Wie er die Welt sieht

Subjektive Realitäten überall

Ein Leserbrief von mir – an die Macher der DJV-Zeitschrift Blickpunkt

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[Update 9.7.2013] Ich habe eine Antwort E-Mail auf meinen Leserbrief erhalten, von Hans-Ulrich Heuser, dem DJV Landesvorsitzenden Hessen. Die Nachricht umfasst ungehaltene 41 Wörter. Hier veröffentlichen soll ich sie nicht, so die Auskunft auf Nachfrage. Zusammengefasst äußert er seinen Unmut darüber, meine Zeilen lesen zu müssen. Äußert eine Vermutung über die Anzahl meiner Sozialkontakte . Und versichert mich seines Mitgefühls.

Wenn so eine professionelle Antwort auf, meinetwegen auch lästige, unqualifizierte, unverschämte oder wie auch immer ärgerliche Meinungsäußerungen aus der Zielgruppe aussieht, dann vermag ich auch nur mit den Schultern zu zucken. [/Update]

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

am 5. Juni 2013 ließ ich mich anlässlich des Erscheinens der aktuellen Ausgabe des JOURNALIST per Twitter zu einem Bekenntnis hinreißen:

 

Denn das Blatt, das ich als DJV-Mitglied automatisch erhalte, hat sich in den letzten Jahren zur spannenden Lektüre gemausert. Lange Interviews mit Medienmachern, Hintergrundtexte zu journalistischem Handwerk und vor allem zur Medienlandschaft, ob Print, Hörfunk oder Fernsehen und Internet. Nicht alles glänzendes Gold, aber vielfach abwechslungsreich und erkennbar mit journalistischem Anspruch für Journalisten gemacht.

Kommen wir zu etwas  ganz anderem: neben dem JOURNALIST erhalteich viermal im Jahr auch die Print-Publikation des DJV-Landesverband Hessen. Sie heißt BLICKPUNKT. Und ist so ziemlich das genaue Gegenteil vom JOURNALIST.

Seit Jahren schwanke ich beim BLICKPUNKT zwischen zwei Polen: gar nicht mal ignorieren. Und mich drüber ärgern. Mit der aktuellen Ausgabe war es mit dem Ignorieren vorbei.

Ein stetes Ärgernis, gefühlt seit Dekaden, ist das, was als „Kommentar“ bezeichnet wird und von Wolfgang Avenarius kommt. „Fernsehjournalist und Filmemacher, ist seit 40 Jahren anerkannter Sportfachmann.“

Avenarius hat aber die Kommentierung von Sport- oder sportjournalistischen Themen schon lange verlassen. Sein Thema ist … . Was eigentlich?

Auf knapp zwei Seiten und in 15 Absätzen geht es um:

Medien-Pranger, Steuerbetrug, Steuermoral, öffentliche Verschwendung, Atommüll-Endlagerung, geplante Obsoleszenz, Lebensmittelverschwendung, Menschenrechte, Hungerlöhne in Bangladesh, die Irak-Kriegs-Lüge, „Die Ehrlichen sind die Dummen“, Rechercheschwächen im Journalismus, Talkshows im Fernsehen, Product-Placement, die Justiz, Buschkowsky, Bankgewerbe, Politiker-Image, die Zukunft der Einzelhändler, „Die Grenzen des Wachstums“, Frauen-Quoten.

Echt jetzt?

Wollte man wohl, dann hielte man diese Themenkaskade für „ambitioniert“. Legt man journalistische Maßstäbe an, dann muss man zu dem Schluss kommen: Das geht gar nicht. Ich wage die Behauptung: aus diesen Stichworten kann niemand einen schlüssigen, spannenden, nachvollziehbaren Kommentar konstruieren.

Und so ist es dann auch. Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen Kommentierende immer mal gerne, manchmal ist es gerade der Reiz eines Kommentars, wenn scheinbar unzusammenhängende Gegenstände miteinander verknüpft werden – da darf der Kommentar der eigenen Logik mal folgen. Aber diesen Strauß an Stöckchen und Hölzchen?

