Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

6. März 2018
von Michael Scheuch
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Meine #Leseliste (18/7): Dumme Talkshowparolen / Satire

Politisch oder korrekt?

In der taz am Wochenende gab es einen sehr hintergründigen Text über einen Meinungskampf an der Universität, im Kern geht es um „Wissenschaft“ contra „Haltung“, und da ist eine trotzkistische Gruppe (was es nicht alles noch gibt) im „Fight“ mit dem Historiker Baberowski. Zwar ist mir jemand, der Roland Tichy retweetet auch nicht grundsätzlich sympathisch, aber dennoch: eine Analyse diktatorischer Systeme muss erlaubt sein.

In Baberowski und Münkler trifft die Kritik zwei prominente Professoren, die das öffentliche Wort nicht scheuen und mit Medien umzugehen wissen; und in beiden Fällen ist auf studentischer Seite eine kleine linke Hochschulgruppe involviert, die Baberowski nur „die Sekte“ nennt.

Alexander Schnickmann, 23, blass, kahl, rundes Gesicht, dunkle Brille, schätzt die Herausforderung, schätzt den Dissens, schätzt deswegen auch Jörg Baberowski, für den er als studentische Hilfskraft arbeitet. „Alle haben die gleiche Meinung“, sagt er, „es ist eine große Blase an der Uni.“ Dazu gehören für ihn eine Portion Moralismus und Selbstbezogenheit, zählen Identitätsdiskurse, kulturalistisches Denken, all das, was man unter den Begriff Politische Korrektheit packt.

Mich erinnert das schon an meine Studienzeit, es scheint heute aber noch konfliktbeladener zu sein, da sind die teilnahmslos vor sich hin Studierenden, da die Aktivisten. Es bleibt wirklich schwierig, wenn es um die Rolle der Intellektuellen in Deutschland geht. Wann schalten die sich in aktuelle Debatten ein ohne sich durch allzu grundlegende Diskussionen selbst aus dem öffentlichen Diskurs zu nehmen?

Für mich aber der wichtigste „Satz“:

„Widerlegen Sie sich selbst, einmal am Tag, das tut gut“, sagt er. Das sagt sich so leicht.

Also der Appell, sich selbst, seine Aussagen und seine Überzeugungen, wieder und wieder auf den Prüfstand zu stellen. Das ist durchaus erstrebenswert.

Talkshow- oder AfD-Geschwätz

Thomas Fischer, selbst- und sendungsbewusster Ex-BGH-Richter vertritt von Zeit zu Zeit kontrovers diskutierte Meinungen, aber in aller Regel ist es eine Freude, seinen Argumentationsketten und Gedankengängen zu folgen – er kann dabei helfen, dieses „Widerlegen“ von sich selbst anzutreiben, wenn er gegen den Stachel löckt. In diesem Text bei Meedia hat er sich eine Talkshow vorgenommen, in der das apokalyptische Duo Reichelt/Plasberg das „gesunde Volksempfingen“ ausgepackt hat. Weiterlesen →

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27. Februar 2018
von Michael Scheuch
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Meine #Leseliste (18/6)

Ich hatte es schon vergangene Woche geschrieben: (ausführliche) Auslandsberichterstattung ist in den kostenfreien Umsonstmedien eher unterbelichtet – ein bisschen USA, aber dann wird’s trübe. Immer mal wieder erfreut mich die taz (die ich im Wochenendabo mit unterwöchigem E-Paper habe). Diesmal sogar besonders:

Israel/Palästina

Susanne Knaul schildert die Lage im Gaza-Streifen und beschreibt die Bedingungen vor Ort, nicht ohne Empathie für die Betroffenen. Hintergrund ist natürlich das Streichen von Hilfesgeldern durch die USA. Aber statt jetzt wieder nur den USA und Israel alleine die Schuld an der Lage zuzuschreiben, schildert sie, dass auch die Streitigkeiten innerhalb der Palästinenser-Fraktionen ihren Teil zur verfahrenen Situation beitragen:

„Israel sperrt uns ein“, schimpft Sharaf mit heiserer Stimme und räumt ein, dass nicht allein den Besatzern die Schuld für die Not der Menschen zuzuschreiben sei. „Wir hatten so große Hoffnungen“, als die Nachricht von einer Einigung zwischen der Hamas in Gaza und der im Westjordanland herrschenden Fatah bekannt wurde. Gerade vier Monate ist es her, dass die beiden großen palästinensischen Bewegungen die Streitaxt begruben. „Ich weiß nicht, warum die Versöhnung nicht funktioniert“, sagt Sharaf ratlos.

