Wie er die Welt sieht

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Quantitativer Quark

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Das selbst journalistisch daherkommende Medien wenig Ahnung von Journalismus haben: geschenkt. Wenn diese dann aber unter dem Vorwand der unbestechlichen Empirie, Fakten, Fakten, Fakten, Zahlen, Zahlen, Zahlen präsentieren um ihre tendenziöse Berichterstattung zu untermauern, dann platzt mir die Hutschnur. Jetzt wieder bei Telepolis: Gefällige Nachrichtenkanäle heißt der Artikel von Florian Osrainik. Um es vorweg zu sagen: wer denkt, es gehe um Nachrichtenkanäle, also Nachrichtensender wie N24 oder ntv, der liegt falsch, denn es geht um Nachrichtensendungen. Immerhin zwei paar Schuhe.

Präsentiert wird eine, Achtung, Studie des „Instituts für empirische Medienforschung“ über die Berichterstattung der „Tagesschau 20 Uhr, die Tagesthemen, heute 19 Uhr, das heute-journal, RTL-aktuell und die Sat.1 Nachrichten“ im September 2017. Total überraschende Überschrift: „Der Bundestagswahlkampf war das dominierende Topthema der deutschen Fernsehnachrichten im September„. Hammer. Gut, dass es dazu ein Instititut gibt.

Ähnlich wie mit der Passquote, der Anzahl der gewonnenen Zweikämpfe und vielleicht gar dem „Packing-Wert“ beim Fußball, zählt das „Institut“ stur, wer so alles in den Nachrichtensendungen auftaucht, zu welcher Partei er/sie gehört, welche Themen mit welchem prozentualen Anteil auftauchen etc. pp. Hammermäßig korrekt wird da überraschendes gezeigt, etwa:

Die Berichterstattung nach der Bundestagswahl wurde wesentlich bestimmt von den Wahlergebnissen und den Reaktionen der Parteien. Thematisiert wurden mögliche Koalitionen, insbesondere die Jamaika-Koalition, ferner das Abschneiden der AfD, ebenso Frauke Petrys Austritt aus der AfD-Fraktion, Personaldiskussionen in der CSU, ferner die Ernennung von Andrea Nahles als neue SPD-Fraktionsvorsitzende.

Ach.

Für Florian Osrainik zeigt die Zahlenhuberei Skandalöses:

Interessanter wird es bei der Präsenz der jeweiligen Parteien in den staatlich finanzierten (öffentlich-rechtlichen) und den beiden privaten Nachrichtensendungen.

Hier kommen die Unionsparteien CDU/CSU zusammen auf 519 Auftritte (CDU 397 Auftritte, CSU 122 Auftritte) und die SPD auf 397 Auftritte. Auf dem 3. Platz landet die im Bundestag bis dahin nicht vertretene AfD mit 134 Auftritten, gefolgt von den Grünen mit 132 Auftritten und der bis dahin ebenfalls außerparlamentarischen FDP mit 77 Auftritten. Die zu diesem Zeitpunkt drittgrößte Partei im Bundestag und stärkste Oppositionspartei, Die Linke, erhielt hingegen nur 73 Auftritte (7. Platz), während es für sonstige außerparlamentarische Parteien lediglich für zwei Auftritte reichte.

Ja Hammer.

Was Herr Osrainik will, wird im letzten Satz klar: bitteschön, die Anzahl der Auftritte in den Sendungen hat sich nach der Sitzverteilung im Bundestag zu richten. Er findet die drittgrößte Partei im Bundestag ganz schlimm vernachlässigt.

Die Linke (8,6 Prozent der Zweitstimmen 2013), die einzige dem Neoliberalismus sowie dem militärischen Interventionismus (ohne UN-Mandat) kritisch gegenüberstehende Partei, kommt dagegen nur auf rund 5,5 Prozent der Auftritte. Außerparlamentarische Parteien wie die Piratenpartei, mit 2,2 Prozent der Zweitstimmen 2013 nur einen Platz hinter der AfD, die Freien Wähler oder die ödp bleiben praktisch unerwähnt.

Ist das die Vorstellung von Telepolis zu „Journalismus“? Proporzjournalismus? Die Piratenpartei, die sich seit 2013 systematisch selbst zerlegt hat und seitdem aus den Landtagen geflogen ist, muss wegen des Wahlergebnisses 2013 vorkommen? In den Hauptnachrichtensendungen?

Ich finde Zahlen ja normalerweise eine hilfreiche Sache bei Argumentationen, aber hier ist es die Prämisse, die schlicht und ergreifend nicht stimmt.

Das verliert der Autor in seinem Furor dann mal gerne selbst aus den Augen, wenn er konstatiert:

Zählt man die Auftritte der schwarz-roten Regierungskoalition zusammen (916 Auftritte), so kommt man auf knapp 69 Prozent aller Auftritte, denen rund 31 Prozent sämtlicher Oppositionsparteien gegenüberstehen

Zum einen tritt ja die Regierungskoalition keineswegs an, um weiter Regierungskoalition zu bleiben, und die SPD hat das ja nach dem Wahlausgang auch durchgezogen. Also fragt man sich, warum diese gegeneinander antretenden Parteien zusammengezählt werden. Zum anderen würde man beim Nachrechnen jetzt feststellen, dass die Aufteilung zwischen CDU/CSU/SPD auf der einen Seite und der Opposition ziemlich genau das Stimmenverhältnis zwischen den Parteien von 2013 wiedergibt (die Parteinen der Groko kamen zusammen auf 66,6 % der abgegebenen Stimmen). Das ist ja, nach der Logik von Telepolis, super.

Nein. Das ist Quatsch.

Wenn die AFD viel Aufmerksamkeit bekommt, dann vielleicht weil sie sehr laut auf den Busch klopft und in den Umfragen kontinuierlich im Laufe des September zulegt. Im Gegensatz zur Linken, die ihre Themen kaum breit platzieren kann und sich mit einem „Mit-dieser-SPD-nicht“ eigentlich auch aus dem Rennen um eine linke Mehrheit genommen hat. SPD und CDU profitieren vom TV-Duell. Es gibt so viele journalistische Gründe, die zu den Nachrichten führen.

Aber natürlich sind „die Medien“ schuld. Dass es neben den „untersuchten“ Hauptnachrichtensendungen jede Menge Informationssendungen zur Bundestagswahl gab – das ist dann fast schon gar nicht mehr wichtig. Aber nach dem albernen Versuch, eine unfaire Berichterstattung zu Trump zu konstruieren ist es hier wieder empirische „Forschung“, die zum Bashing genutzt wird.

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