Inhaltlich nur so viel: im ersten Absatz nennt Avenarius die Namen Guttenberg, Wulff, Steinbrück, Brüderle und Hoeneß und stellt fest, diese hätten am Medien Pranger gestanden. Und beschreibt die Ausgabe des folgenden Textes:

„Es soll hier nicht über Schuld oder Unschuld dieser Mitbürger gerichtet bzw. geurteilt werden, sondern nur Ursache und Wirkung im Verhältnis und Vergleich zu ganz anderen, oft nicht mehr nachvollziehbaren Entwicklungen und Ereignissen aufgezeigt werden!“

Schuld oder Unschuld, gerichtet bzw. geurteilt, Ursache und Wirkung, Verhältnis und Vergleich, Entwicklungen und Ereignissen.

Sehen Sie, was diesen Text unlesbar werden lässt? Abgesehen davon, dass ich die Abkürzung „bzw.“ für einen journalistischen Fließtext für unzumutbar halte (und damit stehe ich nicht alleine, siehe etwa Schneider:„Deutsch für Profis“), stören diese und/oder-Kombination den Textfluss. Der Unterschied zwischen gerichtet und geurteilt ist dabei so minimal, dass zumindest dieses „ bzw.“ vollkommen unangemessen erscheint.

Absicht des Autors scheint zu sein aufzuzeigen, dass ganz andere Themen an den Medien-Pranger gehören, wenn man sich die Aufmerksamkeit für die genannten Persönlichkeiten ansieht. Sagen tut er das nicht.

Ich will nicht inhaltlich auf die Tour de Force der Themen eingehen, die jetzt beginnt. Ich will auf die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten des Autors eingehen.

Absatz 2: „Jedes Jahr werden unfassbare 20 Billionen Dollar (…) legal an der Steuer vorbei manövriert und manipuliert.“

An der Steuer vorbei manipuliert? Das ist die Erfindung einer neuen Redewendung, die allerdings den Nachteil hat, dass sie gegenüber „An der Steuer vorbei manövriert“ keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn bietet.

Absatz 3: „der vom damaligen Kanzler gelästerte „Professor aus Heidelberg“. Schönes Deutsch geht anders. „Der damalige Kanzler lästerte über den „Professor aus Heidelberg.“ Hätte es auch getan.

Im fünften Absatz verlässt mich meine Textintuition, die inzwischen in beängstigender Weise aus dem, was Avenarius schreibt das zu übersetzen versucht, was er eigentlich gemeint haben könnte.

„Berechtigter „(sic!) Aufwand wird in letzter Zeit auch um die Atommüll-Endlagerung gemacht.“ Wird, vielleicht, Aufhebens gemacht? Aber wer macht den? Politik? Medien? Ich verstehe diesen Satz nicht.

Weiter dass man bereits vor Jahrzehnten (…) bis Mitte der Neunziger Jahre im Meer versenkt“ Ein Zeitbezug pro Satz sollte ausreichen.

Nächster Absatz: „Fast alle Elektrogeräte (…) werden mittlerweile auf End-Garantiezeit Verschleiß gebaut und verkonstruiert.“ End-Garantiezeit Verschleiß – ein stehender Begriff? Mir unbekannt. Verkonstruiert wirkt als neues Wort auch sehr konstruiert.

Wie in Absatz 7 dann von Hungerlöhnen auf die Irak-Lüge übergegangen wird, das ist, wenn man ein neues Wort gebrauchen möchte, brechstangig.

Das mit dem larmoyanten Jammern darüber, dass „Medien“ nicht mehr recherchieren, kann Avenarius durch eigene Recherchen nicht belegen, etwa ist das von ihm im Durchflug angesprochene Thema „geplante vorzeitige Alterung“ von Elektrogeräten nur ohne Recherche wirklich simpel zu behaupten. (Bitte, bitte, kommen Sie mir nicht mit dem Glühbirnenkartell)

Mein Lieblingssatz ist nun dieser

„Ähnlich wie im Printbereich, (sic!) pervertiert im Überlebens- und Existenzkampf auch das Fernsehen immer absurder.“

Das Fernsehen pervertiert immer absurder. Großartig. Und abgesehen davon darf man wieder fragen, wo der entscheidende Unterschied zwischen Überlebenskampf und Existenzkampf liegt, wenn man davon absieht, dass man es einmal eben mit einem Fremdwort und einmal eben mit keinem Fremdwort zu tun hat.

„Mindestens ein Buch (…) wird bei werbefreien Öffentlich-Rechtlichen immer gesponsert“. Ein „den“ würden „den Öffentlich-Rechtlichen“ und Lesbarkeit (Entschuldigung, der Lesbarkeit) gut tun. Aber stimmen die Fakten? Wird das Buch gesponsert, es fließen also Zahlungen an den Herausgeber?