Das palästinensische Volk ist Opfer, weil es in den letzten Jahrzehnten der Vorwand für die arabischen Brüdervölker war, Konflikte in der Region am Schwelen zu halten und jeweils nach Innen die autoritären Regime zu stärken – dazu ist ein äußerer Feind wie Israel nötig. Doch inzwischen haben sich Saudi-Arabien auf der einen, Iran auf der anderen Seite neuen (und direkteren) Konflikten zugewandt. Ob es da ein Israel an der Mittelmeerküste gib oder nicht, das ist weniger wichtig geworden. Und damit schwindet der Rückhalt für die extremistischen Gruppen Hamas und Fatah – es ist kein Wunder, das Ägypten gar nicht daran denkt, seine Grenze zum Gaza zu öffnen. Lange Jahre waren die Palästinenser das Faustpfand, auch ein wenig die Geiseln der Politik in Riad, Teheran, Kairo. Die anderen Staaten haben die Palästinenser darin bestärkt, keine Zwei-Staaten-Lösung zu für Israel annehmbaren Konditionen anzustreben, die Jugend wird entsprechend indoktriniert und träumt den vergeblichen Traum vom Palästina ohne Israel. Doch selbst ein Präsident Trump hätte die Verlegung der Botschaft nach Jerusalem nicht angekündigt, hätten nicht die Staaten der Region signalisiert, dass das okay sei. Und ohne das Backing der anderen entfällt auch die Intifada. Vielleicht gibt es im Sommer nochmal einen Gewaltausbruch, wenn die Lage angesichts Wassermangel und Stromausfällen wieder eskaliert (ich tippe: rund um die Fußball-WM). Aber im Prinzip ist das palästinensiche Volk, wie im Artikel beschrieben, Zwischen Hammer und Amboß.

Das Interview mit dem Sprecher der UN Hilfsorganisation UNRWA verdeutlicht übrigens, dass es von Trump vielleicht auch gar kein Fehler sondern ein notwendiger Schachzug war, die Gelder für die Organisation zu kürzen. Irgendwann einmal muss der jahrzezehntealte Status Quo von immer mehr Geld für Flüchtlinge der x-ten Generation hinterfragt werden:

 Warum ist in den letzten 70 Jahren keine wirtschaftliche Entwicklung in Gaza zu erkennen?

Das ist nicht unsere Aufgabe. Die UNRWA hat ein klares Mandat. Wir werden unsere Aufgabe fortsetzen, bis es eine Lösung für das Palästinenserproblem gibt. Danach richten wir uns. Wer über eine Veränderung entscheidet, ist die UN-Generalversammlung. Solange wir keine neuen Vorgaben aus New York bekommen, arbeiten wir weiter wie bisher.

Tja. Es wird Zeit.

Im umstrittenen „Antisemitismus-Film“ von arte im vergangenen Jahr gab es eine weite Sequenz, die sich mit Gaza und Westjordanland und antisemitischer Polemik gegen die dortigen Zustände befasste. Ich fand zwar, dass das in dem Film nicht sehr viel zu suchen hatte, nachdenkenswert waren diese Passagen allemal. [Kaputtgemacht wurde das dann durch israelische Veteranen, die unwidersprochen behaupten durften, echte Palästinenser-Vertreibung habe es nicht gegeben, die seien ja alle von alleine gegangen. Das geht dann gar nicht]

Bild vs. Titanic

Mein lieber Mann, was hat mir das vergangene Woche Spaß gemacht: wie die Titanic die Bild-Zeitung hochgenommen hat. Wie sich der wirklich sehr unsympathische neue Chefredakteur dabei verhalten hat. Gut zusammengefasst und eingeschätzt von Jürn Kruse Die „Bild“ fällt auf „Titanic“ rein – Schwache Verteidigung. Er ordnet die „Hund wird SPD-Mitglied“-Geschichte so ein:

Ersetzen Sie „Satire“ durch „die Bild“, und „journalistische“ durch „politische“. Dann liest sich das Ganze so: Natürlich darf die Bild so etwas, aber sie versucht sich hier zu profilieren, indem sie politische Arbeit bewusst zu diskreditieren versucht.

So inszeniert die „Bild“ ihre Verhöhnung der SPDFoto: Archiv

Es ist genau das, was man Reichelt und der Bild bei ihrer Story über Hund, SPD und Mitgliederbefragung vorgeworfen hat. Und auch bei den Geschichten zuvor, als die Bild davor warnte, dass auch Ausländer bei der SPD-Mitgliederbefragung mitmachen dürften. Ausländer!

