Nachtrag #hemdchenbeutel #plastikbeutel #journalismus

Ich habe hier darüber geschrieben, wie sehr mich eine dpa/NOZ/Bundestagsabgeordneten-Pressemeldung irritiert hat. Kern: es werden ein wenig mehr von den dünnen Obsttheken-Plastikbeuteln, anscheinend ist der Fachausdruck „Hemdchenbeutel“, genutzt.

Der von mir hinterfragte Absatz, und vor allem der letzte Satz:

Die umweltpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Judith Skudelny, warf Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) vor, sie drohe mit ihrer „Symbol-Politik zur Reduzierung des Plastikmülls“ zu scheitern. „Ihre Maßnahmen bleiben Stückwerk und sind inkonsequent.“ Plastiktüten würden vom Kunden oft durch Hemdchenbeutel ersetzt.

Eine von vielen Fundstellen: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Der-Plastikverzicht-endet-beim-Obstbeutel-article21065172.html

Meine erste Nachfrage, ob dieser letzte Satz durch die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage gedeckt sein, wurde nicht wirklich beantwortet. Auf die zweite Nachfrage erhielt ich nun aus dem Büro der Abgeordneten Skudelny diese Antwort:

Vor dem Hintergrund sinkender Verbrauchszahlen „normaler“ Plastiktüten, finden wir, dass es naheliegend liegend ist, daraus den Schluss zu ziehen, dass viele Kunden statt der kostenpflichtiger Plastiktüten zu den Hemdchenbeutel greifen, denn diese Hemdchenbeutel sind in den Obst- und Gemüseabteilungen im Supermarkt dagegen in der Regel kostenlos.

E-Mail vom 19.6.2019 Rechtschreibung, Zeichensetzung: sic!

Übersetzt: wir wissen es nicht, wir spekulieren mal. Und wir Journalisten wissen, wie aus dem Satz in der dpa-Mitteilung ganz schnell immer und immer wieder repetierte Tatsachenbehauptungen werden.

Die Entstehung eines Mythos

Beispiel gefällig?

Jüngsten Zahlen des Bundesumweltministeriums zufolge wurden im vergangenen Jahr in Deutschland mehr als drei Milliarden der sogenannten Knoten- oder Hemdchenbeutel verbraucht. Das entspricht im Schnitt 37 Stück pro Verbraucher. Das ist zwar etwas weniger als 2017, aber mehr als in den Jahren 2015 und 2016. Grund ist unter anderem, dass Kunden ihre Einkäufe in die kostenlosen Knotenbeutel packen, seitdem Kunststoff-Tragetaschen kostenpflichtig sind.

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/aldi-schafft-kostenlose-duenne-plastiktueten-ab-100.html

Schwups wurde in diesem (und sicher nicht nur diesem) Artikel aus dem „finden wir es naheliegend“ eine Tatsachenbehauptung, die auf das Bundesumweltministerium zurückgeht.

Das eine ist die nonchalante Art, wie eine Bundestagsabgeordnete Spekulationen unters Volk bringt, das andere aber die schlampige Journalistenarbeit, beginnend bei der NOZ und dpa, die nicht in der Lage sind, ordentlich Nachzufragen, ob Politikerbehauptungen empirisch gesichert sind.

Empirie wird überschätzt, ich weiß. Vor allem wenn es gegen das Plastik geht.

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