Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

16. August 2017
von Michael Scheuch
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So geht Medienkritik

Nur am Rande: auch der in einer systemkritischen Endlosschleife gefangene Jens Berger von den Nachdenkseiten muss natürlich in seinem aufsehenerregenden Aufsatz „Trump, Trump, Trump … haben wir keine anderen Themen?“  wieder die gar nicht mysteriöse Studie zur negativen Berichterstattung der ARD aufgreifen.

Was den Berichten an Tiefgang fehlt, überkompensieren sie mühelos durch eine ganz klare Agenda. Eine Studie der Universität Harvard ergab, dass unglaubliche 98% der wertenden Beiträge der ARD über Donald Trump überwiegend negativ ausfielen – das ist mehr als in jedem anderen untersuchten Medium weltweit. Das Pendel scheint mit voller Wucht umzuschlagen. So unkritisch wie die deutschen Medien bei Obama waren, so überkritisch sind sie jetzt bei Trump.

Wer sich bei anderen über mangelnden Tiefgang beklagt, der sollte selbst zumindest über ein wenig davon verfügen – Hintergrund zur Studie gab es genug. Das Wort „unglaublich“ ist übrigens ein echtes Lieblingswort von Berger.

Warum gehe ich noch auf die Nachdenkseiten? Zum einen sind sie noch in meinem Feedreader enthalten, zum anderen gibt es manchmal, nur noch selten, interessantes, wie etwa dieses überraschend differenzierte Interview mit Prof. Dr. Klaus Dörre.  Der wagt es etwa, auf die rhetorische Frage „Geht es Deutschland gut“ zu antworten „Dies kann man bis zu einem gewissen Grade nicht abstreiten.“ Das ist nicht der typische Nachdenkseitenduktus – denn danach ist alles „schlimm, schlimm, schlimm“. Schön auch die typisch in 70er-Jahre-Nostalgie des Albrecht Müller (früher war unter den Sozis alles besser) gehaltene (Nicht-)Frage

In meiner Kindheit in den 60er und 70er Jahren konnten Arbeiter als einziger Verdiener die Familie ernähren und nicht selten sogar ein, wenn auch bescheidenes, Eigenheim finanzieren.

Das kriegen Sie heute so nicht mehr hin! Dieses Modell war ja auch nicht unproblematisch, Stichwort Abhängigkeit der Frauen.

Natürlich bekommen Einkommens- und Vermögensungerechtigkeit ausführlich kritische Einordnung. Zu Recht. Reines Schwarz-Weiß scheint allerdings Dörres Sache nicht zu sein. Deshalb lesenswert!

26. Juni 2017
von Michael Scheuch
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Telepolis basht weiter ARD mit fragwürdiger „Studie“

Es war Telepolis, „Ein Angebot von heise-online“, in dem auch ausführlich die interessante diskussionswürdige Studie des „Shorenstein Center on Media, Politics and Public Policy der Harvard Kennedy School“ recht undifferenziert referiert wurde. Uebermedien und auch mein Blogbeitrag und mein Nachtrag hatten sich des Themas angenommen. Und andere auch.

Telepolis hat dann auch nachgearbeitet im Beitrag Trump-Berichterstattung: Überwiegend negativ, nur ein Drittel der Beiträge neutral.

Das klingt dämlicherweise im Titel immer noch so, als sei die ARD ein voreingenommen antitrumpistischer Haufen, auch wenn es im Text heißt:

Wirklich problematisch wird die Studie an der Stelle, an der zum Vorschein kommt, was ihre Macher zur „negativen Berichterstattung“ zählten. Dazu gehörten nämlich auch Nachrichten, die sich auf Vorfälle bezogen haben, die man „objektiv“ als negativ für Trump bezeichnen kann.