Nur scheint Reichelt das entweder nicht zu erkennen. Was blöd wäre. Oder er will es nicht erkennen. Was bigott wäre.

Ich war jahrelang Titanic-Abonnent – aber das ist 30 Jahre her. In Anerkennung dieses Scoops habe ich jetzt mal wieder ein 3-Monats-Probeabo abgeschlossen. Macht es nach, oder kauft für 4,50 Euro wenigstens die April-Ausgabe.

 

 

 

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26. Februar 2018
von Michael Scheuch
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Klickbait bei FAZ Online: Das Ende ist nahe

Wer sich dafür interessiert, wie Online um Aufmerksamkeit gebuhlt werden muss, der kann das nicht nur bei einschlägigen Medien am rechten Rand, bei tag24 oder gar bei Focus Online sehen. Auch die alte Tante FAZ muss mächtig mithalten. Für den so mehr oder weniger tollen Artikel zum MWC in Barcelona heißt es da:

Screenshot faz.net 26.2.2018

Abgesehen davon, dass das kein so schöner Satz ist, kann man noch am Link sehen, dass die Autoren da eher zurückhaltender sein wollten:

Screenshot 26.2.2018

Da heißt es nur: Bedeutung des Smartphones nimmt zukünftig ab. Das trifft es schon eher, ist allerdings auch unsexy, daher kann ich schon verstehen, dass der Schlussredakteur daran Hand anlegen wollte.

Die beiden Indizien für das Aussterben des Smartphones sind übrigens a. der Rückgang der weltweiten Verkaufszahlen um 5,6 % im vierten Quartal 2017 im Vergleich zum Vorjahresquartal. Schon wird geraunt:

 Ist das die Zeitenwende? Das Ende des Smartphone-Booms? Brauchen wir solche Alleskönner noch, wenn künftig alles miteinander vernetzt ist?

Hinweis b. ist eine „Studie“ der Unternehmensberatung Deloitte zum Nutzungverhalten des Smartphones:

Allerdings geben inzwischen 46 Prozent der Befragten an, ihren Smartphone-Konsum einschränken zu wollen.

Genau, Genau so belastbar wie „mehr Sport machen wollen“, „bewusster einkaufen“ und all die anderen „guten“ oder sozial erwünschten Vorsätze.

22. Februar 2018
von Michael Scheuch
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Stimmungsmache gegen die Umwelthilfe

Am 25. Juli 2017 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein „aufklärerischer“ Text zur Deutschen Umwelthilfe, die allen voran die Aufarbeitung des Diesel-Skandals vor sich hertreibt und ein Interesse daran hat, dass die gesetzlichen Grenzwerte zur Luftreinhaltung auch eingehalten werden. Dieser Text hat viele Kolleginnen und Kollegen schwer beeindruckt, der Tenor: Ei Padauz, diese Saubermänner in Sachen Umweltschutzt sind anscheinend selber nicht ganz sauber.

Mich dagegen hat dieser Artikel nicht sehr beeindruckt. Die unterschwellige Botschaft, dass da irgendwelche dahergelaufenen Umweltschutzfanatiker unsere schöne Automobildinstrie kaputt machen wollen, irritiert mich sehr – mit irgendwelchen Scoops zum Thema Abgasbetrug ist mir davor die FAZ nicht aufgefallen. Der Verdacht, es handele sich um eine weitere Verteidigungsschrift der deutschen Automobilindustrie liegt nahe.

Mächtiger Verband

Zu Beginn wird ersteinmal klargestellt, wie sehr der FAZ-Autor davon irritiert ist, dass auch das grün regierte Baden-Württemberg von der DUH verklagt wird. Ich fände es viel skandalöser, wenn gerade dieses Bundesland aufgrund der Parteizugehörigkeit seines Ministerpräsidenten von der DUH geschont wird. Rüdiger Soldt stellt dann fest:

Der Umwelthilfe ist es seit Jahrzehnten egal, was ihre Forderungen für Arbeitsplätze oder die Weiterentwicklung einer Technologie bedeuten; sie führt einen regelrechten Kreuzzug gegen den Diesel-Motor. Wenn VW die Abgaswerte seiner Diesel-Motoren mit einem Software-Update endlich verbessert, klagt der Verein gegen die KfZ-Zulassungsstellen, weil ihrer Auffassung nach die Typzulassung damit unzulässig wird.

Wie toll dieses Update ist, das hören wir aus dem Bundesumweltministerium, und die Behörden in den USA lassen sich mit einem einfachen Patch schon gar nicht abspeisen. Aber warum soll das einer Organisation, die für Umweltschutz eintritt, nicht auch egal sein können? Der Autoindustrie scheint ja auch egal, dass ihre Schummeleien das Ansehen aller deutschen Industriezweige schwer beschädigt.

