Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

5. Januar 2018
von Michael Scheuch
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#nichtjournalismus Chips und ihr Design, eine Frage des Aussehens

Okay, der ist jetzt einfach zu gut, um dran vorbei zu gehen:

Erstmal habe ich gelacht. Laut. Bin damit aufgefallen im Büro. Dann nachgeschaut. Doch, tatsächlich, auf der Titelseite der Dorstener Zeitung finde ich den Teasertext.

 

ezeitung Dorsten / Dorstener Zeitung Screenshot am 5.11.18

„Aussehen geht scheinbar vor Sicherheit“.

Danach war ich wieder etwas traurig: wird da jemand, der keine Ahnung von Computern, Chips und IT hat, gezwungen einen Text zu schreiben? Der Redakteur/die Redakteurin als eierlegende Wollmilchsau oder wie es euphemistisch heißt: „Allrounder“ muss kaschieren, dass es an allen Ecken und Enden an Personal mangelt? Unterstelle ich jetzt mal zugunsten der Kollegin. Hmm.

4. Januar 2018
von Michael Scheuch
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#journalismus: Obdachlosigkeit/Wohnungslosigkeit

Natürlich gibt es auch viel guten Journalismus. Einer der wichtigsten Artikel aus den vier Wochen ZEIT-Probeabo, die ich mir mal wieder gegönnt habe, war dieser hier: Ungezählt
Lebten im vergangenen Jahr 860.000 Menschen in Deutschland auf der Straße?

Denn unbestreitbar geht es hier um eine erhebliche und wichtige Frage für dieses Land und die widerstreitenden Behauptungen „Es geht uns doch gut“ und „es geht sozial alles den Bach runter“. Neu waren die Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohungslosenhilfe (BAG W). Und der genannte Artikel schaut sich das, was sonst so eine Meldung ist, mal genauer an. Die Kurzmeldung in Nachrichtensendungen oder Einspalter auf Titelseiten könnten so lauten:

Die Zahl der wohnungslosen Menschen ist in Deutschland im vergangenen Jahr stark gestiegen: Insgesamt waren 2016 etwa 860.000 Menschen ohne Wohnung, wie die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) mitteilte. Im Vergleich zum Jahr 2014 habe sich die Zahl damit um 150 Prozent erhöht. Als wohnungslos gilt, wer keine dauerhafte Wohnung hat und stattdessen in Unterkünften lebt, in denen der Aufenthalt zeitlich begrenzt ist.
Laut BAG W handelt es sich bei 440.000 aller wohnungslosen Menschen um Flüchtlinge. Sie werden in der Schätzung für das Jahr 2016 erstmals in der Statistik berücksichtigt, was ein Grund für den starken Anstieg im Vergleich zu 2014 ist. Allerdings ist die Zahl der Wohnungslosen auch ohne Berücksichtigung der Flüchtlinge in den vergangenen beiden Jahren um etwa 25 Prozent von 335.000 auf 420.000 gestiegen.

Schon seit langem hat mich interessiert: Wie kommt diese Zahl zu Stande? Und vor allem: warum gibt es denn keine offiziellen Zahlen dazu? Wenn die Bundesregierung auf Anfragen im Bundestag nach Zahlen zur Zahl der Wohnungslosen auch nur mit den Zahlen der BAG W antworten kann, dann stellt sich die Frage: warum?

Der oben verlinkte Artikel gibt Antworten auf die drängenden Fragen hinter den reinen Zahlen. Und gehört damit zum unbedingten Hintergrundwissen für alle, die in den kommenden Jahren erneut mit der Frage nach Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit befasst sein werden. Alleine schon beides auseinanderzuhalten überfordert nach meiner Einschätzung viele Journalisten: Nicht, ja, bei weitem nicht jeder Wohnungslose sitzt auf der Straße. Die Kernpunkte:

