Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

13. Mai 2018
von Michael Scheuch
2 Kommentare

Studies from hell: Trinkwasser

Als die „Analyse“ der Grünen veröffentlich wurde, zuerst von der Saarbrücker Zeitung, machte die Meldung lauffeuermäßige Welle:

https://www.hna.de/wirtschaft/durchschnittlich-um-25-prozent-gestiegen-preise-fuer-trinkwasser-explodieren-in-deutschland-zr-9859013.html

https://www.hna.de/wirtschaft/durchschnittlich-um-25-prozent-gestiegen-preise-fuer-trinkwasser-explodieren-in-deutschland-zr-9859013.html

Eine Ursache: Journalisten und Veränderungswerte in Prozent. Sobald Journalisten „25 Prozent“ sehen und in ihrem Hinterkopf vielleicht gerade noch eine Inflation von unter „2 Prozent“ haben, dann explodiert etwas. Dass die Preisentwicklung, noch dazu falsch, über einen langen Zeitraum zu sehen ist (2005-2016, 11 Jahre), ist schwer zu erfassen. Ist das viel, wenig, ganz ok? Keiner weiß es.

Schuld daran ist unser Unvermögen, über längere Zeiträume mit Veränderungszahlen umzugehen. Das gilt ja etwa auch für den Zinseszins-Effekt, aber eben auch für die Auswirkungen von Inflation auf Kaufkraft.

Und schwupps, als ich diesen Artikel schreiben wollte, hat Stefan Niggemeier auf Uebermedien.de die Arbeit schon gemacht. Das Trinkwasserpreis-Debakel der deutschen Medien

Anders als die Umweltstatistik, auf die die Grünen sich beriefen, liefere aber die Preisstatistik vergleichbare Werte, erklärte das Statistische Bundesamt. Sie erhebt die Preise für die Wasserversorgung privater Haushalte. Danach sind die Preise für Trinkwasser zwischen 2005 und 2016 um 17,6 Prozent gestiegen. Das ist nur wenig mehr als die allgemeine Entwicklung der Verbraucherpreise, die um 16,1 Prozent zunahmen.

Es gilt also, ach, sich Zahlen und Zahlengrundlagen von „Analysen“ und „Studien“ anzuschauen, bevor man sie in die Welt hinausposaunt. Doch von diesem Anspruch ist die Medienwirklichkeit weit entfernt.

[Gerne würde ich für diesen einen Artikel etwas zahlen, leider erlaubt Uebermedien nur Monatsabos. Das sind mir aber zu viele andere Artikel nicht wert]

7. Mai 2018
von Michael Scheuch
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Meine Leseliste (18/10) Blockchain

So, diesmal eine kurze Leseliste, die gar nicht mal nur eine Leseliste ist, sondern auch ein Videotipp. Das Thema: Blockchain. Die wahrscheinlich gehypteste Technik seit Google Glases, sagt zumindest John Oliver in durchgehend sehenswerten 25 Minuten 21 Sekunden:

Immer dann, wenn etwas als absolutes Heilsversprechen daherkommt, dann müssen doch eigentlich bei Journalisten die Alarmglocken läuten. Denn kann es wirklich sein, dass das Paradies auf Erden Einzug hält, sobald alles in einer Blockchain ist, wir nur noch in Bitcoin zahlen, die Banken weg und das Bedingungslose Grundeinkommen eingeführt ist?

Ach was.

Hier noch der Artikel Blockchain is not only crappy technology but a bad vision for the future

Blockchain systems do not magically make the data in them accurate or the people entering the data trustworthy, they merely enable you to audit whether it has been tampered with. A person who sprayed pesticides on a mango can still enter onto a blockchain system that the mangoes were organic. A corrupt government can create a blockchain system to count the votes and just allocate an extra million addresses to their cronies. An investment fund whose charter is written in software can still misallocate funds.

An der Blockchain-Debatte zeigt sich exemplarisch, dass der Hang zum Universaljournalisten verheerend ist – schreib mal was zu Bitcoin. Und dann über den Milchpreis. Und die Russland-Sanktionen. Und den US/EU-Handelsstreit. Alles in einer Stunde.

Das kann nicht gut gehen. Schaut Euch den John Oliver an. Lustig, aber dennoch schreiben Journalisten weltweit Kryptowährungen und Blockchain hoch. Ich suche noch nach der richtigen Anwendung für diese Datenbanktechnologie.