Anschließend wird geraunt „Mächtiger als ein Landesparlament“ und die These aufgestellt, die DUH sei politisch stärker als Parlamente und habe erreicht

Die Frage, welche Zukunft bestimmte Fahrzeugtechnologien haben sollten, wird inzwischen nicht mehr abschließend in den Parlamenten, an den Kabinettstischen oder in Konzernzentralen verhandelt, sondern oft vor Gericht.

Ja. Aber was kommt vor Gericht? Verfahren aufgrund von Gesetzen oder Verordnungen, die vorher Regierungen und Parlamente beschlossen haben. Das demokratische Prinzip wird doch nicht dadurch ausgehöhlt, dass es Verbände gibt, die auf die Einhaltung von Vorschriften dringen und das dann auch vor Gericht durchsetzen? Welches Rechtsstatsverständnis dringt da durch? Vielleicht „Okay, es mag Gesetze geben, aber wenn man sich nicht daran hält, dann ist das halt so.“ Das mag jahrzehntelang gut gegangen sein, aber dann kommen Spielverderber daher, die das, was Politiker beschließen, auch wirklich umgesetzt sehen wollen. Weiterlesen →

19. Februar 2018
von Michael Scheuch
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Rechts lügt. Am Beispiel „Warum die Mainstreammedien wohl nicht berichten“ #fakerechts

Max Otte war vor rund 10 Jahren begehrter Gesprächsgast, da er sehr früh auf dem Zettel hatte, dass das Finanzsystem überhitzt ist und sich eine schwere Bankenkrise abzeichnet. Sein Buch „Der Crash kommt“ wurde als Ausweis für vorausschauende Weisheit interpretiert.

Heute gehört Otte ausweislich seines Twitter-Accounts inkl. haufenweise Erika Steinbach-Retweets zu den „Besorgten Bürgern“ mit ausgeprägtem Rechtsdrall, ein bisschen „seriöser“ a la Tichy, aber im Zweifel lieber rechts als seriös. Das ist sehr schade. Seine Sympathien für die AFD sind überdeutlich, seine Denkmuster dieselben, etwa wenn er im Grunde die Besserungshaft für Deniz Yücel ganz knorke findet:

Widerlich? Irgendwie schon.
Was mich aber wirklich aufgeregt hat, das ist dieser Tweet. Er steht typisch für Propaganda von Rechts (und auch die Linken können das), dass nämlich Sachverhalte durch die so genannten „Mainstreammedien“(wie auch immer die definiert werden, gemeint sind wohl die Medien mit hoher Verbreitung und Akzeptanz, unterstellt wird aber deren Gleichschaltung durch wen auch immer (Merkel, Rothschild, Echsenwesen)) unterdrückt werden.

https://twitter.com/maxotte_says Screenshot v. 19.2.18

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19. Februar 2018
von Michael Scheuch
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Meine #Leseliste (18/5)

Schulz

Der Satz, den Hans-Martin Tillack für seinen Artikel auf stern.de als Überschrift gewählt hat, ist wirklich wichtig: Warum wir Journalisten den Schulz-Hype aufarbeiten müssen.   Hier fühle ich mich vom „wir“ mal angesprochen. Denn er konstatiert ja zu Recht:

(..) einer, den seine Glaubwürdigkeit auszeichne. So las man es von „FAZ“ bis „SZ“. „Dass er aus dem Material ist, aus dem man Kanzler macht, ist keine Laune der Geschichte“, huldigte ihm gar ein früherer Brüsseler Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ in einem Buch: „Schulz verkörpert eine unter Politikern seltene, komplette Glaubwürdigkeit.“

Eine komplette Glaubwürdigkeit! Noch vor ein paar Tagen fragte ein Kollege angesichts des strauchelnden Parteichefs, warum der denn entgegen früherer Versprechen partout Minister werden wolle – und damit ausgerechnet sein größtes Kapital gefährde, nämlich die „Glaubwürdigkeit“.

Journalismus-Ikonen wie Heribert Prantl jubelten über den Europapolitiker: „Schulz hat, was Merkel fehlt“ heißt es in der Süddeutschen:

Die Leidenschaft, wie sie zu diesem Mann gehört, ist ganz und gar unbürokratisch.

Wow.