  • Grundlage der Schätzung der BAG W ist einer Fortschreibung einer Studie des Bundesbauministeriums – aus dem Jahr 1992.
  • „Die Zahl der Obdachlosen wiederum beruht auf einer Art Erfahrungswert: Erhebungen in einzelnen Städten hätten ergeben, dass es in etwa viermal so viele bei freien Hilfseinrichtungen untergebrachte Alleinstehende gibt wie Obdachlose. Die Zahl der Menschen auf der Straße wird daher geschätzt, als ein fester Anteil aus dem Schätzwert der Menschen ohne Wohnung.“
  • NRW versucht, eigene Zahlen zu erfassen – „2016 zählte man zum Stichtag am 30. Juni rund 25.000 Wohnungslose. In Nordrhein-Westfalen lebt knapp ein Viertel der deutschen Bevölkerung, bundesweit käme man grob überschlagen auf rund 115.000 Wohnungslose. Bei der BAGW heißt es, man rechne nicht mit Stichtagen, sondern bezogen auf das Gesamtjahr. Man müsse deshalb die Zahlen etwa verdoppeln, damit sie mit der BAGW-Schätzung vergleichbar seien.“
  • Das bedeutet: die BAG W zählt, wie viele Menschen im Laufe eines Jahres auch nur einen Tag wohnungslos waren – auch wenn diese inzwischen schon wieder eine Wohnung haben. Das sorgt für tendenziell höhere Zahlen als eine Stichtagsregelung.
  • Sowohl die BAG W, die um die Probleme bei der Erhebung weiß, als auch einzelne Politiker fordern, dass der Staat, die Kommunen und am Ende auch der Bund mit seinem „Armutsbericht“ die Zahl besser erfassen müsste.
  • Aber: Sobald der Staat von einem Problem tatsächlich weiß, müsste er etwas tun. Der Schwarze Peter liegt dann bei der Gesellschaft und der Politik. Im Augenblick können sich zumindest auf Bundesebene Politiker hinter „man weiß es nicht so genau“ und „dafür sind die Kommunen zuständig“ verstecken.

Dabei nimmt die Politik billigend in Kauf, dass das Bild des asozialen Deutschland auch deutlich überzeichnet sein kann, ja, wahrscheinlich sogar ist. Und deshalb ist dieser Artikel aus der ZEIT mein Favorit aus dem November 2017. Und Beispiel für wirklich guten Journalismus.

3. Januar 2018
von Michael Scheuch
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Ach: #keinjournalismus (1): Die Fahrkarte 2.0 / Petition der Woche / Leserimpuls

Ich werde immer schlechter gelaunt, das kann an Weihnachten liegen, am Alter oder daran, dass die Zeitungskollegen so gerne auf die ÖR-Kollegen einschlagen, dass Zeitschriftenverlegerbände von Qualitätsjournalismus schwafeln, Auflagenverluste betrauern, Lobbyarbeit für die Umgehung des Mindestlohns machen, Verleger jammern, aber niemand daran zu denken scheint, einfach den Job besser zu machen, sich für Kunden und Käufer und Bürger wichtig und wertvoll zu machen. Unter #keinjournalismus sammle ich mal, worüber ich so stolpere, allesamt nur Symptome. Und ich denke, dass die Kolleginnen und Kollegen, die #keinjournalismus machen in der Regel nichts dafür können – zu schmal die Ressourcen, zu schwach die Leserorientierung des Blattes, zu wenig Zeit zur Reflexion.

Am 19.12. Darmstädter Echo und wahrscheinlich alle VRM-Blätter: „Die Fahrkarte 2.0“. Ein Jubelstück, in dem einfach abgepint wird, was die PR-Abteilung des RMV dem Reporter vorkaut.

Beide Varianten haben große Vorteile (…) Die Funktionsweise des eTickets ist denkbar einfach (…) Sorgen um die Sicherheit müssten sich Kunden dabei nicht machen – im Gegenteil (…)  Dort kann auch direkt die gewünschte Fahrkate (sic!) gekauft und aufgebucht werden. Alternativ können Fahrgäste dies anschließend an einem Fahrkartenautomaten erledigen. (…)

Das Übliche. Meine Erfahrungen sind ganz andere. Und die von vielen anderen sicher auch. Journalismus? Habe ich keinen gefunden.