Vielleicht wollte er promoted, beworben, werblich präsentiert sagen. Aber gesponsert?

Überspringen wir einen Absatz, dann

„Ähnlich wie im Bankgewerbe ist der eklatante Imageverlust der Politiker!“

Was soll das heißen? Haben die Politiker zuerst im Bankgewerbe an Image verloren, ehe es jetzt auch die breite Öffentlichkeit erreicht hat? Wie im Bankgewerbe.“ Und vielleicht wäre „Ansehensverlust“ besser als Imageverlust?

Genug der Textexegese. Was alleine eine Menge über den Text aussagt ist die Anzahl der eingestreuten Ausrufezeichen: es sind 38. Dreimal als „Doppelausrufezeichen“ !!. Auch in der angsteinflößenden Kombination mit dem Fragezeichen ?!.

Hier mal die Kommata auf der ersten Seite

Hier mal die Kommata auf der ersten Seite

Das ist nicht schlechter Stil. Das ist gar keiner. Inhaltlich bringt der Artikel, kennt man die früheren „Kommentare“ von Avenarius, nichts Neues.

Mein Vorschlag für die Zukunft der Kommentar-Kolumne: nehmen Sie die Sätze

„Früher war alles besser. Moderne Medien sind schlecht. Das Internet ist von Übel“

als Headline auf alle Seiten des BLICKPUNKT und sparen Sie sich ansonsten diese Beiträge. Denken Sie an die Bäume.

Und auch über viele andere Stellen im BLICKPUNKT kann ich nur den Kopf schütteln, denn unbeholfenes Hantieren mit der deutschen Sprache ist kein Privileg des Kollegen Avenarius.

Seite 4: „Wie weit ist Kassel – (sic!) von Frankfurt entfernt.(Sic!)“ Ein mysteriöser Bindestrich, ein fehlendes Fragezeichen.

„Ein Schelm, wer schrägt (sic!) denkt.“

Seite 24: „Leifer bat analog einem Parlamentsplenum drei Berichterstatter um Erklärungen.“ Parlamentarische Ausschüsse gönnen sich Expertenanhörungen, der EUGH Berichterstatter, Parlamentsfraktionen haben ihre Vertreter für Themenbereiche, aber welches Parlamentsplenum (!) erteilt Aufträge an Berichterstatter?

„Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass durch die Schmalspur des Themas (…)“ Was soll das sein? Ein Märklin H0-Zug? Minitrix?

„Deren Wohlfühlfaktor war unübersehbar, blieben doch beide Häuser ohne Gegenrede.“ Häuser ohne Gegenrede? Oder die  Positionen, Statements der Vertreter der Häuser?

Ich gebe langsam auf. Seite 32 „Print ist offenkundig eine prachtvolle Perspektive“ oder gilt eher, das Print eine offenkundig prachtvolle Perspektive „hat“?

Weiter „hinsichtlich dessen, was Bildung angeht und – mit Blick auf die Geschäftsmodelle – auch der Durchdringung der Lebenswelten jüngerer und älterer Menschen.“ Tja, da könnte man fast sagen, wenn es jüngere und ältere Menschen angeht, dann sind es ja vielleicht alle Menschen. Aber gab es da nicht durchaus Unterschiede in der Mediennutzung bei „Jüngeren“ und „Älteren“?

Lustig hier, wenn die Auflagenverluste von Printmedien hierzulande und in den USA dann mal nach globalem Ansatz durch die Zunahme von Auflage in Indien und China (über-)kompensiert wird. Ein Fakt, dicht am „Unnützen Wissen“ um die Lage beurteilen zu können.

Epilog

Wer sich fragt, warum denn so beckmesserisch, klugscheißend mit der braven Mitgliederzeitschrift umgehen, der schaue sich mal die Rubrik „Aufgefallen“ auf Seite 5 an, die sich wortreich an einer Videotext-Kritik versucht. Gleiche Münze, will man da sagen.