Schon mir als nur halbherzig am Brüsseler Politikbetrieb interessierten hätte auffallen müssen, dass sich das gar nicht so sehr mit meinen Eindrücken deckt – aber auch ich nahm mal den Pressemainstream hin. Ich war nur einmal kurz zu einer Pressereise in Brüssel, damals machten die Auseinandersetzungen zwischen Schulz und dem querulatorischen Parteienforscher von Arnim gerade keine Schlagzeilen mehr. Ein strenger Beobachter der EU, seiner Bürokraten und Parlamentarier war Tillack über lange Jahre, und so wundert er sich Anfang 2017 und auch heute über die Urteile über Schulz:

Da gab es Leute, die nicht hören wollten, dass es normal sei, dass jemand anfangs gute Umfragewerte hat, der zuvor nicht Teil der polarisierten deutschen Debatte war. Und über den damals anfangs fast nur freundlich berichtet wurde. Weshalb auch die Frage kaum diskutiert wurde, ob ein Europapolitiker aus dem Brüsseler Kungelsystem für die hiesige Konkurrenzdemokratie gerüstet ist, in der man zum Beispiel Themen erkennen und besetzen muss. Und ob einer wie Schulz dem medialen Druck gewachsen ist, der in Brüssel mangels ständigem Parteienkampf und dank häufig wohlgesonnener Berichterstatter nur gering ausfällt. Weswegen man sich als Politiker in Brüssel übrigens eine Dünnhäutigkeit leisten kann, mit der man in Berlin zwar eine Weile durchkommen kann. Aber nicht auf Dauer.

Tatsächlich kann man im EU-Parlament nur mit Kompromissfähigkeit und einem Hang zu Kungelei erfolgreich sein, wenn die beiden größten Fraktionen im Parlament das Geschehen dominieren. Und das tatsächlich meist unter dem Radar der Medien, denn Europageschichten „laufen nicht“, sagt sich der Blatt- oder Fernsehmacher in der Heimat. Und liegt damit ja nicht falsch.

Ansonsten habe gar nicht alles lesen können, was SPIEGEL, ZEIT u.a. zum Thema SPD zu schreiben haben. Das hätte ich allerdings gerne getan

Italien

Ausland kommt bei Online-Medien nicht soo kontinuierlich vor, vor allem braucht man Korrespondenten vor Ort, Kenner des Landes, kurz: eine Infrastruktur oder zumindest einen freien Mitarbeiter, der Geld kostet. In der ZEIT Beppe, Giggino und viel Frust (Z+ Artikel) über die bevorstehenden Wahlen in Italien und die Fünf Sterne Bewegung.

Die Fünf Sterne seien die einzige Bewegung, die Gesetze für Menschen mache, nicht für Banken. Sie richte sich an gewöhnliche Leute. Jahrelang hätten korrupte Politiker das Volk betrogen. „Schauen Sie“, sagt Di Pillo und deutet auf ihren Schreibtischstuhl, „dort wurde mein Vorgänger festgenommen.“ Die Einwohner hätten ein Recht darauf, an die Institutionen zu glauben. „Die Fünf Sterne werden diesen Glauben wiederherstellen.“

Vier Tage nach ihrer Ankündigung flimmert erneut ein Video aus Ostia über italienische Fernsehbildschirme. Diesmal ist darauf der Bruder von Roberto Spada zu sehen, ebenfalls Mafioso. Er steht im Boxstudio, scherzt vertraut mit einem Mann. Wie sich herausstellt: ein Parteifreund Di Pillos.

Es scheint so, als habe sich das politische System Italiens zwar gehäutet, aber richtig viel geändert hat sich nicht.

Als Raggi 2016 Bürgermeisterin wurde, versprach sie Fortschritte auf allen Ebenen, sie wollte Transparenz ins Rathaus bringen, das Müllproblem lösen, den Nahverkehr verbessern. Knapp zwei Jahre nach all den schönen Worten läuft man durch die Altstadt und sieht alle Abfalleimer überquellen. Man wartet auf Busse, die einfach nicht kommen. Man steht am Hauptbahnhof, wo angespülte Flüchtlinge und abgehängte Römer eine Elendsgemeinschaft bilden. Raggi wurden in ihrer kurzen Dienstzeit bereits Amtsmissbrauch und Falschaussage vorgeworfen. Sie musste, in 14 Monaten, 16-mal ihr Kabinett umbilden. Eine Beraterin wurde verhaftet.

Noch aber scheint in Italien die Sehnsucht nach Veränderung größer als jede Furcht vor Enttäuschung.

Optimistisch für Europa stimmt mich das alles nicht.

 

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12. Februar 2018
von Michael Scheuch
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Meine #Leseliste (18/4)

Die Woche kommt spät in die Puschen

Fakt oder Fake

Aus der wirklich lesenswerten Rubrik bei der ZEIT diesmal: Wird jeder Zehnte arbeitslos?