Den wahrscheinlich dümmsten Artikel zum Thema kann ich leider nicht verlinken, er erschien in der DJV-Zeitschrift „Journalist“ und hieß „Ab in die Blockchain
Dezentral und transparent: Die Blockchain-Technologie ermöglicht neue journalistische Formate und neue Finanzierungsmodelle.“ Auch da: Buzzwords ohne Ende, aber auch keine Antwort auf die Frage: wie bekommt man Menschen dazu, für Journalismus zu zahlen.

Und das wäre die spannende Frage.

 

Photo by Caroline Methot on Unsplash

1. Mai 2018
von Michael Scheuch
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Storify Backup 2018: Meine liebe Re:Publica 2017

 Vorbemerkung

Das hier ist die Sicherheitskopie eines Storify, das ich im vergangenen Jahr angelegt habe, beim Besuch der RP17. Weiterbearbeitet und veröffentlich habe ich das dann aus einigen Gründen nicht, aber da Storify am 16.5. endgültig seinen Dienst einstellt, habe ich mir das gezogen. Ich veröffentliche das jetzt einfach mal so. Auf dem Weg zur RP18. Ich fürchte, ein Phänomen wird auch in diesem Jahr auftreten: die heillose Überfüllung der Säle. Das war schon im vergangenen Jahr der Grund, warum ich die Überschrift als Anschreiben an die Re:Publica so wählte: ich war es nämlich satt, in Säle nicht reinzukommen, stehen zu müssen, zu schwitzen.

Ich werde das Spiel in diesem Jahr nur bis zu einem gewissen Punkt mitmachen.

Rü:ckblick

Ausgabe 17: #rp17 oder „Love Out Loud“, wieder in der Station Berlin, diesmal bei eher schlechtem Wetter, aber das nur als Randbedingung. Ein Blick auf die Medienbranche, meine Sessions und mehr.

  1. Ein Thema: Fake News. Dazu gab es eine Menge. Allerdings, wer sich mit dem Thema schon intensiv beschäftigt hat – auch mit der Frage, wie weit uns dieser Begriff hilft, der muss ein bisschen graben, bis er etwas findet.
  2. Erstmal ganz einfach: der Einstieg ins Thema sozusagen aus der ZDF-Praxis. Mal kurz reinhörden, aber weiter führt das nicht.
  3. re:publica 2017 – Fakes, Leaks und Desinformation – Verlässlicher Journalismus im Nachrichtensturm
  4. Meine erste Session war etwas erhellender:
  5. re:publica 2017 – Prof. Dr. Frank Pasquale: The Automated Public Sphere
  6. Prof Frank Pasquale mit einem Einblick in die Struktur digitaler Öffentlichkeit, in der THE GUARDIAN und THE DENVER GUARDIAN so gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Das Recht auf „Freie Rede“ in den USA prägt auch den Umgang in anderen Ländern mit den Phänomenen, da nunmal Facebook etc. aus diesem Land kommen. Es gibt sogar das „Recht auf Lüge“, abgeleitet aus diesem „Supergrundrecht“. Er präsentiert auch Gegenstrategien.
  7. Wie Facebooks Algoritmen funktionieren, das ist ein Kernthema. Und das merkte man dann auch, in diese Session kam ich nicht mehr. Ab Minute 10:17. Leider kann man die Grafiken nicht wirklich lesen. Und die Masse an Einflussfaktoren für den Facebook Algorithmus lässt einen dann auch ratlos zurück
  8. FACEBOOKS ALGORITHMUS IMPERIUM – EINE VISUALISIERUNG
  9. Am Abend dann die Prdigt von Sascha Lobo. Der Saal: so geknüppelt voll, dass ich draußen gesessen und den Livestream gesehen habe. Ganz ehrlich: Hilflosigkeit geapart mit rhetorischer Stärke. Die ersteres aber kaum kaschieren kann. Daher eher eine Enttäuschung.
  10. re:publica 2017 – Sascha Lobo: Vom Reden im Netz.
  11. Wohl eine ganz gute Zusammenfassung:
  12. Am Ende von Tag 1: ein leichtes Gefühl der Unzufriedenheit.
  13. Am Beginn des Tages verstärkt sich das. Immerhin ist der Vortrag von Bertram Gugel „Sprungbrett oder Aufzug? Facebook, YouTube und Instagram kreieren und begraben Stars“ interessant, zeigt er doch die Mechanismen der Plattformen auf:
  14. Sprungbrett oder Aufzug? Facebook, YouTube und Instagram kreieren und begraben Stars
  15. Hier sind die Folien