Das klingt jetzt ein bisschen so, als habe der Autor der beiden Artikel Marcus Klöckner verstanden, dass diese Studie fast wertlos ist. Ich sage nur nochmal Media Tenor. Am Ende wird dem Leser der schwarze Peter zugeschoben:

Der geneigte Leser dürfte wissen, dass unabhängig davon, ob sich ein Medium schnell und oberflächlich oder tiefergehend mit einer Studie beschäftigt, er selbst immer auch gut daran tut, Studien oder Statistiken so zu hinterfragen, wie es ein kritischer Mediennutzer mit der gesamten Berichterstattung tun sollte.

Ja hallo, dafür gibt es Journalismus, der dem „geneigten Leser“ die Beschäftigung mit den Originalquellen erspart, indem er fundiert, kritisch, transparent berichtet, erklärt und einordnet.

Egal. Fall „geklärt“, auch wenn niemand auf die Finanzierung der „Studie“ eingehen mag. Dabei bemüht doch gerade Telepolis die „Cui Bono“-Frage so gerne.

Ich hatte schonmal geschrieben: eine „Media Tenor“-Analyse zu den negativen Berichten auf Telepolis zu öffentlich-rechtlichen Angeboten wäre auch mal eine interessante Sache. Kommen wir also zum Beitrag „Es handelt sich um Missbrauch der Deutungshoheit“vom 16.6.2017“

Marcus Klöckner führt ein Interview mit „Tagesschaukritikern“. Das übliche: wer über Syrien berichtet, der muss immer sagen, dass die USA schuld sind. Wer über die Ukraine berichtet muss immer sagen, dass Russland nicht schuldig ist. Wer … So weit, so erwartbar. Weiterlesen →

1. Juni 2017
von Michael Scheuch
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ARD vs. Trump – Ein nachtragender Nachtrag [Update 1.6.]

Also wirklich. In meinem etwas unklar betitelten Blog-Beitrag und bei Uebermedien ging es um die Frage, welche Aussagekraft hat denn die Meldung, die ARD schlage mit negativer Berichterstattung zu Trump renommierte amerikanische Medien und die BBC aus dem Feld: 98 Prozent der Berichterstattung seien negativ gewesen.

Dabei wurden die angeblich „neutralen“ Berichte einfach mal weggelassen.

Soweit haben, mehr oder weniger, die großartig berichtenden deutschen anderen Medien auch entweder ihre Berichterstattung „ergänzt“ oder auch nicht.

Etwa die WELT (Achtung, wer dem Link folgt, den springt ein Video inkl. Ton an. Das ist so hassenswert.)

In einer immerhin zweiten Korrektur haben sie nicht nur diesen Fehler korrigiert, sondern auch noch die Frage, was denn die angebliche Studie so als „negative Berichterstattung“ auffasst.

„Die Studie erfasste nicht nur journalistische Bewertungen von Trumps Politik, sondern auch vorgeblich aus Trumps Sicht ungünstige Nachrichten (z.B. fallende Umfragewerte oder gescheiterte Gesetzesvorhaben) oder etwa Berichte über Kritik von Seiten der Opposition als „negativ im Ton.“

Genau. Der journalistisch neutrale Bericht über die Kritik auch von Republikanern am Versuch, Obamacare zu beseitigen, ist schon „negativ“.

Die Aussagekraft der Studie: Nahe Null. Oder nicht ganz.

Bei Meedia „Keiner berichtete negativer über Trump als die ARD“  Transparent wurde hier nicht korrigiert:

Hinweis: In den Text wurde nachträglich ein Absatz über die Methodik der Studie eingefügt, sowie eine Stellungnahme der ARD.

Man könnte auch schreiben: so aufgeblasen wie die Überschrift daherkommt ist das nicht zu halten. Aber immerhin.