Vorbildlich wird da mal wieder einer „Studie“ (der Pest des 21. Jahrhunderts), die dick und fett Schlagzeilen gemacht hat, auf den Grund gegangen. Eigentlich müssten das noch viel mehr Journalisten jeden einzelnen Tag machen, wenn wieder eine Studiensau durchs Dorf getrieben wird. Diesmal, und wirklich sehr beliebt, die Frage, ob und wie viele (und vielleicht auch welche) Arbeitsplätze durch die Digitalisierung gefährdet sind. Die Faz macht in PErson von Julia Löhr, Berlin daraus: JEDER ZEHNTE BALD ARBEITSLOS:Digitalisierung zerstört 3,4 Millionen Stellen. Das fügt sich ein in die Schreckensmeldungen allerorten. Allerdings scheint da das Ergebnis einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom etwas übergeigt:

Nein, erklärt der Pressesprecher, so wie es die FAZ berichtete, habe der Verband und dessen Präsident Achim Berg das nicht behauptet. Die Zahl von 3,4 Millionen potenziell gefährdeten Jobs sei richtig, aber das sei keine eigene Prognose, sondern beruhe auf einer Umfrage. Und auch der Zeitraum von fünf Jahren, in denen die Jobs wegfallen könnten, stamme nicht von Bitkom. Im Übrigen habe man jetzt eine Presseerklärung veröffentlicht, um die Dinge richtig einzuordnen. Sie trägt eine Überschrift, die nach dem kompletten Gegenteil der FAZ-Meldung klingt: „Berg: Wir werden digitale Arbeit im Überfluss haben“.

Diesmal war weniger die Umfrage fragwürdig (okay, die auch) sondern vor allem das, was die FAZ daraus gemacht hat. Huhu.

Rechte Netzwerke

Interessant finde ich die „Getarnt als Gamer“ Geschichte bei netzpolitik.org zu den Meme-Bastlern der neuen Rechten – nicht dumm organisiert:

Für Twitteraktivitäten von eigenen Accounts und Sockenpuppen existiert ein eigener Meme-Manager. Er ist mit dem Lambda-Logo, dem Erkennungszeichen der Identitären Bewegung, gekennzeichnet. Auf diesem kann man sich per Twitter einloggen und auf einen großen Fundus rechter und rechtsextremer Meme zurückgreifen sowie selbst Memes hochladen.

netzpolitik.org kann man mit Spenden unterstützen. Die sind steuerlich absetzbar!

Ich zweifle inzwischen daran, dass Twitter a) ein vernünftiger Kommunikationsweg ist, zumindest wenn man versucht, Diskussionen zu folgen und b) noch lange existiert, denn von den Trollhorden kann man ja nicht leben. Die Anzahl der in meiner Timeline eingespülten Werbung ist drastisch zurückgegangen – mit mir zu tun, im Sinne von vernünftigem Targeting – hatte die eh selten. [aber dann kommt diese Meldung, Twitter habe zum ersten Male Gewinne erzielt. Ich zweifle.]

Groko

Am Freitag haben mich die Analysen in der gedruckten SZ (online pay) auf den Seiten zwei und drei überzeugt – ich denke, es ist nach wie vor ein großer Journalistenvorteil, wenn Menschen sich geraume Zeit mit einem Thema, und sei es auch „nur“ die Berichterstattung aus einer Partei, beschäftigen.

In Genosse Freundchen wird von Christoph Hickmann das Verhältnis Schulz, Gabriel, Nahles analysiert und mit Hintergrund angereichert, in Vom Heilsbringer zur Reizfigur (am 9.2. frei) wird das Murren der Basis angesichts des Außenministermoves deutlich, und „Schweigen, Nichts als Schweigen“ berichtet aus der letzten Verhandlungsnacht, als die CDU beim Miniteriumsgeschachere den kürzeren zog

Aus „Vom Heilsbringer zur Reizfigur“:

(…) in Rheinland-Pfalz herrscht, wie in Hessen auch, große Erleichterung über die Ablösung von Martin Schulz an der SPD-Spitze. Einer von ihnen fasst die Lage so zusammen: „Die Geschichte von Schulz und der SPD war ein großes einjähriges Missverständnis.“

Es geht rund in Berlin …

Und dass sich dann an diesem Tag die Ereignisse in Berlin ein wenig überschlugen: war nicht schlecht, diese Artikel als Hintergrund gelesen zu haben

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5. Februar 2018
von Michael Scheuch
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Was ich gewinnbringend gelesen habe (18/3)

Viele Leseeindrücke sind in dieser Woche in diesen Beitrag gewandert: Nazis

Leeramt

Ratlos zurückgelassen hat mich der Artikel Wie sollen Lehrkräfte vermitteln, was sie selbst nicht können? 