1. Mai 2018
von Michael Scheuch
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Rezension: Fire & Fury – Im Weißen Haus von Donald Trump

Über ein Jahr nach dem Amtsantritt Trumps hat dieses Buch den klaren Nachteil, den aktuellen Entwicklungen deutlich hinterherzuhinken. Es zeigt auch, dass ich vor einem Jahr die Berichterstattung sehr intensiv verfolgt habe und diese auch ein anscheinend zutreffendes Bild der Lage im Weißen Haus gezeichnet hat. Das interessante ist, dass es gar nicht sehr um Trump geht, denn der ist schnell charakterisiert: sprunghaft, unbelesen, unkonzentriert, ADHS, manipulierbar, wirr, vergesslich. Und so geht es vor allem um das Kommen und Gehen des Personals im Weißen Haus, und insbesondere Steve Bannon war wohl wichtiger Gesprächspartner Wolffs, denn von ihm gibt es jede Menge wörtliche Rede. Richard Barenberg macht einen grandiosen Job, indem er den weinerlich-aggressiven Trump und den brummigen, zynischen Bannon entsprechend intoniert. Sehr gut.

Es wird noch einmal aufgeblättert, welches Personal da Einzug gehalten hat, und wo die Konfliktlinien vor den Augen des Präsidenten und hinter seinem Rücken verlaufen: Bannon, die „traditionellen“ Republikaner, und „Javanka“, das Team um Jared Kushner und Ivanka Trump. Das Kriegsglück wogt dabei hin und her.
Meine Learnings:
* Trump telefoniert allabendlich mit seinen Millionärsfreunden und lässt sich von ihnen beraten. Rupert Murdoch und andere nehmen so direkten Einfluss auf die Politik
* Trump ist so untauglich als Präsident, wie wir es wahrnehmen.
* Der Einfluss der US-Milliardäre auf die Politik, etwa am Beispiel der Mercers, ist unglaublich groß. Nicht auszudenken, wenn die AfD hierzulande über ähnliche Ressourcen verfügen würde. Aber halt: gab es da nicht die aus unerfindlichen finanziellen Quellen bezahlten Anzeigen, Plakate, Postwurfsendungen, Wahlkampfzeitungen?

Der Satz, der bei mir am meisten hängen blieb (der Nachteil von Hörbüchern ist die fehlende Chance, Dinge zu markieren, anzustreichen!) hat aber nur indirekt mit Trumpismus und Bannonismus zu tun:

„Amerika ist ein unaufmerksames Land, zersplittert und zerstreut. Vielleicht war es Barack Obamas eigentümliche Tragödie, dass sogar er, der begeisternde Veränderer und Kommunikator, kein großes Interesse wecken konnte. Und es könnte die zentrale Tragödie der Nachrichtenmedien sein, dass ihr altmodischer, ja geradezu unbedarfter bürgerlicher Glaube, Politik sei die höchste Form der Nachrichten, mit dazu geführt hat, dass sie sich von einem Massen- in ein Zielgruppengeschäft verwandelt haben. Leider ist auch die Politik selbst immer mehr zu einer Angelegenheit für Experten geworden.“

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30. April 2018
von Michael Scheuch
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Das süße Gift der Vorschusslorbeeren

Immer dann, wenn ich euphorische Vorabmeldungen zu TV-Formaten lese, dann muss ich hieran zurückdenken:

Screenshot http://www.spiegel.de/kultur/tv/gottschalks-neue-ard-show-zugabe-zugabe-zugabe-a-802751.html

Das war am 9.12.2011. Die Euphorie anläßlich der Vorstellung der allvorabendlichen Sendung von Thomas Gottschalk: grenzenlos. Kuzmany, an anderer Stelle als „Der Kuzy“ als Meister der ironischen Selbstdistanzierung vorgestellt, ist hier alles andere als ironisch oder gar distanziert.

