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Ach: #keinjournalismus (1): Die Fahrkarte 2.0 / Petition der Woche / Leserimpuls

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Ich werde immer schlechter gelaunt, das kann an Weihnachten liegen, am Alter oder daran, dass die Zeitungskollegen so gerne auf die ÖR-Kollegen einschlagen, dass Zeitschriftenverlegerbände von Qualitätsjournalismus schwafeln, Auflagenverluste betrauern, Lobbyarbeit für die Umgehung des Mindestlohns machen, Verleger jammern, aber niemand daran zu denken scheint, einfach den Job besser zu machen, sich für Kunden und Käufer und Bürger wichtig und wertvoll zu machen. Unter #keinjournalismus sammle ich mal, worüber ich so stolpere, allesamt nur Symptome. Und ich denke, dass die Kolleginnen und Kollegen, die #keinjournalismus machen in der Regel nichts dafür können – zu schmal die Ressourcen, zu schwach die Leserorientierung des Blattes, zu wenig Zeit zur Reflexion.

Am 19.12. Darmstädter Echo und wahrscheinlich alle VRM-Blätter: „Die Fahrkarte 2.0“. Ein Jubelstück, in dem einfach abgepint wird, was die PR-Abteilung des RMV dem Reporter vorkaut.

Beide Varianten haben große Vorteile (…) Die Funktionsweise des eTickets ist denkbar einfach (…) Sorgen um die Sicherheit müssten sich Kunden dabei nicht machen – im Gegenteil (…)  Dort kann auch direkt die gewünschte Fahrkate (sic!) gekauft und aufgebucht werden. Alternativ können Fahrgäste dies anschließend an einem Fahrkartenautomaten erledigen. (…)

Das Übliche. Meine Erfahrungen sind ganz andere. Und die von vielen anderen sicher auch. Journalismus? Habe ich keinen gefunden.

Bei der taz gibt es „Die Petition der Woche“, mit der man ganz dicht an der Basis der „Bewegung“ bleiben will. Tierwohl in der Krippe ist der Text vom 8.12. betitelt. Es geht um Tiere, die als Deko eine Krippe bestücken, nämlich um

zwei Schafe, ein Esel und ein Kalb

und das gefällt Tierschützern nicht, deswegen gibt es eine Petition dagegen. Hurra. Dafür wurden Online-Petitionsplattformen erfunden.

Es geht hier aber um den journalistischen Text.

Kurz vor der Eröffnung des diesjährigen Weihnachtsmarkts ist deshalb in den sozialen Netzwerken der Region eine Diskussion entbrannt

Das ist der Anlass. Gut, dass es in der Region soziale Netzwerke gibt. Und das das Statement:

„Man muss nur zehn Minuten in Stallnähe stehen, schon hört man die Tiere wimmern“, sagt eine junge Frau aus Bad Salzuflen. Sie ist Teil einer Gruppe, die sich dem Tierwohl verpflichtet fühlt und ein baldiges Ende der lebendigen Weihnachtskrippe fordert.

Bisschen komisch, dass die „junge Frau aus Bad Salzuflen“ ihren Namen nicht nennen mag. Andere Medien sprechen davon, dass hinter dem Protest gegen die lebende Krippe PETA steckt (Westfalen-Blatt).  Schade, dass das die taz nicht zu berichten weiß. Dass sie das Wimmern der Tiere nicht mit eigenen Ohren hört, das liegt daran, dass der Journalist nicht vor Ort ist. Und wohl nur mit der „jungen Frau“ gesprochen hat. Wenn überhaupt. [Inzwischen denke ich: Eher nicht]

Der Journalist weiß, an wen die Petition geht

Mit ihrem Anliegen richtet sich die Petition an den SPD-Bürgermeister Roland Thomas, den Organisator des Weihnachtsmarkts, Michael Welslau, und an Ulrich Tietz, den Fachdienstleiter des Ordnungswesens.

Eine Stellungnahme oder einen Kommentar der genannten hat der Artikel nicht. „Gegenseite“ zu Wort kommen lassen?

Insgesamt weiß die taz ohnehin wenig:

  • Auf wieviel Quadratmeter stehen die Tiere?
  • An wie vielen Tagen?
  • Wo kommen sie her?

