötzlich im Körper einer wunderschönen Frau. Im Hörbuch gibt es ein zwei kurze Irritationen, dann war es das. Dass dies ein durchaus einschneidendes Erlebnis für den jungen Nerd ist und sich darau (durchaus amüsante) Anpassungsschwierigkeiten ergeben, das gibt es nur in der kompletten Fassung. Zusammen mit vielen Anspielungen auf den vergangenen Kommunismus, die Zwänge der neuen Wirtschaftsordnung und vieles mehr. Und ich habe den Verdacht, dass auch Passagen den Kürzungen zum Opfer gefallen sind, die in den späteren Büchern noch eine wichtige Rolle spielen, etwa die Nebenhandlung um die Vampirfamilie, mit der Anton befreundet ist.

Und es ist wohl auch diesen Kürzungen zuzuschreiben, dass viele Aktionen recht unvermittelt und Handlungsweisen der Protagonisten kaum nachvollziehbar sind – gekürzt wurde alles, was an inneren Monologen oder Zwischentönen nötig ist, es blieb das Actiongerüst, und das alleine ist nicht tragfähig.

Bei audible.de gibt es dann die Komplettfassung – zum dreifachen Preis, und angesichts der unterdurchschnittlichen Leistung von Oliver Brod sollte man sich auch deren Anschaffung gut überlegen. Sicher erscheint die Komplettversion irgendwann auch mal auf Datenträger, dann wohl preiswerter. In diesem Falle bleibt aber nur, ausschließlich zum Buch zu raten. Schade.

Rezi erschien zuerst auf www.magira.com/news

Sergej Lukianenko: WÄCHTER DER NACHT. Gekürzte Lesung. Gelesen von Oliver Brod und Achim Höppner. 6 CD’s, ca. 400 Min. Random House Audio.

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