Aber dann, je länger die Pressekonferenz läuft, desto klarer wird: Diese Wurstigkeit, die so weit geht, dass er sich nicht einmal den Titel seiner Show gemerkt hat, diese vollkommene Entspanntheit, die Thomas Gottschalk heute wie in seinen besten Momenten ausstrahlt, sie ist Grundlage und Hoffnung dafür und darauf, dass „Gottschalk Live“ tatsächlich eine großartige Sendung werden könnte. Denn Gottschalk hat das alles nicht nötig – und um so freier kann er agieren

Im folgenden stellt Kuzmany fest, eigentlich sei es vollkommen egal, welches Konzept, welchen Stil, welche Redaktion etc. die Sendung habe, denn darauf komme es ja nicht an:

Das alles ist Staffage und tote Materie. Lebendig wird die Sendung allein durch ihren Moderator, und wenn er es schafft, in seiner Show auch nur die Hälfte der guten Laune auszustrahlen, die er bei dieser Präsentation an den Tag legt, dann wird sie ein Erfolg.  (…)

Das muss man alles nicht wissen, denn das einzige was zählt für „Gottschalk Live“, ist Thomas Gottschalk selbst und das, was ihm genau in der richtigen Sekunde einfällt und einfach so über die Lippen kommt.

Der Rest ist Geschichte. Und bei mir ein feines kleines Lächeln.

 

Nicht unerwähnt bleiben sollten aber die Volten, die Kuzmany noch geschlagen hat, seine irre Hingabe an Gottschalk bis zum finalen Akt. Etwa die quasi päpstliche Audienz mit Selfie: Weiterlesen →

29. April 2018
von Michael Scheuch
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VRM: Aversionen gegen mein Lokalblatt und das Gejammere über den Niedergang des Journalismus

Liebe Leute, irgendwann ist auch mal gut. Seitdem die ehemalige Verlagsgruppe Rhein-Main, jetzt VRM, das DARMSTÄDTER ECHO übernommen hat, hadere ich jeden Monat damit, dieses Abonnement aufrecht zu erhalten. In kleinen Dosen liefert mir die Zeitung zwar noch Informationen, die ich glaube zu brauchen, de facto macht das aber nur einen kleinen Teil des Umfangs aus, den ich bezahle. „Lokaljournalismus“ als Königsdisziplin und seine Bedeutung bekommen wir auf jeder Verlegertagung als Sonntagsrede serviert, daneben werden dann aber Redaktionen ausgedünnt, falsche Schwerpunkte gesetzt und somit alles getan, um ja keine Neu-Abonnenten zu bekommen. Denn relevant und wichtig für das örtliche Zusammenleben kann man nur einen rudimentären Prozentsatz der Berichterstattung finden – meistens die unreflektierte Nacherzählung von Ereignissen, gerne Seniorennachmittage oder Vereinsgedöns. Kommunal- und Lokalpolitik wird nur in Ausnahmefällen kompetent begleitet, ansonsten eher nur abgebildet – und zwar anhand offizieller Termine, was Politikern Gelegenheit bietet, Dinge in der Versenkung verschwinden zu lassen, indem es dazu einfach keine Pressetermine gibt. Andererseits gibt es dubiosesten Bürgerbewegungen die Chance, ihre noch so absurden Anliegen mit Hilfe ordentlicher Pressearbeit ganz oft ins Blatt zu bringen.

Dieses Wochenende: Nix aus meinem Heimatort, immerhin 16.000 Einwohner, im Blättchen – das schafft das dämliche Anzeigenblättchen auch. Dafür eine Seite darüber, wie jetzt die Freibäder saisonfit gemacht werden. Der arme Redakteur muss dann, wie jeden Tag, nicht nur einen Artikel schreiben, sondern auch einen (zumeist vollkommen überflüssigen) Kommentar – in dieser Manie knüpft das Blatt an die Regelung der Tagesthemen an. Kommentieren auf Teufel komm raus, egal ob es was zu kommentieren gibt. So auch diesmal: im Kommentar steht nichts, was nicht auch ausführlich im Artikel vorgekommen wäre.