Die Texte, die sie von Studierenden zu Gesicht bekommen, lösen bei ihnen zum Teil Erschrecken aus, sagen sie. Voßkamp hat das Thema erst neulich in einer seiner Lehrveranstaltungen zur Sprache gebracht. In einigen Texten hätte es von Zeichensetzungsfehlern, lexikalischen und grammatikalischen Fehlern sowie erheblichen Defiziten in der Kasusbildung und Flexion gewimmelt. Grundlegende Sprachregeln würden nicht beherrscht. „Im Prinzip werden hier Standards nicht erfüllt, die am Ende der Sekundarstufe I – und eigentlich schon nach der 6. oder 7. Klasse – erfüllt sein müssen“, sagt er und fügt hinzu: „Und das im Lehramtsstudium im Master im Fach Deutsch.“ Dabei handele es sich nicht um Einzelfälle. Allein in seinem Seminar seien ihm in drei Texten erhebliche Sprachdefizite aufgefallen. „Es ist ein gravierenderes Problem, als man anfänglich denkt“, so Voßkamp.

Stress

Ein interessantes, auf ordentlichem Reflexionsniveau geführtes Interview mit Naika Foroutan „Deutschland steht unter erheblicher Spannung“:

Wovor genau fürchten sich die Menschen?

Es ist eine emotionale, affektive Unruhe, die viele Menschen erfasst hat. Es gibt Leute, die haben zwei Flat-Screens, zwei Autos und ein Eigenheim, das sie abbezahlen können, weil sie einen sicheren Job zum Beispiel in der Sparkasse haben. Sie sind angesehen. Wenn wir sie fragen, warum sie sich eigentlich bedroht fühlen, dann merken wir, dass die objektiven Parameter, die wir für Angst kennen – also die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust oder dem Verlust des eigenen Status – in Wahrheit gar nicht der Punkt sind. Ein kluger Autor hat das neulich mit dem Zauberberg von Thomas Mann verglichen: Zanksucht, kriselnde Gereiztheit und namenlose Ungeduld hat die Menschen eingenommen, die vorher vielfach eine Leere gespürt haben und das Gefühl der Stagnation. Das Gefühl, dass es sich in Deutschland nicht wirklich weiterentwickelt.

Da helfen kleine Großkoalitionäre, die 2018 „die Digitalisierung“ entdecken und sich über teure Rentenoperationen freuen, nicht weiter. Weiterlesen →

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1. Februar 2018
von Michael Scheuch
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Nazis

Okay, man sollte nicht zu lange zusehen.

Wir haben wieder Nazis im Land. Und im Nachbarland. Und sie geben sich kaum noch Mühe, das zu kaschieren.

Da ist dieser Albrecht Glaser, den die AFD eigentlich zum Bundestagsvizepräsident machen will. Beim Neujahrsempfang seiner Partei in Zwingenberg ist er unter Gleichgesinnten und legt los, so das Darmstädter Echo:

Den Euro, die – wie er es nannte – Migrationskrise, den Islam und die Kriminalität sieht er als Gefahren, die nur mit einer starken AfD gebannt werden könnten. Er sieht darin eine „schicksalhafte Aufgabe“, die Hingabe und Leidenschaft erfordere, „um die Zerstörung Deutschlands zu verhindern“. Es lohne sich, „noch einmal die Stiefel anzuschnallen und den Revolver auszugraben“, wie er sich ausdrückte. Für seine Worte erhielt Glaser viel Beifall.

Frankreich sieht er nicht als Verbündeten, sondern nach wie vor als Rivalen. Naturvölkern schreibt er einen durchschnittlich niedrigen Intelligenzquotienten zu, der „genetisch bedingt“ sei. „Alles, was wahr ist, kann nicht rassistisch sein“, fügte er hinzu. Glaser gab selbst die Antwort auf die Frage, warum ihn die etablierten Parteien als Vizepräsidenten des Bundestages verhindern wollen: „Ich würde dort genauso reden wie hier“, sagte er in Zwingenberg.

Das wird man doch nochmal sagen dürfen.

Wie Björn-Bernd Höcke die Sprache der Altvorderen spricht, das hat Jasmin Schreiber sich genauer angesehen: Weiterlesen →

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28. Januar 2018
von Michael Scheuch
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Was ich gewinnbringend gelesen habe (18/2)

Zwei interessante Artikel fand ich in der Wochenzeitung Kontext, die zur taz am Wochenende gehört.

