Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

[Updated] Vorsicht Hetze …

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[Edit] So, selber Rechenfehlergemacht, danke an für den Hinweis. Ich les so was ja.

[Update] Am Ende: das Social Media Experiment

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Roland Tichy war bis September 2014 Chefredakteur der Wirtschaftswoche – die sich durchaus gut in der Krise der Print-Produkte schlug. Eifrig auf Twitter (vor allem wenn es um seine Erlebnisse bei Bahnreisen ging), irgendwie sehr digital, und so wurde er dann auch vom Holtzbrinck-Verlag weg zu „DvH-Ventures“ entsorgt, einem Konzernunternehmen für Beteiligungen an irgendwas mit Digitalem. Das ging aber auch nicht so arg gut, Anfang 2015 verließ er das Unternehmen.

Schon nach dem Abgang bei der Wiwo schwärmte Tichy von seinem neuen Internetauftritt „Tichys Einblick“ (http://www.rolandtichy.de/). In einem Interview mit turi2 behauptete er:

„Ich kann als erfahrener Journalist ausprobieren, wie sich unser Beruf in der digitalen Welt entwickelt. Ich muss nicht mehr jeden Tag an Auflage und Erlöse denken – sondern experimentiere ziemlich frei. Ich muss mich nicht durch einen Business-Plan bremsen lassen, sondern bin mein eigener Chefredakteur im Netz.“

Und er behauptet

„Dass viele Nutzer auf eine andere Farbe und eine originär journalistische Herangehensweise gewartet haben.“

Yeah.

einblicke

Quelle: http://www.rolandtichy.de/ 16.5.2015

Was Roland Tichy unter Journalismus versteht, das wird in den kommenden Monaten auf seiner Webseite deutlich. Und mit Journalismus hat das nicht viel zu tun. Auf jeden Fall holt er sich Kolumnisten an Bord wie Bettina Röhl, die schon in der Wiwo kolumnieren durfte, und den unverwüstlichen Hugo Müller-Vogg, mit dem er das Schicksal eines BILD-Kolumnisten teilt. Dazu kommt Frank Schaeffler, der mit seiner scharfen Kritik an der Euro-Politik sich aus der FDP diffundierte, usw. usf.

Am Anfang dachte ich, dass es da ein liberales Informationsangebot geben könnte, denn liberale Stimmen gibt es hierzulande zu wenige. Allerdings: intelligent-liberale. Die ernst nehmen, dass Liberalität und das staatliche Setzen von Rahmenbedingungen unabdingbar zusammengehören, dass Ungleichgewichte ausgeglichen werden müssen, und liberal sein mehr heißt, als auf das Recht des Stärkeren zu setzen.

Doch leider entwickelt sich das „Einsichten“-Angebot hin zu dem, was ich „dumm-liberal“ nennen würde, und weil das alleine nicht genügt, muss es „konservativ dumm-liberal“ sein. Liberal und konservativ passen eigentlich nicht gut zueinander, denn liberale Politik etwa muss ja immer mit sich verändernden Lebensbedingungen auseinandersetzen und ist daher zukunftsgewandt, ohne jemandem bestimmte Lebensstile vorschreiben zu wollen. „Dumm-liberal“ und konservativ wollen in Kombination eigentlich alles so lassen wie es ist, nur ohne staatliche Regelungen, gesellschaftliche Veränderung, Diskussionen, politisches Handeln.

Kein Wunder, dass ich inzwischen von Google darauf hingewiesen werde, dass „bei Lesern von rolandtichy.de“ auch die Webseiten von pi-news und achgut (Die Achse des Guten) beliebt sind. Dankeschön, das habe ich mir schon gedacht.

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Der Umgang mit Zahlen und Statistiken ist schwierig, muss gelernt und geübt werden. Besonders Journalisten sind angehalten, jeder Statistik ein gesundes Maß an Misstrauen entgegenzubringen, und auch das Publikum, die Leser, die Zuschauer sind inzwischen sensibel, wenn es um die Aufbereitung von Zahlen geht, die irgendwie die Lebenswelt abbilden sollen. Passen Statistiken allerdings zur eigenen Meinung, dann ist die Skepsis schon geringer. Journalisten müssen aber immer versuchen, hinter das Zahlenwerk, ihre Herkunft und ihre Verwendung zu blicken.

Besonderes Misstrauen muss allen relativen Zahlen gelten, also Statistiken über Zuwächse/Verluste, die meist in Prozentwerten ausgedrückt werden. Besonders beliebt ist dabei der „Basiseffekt“, wenn sich auf sehr niedrigem Niveau Veränderungen ergeben, die aber ganz tolle Prozentzahlen ergeben. Dann „explodieren“ Umsätze, Absatzzahlen und vieles andere mehr „drastisch“. Wer suchet, der findet in jeder Nachrichtenwoche den Missbrauch prozentualer Veränderungen um bestimmte Fakten besonders hervorzuheben.