Symptomatisch für die Entfernung, die die „Lokalzeitung“ zu meiner lokalen Umgebung entwickelt hat, sind die erzdämlichen Veranstaltungs-Highlights, die auf einer ganzen Seite präsentiert werden. Denn sie spielen an folgenden Orten, in Klammern die Entfernung zu meinem Wohnort

  • Wiesbaden (53 km)
  • Bad Schwalbach (75,3 km)
  • Mainz (51 km)
  • Mainz (47 km)
  • Frankfurt (48 km)
  • Mainz (51 km)
  • Darmstadt (Hurra, 14 km)
  • Wiesbaden (53 km)

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20. April 2018
von Michael Scheuch
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Meine Leseliste (18/9) Antje Vollmer / Russland, Krim und dieses Völkerrecht / Russland / Titanic

Antje Vollmer

Antje Vollmer war schon in der Vergangenheit nie ein Grund für mich, die Grünen zu wählen. Antje Vollmer gehört zu denen, die in einem Gast-Artikel in der FAZ  zusammen mit Günter Verheugen, Edmund Stoiber, Horst Telschik, und Helmut Schäfer fordern „Dialog statt Eskalation – Für eine vernünftige Russlandpolitik

Übermedien behauptet zwar, dass „niemand darüber berichtet

Von dort aus zog er keine Kreise. Keine Nachrichtenagentur berichtete über das bemerkenswerte überparteiliche Bündnis altgedienter Politiker, keine Zeitung, kein Online-Medium. Die einzige Ausnahme bildete die „Deutschen Welle“.

aber das ist falsch.

Die Einschätzung, dass dieses „überparteiliche Bündnis altgedienter Politiker“ bemerkenswert sei, hat Übermedien nun mal für sich – dürfen andere Medien zur Einschätzung kommen, das sei gar nicht so bemerkenswert?

Und gar kein Echo kann nicht stimmen, wenn die Deutsche Welle es aufgreift, und vergangenen Samstag hatte ich das „Vergnügen“, ein Interview mit Vollmer bei hr-info zu hören. Bei n-tv ein Interview.  Vielleicht kamen die Berichte erst nach dem mahnenden Zeigefinger von Herrn Niggemeier? Ach was. Dieser sowohl inhaltlich dünne wie sehr kurze Gastbeitrag erschien am 12.4., und schon am 13.4. echauffierte sich Niggemeier. Weil nämlich am 12.4. auf der ganzen Welt sonst nichts passiert ist als die Veröffentlichung altgedienter Politiker. Genau. Nachrichtenloser Tag. Haltet die Druckerpressen an, denn altgediente Politiker schreiben bemerkenswert.

Wirklich neu, originell, faszinierend sind die Gedanken nicht: Westen böse, Russland arm dran. Immerhin verkneift die Gruppe es sich, davon zu reden, Russland sei vertraglich zugesichert worden, dass die NATO keine neuen Mitglieder mehr aufnimmt.

Mich regt aber etwas anderes auf.

Im og. n-tv-Interview bewertet Vollmer die Syrien-Angriffe der davorliegenden Nacht bemerkenswert klar.

Es handelt sich um einen eindeutigen Bruch des Völkerrechts, eine feindlichen Akt gegen den UN-Generalsekretär, der klar vor solchen Aktionen gewarnt hatte, und um einen Hohn auf die Untersuchungskommission, die heute erst anreisen sollte, um den möglichen Einsatz von Chemiewaffen zu untersuchen

Wie bewertete 2014 Antje Vollmer die Annexion der Krim? In einem Interview mit der Berliner Zeitung so:

Ich habe immer gewusst, dass wir für den Bruch des Völkerrechts im Kosovo-Krieg irgendwann von Russland oder China die Rechnung vorgelegt bekommen. Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/2963404 ©2018

Das war dann mal eine scharfe Verurteilung. Verbal durchaus vergleichbar mit dem n-tv-Interview, was?

Diese Gleichsetzung des Eingreifens der NATO in Jugoslawien und der Krim-Annexion gehört im Augenblick zu den beliebtesten Argumentationslinien bei den Kritikern des Westens.

