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#journalismus: Obdachlosigkeit/Wohnungslosigkeit

Natürlich gibt es auch viel guten Journalismus. Einer der wichtigsten Artikel aus den vier Wochen ZEIT-Probeabo, die ich mir mal wieder gegönnt habe, war dieser hier: Ungezählt
Lebten im vergangenen Jahr 860.000 Menschen in Deutschland auf der Straße?

Denn unbestreitbar geht es hier um eine erhebliche und wichtige Frage für dieses Land und die widerstreitenden Behauptungen „Es geht uns doch gut“ und „es geht sozial alles den Bach runter“. Neu waren die Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohungslosenhilfe (BAG W). Und der genannte Artikel schaut sich das, was sonst so eine Meldung ist, mal genauer an. Die Kurzmeldung in Nachrichtensendungen oder Einspalter auf Titelseiten könnten so lauten:

Die Zahl der wohnungslosen Menschen ist in Deutschland im vergangenen Jahr stark gestiegen: Insgesamt waren 2016 etwa 860.000 Menschen ohne Wohnung, wie die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) mitteilte. Im Vergleich zum Jahr 2014 habe sich die Zahl damit um 150 Prozent erhöht. Als wohnungslos gilt, wer keine dauerhafte Wohnung hat und stattdessen in Unterkünften lebt, in denen der Aufenthalt zeitlich begrenzt ist.
Laut BAG W handelt es sich bei 440.000 aller wohnungslosen Menschen um Flüchtlinge. Sie werden in der Schätzung für das Jahr 2016 erstmals in der Statistik berücksichtigt, was ein Grund für den starken Anstieg im Vergleich zu 2014 ist. Allerdings ist die Zahl der Wohnungslosen auch ohne Berücksichtigung der Flüchtlinge in den vergangenen beiden Jahren um etwa 25 Prozent von 335.000 auf 420.000 gestiegen.

Schon seit langem hat mich interessiert: Wie kommt diese Zahl zu Stande? Und vor allem: warum gibt es denn keine offiziellen Zahlen dazu? Wenn die Bundesregierung auf Anfragen im Bundestag nach Zahlen zur Zahl der Wohnungslosen auch nur mit den Zahlen der BAG W antworten kann, dann stellt sich die Frage: warum?

Der oben verlinkte Artikel gibt Antworten auf die drängenden Fragen hinter den reinen Zahlen. Und gehört damit zum unbedingten Hintergrundwissen für alle, die in den kommenden Jahren erneut mit der Frage nach Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit befasst sein werden. Alleine schon beides auseinanderzuhalten überfordert nach meiner Einschätzung viele Journalisten: Nicht, ja, bei weitem nicht jeder Wohnungslose sitzt auf der Straße. Die Kernpunkte:

  • Grundlage der Schätzung der BAG W ist einer Fortschreibung einer Studie des Bundesbauministeriums – aus dem Jahr 1992.
  • „Die Zahl der Obdachlosen wiederum beruht auf einer Art Erfahrungswert: Erhebungen in einzelnen Städten hätten ergeben, dass es in etwa viermal so viele bei freien Hilfseinrichtungen untergebrachte Alleinstehende gibt wie Obdachlose. Die Zahl der Menschen auf der Straße wird daher geschätzt, als ein fester Anteil aus dem Schätzwert der Menschen ohne Wohnung.“
  • NRW versucht, eigene Zahlen zu erfassen – „2016 zählte man zum Stichtag am 30. Juni rund 25.000 Wohnungslose. In Nordrhein-Westfalen lebt knapp ein Viertel der deutschen Bevölkerung, bundesweit käme man grob überschlagen auf rund 115.000 Wohnungslose. Bei der BAGW heißt es, man rechne nicht mit Stichtagen, sondern bezogen auf das Gesamtjahr. Man müsse deshalb die Zahlen etwa verdoppeln, damit sie mit der BAGW-Schätzung vergleichbar seien.“
  • Das bedeutet: die BAG W zählt, wie viele Menschen im Laufe eines Jahres auch nur einen Tag wohnungslos waren – auch wenn diese inzwischen schon wieder eine Wohnung haben. Das sorgt für tendenziell höhere Zahlen als eine Stichtagsregelung.
  • Sowohl die BAG W, die um die Probleme bei der Erhebung weiß, als auch einzelne Politiker fordern, dass der Staat, die Kommunen und am Ende auch der Bund mit seinem „Armutsbericht“ die Zahl besser erfassen müsste.
  • Aber: Sobald der Staat von einem Problem tatsächlich weiß, müsste er etwas tun. Der Schwarze Peter liegt dann bei der Gesellschaft und der Politik. Im Augenblick können sich zumindest auf Bundesebene Politiker hinter „man weiß es nicht so genau“ und „dafür sind die Kommunen zuständig“ verstecken.

Dabei nimmt die Politik billigend in Kauf, dass das Bild des asozialen Deutschland auch deutlich überzeichnet sein kann, ja, wahrscheinlich sogar ist. Und deshalb ist dieser Artikel aus der ZEIT mein Favorit aus dem November 2017. Und Beispiel für wirklich guten Journalismus.

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