Richtig nicht viel verstanden hat das Online-Angebot von „Deutschlandfunk Nova“ die Anmerkungen von Uebermedien, aber in diesem hektischen Online-Journalismus-Geschäft bleibt ja auch so wenig Zeit, mal in Ruhe den ganzen Artikel zu lesen:

Im Weltartikel heißt es: „98 Prozent der Berichte im Ersten waren laut der Studie negativ, nur zwei Prozent positiv.“ Doch stimmt das? Die Macher von Übermedien haben in das Kleingedruckte der Studie geschaut und festgestellt, dass sich dieser Wert nur auf wertende Beiträge der geprüften Sendungen bezieht, zu denen zum Beispiel die Hauptnachrichten im Ersten gehören. Neutrale Beiträge, die rund 30 Prozent der Trump-Berichterstattung ausmachen, wurden nicht mit berücksichtigt. Grundsätzlich bleibt der Beigeschmack: Deutsche Nachrichten berichten negativer als ihre US-Kollegen.

Punkt 1: die fehlenden neutralen Beiträge erwähnt. Check. Punkt 2: Die Definition von „negativ“ verstanden. Unchecked. Das war wohl nix.

Die schönste „Korrektur“ oder vielmehr die größte journalistische Bankrotterklärung kam von Telepolis :

Quelle: https://www.heise.de/tp/features/98-Prozent-der-ARD-Berichterstattung-zu-Donald-Trump-eindeutig-negativ-3721738.html vom 27.5.2017

Super Service für den Leser.

Muss jemand wundern, dass eine Seite wie RT Deutsch (Kein Link) nicht im geringsten etwas korrigiert? Und sich der Anti-GEZ-Mob dann in der Kommentarspalte austoben kann?

 

Für Journalisten bleibt die Mahnung: Studien sind was gefährliches, wenn man sie denn nicht liest. Oder wenigstens das Management Summary und die Methodik.

Update 1.6.

Inzwischen hat Telepolis einen klarstellenden Artikel veröffentlicht, den Alten aber mitnichten vom Netz genommen. Aber irgendwie haben die das mit der „Wertung“ und der Wertungsdefinition der Studie nicht verstanden: Trump-Berichterstattung: Überwiegend negativ, nur ein Drittel der Beiträge neutral

Klasse. Aus richtig falsch wird dank des wertenden „nur“ jetzt ein bisschen falsch in der Überschrift.

Auch wenn sich der Autor der Definition ein bisschen nähert:

Wirklich problematisch wird die Studie an der Stelle, an der zum Vorschein kommt, was ihre Macher zur „negativen Berichterstattung“ zählten. Dazu gehörten nämlich auch Nachrichten, die sich auf Vorfälle bezogen haben, die man „objektiv“ als negativ für Trump bezeichnen kann.

Richtig cool wird Telepolis, wenn es dann gilt, dem Leser den schwarzen Peter für die Überinterpretation der Studie zuzuschieben:

Der geneigte Leser dürfte wissen, dass unabhängig davon, ob sich ein Medium schnell und oberflächlich oder tiefergehend mit einer Studie beschäftigt, er selbst immer auch gut daran tut, Studien oder Statistiken so zu hinterfragen, wie es ein kritischer Mediennutzer mit der gesamten Berichterstattung tun sollte. Fehler, Falschdarstellungen, eine irreführende Berichterstattung usw. können viele Ursachen haben. Sie können in den Rahmenbedingungen zu finden sein, unter denen Journalismus entsteht. Sie können mit persönlichen Defiziten des Journalisten zu tun haben. Sie können aber auch auf bewusste Manipulation (aus welchen Gründen auch immer) oder Propaganda zurückzuführen sein.

Dann wähle ich mal „bewusste Manipulation“, angesichts des Anti-ÖR-Bias des Mediums und der gewählten Überschrift der „Richtigstellung“.

1. Juni 2017
von Michael Scheuch
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Journalisten sind versoffen, leben ungesund und zitieren jede Sch… Studie

E-Mails und Social-Media-Teilungen von Freunden. Höhöhö. Top-Story im Xing-Newsletter. Viraler Hit.

