Kurz angemerkt: Topmodells, n-tv.de und das Glashaus

Es gibt schon ein paar Dinge, die kann ich nicht so richtig gut ab. Eines dieser Dinge ist Trash-TV, voyeuristisches „Reality“-Fernsehen, von manchen wird etwa das Dschungelcamp als „liebevoll produziertes“ Fernsehen mit der Möglichkeit „viel zu lernen“ geadelt. Von mir nicht. Und: mir egal, dass viele Akademiker zusehen. Mir egal, dass Menschen behaupten, man könne etwas über die menschliche Natur, das soziale Miteinander oder auch nur etwas über Kunstgestalten aus dem Promi-Kosmos von RTL lernen. Ach ne.

Was ich aber noch weniger gut ab kann, das ist Heuchelei. Und die darf zum Beginn der nächsten „Germanys Next Topmodell“-Staffel ausgerechnet Verena Maria Dittrich auf n-tv,.de zum Besten geben:

Verena Maria Dittrich, die ich tatsächlich schonmal aufgeschaltet hatte. Die daraufhin ziemlich beleidigt war. Die man aber, glaube ich, durch Fakten gar nicht beleidigen kann. Übrigens würde ich über das Folgende auch unangenehm berührt sein, wenn diesen Artikel ihr Kollege Kai Butterweck geschrieben hätte.

Sie schreibt über das Dschungelcamp, und zwar keineswegs unter dem Motto „Ist diese Pipi, Kacka, Penisessen-Show noch zeitgemäß?“ sondern immer schön hipp und cool und total lustig, und folgt man der Autorin, dann hat ihr Schreibstil im Genre der „TV-Show-Nacherzählung“ viele, viele Fans. Ist wahrscheinlich auch so.

Auch der Bachelor, auch die Bachelorette, ob im Paradies oder anderswo: hier springt der Kollege Butterweck noch zur Seite, und immer wieder ist das einfach nur lustige Unterhaltung

Beispiele?

Ach, mehr muss man über diese literarischen Werke, man soll sie ja nicht Journalismus nennen, nicht wissen. Oder? Hier exemplarisch ein Textausschnitt


https://www.n-tv.de/leute/tv/Nach-Diss-gegen-Anastasiya-Sonja-fliegt-article21521778.html

Mehr muss man gar nicht wissen. Außer, dass Frau Dittrich im Gegensatz zu Bachelor, Dschungelcamp und Bachelorette GNTM gaaanz schlimm findet. Habe ich erwähnt, dass ich Heuchelei nicht mag?

Das alles ist so fragwürdig wie lächerlich, dass auch die kläglichen Versuche, die Sendung moderner aussehen zu lassen, indem man nun auch auf Diversität setzt, eher wie ein schlecht durchdachtes Alibi anmuten.


https://www.n-tv.de/leben/Ist-diese-Fleischbeschau-noch-zeitgemaess-article21553872.html

„Nun auch“, das ist natürlich Quatsch, denn schon die letzten Staffeln hatten „Diversity“, möglicherweise aus diskutablen niederen Motiven, um etwas weniger angreifbar zu sein, aber neu ist das nicht. Ein echter Knaller ist dann diese Passage:

In Zeiten von #MeToo, in denen Frauen sich endlich wieder laut wehren und starkmachen gegen Sexismus und Ungerechtigkeit, ist diese Sendung der blanke Hohn, transportiert sie doch das angestaubte Frauenbild der frühen Fünfzigerjahre: „Sei hübsch, halt den Mund, mach, was man dir sagt und vor allem: Gefalle!“

https://www.n-tv.de/leben/Ist-diese-Fleischbeschau-noch-zeitgemaess-article21553872.html

Da sitzt Frau Dittrich aber auf einem gaaaaanz hohen Ross. Ihr Kollege Butterweck über den Bachelor:

Zartschmelzende Streicherklänge und ein Candle-Light-Dinner sollen die „nähebedürftige und hoch emotionale“ Hamburgerin gefügig machen. Klappt auch. Abermals darf der Bachelor die Lippen spitzen. Doch diesmal prickelt es nicht ganz so heftig. Leahs „grobmotorische“ Kusskünste schmeißen den Bachelor aber nicht allzu sehr aus der Bahn. Da haben andere Ladys in der Villa schon viel schlechtere Karten.

https://www.n-tv.de/leute/tv/Voodoo-Stress-und-Zuengelspass-article21541807.html

Welches Frauenbild transportiert das Dschungelcamp nochmal?

Diese hohldreisten Ausraster, sie nagen inzwischen an den Campern. „Man muss das Mädel mit Vorsicht genießen“, warnt Flaschen-Entwender Raúl und kommt zu einer weisen Schlussfolgerung: „In erster Linie muss Elena sich selbst aushalten und das ist sicher schwer.“ Oberstes Gebot: Toxische Menschen ins Leere laufen lassen. „Zwenn“ ist mit seinem Latein am Ende: „So aggressiv zu reagieren, so arrogant! (…) Aber die macht’s schon clever!“ Er weist auf ihre körperlichen Reize hin, die sie gezielt mit ihren Bikinis in Szene setzt, die Schultern nur halb bedeckt und „ihre Brust, die immer so rausguckt. (…) Aber mehr hat sie anscheinend auch nicht!“

https://www.n-tv.de/leute/Man-muss-das-Maedel-mit-Vorsicht-geniessen-article21527135.html

Der Zickenkrieg ist Sendungskonzept, und da beißt die Maus keinen Faden ab.

Kritik an GNTM finde ich durchaus als angebracht, bin glücklich, dass dieser Kelch, das schauen zu müssen, inzwischen wieder an mir vorübergeht, aber – Verena Maria Dittrich?

Ich glaube, was sie zur Kritik an dem Format qualifiziert ist einfach dieses hier: Sie arbeitet für n-tv, aus dem großen Laden RTL stammend und daher jedes RTL-Format liebevoll zuqatschend. GNTM ist aus dem Hause Pro7-Sat1, und da darf man das ja dann mal hohl finden.

Ich finde das auch hohl. Und gehaltlos. Und leer.

Und übrigens: der Kai Butterweck ist auch so ein Früchtchen. Der bequatscht den Bachlor, ganz klar eine feministisch-avantgardistische Show zur #metoo-Debatte. Siehe Zitat da oben. Der muss natürlich auch was zu GNTM schreiben, Titel: „Schlachthof der Eitelkeiten“

Triefende Hochnäsigkeit und völlige Selbstüberschätzung – wer hätte das auch besser auf den Punkt bringen können als der Meister dieser Disziplinen. Beim RTL-Format Bachelor sieht er alles nicht so eng, sondern lustig:

„Ich bin kein Typ für Fideralala!“, schallt es durch die Nacht. Kurz darauf ziehen die ersten Damen die Köpfe ein und verlassen das Balz-Anwesen ohne eine Rose in der Hand. Sebastian hat sich entschieden. Alle sind und bleiben „mega“, bis auf die Zwillinge Laureen und Isabelle und die im Trubel etwas untergegangene Augenoptikermeisterin Jessica. Für die drei Aussortierten ist der Traum vom Leben als Bachelor-Babe schon vor dem ersten Frühstück ausgeträumt. Für alle anderen Girls geht das Abenteuer ihres Lebens jetzt erst richtig los. Wir sind bereit. Wo ist der Tequila?

https://www.n-tv.de/leute/tv/Der-Bachelor-breitet-die-Arme-aus-article21494263.html

Ich komme nur auf das Fazit: Widerlich. Und immer daran denken: