„Strafzinsen“, die EZB, schlechte Pressearbeit und der Herdentrieb

In der vergangenen Woche machte die EZB ordentlich Schlagzeilen. Allerdings waren die Schlagzeilen keineswegs ordentlich. Wieder mal vorneweg: die Bild.

Soll jetzt keiner nur über diese Zeitung lästern, das „Strafzins“-Memento erfasste fast alle Publikationen, ob TV oder Print, Online oder Social Media. Egal: Die Entscheidung der EZB, einen bestimmten Zinssatz weiter ins Negative zu ziehen – das kann nur eine brutale Gemeinheit sein, ein böses Foul, ein Anschlag auf den deutschen Sparer.

Nicht witziger wird die Sache dadurch, dass sich dann der CICERO berühmt, der Erfinder von Draghila zu sein.

Haha.

Das Drama in drei Kapiteln

Die Pressekonferenz, die Pressemeldung und die Pressemeldung

Zur Absenkung des Zinssatzes, der für Sichteinlagen der Banken bei der EZB gilt, vulgo das Geld, dass die Banken bei der EZB „parken“, gab es eine Pressemeldung:

Der Zinssatz für die Einlagefazilität wird um 10 Basispunkte auf -0,50 % gesenkt. Der Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte und der Zinssatz für die Spitzenrefinanzierungsfazilität werden unverändert bei 0,00 % bzw. 0,25 % belassen.

https://www.bundesbank.de/resource/blob/806100/db43f362835d4b7f076f3b92b6eb4e43/mL/2019-09-12-beschluesse-download.pdf

(Das Wort Faszilität gehört zu meinen echten Lieblingen) Die Pressemeldung trägt den Titel: „Geldpolitische Beschlüsse vom 12. September 2019“. Und tatsächlich: Negative Zinsen sind etwas, das man als Anleger zahlen muss, nicht etwas, das man bekommt!

Daher nennen das Banken gerne „Strafzinsen“ und heulen gerne rum, weil sie sich unangebracht geschröpft vorkommen.

Auf diese EZB Entscheidung beziehen sich fast alle negativen Kommentare, die knallhart daraus schließen, dass auch „der deutsche Sparer“ bald nur noch Negativzinsen bekommt, also Geld abgeknüpft, weil das ja einige Banken schon tun (für sehr hohe Beträge, aber wen schert es).

Nur eine Auswahl:

EZB-Entscheidung: Banken müssen höhere Strafzinsen zahlen (BR)
Zentralbank erhöht Strafzinsen (SZ)
Neues Leid für Sparer EZB erhöht Strafzinsen weiter (Focus. Neues Leid. Man fasst es einfach nicht)
EZB einfach erklärt: Was bedeutet der Leitzins für mich? (Organge by Handelsblatt – nett, aber halt auch unvollständig)
Europäische Zentralbank erhöht Strafzinsen und kauft wieder Anleihen (FAZ)

Nur wenige melden sich gleich zu Wort und sagen: heh, das bedeutet aber nicht, dass die (armen) deutschen Banken ab sofort mehr bezahlen müssen.

Was? Kann das sein?

Und jetzt muss man mal der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der EZB bescheinigen, dass sie Kacke ist. Die zweite, weitgehend ignorierte Pressemitteilung vom 12. September sagt nämlich:

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat heute die Einführung eines zweistufigen Systems für die Verzinsung der Reserveguthaben beschlossen, bei dem ein Teil der Überschussliquidität der Institute (d. h. das über die Mindestreserveanforderungen hinausgehende Reserveguthaben) von der negativen Verzinsung zum geltenden Einlagezinssatz befreit wird.

https://www.bundesbank.de/resource/blob/806808/b79e860e70cfc2ec83af178ba5140ab5/mL/2019-09-12-zweistufiges-system-verzinsung-download.pdf

Was ist das denn? Nun: Es gab schon bisher eine Mindestanlage, die die Banken bei der EZB machen musste. Die war natürlich ausgenommen vom negativen Zins. Und jetzt, aha, gibt es einen größeren Freibetrag, also eine Summe, die die Banken bei der EZB hinterlegen können, ohne dass der negative Zins fällig wird.

Das zweistufige System wird erstmals in der siebten Mindestreserve-Erfüllungsperiode 2019 zum Einsatz kommen, die am 30. Oktober 2019 beginnt. Ab dieser Erfüllungsperiode wird ein Multiplikator von 6 festgelegt. Der für den ausgenommenen Teil geltende Zinssatz sowie der Multiplikator können im Laufe der Zeit geändert werden.

ebd.

Und was bedeutet das?

Schlechterer Zinssatz, trotzdem weniger Belastung

Das ist kurz und knapp das Ergebnis. Heute hat es endlich, wenn auch recht spät, die FAZ konstatieren müssen:

Die EZB hat zwar die Zinsen, die Banken für Einlagen bei ihr zahlen müssen, den derzeitigen „Leitzins“, von minus 0,4 auf minus 0,5 gesenkt. Im Gegenzug werden den Banken allerdings großzügige Freibeträge gewährt. Für das Sechsfache ihrer vorgeschriebenen Mindestreserve müssen sie keine Negativzinsen mehr zahlen. Bislang war nur die Mindestreserve ausgenommen. Nun ist die Frage, welcher Effekt stärker ist, der belastende oder entlastende für die Banken.

https://www.faz.net/aktuell/finanzen/war-die-zinssenkung-der-ezb-eine-zinserhoehung-16393359.html

Musste das wirklich eine Woche dauern, bis man dem „Strafzins“-Stakkato irgendwann mal was entgegenhält?

Bei Finanz-Szene.de vielleicht die Antwort auf die Frage der FAZ:

Durch die parallele Einführung eines Staffelzinses (bei dem es sich de facto um einen Freibetrag handelt, und zwar in sechsfacher Höhe der sog. Mindestreserve) verschärft sich die Situation für die Banken nicht etwa – sondern sie entspannt sich. Das gilt insbesondere für die deutsche Kreditwirtschaft, die im Vergleich zur Ist-Situation rund 500 Mio. Euro p.a. sparen könnte

https://www.finanz-szene.de/banking/von-wegen-minus-05-warum-ploetzlich-die-bankzinsen-steigen/

Und geht sogar weiter:

Doch nun bietet der Kapitalmarkt (bzw. der Geldmarkt) plötzlich eine dritte Interpretation an: Die Lage für die Banken entspannt sich nicht nur – sie ändert sich grundlegend. Denn seit Tagen ist ein Phänomen zu beobachten, das es nach der EZB-Sitzung von vergangener Woche (die ja unter dem Motto „Quantitative Easing zum Quadrat“ zu stehen schien) eigentlich gar nicht geben dürfte:
Die Zinsen steigen!!! Wenn auch nur ein kleines bisschen.

ebd.

Wäre es zu viel verlangt gewesen von Fachjournalisten, das früher zu erkennen?

Aber hier ist auch die Öffentlichkeitsarbeit der EZB zu nennen: Warum, verdammt nochmal, kann man die beiden Meldungen zum Zinssatz und dem Freibetrag nicht in einer Mitteilungen zusammenfassen? Warum macht man es den Strafzins-Rhetorikern so arg leicht? Es ist einfach zum heulen.

Demontage der EZB

Einige Wirtschaftswissenschaftler sehen das alles mit Sorge. Etwa die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel. Sie sagt: „In Deutschland wird die EZB ständig zum Sündenbock gemacht“

Vor allem in Deutschland gibt es heftige Kritik an der gesamten Geldpolitik der EZB.
Ich halte die Art dieser Kritik für ein Problem. Natürlich kann man über einzelne Maßnahmen streiten. Aber dass Politiker, Journalisten und Banker das Narrativ verstärken, die EZB stehle den deutschen Sparern ihr Geld, das ist gefährlich. So etwas rächt sich irgendwann, selbst wenn es in der Öffentlichkeit derzeit gut ankommt.

Vor allem in Deutschland gibt es heftige Kritik an der gesamten Geldpolitik der EZB.
Ich halte die Art dieser Kritik für ein Problem. Natürlich kann man über einzelne Maßnahmen streiten. Aber dass Politiker, Journalisten und Banker das Narrativ verstärken, die EZB stehle den deutschen Sparern ihr Geld, das ist gefährlich. So etwas rächt sich irgendwann, selbst wenn es in der Öffentlichkeit derzeit gut ankommt.

Wo genau sehen Sie die Gefahr?
Schauen Sie, was in Großbritannien beim Austritt aus der Europäischen Union (EU), dem Brexit, passiert. Da haben Politiker die EU permanent zum Sündenbock gemacht – jetzt bekommen sie die Folgen zu spüren. In Deutschland wird die EZB, eine der wichtigsten europäischen Institutionen, ständig zum Sündenbock gemacht.

https://www.handelsblatt.com/finanzen/geldpolitik/isabel-schnabel-in-deutschland-wird-die-ezb-staendig-zum-suendenbock-gemacht/25012786.html

Und auch der DIW-Chef Marcel Fratzscher sieht diese EZB-Diffamierung kritisch. Und vermerkt nochmal:

Der zweite Mythos stellt die Banken als Opfer der Geldpolitik dar. Es ist Zynismus pur, wenn Chefs deutscher Banken der EZB die Zerstörung des Finanzsystems vorwerfen. Fakt ist, dass die Banken durch ihr Verhalten für die globale Finanzkrise 2008/09 verantwortlich sind, ohne die es heute keine Nullzinsen gäbe. (….)

Der dritte Mythos ist der von Deutschland als Opfer der EZB. Nicht trotz, sondern auch wegen der EZB-Geldpolitik geht es Deutschland heute wirtschaftlich so hervorragend.

https://www.handelsblatt.com/meinung/gastbeitraege/gastbeitrag-warum-das-bild-von-der-boesen-ezb-falsch-ist/25018442.html?share=twitter

Ob das alles was nutzt, wenn die nächste Zinsentscheidung kommt? Ich mache mir keine Illusionen: Das EZB-Bashing wird weitergehen.

Photo by Finn Protzmann on Unsplash