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Der Unterschied zwischen „Nachdenken“ und Journalismus

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Es gab eine Zeit, da gehört die Lektüre der Nachdenkseiten durchaus zu meinen Gewohnheiten, denn tatsächlich kamen dort Autoren und Gesprächspartner zu Wort, die einen den journalistischen Mainstream und seine eigene Position überdenken ließen. Nicht alles war nachvollziehbar oder zutreffend dargestellt, aber Persönlichkeiten wie Heiner Flassbeck kamen dort vor und durften gegen die ökonomische Mehrheitsmeinung antreten.

Seit geraumer Zeit sind die Nachdenkseiten nicht mehr dieses Korrektivmedium. Was Jens Berger und Albrecht Müller inzwischen veröffentlichen, das bewegt sich im Bereich des platten Anti-Amerikanismus, Putin-Verehrung und der immer wiederkehrenden Behauptung, die Eliten steuerten via manipulierende Medien die Gesellschaft so, dass man von einer Demokratie in Deutschland und anderen Staaten gar nicht mehr reden könne. Ich muss das so platt formulieren, weil es sich am Ende um die Essenz der Existenz dieses Angebotes handelt. Um den Vorwurf des Anti-Amerikanismus zu entkräften wird dann sicher auf amerikanische Autoren verwiesen, die Amerika kritisch sehen, aber was bedeutet es denn, wenn man da die (immer selben) Stimmen zu Wort kommen läßt? Differenzierte Darstellungen sind die Sache der Nachdenkseiten nunmal nicht, und vielleicht ist man deswegen ja auch so beliebt.

Die Nachdenkseiten behaupten, sie würden das deutsche Mediengeschehen „hart kritisch“ begleiten, aber alleine die Wortwahl in vielen Artikeln läßt das „hart“ hinter sich hin zum verunglimpfend beschimpfenden Tiradenabsondern. Die sich auf Dauer allerdings ermüdend wiederholend lesen. „Inkompetenz“ „Kampagne“ „Unterdrückung“ „Manipulation“ zusammen mit „unerhört“ bilden die Satzfragmente, die immer wieder hervorgehoben werden müssen. Wie auf rechter Seite Herr Wisnewski sind „unterdrückte Nachrichten“ ein Lieblingsthema. Eine Karte, die immer dann gezogen wird, wenn die von Journalisten vorgenommene Einordnung der Relevanz eines Thema von den Machern der Nachdenkseiten nicht geteilt wird.

Ein Beispiel ist der Beitrag von Jens Berger Wikileaks veröffentlicht beunruhigende Daten über Hacker bei der CIA und niemanden interessiert es.

Die Überschrift ist natürlich auf ersten Blick Unsinn, denn dass die Veröffentlichung von Wikileaks „niemanden“ interessiert ist ja schon deswegen falsch, weil viele Medien brav berichtet haben. Doch Bergers Empörung kennt kaum Grenzen, so dass er BILD-typisch seine Sentenz mit einem Einzelwort beendet.

Keine 12 Stunden nach der Veröffentlichung auf Wikileaks haben die Medien schon wieder auf Alltag umgeschaltet. SPON berichtet von russischen Verschwörungstheorien, die Süddeutsche echauffiert sich über das Frauenbild der „Populisten“ und die WELT lobt Ungarns Umgang mit den Flüchtlingen. Anders die NZZ, die sich mächtig aufregt … und zwar über das böse Wikileaks, das sich „erneut in russische Pläne hat einspannen lassen“ und „die USA und ihre Verbündeten“ attackiert. Nicht die Verantwortlichen, sondern die Überbringer der schlechten Nachrichten stehen mal wieder im Fokus des medialen Zorns. Wahnsinn.

Die BILD hätte wahrscheinlich „Irre“ genommen.

Im Folgenden fasst er die Pressemitteilung von Wikileaks zusammen, nicht ohne ein bisschen zu dramatisieren.