Bei der taz gibt es „Die Petition der Woche“, mit der man ganz dicht an der Basis der „Bewegung“ bleiben will. Tierwohl in der Krippe ist der Text vom 8.12. betitelt. Es geht um Tiere, die als Deko eine Krippe bestücken, nämlich um

zwei Schafe, ein Esel und ein Kalb

und das gefällt Tierschützern nicht, deswegen gibt es eine Petition dagegen. Hurra. Dafür wurden Online-Petitionsplattformen erfunden.

Es geht hier aber um den journalistischen Text.

Kurz vor der Eröffnung des diesjährigen Weihnachtsmarkts ist deshalb in den sozialen Netzwerken der Region eine Diskussion entbrannt

Das ist der Anlass. Gut, dass es in der Region soziale Netzwerke gibt. Und das das Statement:

„Man muss nur zehn Minuten in Stallnähe stehen, schon hört man die Tiere wimmern“, sagt eine junge Frau aus Bad Salzuflen. Sie ist Teil einer Gruppe, die sich dem Tierwohl verpflichtet fühlt und ein baldiges Ende der lebendigen Weihnachtskrippe fordert.

Bisschen komisch, dass die „junge Frau aus Bad Salzuflen“ ihren Namen nicht nennen mag. Andere Medien sprechen davon, dass hinter dem Protest gegen die lebende Krippe PETA steckt (Westfalen-Blatt).  Schade, dass das die taz nicht zu berichten weiß. Dass sie das Wimmern der Tiere nicht mit eigenen Ohren hört, das liegt daran, dass der Journalist nicht vor Ort ist. Und wohl nur mit der „jungen Frau“ gesprochen hat. Wenn überhaupt. [Inzwischen denke ich: Eher nicht] Weiterlesen →

20. Dezember 2017
von Michael Scheuch
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Politik für Selbstdenker – FDP in Darmstadt

Nur eine kleine Randnotiz aus der Stadtverordnetenversammlung Darmstadt und der Debatte um den Haushalt, so berichtet vom Darmstädter Echo:

Hierzu formulierte der Fraktionschef der FDP, Sven Beißwenger, ganz andere Gedanken. Mit gefördertem Wohnungsbau hole man sich Menschen in die Stadt, „die man hier nicht haben will“.

Wow, das ist die FDP, wie wir sie kennen, oder? Geht manchmal im schwarzweiß-Foto-Gedöns und „Bedenken Second“ unter. Zur Frage nach bezahlbarem Wohnraum ist das nochmal deutlich weniger als ein Achselzucken, sondern ein Schlag ins Gesicht für alle, die nur mühsam den steigenden Mieten nachkommen können.

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3. Dezember 2017
von Michael Scheuch
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Erregbare Debatten und Journalismus – Update

Oh, ho. Ich sage mal das böse Wort: Glyphosat.

Schon geht bei vielen Menschen das Adrenalin hoch. Bei Dir auch?

Wollte ich nicht, aber lässt sich möglicherweise nicht vermeiden. Bei mir war heute nach der „taz am wochenende“-Lektüre das Maß voll, nämlich mit dem möglicherweise dümmsten Beitrag zur Debatte, den ich bisher lesen durfte. Jost Maurin mit seiner Moritat „Viele Bauern sind Glyphosat-Junkies„.

Es war dieser Satz, der in seiner Absurdität die ganze Debatte wiederspiegelt:

Die Mengen, die wir mit den Lebensmitteln zu uns nehmen, sind gering, die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, ist daher niedrig. Aber selbst wenn es nur einen Menschen treffen sollte, wäre das einer zu viel. Da Betroffene sogar sterben können, ist klar: Solche Stoffe dürfen nicht auf den Markt, selbst wenn die Krebsgefahr (noch) nicht völlig bewiesen ist.

Dieser Logik folgend endet die Herstellung von Pommes Frites, die Teilnahme am Straßenverkehr und der Verkauf von Haushaltsleitern. Jetzt und hier. Sofort.

