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Journalisten sind versoffen, leben ungesund und zitieren jede Sch… Studie

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E-Mails und Social-Media-Teilungen von Freunden. Höhöhö. Top-Story im Xing-Newsletter. Viraler Hit.

Screenshot Xing Newsletter 1.6.2017

Studie bescheinigt Journalisten einen ungesunden Lebensstil. Studie. Bescheinigt. Läuten denn um Himmels willen gar keine Alarmglocken bei den Journalisten (nein, die liegen wahrscheinlich besoffen in der Ecke, hähäh).

„Gefunden“ hat die Studie wohl das Clickbait-Portal „Business-Insider“.

Screenshot: http://www.businessinsider.de/journalisten-trinken-zu-viel-und-kontrollieren-ihre-gefuehle-nicht-2017-5

Ich will aber nicht versäumen anzuerkennen, dass hier sehr sehr vorbildlich die „Studie“ verlinkt worden ist. Das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit, auch bei den Online-Medien großer Marken. (Business-Insider gehört zu Springer, nicht aber zu einem der Blätter des Hauses und muss sich daher alleine einen Namen machen) Meedia, im Newsletter zitiert, macht so was natürlich nicht: der gemeine Leser könnte ja den Artikel auf Nimmerwiedersehen verlassen.

Was ich verstehen könnte, denn die „Studie“ (Original) hat wirklich eine sehr sehr schmale Datenbasis. Meedia schreibt ja schon:

Die qualitative und nicht repräsentative Langzeituntersuchung mit 40 Journalisten, deren Ergebnisse die britische Neurologin Tara Swart gerade veröffentlicht hat, bescheinigt den Teilnehmern einen ziemlich ungesunden Lebensstil mit unerfreulichen Nebenwirkungen.

40?  Seriously? Journalisten schreiben über Studien, an den 40 Probanden teilgenommen haben?

Ach was, es waren keine 40, so die „Studie“:

Ultimately, failure to complete all the elements in the required time limit meant that a total of 21 participants completed every element, and a further 10 completed some elements of the study

Also: Ursprünglich sollten 40 Journalisten bei der „Studie“ mitmachen, aber nur 21 haben an jedem einzelnen Teil der Studie teilgenommen. 21. Weitere zehn haben „einige Teile der Studie“ absolviert. Ergo neun der 40 gar nix davon.

Wir reden also von der Fallzahl: 21.

Gut ist im Folgetext der „Studie“, dass dann nur noch von Prozentzahlen die Rede ist. Absolute Zahlen wären auch zu albern. So würde nämlich aus dem Text:

41 Prozent der Probanden gab an, mehr als 18 Einheiten Alkohol in der Woche zu konsumieren. Das sind vier Einheiten mehr als empfohlen. Weniger als fünf Prozent von ihnen trank ausreichend Wasser.

Diese Übersetzung:

9 Probanden gab an, mehr als 18 Einheiten Alkohol in der Woche zu konsumieren. Das sind vier Einheiten mehr als empfohlen. Nur einer von ihnen trank ausreichend Wasser.

Bullshit. Und wer empfiehlt eigentlich 14 Einheiten Alkohol pro Woche zu konsumieren.

Die WELT hat immerhin auch die Studie gelesen, wischt aber die 21 Probanden schnell von Tisch:

Ein schwacher Trost ist die geringe Zahl der Probanden Tara Swarts: Nur 21 Journalisten von den 90 Bewerbern absolvierten alle Tests (zehn nur Teile davon) über einen Zeitraum von sieben Monaten.

Das ist kein schwacher Trost, das belegt den Schwachsinn. Aber besoffen von der eigenen Fähigkeit zu drastischen Formulierungen kann der WELT-Journalist Uwe Schmitt für den Artikel „In ihrer Dehydriertheit gleichen Journalisten Greisen“ das Wasser nicht halten. „Lesezeit: 3 Minuten“ serviced der Artikel. Danke. Waren drei Minuten zu viel.

Das bedeutet doch: selbst wenn Journalisten nachlesen, wie schwach eine „Studie“ aufgestellt ist: passt das Ergebnis in ein Attraktionsschema, dann muss doch eine Weiterverbreitung her. Nur so schaffen es viele Studien überhaupt in die Medienlandschaft.

Wie die Probanden überhaupt in die Studie kamen, ist unklar. Es sieht so aus, als habe die Autorin mal 90 ihr bekannte Journalisten angeschrieben, die ersten 40 die sich zurückgemeldet haben, waren im Panel, und die haben das ja alles schon nicht ernst genommen – wie man an der Verweigerungsqoute sieht.

90 journalists applied to take part in the study (…). 40 journalists were selected on a first come first served basis, from across newspaper & magazine, broadcast and online.

Tara Swart ist Autorin der „Studie“, hier die Webseite. Sie verdient als Coach für große Unternehmen anscheinend recht gutes Geld, angeödet von den normalen Business-Coaches suchen alle Unternehmen nach originellen Ansätzen für neue Management-Spielchen, und da kommt eine Medizinerin und Neurologin gerade recht, das Anwenden von Hinrforschungsergebnissen auf alle möglichen Lebensbereiche ist ohnehin gerade extrem hipp. Das Versprechen könnte größer auch nicht sein:

Just as athletes train their bodies to be able to perform at an elite level, I help leaders in business to achieve a competitive edge by understanding and improving the physical condition of their brains.

Tschaka, Tschaka auf medizinischem Level, oder?

Es ist sicher schon ein bisschen merkwürdig, ein solches Papier als „Studie“ zu verkaufen, aber Frau Swart legt Methodik und Stichprobengröße vorbildlich offen. Journalisten schieben fragwürdige Methoden und kleine Fallgruppen dann gerne zur Seite. Immer, und immer wieder. Dafür brauche ich keine Studie, ich muss nur in meine Timeline sehen.

Ich will nicht verhehlen, dass mich das an einem Tag, an dem mehr über Cofefe und diese Studie geredet wurde als über die eskalierende Auseinandersetzung zwischen Schäuble, EU und Griechenland über weitere „Sparanstrengungen“, an meinem Berufsstand verzweifeln lässt.

 

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