Screenshot Xing Newsletter 1.6.2017

Studie bescheinigt Journalisten einen ungesunden Lebensstil. Studie. Bescheinigt. Läuten denn um Himmels willen gar keine Alarmglocken bei den Journalisten (nein, die liegen wahrscheinlich besoffen in der Ecke, hähäh).

„Gefunden“ hat die Studie wohl das Clickbait-Portal „Business-Insider“.

Screenshot: http://www.businessinsider.de/journalisten-trinken-zu-viel-und-kontrollieren-ihre-gefuehle-nicht-2017-5

Ich will aber nicht versäumen anzuerkennen, dass hier sehr sehr vorbildlich die „Studie“ verlinkt worden ist. Das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit, auch bei den Online-Medien großer Marken. (Business-Insider gehört zu Springer, nicht aber zu einem der Blätter des Hauses und muss sich daher alleine einen Namen machen) Meedia, im Newsletter zitiert, macht so was natürlich nicht: der gemeine Leser könnte ja den Artikel auf Nimmerwiedersehen verlassen.

Was ich verstehen könnte, denn die „Studie“ (Original) hat wirklich eine sehr sehr schmale Datenbasis. Meedia schreibt ja schon:

Die qualitative und nicht repräsentative Langzeituntersuchung mit 40 Journalisten, deren Ergebnisse die britische Neurologin Tara Swart gerade veröffentlicht hat, bescheinigt den Teilnehmern einen ziemlich ungesunden Lebensstil mit unerfreulichen Nebenwirkungen.

40?  Seriously? Journalisten schreiben über Studien, an den 40 Probanden teilgenommen haben?

Ach was, es waren keine 40, so die „Studie“:

Ultimately, failure to complete all the elements in the required time limit meant that a total of 21 participants completed every element, and a further 10 completed some elements of the study

Also: Ursprünglich sollten 40 Journalisten bei der „Studie“ mitmachen, aber nur 21 haben an jedem einzelnen Teil der Studie teilgenommen. 21. Weitere zehn haben „einige Teile der Studie“ absolviert. Ergo neun der 40 gar nix davon.

Wir reden also von der Fallzahl: 21.

Gut ist im Folgetext der „Studie“, dass dann nur noch von Prozentzahlen die Rede ist. Absolute Zahlen wären auch zu albern. So würde nämlich aus dem Text:

41 Prozent der Probanden gab an, mehr als 18 Einheiten Alkohol in der Woche zu konsumieren. Das sind vier Einheiten mehr als empfohlen. Weniger als fünf Prozent von ihnen trank ausreichend Wasser.

Diese Übersetzung:

9 Probanden gab an, mehr als 18 Einheiten Alkohol in der Woche zu konsumieren. Das sind vier Einheiten mehr als empfohlen. Nur einer von ihnen trank ausreichend Wasser.

Bullshit. Und wer empfiehlt eigentlich 14 Einheiten Alkohol pro Woche zu konsumieren.

Die WELT hat immerhin auch die Studie gelesen, wischt aber die 21 Probanden schnell von Tisch:

Ein schwacher Trost ist die geringe Zahl der Probanden Tara Swarts: Nur 21 Journalisten von den 90 Bewerbern absolvierten alle Tests (zehn nur Teile davon) über einen Zeitraum von sieben Monaten.

Das ist kein schwacher Trost, das belegt den Schwachsinn. Aber besoffen von der eigenen Fähigkeit zu drastischen Formulierungen kann der WELT-Journalist Uwe Schmitt für den Artikel „In ihrer Dehydriertheit gleichen Journalisten Greisen“ das Wasser nicht halten. „Lesezeit: 3 Minuten“ serviced der Artikel. Danke. Waren drei Minuten zu viel.