Das Smartphone, das gerade eben neben ihnen liegt, könnte theoretisch auch eine sehr smarte Wanze sein

Und Hand aufs Herz – würden sie einen größeren Betrag darauf wetten, dass die US-Dienste keinen Zugriff auf diese Informationen und keinen Zugriff auf die Hardware in ihrem Smartphone haben?

Es ist übrigens davon auszugehen, dass nicht nur das CIA über diese Techniken verfügt. Die NSA dürfte über ein mindestens genau so großes Arsenal verfügen und auch das britische GCHQ wird sicher beim großen Lauschangriff nicht außen vor bleiben.

In Wirklichkeit zeichnet Samsungs Fernseher jedoch über die Mikrofone auf, was sie sagen, und kann sie mit den implementierten Kameras, die für Videokonferenzen gedacht sind, auch filmen. Wie war das noch mit der abgeklebten Kamera und der Paranoia?

Das absolute Albtraum-Szenario, bei dem die Dienste ohne großen Aufwand in jedem Auto, jedem Gebäude und via Smartphone sogar in der freien Wildnis jeden Menschen nach freiem Belieben abhören können, ist vielleicht gar nicht mehr so weit und in einzelnen Fällen sicher bereits Realität.

Die Kernworte sind „könnte theoretisch“ „würden Sie wetten“ „es ist davon auszugehen“ „Wie war das noch“ „ist vielleicht nicht mehr so weit entfernt“.

„Es ist davon auszugehen“ und „offensichtlich“ sind die liebsten Wörter in den Artikeln der Nachdenkseiten, die weniger berichten als schlussfolgern.

Aber der Punkt ist ein anderer. Berger behauptet mal „niemanden interessiert es“ und beschwert sich darüber, dass Journalisten erstmal ihren Job machen wollen, nämlich die von Wikileaks zur Verfügung gestellten Dokumente prüfen. Und nicht einfach so die Wikileaks-Pressemeldung besinnungslos abschreiben. Bei anderen Gelegenheiten beschweren sich die Nachdenkseiten über das ungefilterte Weitergeben von Statements. Hier ist es mal nicht recht.

Publizistisch spielt der Leak durchaus sowohl online als auch in Print eine nennenswerte Rolle, was dem „niemanden interessiert es“ widerspricht:

Tagesschau.de /  SPON / SPON / Süddeutsche / Faz / BILD / und man könnte die Liste fortführen. Nix mit „niemanden“.

Dass die Welle nach 12 Stunden abebbt bedeutet nicht, das das Thema keinen Journalisten mehr interessiert. Jetzt gehen die Medien an die Rohdaten heran.

Und kommen zu dem Schluss, dass Wikileaks in seiner Pressemitteilung ein wenig übertrieben hat. Etwa die Möglichkeit, End-zu-End verschlüsselte Messenger abzuhören.

Mobilsicher.de:

Verwirrende Angaben machte Wikileaks außerdem über die Nutzung verschlüsselter Messenger wie WhatsApp, Signal oder Telegram. Hier sei es der CIA möglich „die Verschlüsselung zu umgehen“. Was Wikileaks nicht schreibt: Dazu muss zunächst das zugrundeliegende Betriebssystems des Smartphones gehackt werden. Die Verschlüsselung selbst wird dabei nicht geknackt.

Es ist also weiterhin zu empfehlen, verschlüsselte Messenger zu nutzen und keine einfachen SMS-Nachrichten. Die Verschlüsselung von WhatsApp oder Signal gilt nach wie vor als sicher.

Das scheint in vielen Fällen zu gelten: die CIA kann Geräte nachhaltig kompromittieren, allerdings häufig nur nach direktem Zugriff auf die Hardware, etwa beim smarten Fernseher. Der Guardian:

The documents also include discussions about compromising some internet-connected Samsung televisions to turn them into listening posts. That hack, like many others, would only work in an extremely targeted manner: it requires physical access to the TV in question, since the malware is loaded via a USB port.

