Meine Obsoleszenz-Zweifel

By: Windell Oskay

Ich werde hier von Zeit zur Zeit meine Recherche-Links zu verschiedenen Themen, mit denen ich mich gerade journalistisch beschäftige, veröffentlichen.

Eines davon ist das Phänomen der geplanten Obsoleszenz – der angeblich von den Herstellern von Gebrauchsgütern eingebauten Begrenzung der Lebenszeit von Produkten. Das ist durch technische Maßnahmen herstellbar, etwa wenn Zahnräder nicht mehr aus Metall sondern aus Plastik sind, ebenso Aufhängungen der Trommel bei Waschmaschinen oder Ähnlichem.

Aus eigener Erfahrung oder im Bekanntenkreis gibt es immer wieder das Phänomen, das Produkte kurz nach Ende der Garantie- oder Gewährleistungszeit defekt sind – und unser Verschwörung witterndes Gehirn ist geneigt der These glauben zu schenken, dass da nur Absicht dahinterstehen kann.

Bei der Recherche zum Thema muss ich allerdings konstatieren, dass der Nachweis darüber, dass diese Produktschwächen absichtsvoll eingebaut werden, um die Lebenszeit der Geräte zu verkürzen, anscheinend nicht zu führen ist. An dieser Stelle wird immer das Phoebus-Kartell der Glühlampenhersteller vom Anfang des letzten Jahrhunderts angeführt, aber das ist nochmal ein anderes Thema.

Wer nun im Netz und in Zeitschriftendatenbanken recherchiert, der stößt auf immer gleiche Beispiele, und auch auf immer gleiche Quellen.

Eine zentrale Quelle ist murks-nein-danke.de, ein Blog und eine Webseite mit sicher ehrbarem Anliegen und Anspruch, Beispiele für geplanten Ausfall zu sammeln. Wie man das aus dem eigenen Leben und den Erzählungen aus dem Freundeskreis kennt: irgendwas ist immer. Nicht alle eingegangenen Beispiele sind wirklich eindrucksvoll. [Manch Artikel oder Webseite sagt sinngemäß: „Melden Sie ihre Geschichte auf Webseiten wie murks-nein-danke“, doch andere Webseiten zum Thema habe ich gar nicht gefunden …]

Überproportional häufig sind Tintenstrahldrucker vertreten. Diese Teile sind wirklich ein Ärgernis, scheint es, aber das könnte auch mit der Neigung der Nutzer zu tun haben, hier wirklich das Billigste vom Billigen zu kaufen (Okay, die Hersteller verdienen ihr Geld auch lieber mit der Tinte) so dass tatsächlich aus Kostengründen nur billigste Bauteile verbaut werden. Nicht wenige Nutzer berichten auch von Problemen „obwohl sie nur wenig gedruckt haben“ – aber das ist bei Tintenstrahldruckern ja ein Problem für sich, dass sie für den seltenen Einsatz nicht taugen, weil Tintenreste im System eintrocknen (nicht dass das beim Kauf einem jemand sagen würde …)

Es gibt noch ein weiteres logisches Argument das dafür spricht, dass es einfach die Billigbauweise ist, die Tintenstrahldrucker versagen läßt: eben dass die Hersteller das Geld mit der Tinte verdienen. Sie müssten ja eher ein besonders großes Interesse an einer möglichst langen Lebensdauer der Geräte haben, denn mit jedem Defekt sinkt die Chance, mit dem Kunden weiter gute Tintengeschäfte zu machen. Es ist also vollkommen unlogisch, gerade bei Tintenstrahldruckern, die Nutzungsdauer künstlich zu verkürzen.

Darauf bin ich, muss ich zu meiner Schande gestehen, nicht selbst gekommen, sondern durch ein einzigen kritischen Artikel zum Thema Obsoleszenz, den ich gefunden habe: in der NZZ Sonntagszeitung.

Der müsste Ausgangspunkt für alle Recherchen aller Journalisten sein, die bereit sind, sich etwas mehr mit dem Thema zu beschäftigen.