Das bedeutet doch: selbst wenn Journalisten nachlesen, wie schwach eine „Studie“ aufgestellt ist: passt das Ergebnis in ein Attraktionsschema, dann muss doch eine Weiterverbreitung her. Nur so schaffen es viele Studien überhaupt in die Medienlandschaft. Weiterlesen →

25. Mai 2017
von Michael Scheuch
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Lügenpresse schon wieder

Ich bin ja bei Telepolis drüber gestolpert: 98 Prozent der ARD-Berichterstattung zu Donald Trump „eindeutig negativ“.

Eindeutig. Wow. Echt?

Das muss man sich als Journalist, und nicht nur als Journalist, der für öffentlich-rechtliche Medien arbeitet, doch mal fragen.

Zitiert wird eine Studie des „Shorenstein Center on Media, Politics and Public Policy der Harvard Kennedy School.“ Harvard. Das ist doch schon mal was. Aber was?

Das renommierte Institut hat die Berichterstattung mehrerer großer US-amerikanischer sowie britischer Medien zu Donald Trump während der ersten 100 Tage seiner Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika untersucht. Dabei rückten die Journalismusforscher auch die ARD mit ihren Nachrichtenformaten in den Blickpunkt. Die Ergebnisse des Instituts haben es in sich: Alle untersuchten Medien lieferten eine Berichterstattung ab, die hauptsächlich nur auf das Negative setzte. Die ARD stellte dabei, was die „negative Berichterstattung“ zu Trump angeht, alle anderen Medien in den Schatten.

Natürlich muss das Institut renommiert sein, geht ja gar nicht anders.

Okay, Übermedien war schneller und hat sich das Ganze mal sehr gründlich angesehen, schneller, als ich das aufschreiben konnte. Die Überschrift: Nein, es sind nicht 98 % der ARD-Berichte über Trump negativ

Und es war wahrscheinlich eher kein komplizierter Blick in die Studie nötig, denn: in die berühmte 98 flossen nur Berichte ein, die angeblich eine eindeutige Tendenz haben. Es genügt ein Blick in die Fußnote der Grafik auf der verlinkten Seite:

Percentages exclude news reports that were neutral in tone, which accounted for about a third of the reports.

(Prozentangaben enthalten nicht: neutral gehaltene Berichte, die ungefähr ein Drittel der Berichte ausmachten.)

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25. April 2017
von Michael Scheuch
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Manager-Elite

Nur selten mal erhält man Einsichten in das Leben der Top-Manager, die normalerweise ihr genormtes Managerleben ins Schaufenster stellen und ansonsten diskret ihrem Job nachgehen. Ihre Gehälter sind angemessen, sie leisten viel, sie befördern wirtschaftliches Wachstum, das Entstehen von Arbeitsplätzen und allgemeinen Wohlstand. Heißt es. Work hard, play hard.

Umso verstörender sind manchmal Einblicke in diese Welt. Dazu gehört etwa der Brief, den Klaus Kleinfeld an Paul Singer geschrieben hat. Ich empfehle mal die Analyse bei faz.net zur Lektüre.

Das Fazit lautet:

Ein Drama aus der Welt pubertärer Männer. Mit Wut und Rachegelüsten. Frauen als gleichberechtigte Partnerinnen von Männern kommen hier nicht vor, nur als Gespielinnen und Ausgleich zum dominant schwulen Milieu.

Diese Welt der Superbosse: es gibt ein bisschen zu viele Mythen und Legenden, von affirmativer wie kritischer Seite. Aber manches ist auch verstörend.

14. April 2017
von Michael Scheuch
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Deja vu – 0900 Abzocker

Über Jahre, ach was, fast Jahrzehnte begleitete mich die Abzocke mit kostenpflichtigen, so genannten „Mehrwertdienste“-Rufnummern in meiner journalistischen Karriere. Dubiose „Auskunftsdienste“, Dialer, 0190er-Fakes, WAP-Billing – die Liste der Beiträge, die ich dazu gemacht habe, ist ewig lang, und eigentlich war es immer dasselbe: skrupellose Abzocker betrügen Menschen, die Telefongesellschaften kassieren eifrig ab und verdienen so auch daran, und Rechtssprechung, Gesetzgeber und Regulierungsbehörde hecheln halbherzig motiviert hinterher. Wird eine „Lücke“ geschlossen, tun sich andere auf, und was früher „Regulierungsbehörde“ hieß und dann „Bundesnetzagentur“ wurde ist so ein bisschen hintendran.