Mafia

Nach den Schlagzeilen kommt das Schweigen. Das passiert bei kurzen Berichterstattungswellen, etwa den Mafia-Festnahmen und -Durchsuchungen im Januar. Mit Das Böse in der Nachbarschaft
Von Sandro Mattioli wird drangeblieben. Großer Vorteil der Mafia: sie ist wandlungs- und lernfähig:

Um weitere Morde wie 2007 in Duisburg zu verhindern, hat man neue Strukturen geschaffen, die auch funktionierten, wie eine Auseinandersetzung zweier Clans aus dem schweizerischen Frauenfeld und dem baden-württembergischen Singen zeigt, die friedlich in Kalabrien gelöst wurde. (…)

In Deutschland gibt es 60 Locale der ‚Ndrangheta, eine Art Ortsverein, und damit mehr als in Norditalien. Diese Zahl nannte der Staatsanwalt Nicola Gratteri, einer der absoluten Experten für die ‚Ndrangheta in Deutschland und der Mann, der mit seinen Ermittlungen jetzt den jüngsten Schlag auslöste. Jedes Locale hat mindestens 49 Mitglieder, macht also fast 3000 Mitglieder der ‚Ndrangheta. Dazu kommen noch die anderen Mafia-Organisationen.

NSU-Untersuchungsausschuss

Und einen zweiten Artikel fand ich hilfreich: der dubiose NSU-Mord an der Polizistin in Heilbronn ist weiter dubios. Allerdings nicht mehr so dubios, wie noch in meinem Langzeitgedächtnis verortet, wenn man sich den aktuellen Stand vor dem entsprechenden Untersuchungsausschuss im Stuttgarter Landtag ansieht. Der Hauptbelastungszeuge und seine Aussagen zur Geheimdienstbeteiligung fällt inzwischen unter F wie fadenscheinig . Er ist inzwischen Mitarbeiter der AFD-Fraktion:

In der Beschlussbegründung, Kiefer nicht weiter als Zeugen anzuhören, werden zahlreiche andere Widersprüche angeführt, etwa zur Anwesenheit von Geheimdiensten auf der Theresienwiese, zu früheren Aussagen oder dass sich Kiefer fälschlich als „Sonderermittler des NSU UA Stuttgart“ ausgab. „Dem Zeugen war vor Fassung dieses Beschlusses Gelegenheit gegeben worden, etwaige Korrekturen an seiner bisherigen Aussage vorzunehmen“, heißt es weiter. Dieser habe sich aber innerhalb der gesetzten Frist nicht geäußert. Dennoch wird die AfD ihren Mitarbeiter weiter beschäftigen. Er besitze eine „gewisse Eignung“, so die Obfrau im Ausschuss Christina Baum.

Das bedeutet aber auch, dass die STERN-Geschichten zu diesem Mord in sich zusammenfallen. Schon 2012 hielt die taz fest: Keine Sternstunde für den „Stern“

Solarindustrie in den USA

Langsam beginnen ja einige die Handelspolitik von Trump zu loben. Der Dow Jones erreicht Höchststände, die Arbeitslosigkeit niedrig, und, wie gewollt, der Dollar schwach (wie das zusammenpasst, vor allem da das Zinsniveau in den USA höher ist als in Europa, das hat mir noch keiner erklärt).

Gut, wenn da mal jemand in der ZEIT hinter die Kulissen der Strafzölle für Solarpanels schaut: um wie viele Arbeitsplätze geht es da – unterschieden nach „Produktion“ und „Installation“. Und siehe da:

Bis zu 23.000 Arbeitsplätze sind laut amerikanischem Solarindustrieverband in Gefahr. Denn von den 38.000 Beschäftigten sind gerade einmal 2.000 in der Modul- oder Zellherstellung tätig. Der überwiegende Teil sind Handwerker, Installateure oder Facharbeiter in der Zuliefererindustrie. „Ich verstehe wirklich nicht, warum ein US-Präsident freiwillig gerade den am schnellsten wachsenden Wirtschaftszweig bewusst zerstören will“, sagt Tony Clifford, Chef-Entwickler der Firma Standard Solar, der für den amerikanischen Solarverband spricht.

Das bedeutet: mit dem Importzoll wird die amerikanische „Energiewende“ abgewürgt, weil im Land ohnehin kaum Solarpanels gefertigt werden. Dass deren Zahl enorm steigen wird ist fraglich, denn das chinesische Preisniveau werden die Inländer nicht erreichen – entsprechend langsamer kommen Solaranlagen auf Dächer oder Gelände. Schlau, schlau.

 

 

 

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