Weiteres Beispiel sind Flachbildfernseher, hier sind häufig zu klein dimensionierte Elkos Grund für den Ausfall, und häufig genug denken die Kunden gar nicht darüber nach, das Gerät reparieren zu lassen, und ein Platinentausch kommt teuer – Schrauber, die den Lötkolben schwingen, sind selten, und meist ist auch nicht dokumentiert, welcher Widerstand denn eingelötet werden muss. Zeugen für diese Masche sind vor allem Fernseh-Reperaturdienste – denen geht es wirtschaftlich schlecht, die mögen die Entwicklung eh nicht, weil sie früher bei der Röhre noch viel mehr selber machen konnten – ein Beruf wird abgewickelt – wie so viele.

Aber sonst so? Systematische Alterung: journalistisch gesehen fehlen mir evidente Studien, Tests, Untersuchungen unter Laborbedingungen. Viele unterschiedliche Quellen.

Bei den Fernsehern fällt mir auf.

  1. Die Preise sind in den letzten 20 Jahren aber so was von gesunken. Wer früher ein Markengerät haben wollte, 60 cm Bildröhre, vielleicht Stereo, der war gut und gerne mit 1.500-2.000 Mark dabei. Heute gibt es Riesenteile ab 800 Euro, kleine Diagonalen ab 250 Euro.
  2. Diese Röhrenfernseher haben eigentlich immer nach ein paar Jahren angefangen unangenehm zu summen und zu sirren – hätte niemand einen Kundendienst bestellt, denn das waren ganz normale Alterungserscheinungen, hatte ja jeder. Wäre heute schon ein Knockout-Kriterium erster Güte.
  3. Es gibt einfach keine belastbaren Zahlen dazu, wie lange ein TV-Gerät heute im Einsatz ist. Das Hauptgerät wandert ins Kinderzimmer, die Diagonale muss größer werden, wie wäre es mit 3D – sind Defekte oder gestiegene Ansprüche der Kunden an das neueste Modell der Grund dafür, dass TV-Sets ausgemustert werden?
  4. Empfindlich sind TV-Geräte und deren Elkos in Sachen Wärme – was wir nicht wissen, ob die Aufstellanleitung des Herstellers immer schön beachtet wird und genug Platz für die Abwärme bleibt. Ich denke: meist nicht. Das geht dann zu Lasten der Lebensdauer des Geräts – und auf die Kappe des Nutzers.
  5. 2006 war ein Boomjahr des Flachbildgeräteverkaufs in Deutschland. Gäbe es den eingebauten Verfall, so müsste doch spätestens jetzt eine Wutwelle durch Deutschland branden.

Bei Waschmaschinen ist der Preisverfall ähnlich deutlich: die technischen Daten von Maschinen, die heute rund 350 Euro kosten wurden vor 10 Jahren nur von wenigen Spitzenmodellen erreicht. Doch 1400-1600 Touren Schleudergang sind nunmal extrem materialbelastend. Ebenso die Steigerung des Beladungsgewichts auf bis zu 8 kg. Geht das für so kleines Geld oder ist der Kunde selber schuld, wenn er denkt, dass ein solches Gerät dann zwanzig Jahre hält? Allerdings: selbst bei den Topmodellen dürften die 20 Jahre von früher auch kaum noch zu erreichen sein. Es sei denn, man wäscht so wenig wie manche Oma. Da steht die Miele im Keller und will einfach nicht kaputtgehen – bei 1,5 Waschgängen pro Woche. Ist eine andere Belastung als bei der Familie, in der die Maschine so oft am Tag läuft.

Zurück zum Unbehagen: Ich finde eigentlich immer nur rekursive Rechercheschleifen, man kann manchmal zusehen, wie der eine beim anderen „Inspiration“ sich abholt. Aber wie ist das Thema wirklich, journalistisch sauber einzuschätzen.

Ich bin eher ratlos.

Ich stecke dabei allerdings in der ersten Recherchephase, der Webrecherche, würde ich jetzt Geld dafür bekommen, müsste ich jetzt viel telefonieren. Und anschließend vielleicht Menschen treffen. Um sie einzuschätzen.