Einer dieser Beiträge stammte aus 2011

Wir haben jetzt 2017. Erst jetzt entscheidet der BGH: Eltern müssen solche Rechnungen nicht tragen.

Der Junge wählte diesen Weg, rief die Nummer des Bezahldienstes an und kaufte über Codes des Spieleanbieters in 21 Telefonaten für 1250 Euro weitere Ausrüstung für seinen Kämpfer. Der BGH entschied nun im Gegensatz zu den Vorinstanzen, dass die Mutter für die Kosten nicht aufkommen muss.

Das Gericht verwies darauf, dass die Freischaltung der Zusatzausrüstung nicht unmittelbar im Spiel, sondern über die Freischaltung durch den Dienstanbieter erfolgt sei. Deswegen gelte eine gesetzliche Sonderregel im Telekommunikationsgesetz, wonach Telefonanschlussinhaber nicht haften, wenn ihnen „die Inanspruchnahme von Leistungen des Anbieters nicht zugerechnet“ werden kann.

Das hat lange gedauert, und die Begründung ist natürlich durch die Brust ins Auge. Aber immerhin raffiniert. Und schon 2011 stellte sich ja die Frage, warum ein Online-Spiel einen solchen Zahlungsweg anbietet, wenn es doch in großer Zahl Online-Zahlungsmethoden gibt. Natürlich nur, damit Kids ohne Zugriff auf Kreditkarte oder Paypal auch löhnen können.

So schön das Urteil sein mag: meinen Betroffenen von damals wird es nicht viel geholfen haben. Oder sie haben sich früh verglichen – im Grundsatz wundert es mich ein wenig, dass die Sache bis zum BGH ging, denn höchstrichterliche Rechtsprechnung haben die Anbieter bisher vermieden wo es nur ging – und sei es durch die Rücknahme von Klagen, außergerichtlichen Einigungen etc. Genau wie den Banken ging es häufig darum, gerade ein BGH-Urteil zu verhindern.  Weiterlesen →

1. April 2017
von Michael Scheuch
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Och nö, Maingau Strom

Die Erfindung der freien Wahl des Stromanbieters war ein positives Deregulierungs-Ergebnis. Es war schon ein langer Weg bis zu einem einigermaßen geordneten Markt, und die Aufsicht könnte ein bisschen verbraucherfreundlicher sein. Allerdings muss der Verbraucher sich auch ertüchtigen, am Marktgeschehen teilzunehmen, und die Abgabe des gesunden Menschenverstandes bei sehr sehr günstigen Angeboten an der Garderobe gehört nicht dazu. Spektakuläre Pleiten wie bei Flexstrom oder Teldafax haben immerhin nicht dafür gesorgt, dass Menschen ohne Strom dastanden.

Ich wechsele jetzt zum wahrscheinlich 10. Mal den Stromanbieter. Im vorvergangenen Jahr ging es zu Maingau-Strom, einem durchaus regionalen Anbieter. Der wirkt seriös, vertrauenswürdig, und ich finde Kommunikation und Service tatsächlich gut.

Man will sich auch gerne ein bisschen von der Konkurrenz absetzen und hat für den Verbraucher wichtige Hinweise:

Bei der Suche nach günstigem Strom ist größte Vorsicht vor sogenannten Billigstromanbietern angebracht. Denn diese haben oft reine Lockangebote vorrätig, deren zu Beginn günstige Strompreise im Laufe der Zeit enorm steigen. Der Verbraucher erhält von vielen Billigstromanbietern also nur für kurze Zeit wirklich günstigen Strom, danach hat er im schlimmsten Fall sogar noch höhere Stromkosten als zuvor.