Das Foto zum Beitrag ist ein dpa-Foto einer beliebigen kleinen Krippe.

Also Journalismus? Selbst recherieren, vor Ort? Gegenseite?

Und da ist dann noch das Format „Leserimpulse“, bei dem aus Zuschriften an die Redaktion ein großer Artikel im Darmstädter Echo wird.  Seit Umbau kommt es in der Heidelberger Straße zu Engpässen ist die Beobachtung des Lesers. Und das dürfte nun wirklich niemanden wundern, der in Darmstadt oder Ungebung großgeworden ist, denn in Sachen Verkehrsführung, Ampelschaltung und Asphaltbeschriftung ist das zuständige Amt äußerst, sagen wir mal, kreativ.

Im ersten Drittel des Artikels schildert der Leser seine morgendlichen Erfahrungen, im Text immer schön im Konjunktiv der indirekten Rede, was nur gerecht ist, weil der Autor des Textes ist ja auch nicht vor Ort gewesen und immerhin will er diesen Eindruck auch nicht erwecken.

Im zweiten Drittel bestätigt Heag Mobilo für die ebenfalls an freier Fahrt gehinderte Straßenbahn:

„Die Bahnen brauchen doppelt so lange wie sonst.“ Der Verkehr fließe an der Kreuzung nicht schnell genug ab, die Autos stauten sich bis in den Haltestellenbereich. Erschwerend hinzu komme, dass die Fußgängerampel oft minütlich genutzt werde.

Danach kommt am Ende des Artikels ausführlich die Zusammenfassung der Stellungnahme der Pressestelle der Stadt. Die dann auch das letzte Wort behält, und deren wunderbaren Aussagen kann der Autor auch nichts entgegensetzen – er war ja nicht vor Ort! Netterweise bestätigt die Pressestelle, dass es einen Rückstau gebe. Das ist sehr nett von der Pressestelle.

Dennoch gelte: „Die Funktionalität des umgebauten Abschnitts bewerten wir als gut.“ Zu den neu angelegten Radfahrstreifen erhalte man ausschließlich positive Rückmeldungen, Radfahren sei dort sicherer geworden. „Über den Tag gesehen ist der Verkehrsablauf für alle Verkehrsteilnehmer ruhiger und geordneter als vorher.“

Mittelschwer eine Unverschämtheit. Ähnlich der Argumentation der Autobauer, das Feinstaubproblem sei im Griff, wenn am Wochenende keine Laster fahren und ein tüchtiger Wind weht.

Bei der Gesamtplanung zur Umgestaltung seien auch mögliche Rückstauprobleme betrachtet worden, doch sei die Leistungsfähigkeit „in beide Fahrtrichtungen gewährleistet“. Zeitlich begrenzte Rückstaus zu Spitzenzeiten hielten sich „in einem vertretbaren Rahmen“ und ließen sich in einer Stadt mit einem so hohen Pendleraufkommen nicht vermeiden.

Der Journalist kann nur diese wilden Behauptungen widergeben. Er war ja nicht vor Ort. Noch besser wäre gewesen: als die Stadt ihr Umbauvorhaben bekanntgab, da gab es schon Zweifel, wie eine „Stadt mit einem so hohen Pendleraufkommen“ damit umgehen kann. Da hätte engagierter Lokaljournalismus, der seine Stadverkehrstplaner kennt, mal den Ist-Zustand protokolliert und dann, nach dem Umbau, von sich aus nachgeschaut, was sich verändert hat. Das wäre idealtypisch das, was ich mir unter Journalismus vorstelle.

Thomas Knüwer prognostiziert für 2018 eine „Scheinwende für Analogistan“ – die Verlage bauen Paywall-Infrastrukturen auf und setzen sie dann auch durch. Doch die Erlösseite wird nicht stimmen. Und ich sage noch dazu: mit #nichtjournalismus verhindert man auch, dass die Abozahlen stabilisiert werden. Wie viel von meiner Tageszeitung lese ich? Erfahre ich alles aus der Region, das ich erfahren muss? Könnte mir die Zeitung online einen Mehrwert liefern?

 

(Photo by Raphael Schaller on Unsplash)

 

 

 

 

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