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Facebook ist böse, Datenschutz aber auch – sagen die Verleger oder zumindest die FAZ

Das wäre alles so super: Facebook steht in der Kritik und am Pranger und unter Beschuss und alles Mögliche, und damit endlich mal einer dieser furchtbaren Konzerne (die anderen sind Google, Apple und Amazon), die den deutschen Medien angeblich so unfair das Leben schwer machen. Hurra, auf sie mit Gebrüll, könnte man denken, endlich zahlen wir Facebook seine Kundenorientierung und seine Werbepower heim. Kaum vorzustellen, mit welchem Schaum vor Mund ein öffentlich-rechtliches Gebilde unmissverständlich seine Übeltaten vorgehalten bekäme: Datenschutz! Abfischen von Freundesdaten! Aussitzen der Affäre!

Also wird in den Kommentaren Facebook, sagen wir mal, gerügt. Etwa bei diesem hier von Patrick Bernau Facebook ohne Freunde:

Für Facebook ist das eine gefährliche Entwicklung. Den Aktionären ist das nicht entgangen. Der Kurs des Unternehmens hat in der vergangenen Woche rund ein Siebtel verloren. Auch der Firmengründer Mark Zuckerberg musste reagieren: Er denkt öffentlich darüber nach, ob Regulierung nicht doch gut wäre. Wenn der Chef auf Gesetze hoffen muss, um das Vertrauen seiner Kunden zurückzugewinnen, dann steht es schlecht um ein Unternehmen.

Wieso so zahnlos? Verständnisvoll? Mitleidig? Der letzte Absatz:

Eigentlich sind die Gesetze heute schon recht umfassend, zumindest was den Datenschutz angeht. Was Cambridge Analytica getan hat, war nicht erlaubt. Facebook hat das Gebaren seines Geschäftspartners nicht richtig kontrolliert. Doch es sind schon Regelungen erlassen worden, die in solchen Fällen Wirkung zeigen sollen. Von Ende Mai an greift die neue europäische Datenschutz-Grundverordnung. Sie sieht heftigere Strafen als heute vor, wenn Unternehmen den Datenschutz nicht ordentlich durchsetzen. Sie gilt auch für Facebook und Co. Allerdings bringt sie auch die halbe europäische Unternehmenswelt durcheinander, weil überall Techniker und Datenschutzbeauftragte damit beschäftigt sind, die vielen Regeln der Verordnung zu erfüllen. Sie hat mehr als 50.000 Wörter.

Das ist keine gute Ausgangslage für eine Debatte. Neue Regeln sind schon beschlossen, aber noch nicht in Kraft. Politik und Öffentlichkeit sind verärgert, Gegenargumente haben es da schwer. In solchen Situationen werden manchmal die größten Fehler gemacht. Europa steht längst nicht mehr nur mit Amerika im Wettlauf um die digitale Zukunft, sondern auch mit China. Wer jetzt ohne Nachdenken die Fesseln der Regulierung noch enger schnürt, der läuft Gefahr, die neue digitale Technik insgesamt unbeweglich zu machen.

Genau, das Problem sind nicht die Daten der Facebook-User, das Problem sind Datenfesseln.

In der gleichen Ausagabe vom 26.3.18 darf sich auch Hendrik Wieduwilt im Wirtschaftsteil kommentierend äußern. Auch hier: alles schlimm, aber schlimmer noch:

FAZ vom 26.8.18

Tragisch: es hatte lange gedauert, bis sich die Öffentlichkeit von der Hysterie der Volkszählungsdebatte in den Achtzigern erholt hatte. Endlich richtete sie den Blick auf die Vorteile der Digitalisierung (…) Wann immer jemand gegen schärferen Datenschutz, gegen Formularwahnsinn und Dokumentationspflichen argumentiert, wird er bei Entscheidern auf taube Ohren stoßen. (..) Doch auch Europa setzt auf Digitalisierung, Algorithmen, Plattformen. Facebooks Albtraum ist auch unser Albtraum.

Der 1980 geborene Autor wird von der „Hysterie“ der Volkszählungsdebatte wenig mitbekommen haben, mit „Digitalisierung“ hatte das alles wenig zu tun, und das vom Bundesverfassungsgericht artikulierte „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“ sollte als gesellschaftliche Errungenschaft nicht einfach in den Orkus gekippt werden, nur weil Europa auf „Digitalisierung“ setzt – eines der Wörter, das mich immer mehr ratlos zurücklässt, weil im jeweiligen Zusammenhang jeder etwas ganz anderes darunter versteht.

