Plastikhafte Symbolpolitik

Immerhin: inzwischen gibt es eine Reihe von Kommentaren zum Anliegen der Bundesumweltministerin, Plastiktüten komplett zu verbieten. Etwa Der Kampf gegen die Tüte: Sinnloser Aktionismus

Wozu also brauchen wir jetzt noch ein Plastiktütenverbot? Aus einem einzigen Grund: Aktionismus. Die Bundesregierung hat keine Strategie gegen den stetig steigenden Verpackungsmüll, kein Mehrwegkonzept, keine Ahnung, wie die Recyclingquote der Folien, Schachteln und Becher aus den gelben Säcken und Tonnen erhöht werden kann. Mit dem wohlfeilen Kampf gegen die Tüte, so hofft Schulze offenbar, vergessen das viele.

https://www.rnd.de/politik/der-kampf-gegen-die-tute-sinnloser-aktionismus-GAUOHSTXQRDOFD7KSDGFPYNOMU.html

Und tatsächlich: die Zustimmungsquote in der Bevölkerung ist hoch, endlich macht die Politik mal was, und Svenja Schulze hat wieder Sympathiepunkte gesammelt, ohne jemandem weh zu tun. Denn wir dürfen mal annehmen, dass die dicken fetten, angeblich aus Recycling-Material hergestellten Riesentaschen beim Verkauf einen Gewinn abwerfen, ebenso wie die Baumwolltaschen, die wirklich sehr häufig genutzt werden müssen, um ökologisch sinnvoll zu sein. Und eine Komforteinbuße würde es auch nicht geben, wenn die Hemdchenbeutel verboten würden: schon jetzt hat mein „Öko“-Edeka stattdessen Papiertüten. Danke an die Kollegen, die das kritisch sehen. Etwa bei Quarks (Beitrag auf deren Facebook-Seite)


Der Spiegel endlich mal wieder ausführlich. Plastiktüten sind nicht das Problem

Auch Stoffbeutel lohnen sich aus Gründen des Umweltschutzes nur, wenn sie oft verwendet werden. Genau wie beim Papier benötigt man für die Baumwollherstellung viel Wasser, und es werden beim Anbau Pestizide eingesetzt. Eine Tasche aus konventioneller Baumwolle muss mehr als hundertmal so oft wie eine Kunststofftüte genutzt werden, um die schlechtere Klimabilanz auszugleichen.

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/plastiktueten-warum-ein-verbot-kaum-etwas-bewirkt-a-1281524.html

Aber das ist jetzt mal egal, Svenja Schulze schon gar.

Denn mit Fakten hat sie es eher ungern. Das war schon bei ihrem Besuch bei „Hart aber fair“ im Februar 2019 so. Damals ging es um das segensreiche anstehende Verbot von diversen Einwegplastik-Dingen.

Hart aber Fair 4.2.19

Schulze behauptet allen Ernstes, das diese Gegenstände vom Rührstäbchen bis zum Wattestäbchen das Plastik ist „das wir am Meisten im Meer finden“. Hannes Jaenicke scheint sich dagegen mit dem Thema beschäftigt zu haben, er widerspricht zu Recht, aber Schulze geht darüber hinweg, gerade eine fette Falschaussage getätigt zu haben, und brabbelt unaufhaltsam weiter.

Auf diesem Nicht-Niveau wird diskutiert.

Ich gehe davon aus, dass sie sich auf Untersuchungen beruft, die ich hier schon mal diskutiert habe. Von der EU, die manchmal vom Bundesumweltministerium als Quelle genannt wird, gibt es diese beiden Grafiken:

http://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/society/20181005STO15110/plastik-im-meer-fakten-auswirkungen-und-neue-eu-regeln

Ich weise kurz auf die wahnwitzige Zahl von 27 Prozent „Fischfanggeräte“ hin. Wow, wenn man bei der industriellen Fischerei ansetzen würde, dann wäre viel gewonnen.

Hier sind es 49 Prozent Einwegkunststoffprodukte.

Das Europaparlament dazu

http://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/society/20181005STO15110/plastik-im-meer-fakten-auswirkungen-und-neue-eu-regeln

Okay, wir sind hier darauf angewiesen, dass die Dinge, die am Strand gefunden werden dieselben Dinge sind, die im Meer treiben. Ich bin mir dessen nicht so sicher. In der in meinem Blogbeitrag gefundenen „Studie“ geht es übrigens bei der Einschätzung des Mülls nicht um Gewicht sondern Anzahl. Das ist witzig: wie viele Strohhalme enthalten so viel Plastik wie eine PET-Flasche?

An Frau Schulzes Verwirrung mag die EU-Komission ihren Anteil haben, in in ihrer Pressemeldung zum Einwegplastikverbot schreibt:

Nun richtet die EU ihre Aufmerksamkeit auf die 10 häufigsten Einwegkunststoffprodukte und auf Fischfanggeräte, die in Europa zusammen 70 % der Abfälle im Meer ausmachen.

https://europa.eu/rapid/press-release_IP-18-3927_de.htm

Ups. Wenn wir die Fischereiabfälle herausnehmen sind es nur noch 49 Prozent? Nehmen wir Plastikflaschen und Zigarettenstummel und die anderen Punkte 4,5,6, 8,9,10 raus, dann bleiben?

Aber immerhin: in den Social Media Redaktionen gab es erfreute Gesichter, denn Plastik klickt gut. Dachte sich sicher auch Frau Schulze.

Photo by Hello I’m Nik 🇬🇧 on Unsplash