Es ist die letzte verzweifelte Zuspitzung, die am Ende die Grundlage der Argumente zeigt – und den Unwillen, der anderen Seite überhaupt noch zuzuhören. Wir sind umgeben von Stoffen, die unser Leben verkürzen können, und Grenzwerte sind vor allem politische Grenzsetzungen, die wenig mit Wissenschaft zu tun haben. In diese Grenzwerte fließen wissenschaftliche Erkenntnisse genau so ein wie Abschätzungen darüber, wie viel allgemeines Lebensrisiko wir als Menschen zu ertragen bereit sind. Da gibt es etwa dieses Radon, das nunmal natürlichen Ursprungs ist. Können uns Grenzwerte hier schützen? Weiterlesen →

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27. November 2017
von Michael Scheuch
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Selbstbetrug und Lesertäuschung? Die European Newspaper Awards

Es war der Tag nach der „Jamaika platzt“-Nacht. Man kann den Tageszeitungen nicht vorwerfen, dass sie an diesem Morgen ganz besonders alt aussahen. Viele haben auch sehr zurückhaltend, also journalistisch sauber und vorsichtig geschlagzeilt.

Was mich viel mehr an meiner Tageszeitung, dem „Darmstädter Echo“ frustriert hat, das war das untere Drittel der Titelseite. Wohlgemerkt: in den wahrscheinlich nachrichtenstärksten, zumindest aber auch journalistisch spannendsten Wochen des Jahres:

„Drei Newspaper-Awards für VRM-Titel“, so die einigermaßen kryptische Überschrift, denn ich denke, immer noch wissen wenige Leser mit dem Kürzel VRM etwas anzufangen – es handelt sich um die ehemalige „Verlagsgruppe Rhein-Main“, die jetzt VRM heißen will, nicht mehr als Abkürzung, sondern einfach nur so.

Ist das eine Mitteilung, Eigen-PR, Nachricht? Ist das so relevant, dass es auf die Titelseite muss? So groß? Weiterlesen →

22. November 2017
von Michael Scheuch
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Öffentlicher Nahverkehr: zum Scheitern verurteilt dank @rmvdialog

Kinder, Schule in Nachbarort, Straßenbahn. Soweit, so einfach. Dass die Bahn jeden Morgen komplett überfüllt wird, da Schüler für zwei Schulen gefahren werden und das Gedränge mörderisch ist – ein anderes Thema.

Aber da ist vor allem der Spaß mit den Monatskarten. Die sind jetzt ja elektronisch, was die Verkaufsstelle in einem Schreibwarenladen chronisch unter Stress setzt, denn der Rechner dort ist langsam, und die Software zum Aufladen der Karte anscheinend so besch… programmiert, dass der kleinste Fehler im endlosen Klickmarathon auf dem Weg zum Ziel, zum Abbruch, Fluchen und Neuanfang führt.

Nachdem ich versucht habe herauszufinden, ob man das nicht auch „easy“ über das Internet machen könnte (Zeitfahrschein auf Elektronischem Ticket, das kann doch nicht so schwer sein), habe ich noch mehr Mitleid mit den Mitarbeitern vor Ort.

Vorweg: die Tarife, die Tarifbezeichnungen, die Regeln für Tarifzonen und andere Einschränkungen, sind so kackkompliziert dass die Webseiten selbst niemals aktuell sein können. Schöne Übersichtsseite: Alle Fahrkarten im Überblick, der RMV spricht gar vom Fahrkartensortiment. Das Problem: immer wenn ein Tarifplaner oder Marketingfuzzi eine neue Idee hat, müssten eigentlich dutzende bis hunderte Webseiten geändert werden – weil schlicht und ergreifend auf zu vielen Seiten verteilt Dinge angesprochen werden. Als Beispiel könnte man den Begriff „Clevercard“ nehmen: das Angebot gibt es nicht mehr. In schönstem Beamtendeutsch:

Alle CleverCards kreisweit und das MobiTick wurden zu Beginn des Schuljahrs 2017/2018 abgelöst durch das Schülerticket Hessen. Vorhandene CleverCards behalten ihre Gültigkeit bis maximal zum 30. Juni 2018.
Die CleverCard wird zukünftig nur noch für Mainz (Tarifgebiet 6500) angeboten sowie für Fahrten in bestimmte Übergangräume (siehe „Tarifdetails“). Für andere Relationen kann das Schülerticket Hessen genutzt werden.