Doch wen meint er, wenn er schreibt „Facebooks Albtraum ist auch unser Albtraum“? Wer ist „unser“?

Die Antwort liegt nicht sofort auf der Hand, ist aber mit diesen beiden Meinungsartikeln klar geworden: hier sehen die Verlage Grund, nicht in die Kritik einzustimmen sondern ganz vorsichtig zu sein, denn man selbst ist gerade hinter den Kulissen eifrig dabei, und manchmal auch auf der Bühne, gegen Datenschutz zu lobbyieren. Es geht um die Eprivacy-Verordnung. Einen Überblicksartikel gibt es hier bei W&V.

Was wäre neu?
Cookie-Tracking Im Moment gilt in Deutschland die Opt-out-Lösung und es reicht hierfür eine Pseudonymisierung der Daten. Dazu werden die Nutzer vereinfacht zu (Ziel-)Gruppen zusammengefasst. Ein Rückschluss auf das Verhalten des Einzelnen darf hinterher nicht mehr möglich sein. Das reicht für Werbezwecke völlig aus. Alles andere wäre Direktmarketing und erfordert eine Zustimmung. Um Profildaten jedoch künftig zu erheben, bedarf es zwingend einer ausdrücklichen Zustimmung. Es wird keine Unterscheidung zwischen pseudonymem und personenbezogenem Tracking geben.

Die Verleger sehen ihr Werbemodell vor dem Aus, wenn man den Werbetreibenden nicht mehr versprechen kann, dass man mit ausgefeiltem Targeting arbeitet. Dass das ohnehin mehr eine Lüge als irgendetwas anderes ist, das sei dahingestellt. Dazu das Editorial „Das heitere Kundenraten“ der c’t.

Und sind vorsorglich extrem: sauer. Verleger warnen vor Eprivacy-Verordnung. Die Finanzierung der freien Presse ist in Gefahr.

Also können die Zeitungen jetzt gar nicht mit Facebook umspringen wie sie gerne möchten.

„Sämtliche Dienste der Informationsgesellschaft sind betroffen, die Finanzierung kostenfreier Inhalte im Internet wird nicht mehr oder nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand möglich sein“, kritisiert BVDW-Vizepräsident Thomas Duhr.

Also übersetzt: die Verleger verdienen nur Geld, wenn dubiose Werbevermarkter mit allen Tricks Profile erstellen – obwohl der Nutzer das nicht will und das etwa per „Do not track“-Flag im Browser signalisiert. Was alles geht: hier der Artikel Tracking-Methoden werden brutaler, Browser-Hersteller schauen weg

Was nicht alles die Verleger so in den Ruin treibt. Der Mindestlohn für Zeitungsausträger. Die Notwendigkeit, Redakteuren ein Gehalt zu zahlen und ab und zu die Löhne anzuheben. Oder zuletzt Rentenversicherungsbeiträge für Zeitungsausträger. Ja, im Ernst. Steht im Koalitionsvertrag

„Zur Sicherung der bundesweiten Versorgung mit Presseerzeugnissen für alle Haushalte – in Stadt und Land gleichermaßen – wird bei Minijobs von Zeitungszustellerinnen und Zeitungszustellern der Beitrag zur Rentenversicherung, den die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber zu tragen haben, befristet für die Dauer von fünf Jahren bis zum 31. Dezember 2022, von 15 auf fünf Prozent abgesenkt.“

Was für eine Branche.

 

Übrigens handelt Google anscheinend schneller als die EU: Google kündigt drastisches Maßnahmenpaket zum Datenschutz an

Alternativ zur gängigen Cookie-Praxis will Google nun ein Werbeangebot auf den Markt bringen, das auf personalisiertes Targeting komplett verzichtet.

Solche Änderungen gab es auch in der Vergangenheit. Google hatte bereits 2014 von seinen Kunden verlangt, dass eine Zustimmung der Nutzer vorliegen muss. Es wird jedoch deutlich, dass das Unternehmen von seinen Partnern verlangt, die Zustimmung zur Datenverarbeitung nachweisbar zu machen und Nutzern zu verdeutlichen, wie sie ein Opt-out nutzen oder Daten löschen können. Nur diese Schritte werden aufgrund der Anforderungen der DSGVO nicht so einfach umzusetzen sein.

Vielleicht naht die Zeit, dass endlich mit dem unkontrollierten Tracken Schluß gemacht wird.

 

 

 

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