Vollkommene Verständnislosigkeit bricht bei mir dann auf Seite 15 aus, wenn ich lesen „darf“, dass „Uli Heuser seine Carina geheiratet“ hat. Potzblitz. Schön, dass auch der Schlussredakteur des BLICKPUNKT Wolfgang Marr unter den Gästen sein durfte. Denkt sich der Leser und versinkt in brütendes Schweigen. Das Frauenbild will ich gar nicht weiter hinterfragen, „seine Carina“.  (Eklig auch auf S.35 „Bühring ist leidenschaftlicher Motorradfahrer, seine Frau ganz mutig als Sozia immer mit dabei (..)“ Seine Frau ist, vollkommen frauenuntypisch, mutig und hat auch keinen Namen, ist ja auch nur die Frau von wem. Carina, da kannst Du mal sehen wie es kommt.)

Kaum unverhohlen Werbung dann noch für das Presseversorgungswerk, oder auch nur eine mühsam umgeschriebene PR-Mitteilung, denen man ja ansonsten als Journalist bitte nicht auf den Leim zu gehen habe. (Seite 22, die passende Anzeige dazu auf S. 15)

Mein Fazit: die „Lektüre“ des BLICKPUNKT ist seit Jahren ein Ärgernis, und dass ich hier so viel Zeit aufgewendet habe, um Ihnen aufzuzeigen, warum das so ist, ärgert mich schon wieder.

Werfen Sie einen Blick darauf, welchen Weg der JOURNALIST gegangen ist, und entscheiden Sie, was diese hessische Mitgliederzeitschrift in Zukunft sein soll. Ich werde das Blatt blättern, mehr aber auch nicht mehr. Wenn sie die Printausgabe einstellen: ich würde nichts vermissen. Wenn Sie gelesen werden wollen: machen Sie sich auf den Weg ins 21. Jahrhundert.

Und: gönnen Sie Herrn Avenarius den Ruhestand. Denn zu sagen hat er anscheinend niemandem mehr etwas.

Außer:  „Früher war alles besser. Moderne Medien sind schlecht. Das Internet ist von Übel.“

 

Schöne Grüße

Michael Scheuch

Auch erschienen und zur Diskussion freigegeben auf www.scheuch.de

 

5 Kommentare

  1. Lieber Michael,

    der Blickpunkt ist ein absoluter Krisenfall. Wenn Journalisten so etwas verbrechen, dann weiß jeder, wie es um den Journalismus bestellt ist. Deine Darstellung ist sehr detailreich, manchmal etwas zu detailreich. Dein Fazit ist korrekt. Dieses Druckwerk braucht kein Mensch. Es wird wohl als amtliches Bekanntmachungsorgan benötigt, aber auch hier kann sicher die Satzung geändert werden. Schlimm ist, am Rande bewerkt, dass der Blickpunkt auch für den DJV als Verein steht und sogar passt. Ich habe schon oft daran gedacht, aus diesem verstaubten Club auszutreten. Ich war bei einigen OV-Sitzungen dabei, habe es immer wieder versucht, und habe am Ende doch entschieden, die Zeit sinnvoller zu nutzen. Vielleicht gehen wir mal zusammen hin.

  2. Lieber Kollege,

    Ihre Meinung teile ich, wenn auch nicht in allen Teilen. Aber der Befund stimmt, grundsätzlich. Die Konsequenzen daraus? Reden Sie mit Uli Heuser und Wolfgang Marr, die das Blatt dominieren.
    Zur nächsten Redaktionssitzung am 10. Juli in Erfurt (liegt in Thüringen, wir gehören dazu) wird es hoffentlich eine kontroverse Diskussion geben. Und als Ergebnis, die unsäglichen Seiten aus dem „blickpunkt“ zu verbannen.
    Machen Sie mit. Liefern Sie spannende Geschichten. Nicht ganz so lang wie der Leserbrief.

    Kollegiale Grüße aus Erfurt von Michael Plote

  3. Michael Scheuch

    Danke für die Rückmeldung. Ich denke, dass der BLICKPUNKT ein paar Grundsatzentscheidungen nötig hat, was denn das Blatt sein will. Und dann muss man schauen, wer mit welchen Ressourcen ausgestattet das stemmen kann.

  4. Das nenne ich gründlich seziert. Respekt!

    Mangels Sachkenntnis will ich hier gar nicht mitreden, aber kann es sein, daß Verbandsblätter gelegentlich sowas wie ein Gnadenhof für altgediente Rösser sind, die anderswo nicht mehr zum Zuge kommen? Würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn in einem so nachrangig interessanten Medium keine Spitzenkräfte auflaufen.

  5. Pingback: (no) response | Wie er die Welt sieht

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