Übersetzt: die Clevercard gibt es nicht mehr, jedenfalls fast. Was es noch gibt, das sind Unmengen an Seiten, die auf die Clevercard, die man nicht mehr kaufen kann, verweisen.

Das gilt etwa für die Seite, auf der ich mit meiner eigentlichen Problemstellung lande, Weiterlesen →

8. November 2017
von Michael Scheuch
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Quantitativer Quark

Das selbst journalistisch daherkommende Medien wenig Ahnung von Journalismus haben: geschenkt. Wenn diese dann aber unter dem Vorwand der unbestechlichen Empirie, Fakten, Fakten, Fakten, Zahlen, Zahlen, Zahlen präsentieren um ihre tendenziöse Berichterstattung zu untermauern, dann platzt mir die Hutschnur. Jetzt wieder bei Telepolis: Gefällige Nachrichtenkanäle heißt der Artikel von Florian Osrainik. Um es vorweg zu sagen: wer denkt, es gehe um Nachrichtenkanäle, also Nachrichtensender wie N24 oder ntv, der liegt falsch, denn es geht um Nachrichtensendungen. Immerhin zwei paar Schuhe.

Präsentiert wird eine, Achtung, Studie des „Instituts für empirische Medienforschung“ über die Berichterstattung der „Tagesschau 20 Uhr, die Tagesthemen, heute 19 Uhr, das heute-journal, RTL-aktuell und die Sat.1 Nachrichten“ im September 2017. Total überraschende Überschrift: „Der Bundestagswahlkampf war das dominierende Topthema der deutschen Fernsehnachrichten im September„. Hammer. Gut, dass es dazu ein Instititut gibt.

Ähnlich wie mit der Passquote, der Anzahl der gewonnenen Zweikämpfe und vielleicht gar dem „Packing-Wert“ beim Fußball, zählt das „Institut“ stur, wer so alles in den Nachrichtensendungen auftaucht, zu welcher Partei er/sie gehört, welche Themen mit welchem prozentualen Anteil auftauchen etc. pp. Hammermäßig korrekt wird da überraschendes gezeigt, etwa:

Die Berichterstattung nach der Bundestagswahl wurde wesentlich bestimmt von den Wahlergebnissen und den Reaktionen der Parteien. Thematisiert wurden mögliche Koalitionen, insbesondere die Jamaika-Koalition, ferner das Abschneiden der AfD, ebenso Frauke Petrys Austritt aus der AfD-Fraktion, Personaldiskussionen in der CSU, ferner die Ernennung von Andrea Nahles als neue SPD-Fraktionsvorsitzende.

Ach.

Für Florian Osrainik zeigt die Zahlenhuberei Skandalöses:

Interessanter wird es bei der Präsenz der jeweiligen Parteien in den staatlich finanzierten (öffentlich-rechtlichen) und den beiden privaten Nachrichtensendungen.

Hier kommen die Unionsparteien CDU/CSU zusammen auf 519 Auftritte (CDU 397 Auftritte, CSU 122 Auftritte) und die SPD auf 397 Auftritte. Auf dem 3. Platz landet die im Bundestag bis dahin nicht vertretene AfD mit 134 Auftritten, gefolgt von den Grünen mit 132 Auftritten und der bis dahin ebenfalls außerparlamentarischen FDP mit 77 Auftritten. Die zu diesem Zeitpunkt drittgrößte Partei im Bundestag und stärkste Oppositionspartei, Die Linke, erhielt hingegen nur 73 Auftritte (7. Platz), während es für sonstige außerparlamentarische Parteien lediglich für zwei Auftritte reichte.

Ja Hammer.

Was Herr Osrainik will, wird im letzten Satz klar: bitteschön, die Anzahl der Auftritte in den Sendungen hat sich nach der Sitzverteilung im Bundestag zu richten. Er findet die drittgrößte Partei im Bundestag ganz schlimm vernachlässigt.