Gerne würde ich mich da mit Herrn Dr. Neef, ehemaligem Vize-Präsident der TU Berlin unterhalten, der von den VDI-Nachrichten interviewt und dann vom Berliner Kurier zugespitzt zitiert wird:

BERLINER KURIER: Die Schmiede der Pfuscher

 Die renommierte Technische Universität Berlin ein Hort der Pfuscher? Wo Ingenieure lernen sollen, lange Geräteleben zu konstruieren, darf die Industrie Pfusch als „hohe Kunst“ deutscher Wertarbeit vermitteln!

Es ist der ehemalige Vizepräsident der TU selbst, Dr. Wolfgang Neef, der dies erschütternd in einem Interview enthüllt: „In der TU Berlin vermitteln Lehrbeauftragte aus der Industrie, dass man zum Beispiel Getriebe oder IT-Geräte s

Hier das zugrundeliegender Original-Interview http://www.vdi-nachrichten.com/artikel/Wachstum-ist-mit-Glueck-nicht-identisch/57388/4

Wie das nunmal so ist im Journalismus: ein Zitat geht um die Welt. Aber immerhin macht mich die Stellungnahme von Dr. Neef auf murks-nein-danke.de wieder etwas optimistischer was die Zukunft der Zunft angeh. Er schreibt an den Berliner Kurier:

Sie haben aus einem einzigen Satz ohne eigene Recherchen einen Reißer fabriziert. Hätten Sie mich wenigstens angerufen, hätte ich Ihnen eine wesentlich differenziertere Auskunft gegeben. Ich habe aufgrund des VDI-Nachrichten-Interviews viele Anrufe von Journalisten erhalten und allen erklärt, dass es hier nicht um eine einzige Uni geht, sondern um ein System, nämlich um die fast absolute Dominanz von Betriebswirtschaftlern in den meisten Unternehmen.

Der Soziologe Neef „differenziert“, was sein gutes Recht ist. Andernfalls wäre sicher mal ein Journalist mit versteckter Kamera in eines der Seminare gekommen, wo systematisch Oboleszenz gelehrt wird. Differenziert bedeutet: BWLer hindern Ingenieure daran, optimale Produkte unter ingeneurwissenschaftlichen Gesichtspunkten zu schaffen. Das ist wohl so. Da denke ich dann wieder an das Beispiel aus dem bereits verlinkten Artikel der NZZ:

Ein Hersteller muss sich daher genau überlegen, welches Marktsegment er anvisiert und welche Belastungen ein Produkt über seine Lebensdauer aushalten muss. Einem Heimwerker wird man keinen Profi-Akkuschrauber für 350 Franken verkaufen, einem Handwerker nicht das Modell für 30 Franken aus dem Baumarkt. «In amerikanischen Haushalten gibt es 80 Millionen Bohrmaschinen», sagt Meboldt. «Die durchschnittliche, effektive Nutzungsdauer dieser Geräte vom Kauf bis zur Entsorgung beträgt etwa 11 Minuten», sagt Meboldt. Die Maschinen liegen also fast nur im Keller. Für einen solchen Käufer wäre eine Maschine, die 2000 Stunden durchhält, das falsche, weil viel zu teure Produkt.

Sogar im Artikel des Berliner Kuriers liefert der zweite zitierte „Experte“ eine ganz andere Erklärung für das frühe Versagen von Waschmaschinen ab: dass die Kunden einfach zu billige Ware kaufen. Das hat dann aber nichts damit zu tun, dass die Hersteller nicht haltbarere Geräte bauen wollen – sie können es eben nunmal nicht für 200-300 Euro das Stück.

Es gilt die Regel: die Recherche ist der Story Tod. Es allerdings auch so schrecklich unbefriedigend, wenn man aus einem allgemein verbreiteten Gefühl keine harte Geschichte machen kann.

Ich kann mich da nicht rausreden: ich stecke im Zitierkarussell mitendrin und werde dafür verantwortlich sein, dem eine weitere Facette hinzuzufügen.

 

 

Im Zuge dieser Recherche stolpere ich dann immer wieder über das Glühbirnenkartell Phoebus und finde auch hier nur Zitierschleife um Zitierschleife. Doch dazu später mehr.