Die Griechen mal wieder

Lieblingsthema der Konservativen von BILD bis pi sind die „Pleite-Griechen“, die all unser schönes Geld verbrennen und sich einen lauen Lenz machen. Wir, hart arbeitend und hart in Foren kommentierend, werden einfach nur über den Tisch gezogen.

Tweet von heute:

Boah, Riesenwelle im Netz, und Roland Tichy ist ein ganz großer Retweeter vor dem Herrn:

Der Artikel ist überschrieben:

einblicke2

Quelle: http://www.rolandtichy.de/tichys-einblick/autoabsatz-trotz-griechenland-krise-auf-rekordhoehe-einbahnstrasse-in-die-solidaritaet/ 16.5.2015

Immerhin fragt da jemand: „Wenn das stimmt, …“

Eine verdammt gute Frage.

Der Artikel von Roland Tichy ist in vielerlei Hinsicht sehr typisch für seine Webseite. Und das betrifft vor allem den Verzicht darauf, Quellen eindeutig kenntlich zu machen und dorthin zu verlinken – was ja wohl der Trick an diesem Internet ist. Was auch fehlt, ist jede Neigung, der eigenen Quelle eigene Gegenrecherche und das Einschalten des eigenen Sachverstands entgegenzubringen.

Der Artikel kurz zusammengefasst:

Autoabsatz in Griechenland: Immer, wenn die Krise sich zuspitzt neue Rekordhöhen im Verkauf von Autos und anderen Luxusartikeln. Statt Reformen finanziert Europa die Kapitalflucht.

So. Rekordhöhen im Verkauf von Autos verspricht die Unterschrift zur Grafik. Ich werde sie aus urheberrechtlichen Gründen hier nicht zeigen, die Quelle ist wohl, das läßt sich nur der Grafikbeschriftung entnehmen, Macropolis (http://www.macropolis.gr/), der Zugriff auf die Statistiken ist kostenpflichtig.

Das erste Problem: es ist keine Auflistung von Verkaufszahlen, also der Anzahl der Erstzulassungen von Fahrzeugen, sondern eine Statistik zur Veränderung der Verkaufszahlen zu einem vorhergehenden Zeitpunk. „Year on Year“ heißt wohl: auf Vorjahresbasis.

Der Fließtext macht das mal nicht deutlich:

Allein im April stieg der Autoabsatz um 47 Prozent. Das ist kein Ausreißer. Der Autoabsatz ist demnach seit 20 Monaten kontinuierlich gestiegen. Die Wirtschaft schrumpft zwar – aber Luxusartikel werden in wachsendem Maße eingekauft?

Tja. Hmm. Luxusartikel? Autos? Also gut, danach geht es wieder um viele andere Dinge, das mit dem Autoabsatz war nur ein Vorwand für neues Griechenbashing.

Ich steige mal diesem Anlass hinterher.

Wir haben in der wunderbaren Grafik einige Jahre, 2009 bis 2013, mit zumeist negativen Werten. Der Autoabsatz ging zurück, teilweise um rund 50 Prozent, und das über mehrere Zeiträume hintereinander.

Häufig übersehen Journalisten wie Nutzer einen Fakt: wenn etwas um 50 Prozent sinkt, dann genügt es nicht, wenn es um 50 Prozent steigt, um wieder auf das Ausgangsniveau zu kommen. Es müssen schon 100 Prozent sein. Wenn also der Autoabsatz zweimal Jahre hintereinander um 50 Prozent sinkt [Edit] (etwa von 1.000 Autos auf 250), dann muss er um  300 Prozent zulegen (plus 750 Fahrezuge), um wieder auf ursprüngliche Höhe zu kommen. Das vergessen viele. Etwa auch bei Börsenkursen: eine Aktie, die 80 Prozent (von 100 auf 20 Euro) verliert muss 400 Prozent zulegen, um wieder auf gleichem Niveau zu sein. Klingt dann nicht mehr so einfach. [/Edit]

Also boomen jetzt die Autoverkäufe in Griechenland? Diese Veränderungsstatistik hilft nicht dabei, das zu beurteilen. Gar kein bisschen.

Wie ist das mit den Autos …

Ich steige der Zahl noch etwas hinterher, leider werde ich auf der Statistikseite der Hellenic Statisctic Authority (http://www.statistics.gr/portal/page/portal/ESYE/PAGE-database) nicht wirklich fündig, Zahlen enden da 2008 – mehr Zeit habe ich jetzt nicht, mich in deren Webseitenlogik einzuarbeiten. Ich stelle aber fest: grundsätzlich führt das Amt zunächst eine reine „Zulassungsstatistik“, es geht um Zulassungen insgesamt, auch von Gebrauchtwagen, wobei nur eine Gebrauchtwagenummeldung pro Jahr gezählt wird.

