Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

Bares für Rares, bräsiger Medienjournalismus und Geschmacksfragen

So ist es halt, dieses Internet. Wenn einem was nicht gefällt, dann schreibt man das hier rein. So ist es nunmal, und das hat möglicherweise therapeutischen Wert, scheint aber auf jeden Fall so etwas wie ein Grundbedürfnis zu befriedigen. Das nennt man neulandisch „Rant“, schimpfen übersetzt, und so ein kleines Donnerwetter schadet ja auch selten. Man rantet, und alles ist wieder gut. Mach ich das auch mal.

Stefan Niggemeier findet „Bares für Rares“ (für das mein Arbeitgeber verantwortlich zeichnet) „onkelhaft“ „bräsig“ und kurz und gut: es sagt ihm gar nicht zu. Das steht ihm zu, und das wäre in seinem alten Blog ja auch ok gewesen. Doch nun veröffentlicht er seinen Beitrag auf der Seite uebermedien.de , einer Seite mit dieser Selbstbeschreibung:

Übermedien ist kein Hobby und kein Blog, sondern ein professionelles Angebot von ausgebildeten Journalisten, finanziert vom Publikum. Wir machen das nicht nebenbei vom Sofa aus. Wir sitzen auf Stühlen an Tischen, wir gehen raus, berichten, reportieren, analysieren.

Daher denke ich, dass dieser meinungsfreudige Beitrag im Gegensatz zu einem privaten Rant kritisierbar ist, am eigenen Anspruch qualitativ ernstzunehmender Medienbeobachtung gemessen werden  kann. Und da passt dann alleine die Überschrift so gar nicht: „Wie das ZDF seine Programme mit altem Trödel vollrümpelt“.

„Beweis“ für die Überschrift ist eine Grafik, in der die Anzahl der Sendestunden von Bares für Rares aufgeführt wird, schick gemacht, Balken und was man so braucht. Die Feststellung:

So hat sich „Bares für Rares“ in den vergangenen Jahren in den Programmen ZDF und ZDF neo ausgebreitet, bis hin zu der Gesamtdauer von über fünf Wochen und fünf Tagen 2017:

Das klingt ja dramatisch. Allerdings: wir haben es hier mit zwei TV-Sendern zu tun, die 24 Stunden sieben Tage die Woche ausstrahlen, jeweils 52 Wochen im Jahr, zusammengerechnet also: 104 Wochen. Dagegen stehen die fünf Wochen und fünf Tage aus der tollen Grafik.

 

Screenshot: https://uebermedien.de/24095/wie-das-zdf-seine-programme-mit-altem-troedel-vollruempelt/ 10.1.

Anders: Pro Sender 365*24=8760 Stunden, zusammen also 17.520 Stunden. Die 952 Stunden Bares für Rares sind: rund 5,4 Prozent des Sendevoluments.

Stellen wir uns jetzt mal einen Kellerraum mit 100 Quadratmetern Grundfläche vor. Das wünscht sich jeder, wette ich. Einen Kellerraum, in dem Dinge gelagert werden. In diesem Kellerraum ist ein Wandschrank, sagen wir mal, 5 Meter lang, ein Meter tief. Und der ist voller Plunder. Oder eine Vitrine von 2*2,5 Metern. Da lagern wir all das Zeug, das wir nicht wegwerfen wollen.

Die Preisfrage: ist damit der Keller mit altem Trödel vollgerümpelt? Oder noch Platz genug für – anderes?

Übergeigt, so nennt man solche Überschriften.

Niggemeier versucht, Bares für Rares in die Wiederholsschleifenkritik der kommerziellen Sender zu stellen, indem er fabuliert

Mit den 1211 Ausstrahlungen im vergangenen Jahr ist die Trödelshow fast schon in der Liga der Sendungen, die Privatsender wie vor allem ProSieben in Dauerschleife zeigt: „Big Bang Theory“ lief dort im vergangenen Jahr 2500-mal, „Two and a Half Men“ knapp 2400-mal.

Da kommt ganz kurz, aber nur ganz kurz der Medienjournalist durch, aber die ordentlichen (und erschreckenden Zahlen) zum Wiederholungswahnsinn hat DWDL geliefert. Allerdings bezieht sich die Anzahl der Ausstrahlungen auf einen einzigen Sender, nicht auf zwei.

Und in diesem Artikel finden sich viel spannendere Zahlen:

Neben ProSieben hat es nur Vox noch in die Top 5 geschafft – und zwar mit sagenhaften 1.880 Ausstrahlungen von „Medical Detectives“. Das Format frisst noch sehr viel Sendezeit, da es sich um netto nicht 22 sondern 44 Minuten lange Sendungen handelt. Aneinandergereiht hat Vox mit „Medical Detectives“ somit etwa 65 Tage gefüllt.

Bei Sat.1 heißt das meistgesendete Format „Auf Streife“. Zählt man noch die Ableger „Auf Streife – Berlin“ und „Auf Streife – Die Spezialisten“ hinzu, dann ergeben zusammen 2.193 Sendungen unter dieser Marke. Wie schon im vergangenen Jahr füllte Sat.1 also umgerechnet etwa 95 Tage oder ein Viertel der gesamten Sendezeit mit solchen Blaulicht-Geschichten – die „Ruhrpott-Wache“ noch gar nicht mitgerechnet.

Auf Streife, Verdachtsfälle, Blaulicht-Report – wenn dann die „Kleinen“ Sender dazu genommen werden, dann wird das Niveau noch besser:

Über 3.400 Mal lief so im letzten Jahr „Das Strafgericht“, „Das Jugendgericht“ kam auf über, „Das Familiengericht“ auf knapp unter 2.000 Ausstrahlungen.

Scripted Reality an der Schmerzgrenze, die ein Bild der Welt zeichnen, das einen verzweifeln lässt. Und da muss man gegen Bares für Rares ranten?

Die Gehässigkeit, mit der sich Niggemeier über das Format auslässt, kann ich kaum ernst nehmen, da ich ja weiß, wie toll und verteidigenswert Niggemeier das Dschungelcamp ganz unironisch findet

Zum Geheimnis des überwältigenden Erfolges von „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ gehört, dass die Show nicht nur an die niedersten Instinkte appelliert (aber natürlich auch), sondern auch das Gehirn intelligenter Menschen anspricht. Sie ist hervorragend produziert, von Menschen, die offensichtlich Spaß an der Arbeit haben, und vielschichtig (..)

Die Show nimmt sich selbst viel weniger ernst, als es zum Beispiel „Bild“ oder auch die anderen RTL-Magazine tun, die bei jeder Wendung ins Hyperventilieren geraten, erlaubt sich aber genau dann, wenn es angemessen ist, auch Ernsthaftigkeit.

Wie man auf einen solchen Mumpitz kommen kann, das bleibt mir ein Rätsel, und wer unterstellt, dass da im Hintergrund nicht ein beinharter Zynismus unterwegs ist, dem kann ich nicht helfen. Auch nicht den Nominierenden beim Deutschen Fernsehpreis. Für mich ist IBES eines der langweiligsten und künstlichsten Formate überhaupt, bei dem ich keinerlei Empathie mit den Insassen, keinerlei Begeisterung für die Moderationen und keinerlei Verständnis für die angebliche Authentizität entwickeln kann. Aber das Schlimmste ist die ausgebreitete vielschichtige Langeweile, anscheinend gehört mein Gehirn keinem intelligenten Menschen.

Bei Bares für Rares wird an keiner Stelle an die niedersten Instinkte appelliert – und das scheint Stefan Niggemeier dann doch zu fehlen.

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