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Photo by George Zvanelli on Unsplash
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Studies from hell: Veganismus und Männlichkeit

Zum Jahreswechsel als Meldung in meinem Lokalblatt,  aber auch darüber hinaus:

Veganismus und Männlichkeit: Studie an der TU Darmstadt

Sorgte früher Fleisch für den nötigen Bizeps, liegen heute vegane Produkte mit möglichst viel Proteinen, denen man eine ähnlich stärkende Wirkung zuschreibt wie Fleisch, voll im Trend – auch bei Männern.

Voll im Trend. Vegan ist klasse. Männer wollen Bizeps, aber mit Tofu. Oder so.

Zu dieser Studie eben mit dem Titel „Ernährungskulturen und Geschlecht. Eine empirische Untersuchung von Männlichkeitskonstruktionen am Beispiel Fleischkonsum und Veggie-Boom“, die es allerdings leider weder im Volltext noch als Abstract auf der Webseite der TU Darmstadt zu lesen gibt, geben die Soziologin Tanja Paulitz und ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter Martin Winter hier ein Interview. Da heißt es:

Spannend sind die Zahlen: Nur ein Prozent der Deutschen ernährt sich aktuell vegan, etwa zehn Prozent vegetarisch.

Nach dem zuletzt veröffentlichten Nahrungsmittel-Report (Volltext) der Bundesregierung, einer repräsentativen Telefonumfrage, sind es allerdings nur sechs Prozent (S.8), die angeben, sich vegetarisch zu ernähren.

Es geht eher um die Frage: Wie ernähre ich meinen Körper gut und richtig? Vielen Menschen scheinen vegane Fleischalternativen die richtige Antwort zu sein. Die Produkte kommen Fleisch optisch und geschmacklich sehr nahe. Kulturell ist bedeutsam, dass die symbolisch an Fleischkonsum gekoppelte Vorstellung von Männlichkeit gewahrt werden kann. Denn vegane Produkte setzen auch auf viele Proteine, denen eine vergleichbar stärkende Wirkung wie Fleisch zugeschrieben wird.

Die Ausbildung bestimmter Mengen und Formen an Muskeln an den ‚richtigen‘ Stellen sichert gesellschaftlich die Differenzierung gegenüber Weiblichkeit ab. Dies ist bedeutsam, da genau diese Differenzierung ja nicht mehr wie früher institutionell und formal erfolgt, sondern die Partizipation von Frauen in der Gesellschaft unübersehbar ist. Zur Abgrenzung spielen Essen und seine Inhaltsstoffe sowie Sport eine wesentliche Rolle. Künstliches Fleisch mit viel Protein folgt damit derselben Logik wie ‚echtes‘ Fleisch. So wird es auch vermarktet und in der Öffentlichkeit rezipiert. Wir nennen das eine „Koproduktion von Fleisch, Wissen und Körpern“.

Und so weiter.

Die spannende Frage ist: wie kommen die beiden zu ihren Studienergebnissen, wenn sie „vielen Menschen“ (scheint) oder andere Verhaltensweisen „der Menschen“ beschreiben? Hier das Untersuchungs“design“:

Der Studie liegen qualitative Analysen veganer Kochbücher, Feldstudien im Rahmen von Fachmessen in den Bereichen Lebensmittel, Metzgerei sowie Tierzucht- und Agrartechnik so­wie Interviews mit NGOs und Ernährungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern zugrunde.

Nochmal um das wirken zu lassen, was das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst so fördert: das Lesen von Kochbüchern. Den Besuch von Messen, bei denen mit Anbietern gesprochen wird, die uns alle schon das mit „dem Veganen“ auf anderen Kanälen als das „große Ding“ verkaufen, dann NGOs, wahrscheinlich Vegetarierverbände und Veganer-Aktivisten, und, auch klasse, Ökotrophologen. Meine Lieblingswissenschaftlergattung knapp vor den Soziologen.

Also eher eine Meta-Meta-Meta-Studie, in der Marketingfuzzis und enthusiastische Laien ihren Blick auf unsere Lebensmittelwelt zum Besten geben. Kann eine „Studie“ trauriger sein? Das Jahr fängt ja gut an.

 

 

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