Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

Jung=blöd? Über „Jugendangebote“

Ich wollte mir eigentlich noch ein bisschen Zeit lassen mit einer Bewertung der „journalistischen“ „Jugendangebote“, die in letzter und nächster Zeit so auf den Markt kommen. Allerdings quält mich Spiegel Online immer mit Links zu Storys bei „Bento“, und wer das Niveau von SPON ab und zu für etwas unzulänglich hält, der kann sehen: es geht noch unzulänglicher.

Da ist dann diese Geschichte „Mein Leben ohne WhatsApp: Warum wir alle darauf verzichten sollten“ , geteasert auf SPON, und schon mit der Kombination zweier journalistischer Formen, die ich eh nicht leiden kann: die „Erlebnis“-Geschichte oder biografische Erzählung gepaart mit dem „appellativen“ Vormundschaftsjournalismus. Schema: ich finde was gut/schlecht/vorbildlich und Du, lieber Leser/Konsument/Zuschauer sollst das aber bitte genau so finden. Das kann klappen, wenn dann eine Reihe guter Argumente folgen, was ein journalistisches Stück über die reine „Selbsterfahrungsnummer“ hinaus weiterbringt. Häufig ist das nicht der Fall. Vor allem wenn es um Themen geht, die Journalisten am Herzen liegen. Etwa Veganismus, Fahrradfahren, Marathonlaufen, Sharen. Sie wissen schon: Themen, die wieder und wieder und wieder kommen.

Zurück zum Thema. Der Teaser:

Vor einem Jahr habe ich WhatsApp gelöscht. Meine Freunde verstehen das nicht, aber ich kann den Ausstieg nur jedem empfehlen.

Das ist ein bisschen weniger als „Warum wir alle darauf verzichten sollten“, aber gut.

Im ersten Abschnitt „Verschlüsselung geht auch besser“ heißt es dann „Ich sorgte mich um meine Daten.“ Dafür muss es ja Gründe geben, oder? Hier die Belege:

Immer wieder las ich von der schlechten Verschlüsselung und den Sicherheitslücken.

Soso, mhmh, da beginnt dann für Journalisten die Pflicht zur Recherche.

Mittlerweile soll WhatsApp nachgerüstet haben

Ach. Soll. Also. Hat Whatsapp nun oder nicht? Kann man ja mal recherchieren.

Fotos und Gruppenchats zum Beispiel sollen immer noch unverschlüsselt übermittelt werden, berichten mehrere Medien

Und welche?

Schon hier könnte man den Einwuf wagen: was ist das denn für ein mekrwürdiges Format, das auf Links zu Quellen anscheinend lieber verzichtet? Was hat so etwas in diesem Internet zu suchen? Eine sehr kurze Recherche würde zu heise.de führen, wo man für Normalnutzer und für Experten analysiert hat, was es mit der angekündigten Whatsapp-Verschlüsselung so auf sich hat (man kann sich dann ein „soll“ im Text sparen, oder gar alle)

Immerhin folgt jetzt Service mit der Vorstellung von Threema und Signals (frisch mit Textsecure verschmolzen). Guter Ansatz! Als Vorteil von Threema wird dann aber hervorgehoben, dass es nicht so viele Menschen nutzen – so dass man nur wenige Nachrichten erhält und daher nicht so viele Nachrichten lesen muss. Hmm. Vorteil? Ich dachte immer, es sei der Sinn eines Messengers, Nachrichten zu bekommen.

Nächster Absatz, allerdings sehr kurz:

Endlich keine Kettenbriefe mehr

Sagenhaft der Text dazu:

Vielleicht sind die Kettenbriefe inzwischen ausgestorben.

Ich nutze Whatsapp schon eine Weile, mich hat noch kein Kettenbrief erreicht, auf Facebook gehört das allerdings mehr oder minder zur Plage. Aber: solche Nachrichten bekommt man nur von Menschen, mit denen man Kontakt hat – und die man nicht blockt. Es ist doch so einfach und bedarf keiner De-Installation von Whatsapp.

Die nächste Zwischenüberschrift hat mich dann irritiert

Ich verpasse alles

Klingt schlimm, aber die Autorin findet das nicht so schlimm. Ich hatte allerdings bis dahin die Vorstellung, die einzelnen Absätze strukturieren den „Artikel“ nach Gründen „dafür“, auf Whatsapp zu verzichten, aber das muss ja nicht sein, das mit der Stringenz.