Die Linke (8,6 Prozent der Zweitstimmen 2013), die einzige dem Neoliberalismus sowie dem militärischen Interventionismus (ohne UN-Mandat) kritisch gegenüberstehende Partei, kommt dagegen nur auf rund 5,5 Prozent der Auftritte. Außerparlamentarische Parteien wie die Piratenpartei, mit 2,2 Prozent der Zweitstimmen 2013 nur einen Platz hinter der AfD, die Freien Wähler oder die ödp bleiben praktisch unerwähnt.

Ist das die Vorstellung von Telepolis zu „Journalismus“? Proporzjournalismus? Die Piratenpartei, die sich seit 2013 systematisch selbst zerlegt hat und seitdem aus den Landtagen geflogen ist, muss wegen des Wahlergebnisses 2013 vorkommen? In den Hauptnachrichtensendungen?

Ich finde Zahlen ja normalerweise eine hilfreiche Sache bei Argumentationen, aber hier ist es die Prämisse, die schlicht und ergreifend nicht stimmt.

Das verliert der Autor in seinem Furor dann mal gerne selbst aus den Augen, wenn er konstatiert:

Zählt man die Auftritte der schwarz-roten Regierungskoalition zusammen (916 Auftritte), so kommt man auf knapp 69 Prozent aller Auftritte, denen rund 31 Prozent sämtlicher Oppositionsparteien gegenüberstehen

Zum einen tritt ja die Regierungskoalition keineswegs an, um weiter Regierungskoalition zu bleiben, und die SPD hat das ja nach dem Wahlausgang auch durchgezogen. Also fragt man sich, warum diese gegeneinander antretenden Parteien zusammengezählt werden. Zum anderen würde man beim Nachrechnen jetzt feststellen, dass die Aufteilung zwischen CDU/CSU/SPD auf der einen Seite und der Opposition ziemlich genau das Stimmenverhältnis zwischen den Parteien von 2013 wiedergibt (die Parteinen der Groko kamen zusammen auf 66,6 % der abgegebenen Stimmen). Das ist ja, nach der Logik von Telepolis, super.

Nein. Das ist Quatsch.

Wenn die AFD viel Aufmerksamkeit bekommt, dann vielleicht weil sie sehr laut auf den Busch klopft und in den Umfragen kontinuierlich im Laufe des September zulegt. Im Gegensatz zur Linken, die ihre Themen kaum breit platzieren kann und sich mit einem „Mit-dieser-SPD-nicht“ eigentlich auch aus dem Rennen um eine linke Mehrheit genommen hat. SPD und CDU profitieren vom TV-Duell. Es gibt so viele journalistische Gründe, die zu den Nachrichten führen.

Aber natürlich sind „die Medien“ schuld. Dass es neben den „untersuchten“ Hauptnachrichtensendungen jede Menge Informationssendungen zur Bundestagswahl gab – das ist dann fast schon gar nicht mehr wichtig. Aber nach dem albernen Versuch, eine unfaire Berichterstattung zu Trump zu konstruieren ist es hier wieder empirische „Forschung“, die zum Bashing genutzt wird.

2. November 2017
von Michael Scheuch
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Schlimmer Anfall von Immemehrismus

Heute, HR-Info, meine morgendliche Informationsquelle und als solche durchaus geschätzt. Etwas weniger geschätzt von mir ist das Thema „Verpackungsmüll“, von dem ich überzeugt bin, dass es in der Berichterstattung überproportional viel Gewicht hat. Es scheint so, als würden die Deutschen alleine mit ihrem Verpackungsmüll die Weltmeere verseuchen – was etwas übertrieben ist, wenn man sich die Küstenregionen des Mittelmeeres so ansieht. (Dazu auch hier die Flüsse, die am meisten Plastikmüll in die Meere einleiten)

Heute nun, als Thema des Tages, ging es um eine „Studie“ des Nabu zu Plastikverpackungen für Obst und Gemüse. Hier der Text auf der Webseite.