Stimmt schon.

Also habe ich einen Tarif abgeschlossen „Maingau Strom Smart Öko“ zu 0 Euro monatliche Kosten, 22,81 Ct/kWh. Alles gut.

Es kam, wie es kommen musste. Zum Ende der Preisgarantie kam die Preiserhöhung. Der Preis steigt, weiter ohne monatliche Kosten, auf 28,37 Ct/kWh. Übrigens in einem etwas zu wortreichen Schreiben aber immerhin klar kommuniziert. Das ist aber eine Preiserhöhung um 5,56 Ct/Min., das sind mithin rund 24,4 Prozent (!). Wow!

Also Preisvergleicher angeworfen und nach was Neuem gesucht – ohne Bonuszahlungen einzurechnen. Die nehme ich zwar gerne mit, weiß aber, dass bei hohen Bonuszahlungen ganz sicher nach Ablauf der Preisgarantie ein saftiger Zuschlag fällig wird. Weiterlesen →

20. März 2017
von Michael Scheuch
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Der Unterschied zwischen „Nachdenken“ und Journalismus

Es gab eine Zeit, da gehört die Lektüre der Nachdenkseiten durchaus zu meinen Gewohnheiten, denn tatsächlich kamen dort Autoren und Gesprächspartner zu Wort, die einen den journalistischen Mainstream und seine eigene Position überdenken ließen. Nicht alles war nachvollziehbar oder zutreffend dargestellt, aber Persönlichkeiten wie Heiner Flassbeck kamen dort vor und durften gegen die ökonomische Mehrheitsmeinung antreten.

Seit geraumer Zeit sind die Nachdenkseiten nicht mehr dieses Korrektivmedium. Was Jens Berger und Albrecht Müller inzwischen veröffentlichen, das bewegt sich im Bereich des platten Anti-Amerikanismus, Putin-Verehrung und der immer wiederkehrenden Behauptung, die Eliten steuerten via manipulierende Medien die Gesellschaft so, dass man von einer Demokratie in Deutschland und anderen Staaten gar nicht mehr reden könne. Ich muss das so platt formulieren, weil es sich am Ende um die Essenz der Existenz dieses Angebotes handelt. Um den Vorwurf des Anti-Amerikanismus zu entkräften wird dann sicher auf amerikanische Autoren verwiesen, die Amerika kritisch sehen, aber was bedeutet es denn, wenn man da die (immer selben) Stimmen zu Wort kommen läßt? Differenzierte Darstellungen sind die Sache der Nachdenkseiten nunmal nicht, und vielleicht ist man deswegen ja auch so beliebt.

Die Nachdenkseiten behaupten, sie würden das deutsche Mediengeschehen „hart kritisch“ begleiten, aber alleine die Wortwahl in vielen Artikeln läßt das „hart“ hinter sich hin zum verunglimpfend beschimpfenden Tiradenabsondern. Die sich auf Dauer allerdings ermüdend wiederholend lesen. „Inkompetenz“ „Kampagne“ „Unterdrückung“ „Manipulation“ zusammen mit „unerhört“ bilden die Satzfragmente, die immer wieder hervorgehoben werden müssen. Wie auf rechter Seite Herr Wisnewski sind „unterdrückte Nachrichten“ ein Lieblingsthema. Eine Karte, die immer dann gezogen wird, wenn die von Journalisten vorgenommene Einordnung der Relevanz eines Thema von den Machern der Nachdenkseiten nicht geteilt wird.

Ein Beispiel ist der Beitrag von Jens Berger Wikileaks veröffentlicht beunruhigende Daten über Hacker bei der CIA und niemanden interessiert es.