Dann werfe ich einen Blick auf die Beschriftung der verwendeten Grafik.

Vehicle Registrations, Road Motor Cars, Year by Year

Vehicle Registrations – von Neuwagen ist da keine Rede.

Immer mehr erscheint mir diese Statistik alles andere als ein Beleg dafür zu sein, dass jetzt gerade die Griechen wie die Wilden Autos kaufen, weil sie ja so viel Geld haben.

Was ich will, das sind absolute Zahlen. Die will ich immer haben, wenn mir einer mit Veränderungswerten kommt. Und diese absoluten Zahlen will ich dann in einen Kontext stellen.

Als Quelle nehme ich mal den Weltverband der Autohersteller „International Organization of Motor Vehicle Manufacturers“ OICA.  In Sachen belastbare weltweite Absatzzahlen erscheint mir die Quelle zu taugen.

Es gibt eine Zulassungsstatistik für verkaufte Neuwagen nach Ländern im Zeitlauf.

Daraus ergeben sich für Griechenland diese Absatzzahlen:

Tabelle1

 

Das bedeutet in Veränderungen:

tabelle2neu

 

Die Zahlen sind dramatisch. Ein Rückgang in Folge von 17, 35, 30 und 40 Prozent befördert den Absatz von 270.000 Fahrzeugen auf etwas über 58.000. Das ist schlecht. Und selbst wenn 2014 wieder 71.000 Fahrzeuge verkauft wurden: für die Titelzeile „Autoabsatz in Griechenland auf Rekordhöhe“ gibt es nicht auch nur den geringsten Anhaltspunkt.

Rechenaufgabe: um wie viel Prozent müsste 2015 der Autoabsatz steigen, um wieder das Niveau der Vorkrisenjahre zu erreichen?

Genau. Um 278 Prozent!

Da ist der Zuwachs um 47 Prozent vom April 2015 gegenüber dem Vorjahresmonat kein Indiz dafür, dass dieser „Absatzrekord“ auch nur annähernd erreicht werden kann.

Kein Journalismus in Sicht

Wenn es das ist, was Roland Tichy mit modernem Journalismus in diesem Netz meint: Gute Nacht. Klar ist, dass er seine Seite nur mit hohen Besucherzahlen refinanzieren kann, und das geht anscheinend weniger mit journalistischer Leistung als mit „Haltungsjournalismus“ – man hat eine Haltung und vermengt dann Fakten und Nicht-Fakten zu einem Produkt, das gefällt.

 

Update

Das Social-Media Experiment. Wenn es denn eines sein sollte.

@rolandtichy ist ja ein sehr digitaler Journalist – sein Twitteraccount wird intensiv bespielt, gerne mit Re-Tweets mit Links zu seinen Texten. Schwamm drüber. Er reagiert gerne.

Allerdings nicht auf meinen ersten Tweet am Sonntag, in dem ich schonmal auf diesen Artikel hinwies.

Schon klar.

Dann vermochte ich es mir nicht verkneifen, etwas mehr um Aufmerksamkeit zu betteln. Das kann man machen, indem man einfach mal einen prominenten Account in den Tweet einbaut, nicht ganz fair, nicht ganz fein, aber der Schiedsrichter lässt Vorteil gelten.

 

Nun gibt es noch einen Trigger, der eigentlich ganz funktionieren müsste. Einen eigenen Rechenfehler, den ich in den Text eingebaut habe. Ok, nicht mit Absicht. Aber am Ende nicht ganz umsonst. (Würde ich mich doch trauen zu behaupten, das alles sei ein ganz abgekartetes Spiel gewesen. Naja, Schwamm drüber.) Schnell macht mich ein Twitterer darauf aufmerksam:

Ups, das ist nicht schön.

Auch Roland Tichy freut sich sehr – aha, meinen Beitrag gelesen:

Und auch

Zu diesem Zeitpunkt war der Artikel bereits transparent korrigiert.

Tja.

Herr Tichy, jetzt sind Sie dran?

Aber Herr Tichy mag das mit diesem Netz nicht mehr

Sinnlose Debatte, genau, der Herr Tichy beendet Diskussionen, nicht irgendjemand sonst.

Aber was haben wir gesehen:

  • Tichy findet Rechenfehler, wenn es welche gibt.
  • Benutzt aber gerne dennoch falsche Statistiken, und zwar ganz deutlich wider besseren Wissens.
  • Hat das im Digitalen mit dem Dialog und dem transparenten Korrigieren von Fehlern nicht so raus.

Das Experiment, das keines war, hat ein Ergebnis. Allerdings kein Überraschendes.

Vielleicht kann ja jemand anderes weiter nachfragen, wie das mit dem Autoabsatz in Griechenland so ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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