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Fischer vs. Burmester – Männlicher oder weiblicher Journalismus? Oder einfach kritisierbarer Journalismus?

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Vielleicht muss ich diesen meinen Tweet ein bisschen erläutern:

Es geht um diese Kolumne von Silke Burmester beim Deutschlandfunk Kolumnisten muss man sich auch leisten können

Im Tweet verlinkt seine Erwiderung, und hier die Quelle allen Übels: Das Sternchen-System: Thomas Fischers Zeit-kritische Anmerkungen zum Medien-„Tribunal“ gegen Dieter Wedel

Die Vorgeschichte: Thomas Fischer ist Ex-BGH-Richter. Er hat(te) eine Kolumne bei Zeit-Online, und dem Internet gemäß immer sehr viel Platz, seine Gedankengänge zur Entfaltung zu bringen.

Aus meiner Sicht sind es in der Regel folgende Hauptthemen, die er dabei perpetuiert:

  • Das geringe Allgemeinwissen über Juristerei im Allgemeinen und Strafrecht im Besonderen, in der Gesellschaft, aber vor allem bei Journalistinnen und Journalisten. Richtig unter die Decke bekommt man ihn mit der falschen Verwendung von Fachtermini. Gut, das kann einem bei einem eingefleischten Physiker auch passieren, nur wird dessen Fachvokabular nicht in allen möglichen gesellschaftlichen Debatten falsch bis mißbräuchlich verwendet (außer wohl in der so genannten Klimadebatte).
  • Die entweder absichtlich oder fahrlässig irreführende Verwendung von Statistiken, Studien und Umfragen – durch politische Parteien oder durch, schon wieder, Journalisten. Wie auf dem Fachgebiet der Jurisprudenz ist auch auf dem Fachgebiet der Empirischen Sozialforschung gesundes Halbwissen Trumpf. Häufig sind es bei ihm Probleme in der Auslegung der verschiedenen Kriminalitätsstatistiken, die seinen wortreichen Unmut erregen. Und immer dann, wenn er etwa der AfD oder den Innenministern unlauteren Umgang mit Zahlen, Daten, Fakten (ZDF) vorwirft, dann kann er sich des „linksliberalen“ Applauses auch sicher sein.
  • Der Ruf nach „strengeren Gesetzen“ und das grundsätzliche Mißtrauen oder der Ärger über die angeblich zu lasche / zu strenge / auf jeden Fall zu… Justiz. Nicht dass in seinen Augen alles gülden mit der Dritten Gewalt sei, dass ihr aber grundsätzlich zu wenig zugetraut wird, das nervt den Ex-BGH-Richter ganz gewaltig. Immer wenn nach irgendwelchen Vorkommnissen (etwa der Silvesternacht in Köln, na, bekommen wir die Jahreszahl noch hin) laut nach mehr Polizei und schärferer Justiz und neuen Gesetzen gerufen wird, dann ist Fischer ungelaunt.

Er fand schon Böhmermanns Erdogan-Gedicht ungehörig, und in der #aufschrei-Debatte verteidigte er das vorhandene Gesetzesinstrumentarium als ausreichend und empfand mediale aber nicht strafrechtliche Aufarbeitung von sexueller Belästigung als problematisch. Im Hintergrund: die Tatsache, dass das Strafrecht eine „Verjährung“ vorsieht, findet er als anscheinend einer der letzten Publizisten sinnvoll, weil er weiß, dass Taten, die einen bestimmten Zeitraum zurückliegen, kaum für alle Seiten sinnvoll aufzuklären sind, und im Sinne des „Rechtsfriedens“, so unbefriedigend im Einzelfall das sein mag, abzuhaken sind.

Nun sind seine Texte keineswegs juristische Erbauungsaufsätze, sie leben auch zu einem Gutteil davon, dass diejenigen, die er kritisiert, auch polemisch das ein oder andere mehr so nicht sachliche Argument um die Ohren gehauen bekommen, immer sprachlich elaboriert, aber unzweideutig und sicher öfter sehr schmerzhaft für den oder die Betroffenen. Dass er aber Finger in Wunden legt, das darf man ihm nicht absprechen. Ich finde engagierte Texte von Juristen in aller Regel sehr anregend, da diese ja rhetorisch und logisch geschult sind – wenn man anderer Meinung ist, dann muss man sein Gehirn anstrengen, um den Knackpunkt zu finden.