Spezialisten kommentieren dann auch die technischen Möglichkeiten der CIA weniger dramatisch als die Wikileaks-PM. Erratasec:

The CIA isn’t more advanced than the NSA. Most of this dump is child’s play, simply malware/trojans cobbled together from bits found on the Internet. Sometimes they buy more advanced stuff from contractors, or get stuff shared from the NSA. Technologically, they are far behind the NSA in sophistication and technical expertise.

Der Leak macht deutlich, dass CIA und NSA „arbeitsteilig“ unterwegs sind: die NSA in Massenüberwachnung über Fernzugriff, die CIA mit technischen Mitteln gegen konkrete Zielpersonen. Das muss man übrigens nicht gut finden, und es ist sicher hilfreich zu wissen, was die CIA so macht und machen kann. Mehr aber möglicherweise auch nicht.

Heise.de kommentiert „Vault 7 – Ein Erdbebchen„:

Wikileaks und andere vergleichen die Brisanz der Vault-7-Dokumente mit den Snowden-Enthüllungen. Aber so brisant sind sie nicht: Edward Snowden hat uns die Augen über die Aktivitäten der NSA geöffnet. Er hat uns Dinge gezeigt, die bis dahin niemand (oder zumindest nur wenige Eingeweihte) wussten: das bis dahin unbekannte Ausmaß der Massenüberwachung im Netz und die dabei eingesetzten Methoden.

Vault 7 zeigt uns hingegen, dass die CIA genau das tut, was die Aufgabe eines solchen Geheimdienstes ist – nur eben jetzt vermehrt mit „Cyber“. Die Agency forscht vor allem einzelne, konkrete identifizierte Ziele aus. Doch statt nach einem Einbruch in die Wohnung eines ausländischen Diplomaten wie bisher eine elektronische Wanze im Wohnzimmer zu platzieren, können ihre Agenten jetzt auch sein SmartTV via USB mit Spionage-Software infizieren, nachdem sie klassisch eingebrochen sind.

Und die ZEIT hat nochmal die wichtigsten Punkte nach Analyse eines Teils der Dokumente zusammengefasst. Und klar benannt:

Die Komplexität dieser Beispiele zeigt das Problem mit solchen Leaks: Die 8.671 veröffentlichten Dokumente und Dateien, laut WikiLeaks nur ein erster kleiner Teil, kann niemand innerhalb von Minuten oder auch innerhalb weniger Stunden ernsthaft analysieren. Erst recht nicht, weil es darin von Abkürzungen nur so wimmelt und viele technische Beschreibungen völlig unverständlich sind, sofern man kein Experte auf dem jeweiligen Gebiet ist. Redaktionen haben dann die Wahl, sich Experten zu suchen und mehrere Tage Zeit zu nehmen, um die Dokumente sorgfältig zu analysieren, bevor sie etwas veröffentlichen, oder sich auf die von WikiLeaks bereitgestellte Pressemitteilung zu verlassen und schnell zu berichten. In der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie entscheiden sich praktisch alle für Letzteres.

Kurz und knapp: der Unterschied zwischen „Nachdenken“ und „Journalismus“ scheint zu sein, zu recherchieren und nicht der eigenen vorgefertigten Meinung zu erliegen. Und dann noch alle anderen zu beschimpfen, die nicht brav Wikileaks nachplappern.

 

 

 

 

Ein Kommentar

  1. Ich habe die Nachdenkseiten auch von ein paar Monaten aus meinem Feedreader geworfen. Wegen des anhaltenden Alarmismus und der kompletten Distanzlosigkeit gegenüber russischen Staatsmedien.

    Auf seinem alten Spiegelfechter-Blog mochte ich die Gelassenheit von Berger. Aber heute ist davon leider nicht mehr viel übrig.

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