In meinen Augen verpasse ich nur eins: Ich bin nicht mehr ständig über alle Kanäle erreichbar. Ich lebe mein Leben, statt ständig anderen davon zu berichten.

Ach so, das mit dem berichten, das muss man ja, denn das steht in den AGB von Whatsapp, wer nicht jeden zweiten Tag ein Essensphoto postet der wird ausgeschlossen. Oder?

Über Absatz vier steht dann „Gibt es wirklich keine Nachteile? Doch!“

Vergessen werden

(..)Seit der Löschung des Accounts war ich deswegen zu einem Essen und zu zwei Geburtstagen offiziell nicht eingeladen.

Jetzt muss der „Artikel“ aber schnell zu einem Fazit kommen:

Es geht, es geht gut

Sagenhaft.

Erinnern wir uns jetzt an die Headline?

Warum wir alle darauf verzichten sollten

Dazu liefert die Autorin jetzt aber auch gar keinen Hinweis, ich gehe also davon aus, dass es einfach nur Clickbait ist, im Fazit ist auch nichts davon zu lesen, die Zusammenfassung der „Sicherheitsfrage“ hätte mit ein wenig Fakten und Links angereichert werden können, aber insgesamt: was bringt mir ein solcher Beitrag? Eine Autorin äußert ihre „Gefühle“ zum Thema Whatsapp, der für die Headline Verantwortliche packt ein bisschen Provokation rein, und am Ende steht ein: „Es geht, es geht gut“. Danke.

Was soll das? Wen spricht das an? Wer soll das mit Gewinn lesen? Wieviel davon ist Journalismus? Will das die „Zielgruppe“?

Ich weiß es nicht.

Gelabelt ist das übrigens mit

Screenshot: http://www.bento.de/gadgets/warum-wir-auf-whatsapp-verzichten-sollten-88782/ (11.11.2015)

Screenshot: http://www.bento.de/gadgets/warum-wir-auf-whatsapp-verzichten-sollten-88782/ (11.11.2015)

Was ist die Story? Ist das nicht eher „Meinung?“ Ich habe keine „Story“ gefunden.

Und darf ich noch ein Wort zur Gestaltung verlieren?

Unter den schrecklichen Symbolbildern zu „Sicherheit“ genießen Sicherheitsschlösser große Beliebtheit bei den „alten“ „neuen“ Medien – aber auch bei diesem hippen frischen Angebot?

Screenshot: http://www.bento.de/gadgets/warum-wir-auf-whatsapp-verzichten-sollten-88782/ (11.11.2015)

Screenshot: http://www.bento.de/gadgets/warum-wir-auf-whatsapp-verzichten-sollten-88782/ (11.11.2015)

Seufz. Auch. Wie RP-Online oder focus.de. Originell.

Das dritte Bild habe ich dann gar nicht verstanden, außer nach dem Internet-Motto: Katzen gehen immer? Und das leere Display ist auch toll.

Screenshot: http://www.bento.de/gadgets/warum-wir-auf-whatsapp-verzichten-sollten-88782/ (11.11.2015)

Screenshot: http://www.bento.de/gadgets/warum-wir-auf-whatsapp-verzichten-sollten-88782/ (11.11.2015)

Am Ende dann: Lala perfekt, Mädchen geht mit Luftballons die Straße entlang. Lala.

Liegt’s an der billigen Bildquelle? Das wäre zu einfach.

Screenshot: http://www.bento.de/gadgets/warum-wir-auf-whatsapp-verzichten-sollten-88782/ (11.11.2015)

Screenshot: http://www.bento.de/gadgets/warum-wir-auf-whatsapp-verzichten-sollten-88782/ (11.11.2015)

Ich weiß nicht, wohin das führen soll. Die Autorin, Fachgebiet „Religion, Musik und Filme“ hat dem Ressort „Tech“ mal keinen großen Gefallen getan. Vielleicht funktionieren solche Texte ja. Ganz sicher wenn sie auf SPON verlinkt werden. Die Klickzahlen sind voraussichtlich ok. Aber dennoch sollte sich das Angebot mal fragen: Was soll das?

 

 

Ergiebiger und ausführlicher hat sich noch noch Torsten Dewi mit bento beschäftigt, und zwar hier und hier. Schön klingt „Spiegel-Kindergarten“.

 

 

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