So machte er das für die ZEIT lange Zeit. Hier eine Übersicht der Rubrik „Fischer im Recht“.

Und hier zur Übersicht seiner Beiträge für die gedruckte ZEIT bzw. ZEIT+

Nun hat er im Artikel Das Sternchen-System wenig überraschend wenig gute Haare an der Berichterstattung der ZEIT über die mutmaßlichen sexuellen und gewalttätigen Übergriffe des Dieter Wedel gelassen. Überwiegend aus den grundsätzlichen Erwägungen, die nahezu alle seine Kolumnen prägen. Das hat er dann auch auf seine eigene Art deftig formuliert und dabei vor allem aufgespießt, mit welchen Selbstverständnis Journalisten an eine solche Berichterstattung herangehen: als Verdachtsberichterstatter, die am Ende die Entscheidung über Schuld und Unschuld Gerichten, zumindest aber dem Leser überlassen? Oder als Staatsanwälte und Richter in einer Person – wenn möglich ohne die lästige Pflicht, auch Entlastendes zusammenzutragen?

Fischer arbeitet sich am Text ab, aber auch an einem Interview mit einer bearbeitenden Journalistin, seziert die angeblichen

erdrückenden Beweise

die ja so vorgetragen werden, als habe man sie nach allen Regeln der strafermittelnden Kunst zusammengetragen. Dem widerspricht Fischer.

Und um den Schlenker zu komplettieren, weil am Ende immer von einem frauenverachtenden „System“ die Rede ist, zitiert er ZEIT-Artikel, in denen Frauen auch keineswegs vorurteilsfrei begegnet wird. Deswegen: das „Sternchen“-System:

Für so genannte Sternchen halten die Massenmedien seit jeher die Vernichtungs-Maschine bereit, die die Träume des Starseins in die Welt der Supermarktkasse und des Dschungelcamp zurückholt: Wenig Geld für harte Arbeit. Hierher  kommen die „Sternchen“, hierhin fallen sie zurück, sobald sie als VersagerInnen entlarvt sind. „Das 24jährige Sternchen“, so lasen wir tausendmal unter den einschlägigen Fotos, „ging nach Hollywood“, konnte dort aber keinen Produzenten überzeugen. (Fast) alle so genannten „Sternchen“, von denen ich jemals las oder hörte, waren weiblich (Ausnahme: Zeit, 1. 3. 2001). Noch die spießigste „Moderatorin“, die durchs Fernsehstudio stöckelt, schwatzt verächtlich über „Sternchen“. Das ist kein Zufall, und auch nicht nur ignorante Kleinkariertheit. Die verächtliche Kategorie wird mit besonderem Nachdruck von Frauen auf Frauen angewandt, und stets mit sexualisiertem Unterton. Niemand nennt eine Frau „Sternchen“, die es nicht schafft, Abteilungsleiterin zu werden.

Die beiden zitierten ZEIT-Fundstellen sind fies, Fischer insinuiert: wenn es ein frauenverachtendes „System“ gibt, dann sind es die Medien, und dann ist es auch die ZEIT, die dabei mitmachen.

Okay, langer Rede kurzer Sinn: dieser Text war für die ZEIT inakzeptabel, er erschien bei MEDIA, Fischer war die längste Zeit ZEIT-Kolumnist.

Das ist eine recht traurige Wendung. Man muss Fischer ja nicht vollumfänglich zustimmen, aber könnte es die „linksliberale“ ZEIT nicht aushalten, auch mal die eigenen „Blockbuster“-News zu hinterfragen oder hinterfragen zu lassen?