Die Überschrift ist natürlich auf ersten Blick Unsinn, denn dass die Veröffentlichung von Wikileaks „niemanden“ interessiert ist ja schon deswegen falsch, weil viele Medien brav berichtet haben. Doch Bergers Empörung kennt kaum Grenzen, so dass er BILD-typisch seine Sentenz mit einem Einzelwort beendet. Weiterlesen →

9. März 2017
von Michael Scheuch
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Haha. Fernsehen halt. Haha.

Verena Maria Dittrich schreibt regelmäßig TV-Kritiken. Seit 2013 ist sie freie Autorin bei n-tv.de. Und bei ihrem Versuch „was mit Medien zu machen“ im Genre „TV-Sendungen, Unterabteilung Nacherzählungen“ hängengeblieben. Das macht sie gut und gerne, auf jeden Fall scheint es ein nachgefragtes Angebot zu sein, wenn etwa unter der Überschrift Der Mumu-Verweigerer hat „das Crone“ eine Dschungelcamp-Folge nacherzählt wird. Es gab Zeiten, als dieses Format noch neu und kontrovers war, da habe ich solche Zusammenfassungen auch gelesen, um a. auf dem Stand der Small-Talk Themen zu sein und b. mir die langatmige Langweiligkeit der Originalsendung zu sparen. Heute ist das ganze kaum noch Gesprächsstoff in meiner Umgebung, und die Nacherzählungen sind sowohl bei SPON als auch bei n-tv in die pure Unverständlichkeit abgeglitten – in dem verzweifelten Versuch, das Dschungelgeschehen (oder den „Bachelor“, „Promi-Irgendwas“ und zur Not auch „Wer wird Millionär“) sprachlich aufzumotzen, tieferzulegen, zu tunen. Verena Maria Dittrich ist da an vorderster Front, was Experimente mit Sprache jenseits von Kommunikation angeht.

Knallplätzchen Hanka kletterte für die Vorspeise in einen Schlemmerbecher, wo sie mit edlem Ekelgedöns überschüttet wurde, angefangen von Fischabfällen, zerbröselten Hühnerfüßen und Schleim, über Kakerlaken, Mehlwürmer und vergammeltes Gemüse bis hin zu einer grünen Kotzlichkeit, die aussah wie Hulks püriertes Gehirn.

Aha. Kann ich mir noch zusammenreimen.

Und die hat La Loth selbstverständlich, denn nach dem Tätscheln von Terenzis Sixpack – uh la la – gerät sie ins Schwärmen: „Ich würde ihn nicht von der Bettkante schubsen, er ist ein schöner Mann.“ Neben heißen Flirts gibt es auf den letzten Poeng aber auch noch jede Menge Beef.

Schon rätselhaft. Kann man sich vorstellen, was es bedeuten muss, so etwas schreiben zu müssen? Und vorher die Sendung sehen zu müssen?

Okay, könnte ich sagen, kurios, womit sich manche Menschen ihre Brötchen verdienen. „Was mit Medien“ sicherlich, „was mit Journalismus“: eher nicht. Das merkt man jetzt vor allem an der Aufgabe, die Geschichte von Joko, Klaas, der Goldenen Kamera und Ryan Gosling wiederzugeben – indem man sich nur so halb interessiert gerade mal die zukünftig auslaufende Sendung Zirkus Halli-Galli ansieht. VMD mit Die ganze Wahrheit über das Gosling-Gate. Das Wort Wahrheit in einer Überschrift ist immer gewagt, aber auch noch die „ganze“?

VMD kommt nicht so recht aus ihrem Dschungelcamp-Duktus heraus:

Inzwischen ist bekannt, dass die beiden ProSieben-Knallchargen, Joko und Klaas das ZDF, allen voran die Verantwortlichen der „Goldenen Kamera“ nicht nur verhohnepiepelt, sondern um es im „HalliGalli“-Sprech zu sagen, sprichwörtlich „gefickt haben“

Hohoho. Das ZDF. Gefickt. Weiterlesen →