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Alberne Behauptung: Mobiles Zahlen per Handy ist „bequem“

Okay, es ist hipp, modern, irgendwie cool, großartig. Angeblich. Bezahlen mit dem Handy sei der neueste heiße Scheiß, jeder muss mitmachen, wer nicht, der Doof. In der FAZ versteigt sich Thoams Klemm zum Appell: Weg mit den Plastikkarten! Der Link verrät, warum der ursprüngliche Titel mit „warum-die-zeit-der-plastikkarten-vorbei-ist“ etwas harmloser war.

Kern des Artikels sind diese Behauptungen. Zunächst die, das Plastikkarten ja doof sind:

98 Prozent der Bevölkerung und damit so viel wie nie zuvor haben eine Girocard, also das, was früher EC-Karte hieß. Auch Kreditkarten werden beliebter, mehr als jeder dritte Deutsche besitzt inzwischen mindestens eine. Dazu kommen Prepaid-Karten, Kundenkarten, um Treuepunkte zu sammeln, sowie Bezahlkarten fürs Tanken, für das Mensaessen oder für Bier und Bratwurst im Fußballstadion.

Was er mit Prepaid-Karten meint? Keine Ahnung, vielleicht „paysafecard“? Gutscheinkarten von Ikea?

Egal, alle doof.

Mehrere Zentimeter dicke Geldbörsen in Hosentaschen oder Handtäschchen herumzutragen, wie wir es tun, ist eine unnötige Bürde. Denn vieles, was hierzulande auf den Chips der Plastikkarten gespeichert ist, könnte ebenso gut und genauso sicher auf einem Smartphone oder einem anderen Gerät hinterlegt werden.

Dann müssen wir aber zu den Zahlungsmitteln zurückkehren, denn darum geht es ja wohl.

„Die Karte wird ins Handy wandern, und die Leute werden weniger Plastik in der Tasche haben“, prophezeit Ralf Ohlhausen, Entwicklungsleiter beim Zahlungsspezialisten PPRO.

Was so Dienstleister, die gerne verdienen wollen, gerne mal prophezeien.

Das liegt zum einen daran, dass junge Generationen allem Digitalen gegenüber besonders aufgeschlossen und mit dem Smartphone groß geworden sind. Außerdem ist das Angebot in diesem Sommer sehr viel breiter geworden. Die Sparkassen sowie die Volks- und Raiffeisenbanken bieten seit kurzem Smartphone-Apps fürs Bezahlen mit dem Google-Betriebsystem Android an. Auch Google Pay ist jetzt hierzulande verfügbar, Apple Pay für iPhone-Besitzer wird demnächst folgen.

Das sogenannte Mobile Payment bedeutet, dass die Daten einer Girocard oder Kreditkarte auf dem Smartphone hinterlegt sind und der Kontoinhaber an der Ladenkasse nur das Handy vor sein Lesegerät halten muss, um zu bezahlen.

Das ist ja … Revolutionär.

Schade nur, dass das Plastikkarten auch können.

Und zwar ohne diese Voraussetzungen: Bei Google Pay muss man Kunde der comdirect oder Commerzbank sein, demnächst der BW-Bank. Vielleicht auch bald einer anderen Bank. Man muss ein NFC-taugliches Endgerät haben (Hand auf Herz: sicher, dass ihr Smartphone den Standard unterstützt?) Apple Pay wird zunächst auch nur mit einigen Banken zusammenarbeiten, zunächst ist von der Deutschen Bank und N26 die Rede. Cool: Apple sperrt bisher den NFC-Chip für Zahlungsapps anderer Anbieter, die angesprochenen Sparkassen- und Volksbanken-Lösungen sind daher nur für Android verfügbar. So ist das halt, wenn eine Lifestyle-Unternehmen den Umsatz lieber selber machen will.

Übrigens: Kann ich denn per Handy-App an Geldautomaten auch Bargeld ziehen für die Einkäufe, bei denen ich leider noch Bargeld brauche? Nein? Muss ich dann etwa wieder auf Plastikkarten zurückgreifen, ergo die weiter mit mir herumtragen?

Die WELT hat mal den Praxistest zum Handy-Bezahlen gemacht. Eine nicht repräsentative Stichprobe. Auch hier ist der Autor allerdings davon überzeugt, dass das mit den Handyzahlen so viel besser ist, als mit der Plastikkarte:

… die klassische Kartenzahlung ist so viel umständlicher: Erst muss mühsam die richtige Plastikkarte aus der oft viel zu vollen Brieftasche genestelt werden, um dann nicht selten falsch herum ins Lesegerät gesteckt zu werden. Nicht zu vergessen: Die passende Pin muss präsent sein. Und selbst wenn alles geklappt hat, wird zum krönenden Abschluss die Karte nicht selten im Lesegerät vergessen.

Das spricht der Autor wohl für sich selbst.

Auch in der FAZ – auch wenn man hier konstatiert, dass berührungsloses Zahlen mit Plastik möglich ist:

Dieses kontaktlose Bezahlen per Funkübertragung statt mit Unterschrift oder Pin-Eingabe wie bisher ist zwar auch mit technisch entsprechend ausgestatteten Plastikkarten möglich. Aber ein Handy hat man in der Regel schneller zur Hand als eine Karte, die man erst aus dem Portemonnaie hervorholen muss.

Dafür muss das Handy diese Voraussetzungen erfüllen: der Akku darf nicht leer sein (Plastikkartenakkus sind nie leer), und man muss das Handy brav entsperren. Beim Zahlen mit der Payback-Karte geht der Aufwand noch weiter:

Suchergebnis Goofle nach „mit payback zahlen“ 9.9.2018

Das nenne ich mal umständlich, ebenso wie bei den Apps der Supermarktketten, wo immer der QR-Code gescannt werden muss. Das klappt mal, mal nicht.

Die Plastikkarten mit Drahtlos-Funktion dagegen müssen nicht entsperrt werden, bis 25 Euro ist der Einkauf erledigt, danach braucht es entweder die PIN oder die Unterschrift. Einfach, was?

Der feuchte Traum der Händler und der Zahlungsvermittler:

Letzten Endes läuft es darauf hinaus, dass ein Kunde fast gar nicht mehr merkt, wenn er gerade Geld ausgibt.

Cool.

Am Ende zeigt doch entlarvend ein Spot von der Postbank, wie dämlich es sein kann, wenn man mit dem Handy zahlen muss – aber gerade nicht will oder kann: Wahrscheinlich fanden die Marketing-Fuzzis das irgendwie witzig. Für mich sieht das eher nach Alptraum aus:

 

Und irgendwie nehmen die Sparkassen das Thema auch nicht ernst

 

Um klar verstanden zu werden: die Plastikkarten mit kontaktloser Zahlfunktion finde ich extrem praktisch, und wenn mein Standard-Kreditkartenanbieter das nicht bald einführt ist er mich los. Warum das alles mit den Handy besser sein soll – das verstehe ich aber immer noch nicht. Vielleicht bin ich ja doof.

 

Photo by Mike Wilson on Unsplash

 

 

 

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