Aber das führt jetzt alles schon zu weit. Silke Burmester reduziert in ihrer unnachahmlichen (Quatsch) Art das ganze auf: Chauvi verteidigt Wedel, alter Sack gegen arme Frauen. Und das im Deutschlandfunk so kackendreist, wie nur möglich. Nicht nur Fischer kann sich besonders über diesen Satz aufregen:

 So klug Thomas Fischer ist, sein Text war ein Griff ins Klo.

Denn jetzt, ja jetzt, käme bei einem echten journalistischen Text die Begründung, warum Fischers Auslassungen so daneben waren. Doch es folgt dieser Satz:

Aber darum geht es nicht.

Echt jetzt? Zusammenfassend stellt Burmester nur fest, dass Fischer gemein zu den Journalisten der ZEIT und auch zu den „möglichen Opfern“ gewesen sei. Immerhin, „möglichen“. Ich weiß das zu schätzen.

Der Satz, der dann mich vielleicht noch mehr als Fischer aufgeregt hat:

Weil ich eine ordentliche Journalistin sein möchte, habe ich bei der „Zeit“ angerufen und mit Sabine Rückert, der stellvertretenden Chefredakteurin gesprochen.

Das unordentliche an der Journalistin ist dann, dass sie ausweislich der Replik Fischers keineswegs die andere Seite gehört hat, spricht ordentlich mit Fischer gesprochen hat. Dass Fischer jetzt Gift und Galle spuckt: wenig überraschend.

Typisch Burmester dann der letzte Absatz:

Jetzt lasse ich es mal egal sein, liebe Hörerinnen und Hörer, wer wann was wo gesagt hat –

soll heißen: alle Fakten mal beiseite lassen. Lesen ist anstrengend, Recherche macht müde, Texte analysieren und Analysen zu schreiben: das lohnt sich nicht.

ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen Aspekt lenken, der mir Sorge bereitet: Es fällt ja auf, dass es vor allem alternde Herren sind, die im Journalismus auf einmal ausschlagen. Die ihre liberale oder linke Haltung aufgeben, die die weibliche Emanzipationsbewegung nicht länger aushalten, schräges Zeug schreiben und destruktiv werden. Vielleicht steht dies in Relation zu abnehmender Potenz, das weiß ich nicht.

Herr Fischer ist nun kein Journalist, nie gewesen, da steckt ja schonmal eine falsche Grundannahme drin. Das Fischer „schräges“ und „destruktives“ Zeug schreibt, die Mühe das zu belegen, die macht sich Burmester lieber einmal nicht, siehe oben „mal egal“. Stattdessen wird es in einer Art und Weise perfide – so perfide kann der Fischer-Text gar nicht gewesen sein. Kehren wir, Gedankenexperiment, das mal um in eine Formulierung von „frigider Zicke, das weiß ich nicht“ und schon wird klar, dass sich das kein Mann irgendwo, und wahrscheinlich auch nicht beim Deutschlandfunk, herausnehmen kann, so etwas zu schreiben.

Damit hat sich Silke Burmester dann mal wieder aus dem Spektrum der auch nur einigermaßen lesenswerten Journalistinnen verabschiedet, darf sich über einschlägigen Applaus und auch einschlägige Abneigung freuen.

Alte weiße Männer sind ihr Hauptthema, da passe ich ja auch hinein. Dieser Kampf wird erst Zuende sein, wenn die alten weißen Männer durch mittelalte lesbische weiße Frauen ersetzt sind. Habe ich das jetzt richtig verstanden? Das weiß ich nicht.

Mit Niveau hat das ganze auf jeden Fall nichts zu tun, ich denke mir allerdings, das Honorar für eine Kolumne im Deutschlandfunk lässt es auch gar nicht zu, sich intellektuell länger als 15 Minuten mit einem Thema zu beschäftigen. Dann geht es halt immer, seine üblichen Deutungs- und Welterklärungsmuster zu ziehen. Ist schneller, aus der Hüfte geschossen und Applaus, Applaus, auch den gibt es.

 

Und alle anderen sind eh blöd. Oder ok?

 

Auf welchem Niveau bewegen wir uns hier eigentlich …

 

Photo by Jamison Riley on Unsplash

 

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