Völkerrecht

Dazu empfehle ich ganz dringend diesen Beitrag der IPG Krim = Kosovo? Putins Pseudo-Analogie

Er stellt vor allem vier Unterschiede heraus:

„Erstens: Schwere, systematische Menschenrechtverletzungen.“ Jugoslawien ja, Krim nein.
„Zweitens: Langwierige, kompromissorientierte diplomatische Aktivitäten.“ Über eine Lösung der Jugoslawienkrise wurde in unterschiedlichen Konstellationen ab 1992 lange verhandelt. Entsprechende Konfliktbeilegungsversuche unter internationaler Beteiligung gab es auf der Krim nicht.
„Drittens: Konfliktdynamik.“ Von allen Seiten schaukelte sich der Konflikt hoch, von zivilem Ungehorsam bis zur Aggression der UCK. In der Krim-Frage bliebt dazu keine Zeit.
„Viertens: Politischer Bauplan.“

Am Tag der Beendigung der Kriegshandlung gegen Jugoslawien am 10. Juni 1999 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 1244, auf deren Basis Kosovo als Interimslösung unter UN-Protektorat gestellt wurde. Statusneutral wurde die Hoheitsgewalt provisorisch einer zivilen internationalen Übergangsverwaltung (UNMIK) übertragen. Im Auftrag des Weltsicherheitsrats versuchte der frühere finnische Präsident Martti Ahtisaari ab 2006 in monatelangen Verhandlungen einen Kompromiss zwischen Serbien und Kosovo über die völkerrechtliche Statusfrage zu vermitteln. Erst als sein nach ihm benannter Plan im Weltsicherheitsrat im März 2007 an Russland und der VR China scheiterte, steuerten europäische Staaten und die USA massiv die Staatsgründung von Kosovo an, die am 17. Februar 2008 erfolgte. Bis September 2012 blieb der neue Staat noch unter „überwachter Unabhängigkeit“. Verfassungsrechtlich ist ein Anschluss Kosovos untersagt. Russland hingegen inkorporierte nur einen Monat nach der Flucht von Viktor Janukowitsch die Krim in den russischen Staat. Vor diesem Hintergrund wird der Kosovo-Krim Vergleich nicht als Parabel in die Geschichtswissenschaft eingehen.

Man wünschte sich also weniger Birnen/Äpfel-Vergleiche. Diese Versuche, politisches Handeln des Westens und Russlands als gleichwertig anzusehen, gehen schon dahingehend fehl, dass jemand wie Antje Vollmer hierzulande ganz einfach

Es handelt sich um einen eindeutigen Bruch des Völkerrechts

sagen kann, eine Freiheit, die in Russland nicht jeder Bürger hat.

Und wie geht es Journalisten?

Moskau (AFP) Ein russischer Journalist, der über Moskaus „Schattenarmee“ in Syrien berichtet hatte, ist nach einem Sturz vom Balkon seiner Wohnung gestorben. Es gebe „aber kein Anzeichen dafür, dass ein Verbrechen begangen wurde“, erklärte die zuständige Ermittlungskommission am Montag in Jekaterinburg gegenüber der Nachrichtenagentur Tass. Für die Einleitung entsprechender Ermittlungen sehe sie keinen Anlass. Vielmehr gehe sie von einem „unglücklichen Vorfall“ aus.

Update: Tagesspiegel

 

Russland

Die Erregung über die gegenseitige Ausweiserei von Diplomaten war recht hoch. Bei Makronom gibt es dazu eine spannende Analyse der Sanktionen – auch Antje Vollmer behauptet ja gerne, dass diese nie etwas bringen würden. So im oben verlinkten Interview mit der Berliner Zeitung:

Sanktionen sind immer eine primitive Maßnahme, deren gewünschte Wirkung selten eintrifft. – Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/2963404 ©2018

Das sieht Branko Milanovic etwas anders: Wenn Autarkie zur einzigen Lösung wird

Die jüngste, und bei weitem ernsthafteste Runde von US-Sanktionen gegen Russland hat zwei Punkte sehr deutlich gezeigt, die meiner Meinung nach beide bisher wenig Aufmerksamkeit bekommen haben. Der erste ist die außerordentliche Macht des modernen Staates. Der zweite lautet: Wenn mächtige Staaten Sanktionen erlassen, die den Zugang eines anderen Staates zu Märkten, Technologie und Kapital begrenzen, verbleibt für den betroffenen Staat nur noch die Option, autark zu sein.

Ich empfehle diesen Artikel allen, die sonst Antje Vollmers Meinung teilen. Und Sanktionen auf einer Stufe mit Diplomatenausweisungen sehen. Bad wrong. Wenn es sich bei den Sanktionen nicht nur um Symbolpolitik handelt.