Der Immermehrismus ist eine journalistische Untugend, die ich wirklich nicht vertragen kann. Also dann:

Immer häufiger wird Obst und Gemüse verpackt. (..) Das wird mehr und mehr auch zum Problem (..) denn immer mehr Kunden stört das viele Plastik. (..) Immer mehr Kunden fordern deshalb ein Umdenken der Händler. (..) Immer beliebter werden auch Alternativ-Läden (..)

Der Text ist wirklich nicht sehr lang, aber er muss mit Bedeutung aufgeladen werden. „Immermehrs“ müssten ordentlich mit Zahlen belegt werden, und ein Anstieg von Jahr A nach Jahr D gilt nur dann als immer mehr wenn gilt A<B<C<D. Und das stimmt schon öfter mal nicht. Dass „Alternativ-Läden“ immer beliebter werden: wer weiß das schon?

Aber alleine der Anlass: die NABU-Studie ist nicht gerade tauffrisch.

Der Kunststoffbedarf für Vorverpackungen hat zwischen 2000 und 2014 bei Obst um 78 Prozent und bei Gemüse sogar um 164 Prozent zugenommen.

Wir haben jetzt 2017.

Viel viel, immer mehr, schlimm, schlimm.

Ich bin hr-info sehr dankbar, dass sie dann Klaus Wiemer, Professor für Abfallwirtschaft in Kassel einvernommen haben. Sein Fazit im Podcast: ja, wäre schön wenn’s weniger wäre. Das Problem ist aber eher der Energieverbrauch bei der Fahrt zum Supermarkt oder die Emissionen beim Heizen. Bei einem Ölverbrauch von knapp über einem Liter Rohöl für die Verpackung pro Bürger leuchtet ein, dass eine Fahrt weniger zum Supermarkt möglicherweise mehr Benzin/Rohöl spart als durch die Verpackung eines Jahres verbraucht wird.

Hier der Podcast.

Hat der Professor doch einfach das Thema kaputt gemacht.

 

1. November 2017
von Michael Scheuch
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Bitte (bloß nicht) differenzieren (oder einordnen). Was denn nun?

Was könnte denn die Aufgabe von Journalismus sein? Irgendwelche Zahlen in die Welt zu setzen, diese aber weder zu versuchen zur erklären, einzuordnen, ihr Zustandekommen und die Rahmenbedingungen zu klären?

Ich dachte, das sei eine rhetorische Frage, aber in Wirklichkeit scheint es tatsächlich eine zu sein.

Zumindest muss ich mich bei diesem Thema belehren lassen, dass das so nicht geht. Dem Gender-Pay-Gap. Der Frage, ob und wie viel Frauen weniger verdienen bzw. am Lohn und Gehalt bekommen als Männer. Die „-21 Prozent“ sind heilig.

Frau Stokowski dazu:

Das Argument geht meistens so: Es stimmt nicht, dass jede einzelne Frau genau 21 Prozent weniger verdient als ihr männlicher Kollege (korrekt.) Frauen verdienen zwar faktisch insgesamt weniger als Männer, aber sie arbeiten auch weniger und fallen öfter aus durchs Kinderkriegen und suchen sich auch oft von allein schlechter bezahlte Jobs und verhandeln auch schlecht, und zudem würden für die Berechnung nicht alle Einkünfte verrechnet, die in Deutschland zustande kommen, und deswegen ist die Lücke, wenn man von all diesen Faktoren absieht, viel kleiner, nämlich zwei bis sieben Prozent, je nachdem, mit wem man redet und was rausgerechnet wird.

Diese kleinere Zahl ist dann sozusagen der zu Diamant gepresste reine Sexismus und die „bereinigte“ Lücke, was nahelegt, dass die Faktoren, die man vorher rausgerechnet hat, nur eine Art Schrott waren, den es nicht zu beachten gilt – was Quatsch ist.

Also Finger weg von der Betrachtung der Zahlen – die übrigens möglicherweise zu anderen Schlussfolgerungen führen würden. Denn möglicherweise sind Pflegekräfte auf jeden Fall unterbezahlt, egal, ob das ein überwiegend von Frauen ausgeübter Job ist, oder ist diese Schlussfolgerung falsch? Weiterlesen →