Titanic

Mein Probeabo hat begonnen, irgendwie bin ich zeitreisemäßig in den 80ern zurück, als ich monatlicher Titanic-Käufer war. Vieles an dem Heft ist – alt. Aber die Mio-Mio-Gate-Geschichte ist schön geschrieben, und aufschlussreich: der junge BILD-Journalist hat zunächst einmal sehr viel journalistisch richtig gemacht. Aus dem Text geht aber schon sehr deutlich hervor, dass das seiner Chefredaktion nicht schnell und knallig genug war. Entlastung für Herrn P. Ein bisschen. Kauft eine Ausgabe Titanic.

 

 

 

 

 

 

13. April 2018
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Studies from hell: Alkohol

Studies from hell: Alkohol

Studien sind die Sättigungsbeilage des Journalismus. Kein Tag ohne Studie, Umfrage oder Ähnliches. Manchmal sind diese Studien Käse, manchmal das, was Journalisten daraus machen. Verheerend: in so genannten Sozialen Netzwerken werden „Studienergebnisse“ unglaublich gerne geteilt. Und daher werden immer mehr Studien zu Berichterstattungsanlässen, und es entstehen auch mehr Studien, weil Firmen, Institutionen, NGOs und manchmal auch auf der Suche nach Drittmitteln oder Existenzberechtigung stehende Wissenschaftler immer mehr Studien erstellen.

Ein Ausbruch aus der Spirale der Studienberichterstattung scheint unmöglich.

Heute:


Sagenhaft. Hier der Text der Webseite dazu:

Ein internationales Forscherteam schreibt jetzt im Fachmagazin The Lancet: In den meisten Ländern sind die Grenzwerte zu hoch. Die Wissenschaftler haben in einer Mammutstudie fast 600.000 Menschen aus 19 Ländern über mehrere Jahre begleitet – die Hälfte von ihnen trank Alkohol, die anderen nicht.

Äh, nein, das haben Wissenschaftler nicht getan. Ordentlich verlinkt das Studiendesign. Kurz: die Wissenschaftler beziehen sich auf drei Datenbanken aus 19 „High Income Countries“ und 83 prospective studies und zum Justieren weitere 37 Studien mit 152.000 Teilnehmern. Kurz: es ist eine Meta-Studie. Alles klar, das macht man so, wenn man hohe Fallzahlen haben will. Das ist aber nicht „Wissenschaftler in einer Mammutstudie begleiten“. Die Wissenschaftler werten Datenbanken aus. Weiterlesen →

10. April 2018
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für Pro-Tipp für Kollegen zum Thema #Dashcam

Pro-Tipp für Kollegen zum Thema #Dashcam

Die ganze Vorberichterstattung zum erwarteten BGH-Urteil krankt schon daran, dass sich wieder kaum jemand mit dem Thema vorher beschäftigt hat (dann aber Interviews führt oder schonmal Kommentare von sich gib (HRinfo)). Bevor nachher wieder Verwunderung auftritt: ja, eine ganz häufige Funktion bei echten Dashacams ist die Aufnahmefunktion inklusive Löschen nach 30 Sekunden bis 1 Minute, es sei denn, der Erschütterungssensor registriert einen Unfall. Dann bleibt die Aufnahme bestehen. Datenschützer glücklich? Möglich.

9. April 2018
von Michael Scheuch
Kommentare deaktiviert für „Ich“ und die Krimis

„Ich“ und die Krimis

Nur ganz kurz: die Kritik am deutschen Krimi-Wesen im TV in allen Ehren, ein Klassiker, jahrzehntealte geübte Medienkritiker-Praxis, und doch eigentlich was fürs Sommerloch, aber Hans Hoff muss mal (wieder), neudeutsch, ranten.  Krimi-Allergie: Folgt bald das böse Erwachen?

17 mal das Wort „Ich“ in zehn Absätzen. Großartiger Ego-Tripp.

Und die rhetorische Frage „Folgt bald das böse Erwachen?“ leider ohne jedes Indiz außer der eigenen Krimi-Abneigung und -Enthaltsamkeit

Und ich denke, dass es nicht mehr allzu lang dauern wird, bis es mir auch andere gleichtun werden.

Gibt es irgendein Indiz dafür?

Ach was.

Hiermit bewerbe ich mich zum x-ten Mal bei irgendwem als Kolumnist. Ich will das auch machen dürfen. Ich. Hallo. Ich!

 

Photo by Pawel Kadysz on Unsplash